Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 39 (16.9.1936)
- Date
- 1936-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Grosdien Neujahrs-Festnummer Judische ttUenschri mer. ft Die tBanrneif mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkcnlo Wien: A ICO 918 52. Jahrgang Wien, 16. September 1936 Nummer 39 Nl E yj ÄIHIIR§ B1T® Ä€ HlU M &♦ Von Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim. „Von der Humanität Durch die Nationalität Zur Bestialität." Franz Grillparzer. Ein Jahr voller Schmerzen liegt hinter uns. Gerade vor Jahresfrist sind am Nürnberger Parteitag di© Reichsboten zusammerigetretero und der „Führer", der moderne Haman, hart! am 15. September 1935 die Reichsgesetze verkündet, welche die deutschen Juden verächtlich machten und aus der Gemeinschaft der Vollbürger ausschlössen und zu Staatsangehörigen minderen Rechtes degradierten. Dieser Rechtsbruch einer einseitigen Lösung des „contrat social" hat die Herzen aller Glaubensgenossen auf der Welt mit tiefetr Trauer erfüllt und von allen Kanzeln wurde in einem einheitlichen Gebete dem großen Schmerze Ausdruck verliehen, der durch" diesen furchtbaren' Schlag uns zugefügt wurde. * Unsere deutschen Glaubensbrüder haben diese Vernichtung ihrer bürgerlichen und politischen Stellung in ihrem heißgeliebten Vaterland als Prüfung und Schickung des Himmels in Demut und doch mannhaft hingenommen. Die für die Zeit nach Verkündigung der Nürnberger Schmach prophezeite Massenauswanderung ist ausgeblieben; .nur der hat sein Vaterland verlassen, der sonst mit den Seinem dem Hungertode oder noch Aergejrem preisgegeben war. Die deutschen Juden tragen die grundlose Aechtung ihrer Mitbürger mit dem Mute griechischer Helden, die dem Ostracismus ungerecht verfielen und mit dier nie versiegenden Hoffnung, daß die Ewigkeitswerte der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit schließlich über die Augenblickserfolge der Barbarei, der Selbstherrlichkeit und des Irrwahnes falscher Lehren siegen und daß die willkürlich entzogenen Rechte wieder zurückgegeben werden. Unsere deutschen Glaubensgenossen sind die unschuldigen' Opfer eines fanatischen Nationalismus geworden, der nur durch die Ethik der allgemeinen Menschenliebe, wie Sie unsere heilige Religion der Welt gelehrt hat, überwunden und besiegt werden kann. Wie weit die Verblendung des Nationalismus führt, hat wieder die Rede Hitlers auf dem Nürnberger Parteitag erwiesen. Es gibt ja jetzt in Deutschland nicht nur eine deutsche Mathematik, deutsche Physik, Astronomie und deutsche Rechtswissenschaft, sondern selbstredend auch eine deutsche Geschichtsforschung. Das neueste Forschungsergebnis dieser Disziplin hat der ..Führer" auf dem Nürnberger Parteitag 1936 verkündet:' Die französische Revolution, welche die Erde zur Hölle umgeschäffen hat, ist von den Juden angezettelt worden. Die Erstürmung der Bastille, ein Werk der Juden, die Enzyklopädisten Voltaire, Diderot, Rousseau Juden, die historischen Worte, mit denen Graf Mirabeau das Zeichen zum unbeugsamen Widerstand des „dritten Standes" gegeben hat: „Sagen sie Ihrem Herrn, daß wir durch den Willen des Volkes beisammen sind, und nur.der Gewalt der Bajonette weichen" sind jüdischem Geiste entsprungen, wiewohl unter den Vertretern' dieses Standes sich damals kaum ein Jude befunden haben dürfte. Und die „Führer" der französischen Revolution in ihren verschiedenen Stadien, Danton, Marat, Robespierre, Canfjle Desmoulin, die Girondisten, „der Berg", der Konvent und die Nationalvarsammlung, die den Juden des Elsaß erst zehn! Jahre nach 1789 in die Erklärung der Menschenrechte einbezog: alle unter jüdischem Einfluß, ebenso wie Napoleon selbst, der doch wahrlich nicht immer ein Judleufreund war. Und welcher Mann, bäuerlicher oder bürgerlicher Herkunft, darf die französische Revolution verdammen? Er kann ihre Exzesse verurteilen, die Blutgerichte beklagen, die Opfer der Ausschreitungen beweinen; aber dte. Befreiung vom Joch der Privilegienherrschaft verdanken Bürger und Bauern der französischen Revolution und dem Genius der „gründe nation". Ohne ihn wäre Adolf Hitler nicht der Führer und Diktator eines 65-Mil» Iianen-Volkes mit Machtbefugnissen, die für absolute Könige, selbst vor der französischen Revolution, undenkbar waren, sondern ein leibeigener Hintersasse mit Namen Adolf Schicklgruber, der ohne Dank auf fremder Scholle den Robott leisten müßte. Caf£ Freiwirth PRATERSTRASSE 11 Als modernes Familien-Cafe vollständig renoviert Aber tut nichts; der Jude hat die französische, vielleicht auch dte englische Revolution hervorgerufen. Vielleicht war auch Oliver Cromwell jüdischer Abstammung; die neue deutsche Geschichtsforschung wird auch das beweisen. Auf fast gleich fester Grundlage steht das Märchen von dem Judenbolschewismus und der Judäasowjet. Einmal sind die Juden die Führer, Erfinder und Ausbeuter des Kapitalismus, dann sind sie wieder die Vertreter und Entdecker des Sozialismus und Bolschewismus. Und ein Adam Smith und die ganze klassische Schule des Kapitalismus ist ebenso verjudet, wie Louis Blaue, Fourrier und Saint Simon etc. Solche Reden beweisen nur den Tiefstand, auf welchen die deutsche Wissenschaft durch den Nationalsozialismus geraten ist und geben die Hoffnung auf den Zusammenbruch eines Systems, das auf solchen ethischen und wissenschaftlichen Grundlagen beruht. Auf dem Wege der Entwicklung der Menschheit aus der Barbarei zur Humanität, auf dem die französische. Revolution ein; Markstein war, kann eine Herrschaft nicht bestehen, die auf den. Prinzipien der Gewalt und Brutalität, der Unmenschlichkeit und des Hasses und! auf den Irrlehren des Rassenprinzips und der neuen deutschen nationalsozialistischen Wissenschaft beruht Rasiere Dich gnt und billig Oestcrreldilstiies Qaalltafs Fabrikat Ueberau erhältlich Was der Dichter von Polen sagte, gilt auch vom nationalsozialistischen Deutschland: „Der Staat muß untergehen, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand gewinnt." Noch andere Opfer des finster Wütenden Nationalismus beklagen wir im abgelaufenen Jahre mit besonders heftigem Schmerz. Unsere Glaubensgenossen in Palästina, im heiligen Lande, die durch die Geißel der Menschheit, den Anti^ semirismus, ihre Heimat verloren hatten und in Erez Israel sich eine neue mit schwerer Arbeit zu erkämpfen hofften, werden vom arabischen Nationalismus seit vier Monaten mit Feuer und Schwert verfolgt und führen in der neuen Heimat ein Leben, noch fürchterlicher und qualvoller als in den alten, verlassenen Wohnstätten. Aus diesen beklagenswerten historischen Ereignissen des letzten Jahres mögen auch unsere Glaubensgenossen, die sich auf dem Wege zum jüdischen Nationalismus befinden, die Lehre ziehen, daß dieser Weg ein gefährlicher ist, er führt weg von der allgemeinen Menschheitsidee, die unsere Glaubenslehren geschaffen und verbreitet haben, zur Absonderung, Abschüeßung, unter welcher wir Jahrhunderte zu leiden hatten — ins Ghetto. Das ist die schwerste aller Schickungen, die über uns der Herr in seinem unerforschh'cheir. Ratschluß verhängt hat. Und mit besonderer Innigkeit und Andacht wollen wir in diesen Tagen des Gerichtes unsere Herzen zu Gott dem Herrni erheben' und ihn anflehen, daß er unsere Leiden und die Schmerzen unserer Brüder lindere und unsere Hoffnungen erfülle. Erleuchte uns, o Herr, und die ganze Menschheit, daß wir alle Brüder, aHe Kinder eines Gottes sind. Mache uns einig und stark im Glauben an Dich, Dein© Güte und Deine Gerechtigkeit. ^VERWALTUNGEN SÄTZE - HYPOTHEKENfSfr KÄU FE - VERKÄUFE V DIpL-Kaufm. K. SZIL AGYI BEB. AUT. SEK/U IX., ROTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 ■WBBMftMamWHIIIlMHlBIWM