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Die Wahrheit · 1936-09-11 · Heft 38 (11.9.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 38 (11.9.1936)
Date
1936-09-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 38 — 11. September 1936. DIE WAHRHEIT Schwerste Prüfung der Palästina Wirtschaft Der über vier Monate dauernde arabische Streik, schreibt Dr. L. K u r z w e 11, Tel Aviv, im „Prager Tagblatt" vom 28. August, steht vor der Liquidierung. Man muß gestehen: niemand, der die Araber seit Jahren aus nächster Berührung kennt, ihre Denkungsart, ihre Fähigkeiten, hat mit einem solchen Zeitraum gerechnet. Während der dreimonatigen Dauer der turbulenten Ereignisse, des fast vollkommenen Stillstandes der wirtschaftlichen Bewegung im arabischen Sektor der palästinensischen Wirtschaft, konnte von einem normalen Funktionieren der wirtschaftlichen Kräfte keine Rede sein. An sich aber blieb der arabische Streik keine geschlossene Bewegung, die Kaufleute verkaufen hinter geschlossenen Ladentüren, die Waren werden vielfach ins Haus geschickt, in den Seitengassen arbeiten, hinter halb geöffneten Fenstern, die Handwerker, die große Zahl der Straßenverkäufer ist zur erheblichen Einschränkung ihres Stimmaufwandes und auch ihrer Umsätze gezwungen, die arabischen Kommunikationsmittel sind fast vollkommen außer Gebrauch gesetzt. Trotzdem ist der Streik sichtbar und mehr noch fühlbar, er trifft mit erheblicher Stärke die Bauern, die ihre Produkte nicht in die Städte bringen können, er trifft die Grossisten und Detaillisten noch schwerer, die öffentlichen Institutionen, das ganze öffentliche Leben der Araber hat eine Lahmlegung erfahren. Man darf sich nicht vorstellen, daß der jüdische Sektor der Wirtschaft vom arabischen vor den Unruhen strengstens geschieden war; es bestanden im Gegenteil viele Berührungspunkte, die Linien überschnitten sich vielfach. Der plötzliche Riß in diesen auf Austausch und Ausgleich eingespielten Beziehungen mußte für beide Teile grundlegende Veränderungen mit sich bringen. Es besteht kein Zweifel, daß es der jüdischen Wirtschaft gelingen wird, sich nicht für die Dauer des jetzigen Zustandes, sondern auch darüber hinaus in die neuen Verhältnisse einzuspielen und die Funktionen zu übernehmen, die für die jüdische Bevölkerung lebenswichtig sind. In diesen Tagen allerdings sind die Schwierigkeiten von besonders starker Natur und ihre Ueberwindung ist nicht ohne Energie und Ausdauer möglich. Die Schwächung der Kaufkraft des Landes macht sich immer stärker bemerkbar. In erster Linie ist heute die junge jüdische Industrie des Landes betroffen. Annähernd 40 Prozent der Industrie sind betroffen. Man hat sich vorläufig damit begnügt, entweder Arbeiter zu entlassen oder man arbeitet nur zwei oder drei Tage in der Woche. Da die Industrie einen wichtigen Faktor der jüdischen Palästinawirtschaft darstellt, treffen die Ausstrahlungen dieser Erscheinungen auch das übrige Wirtschaftsleben stark. Der Großhandel, der zudem auch viele arabische Kunden zählte, ist ebenso betroffen wie der Kleinhandel; und wenn heute über schlechten Geschäftsgang besonders vom Kleinhändler geklagt wird, so ist dies nicht ein „verkehrsübliches" Lamentieren, sondern entspricht in vollem Umfange der Wirklichkeit Die Käuferschaft, selbst die, welche nicht direkt von den Unruhen betroffen ist, sondern in uneingeschränkter Kaufkraft dasteht, legt sich Zurückhaltung auf; Textilhandel, Bekleidung, Schuhwaren liegen fast still, Lederwaren, insbesondere die schön entwickelte Kofferindustrie, verspürt fast nichts von der Reisezeit, die längst schon im Gang sein sollte. Eine Ausnahme bildet der Lebensmittelhandel. Dadurch, daß es ihm gelungen ist, die Position, die bisher der arabische Handel innehatte, für sich zu erobern, und da die jüdischen Bevölkerungskreise fast durchweg die arabischen Importeure boykottieren, ist auf diesem Gebiete verhältnismäßig gute Beschäftigung vorhanden. Es ist jedoch nicht zu vergessen, daß gerade der Handel über starke Reserven verfügt und über diese Zeit verhältnismäßig unbeschädigt hinwegkommen dürfte — wenn nicht eine weitere Verschärfung der Lage eintritt. Einen großen Aufschwung hat die Landwirtschaft zu verzeichnen. Sie, die bisher durch die starke Konkurrenz der arabischen Produzenten gelitten hat, ebenso auch durch einen überaus großen Import von landwirtschaftlichen Produkten, hat durch die Ausscheidung des arabischen Konkurrenten fast alle Marktpositionen der jüdischen Verbraucher erobern können. Eine Art von Autarkie hat die Landwirtschaft protektioniert und zu einem starken Aufblühen in fast allen ihren Zweigen geiührt. Dazu kommt, daß die maßgebenden Instanzen alles tun, um der Landwirtschaft, die ander- Moderne Privafvolksschule eichst MariahilferstraBe (9 Dhr Schulbeginn). # Halb- und Vonintemat. »iichaii» für Mittel-, Haupt- und Volksscbölei WHIHro»>IIBIHi (Nachhilfe, Sprachen. Sport, Mnsik.) Anmeldungen: Dr. IRENE WURMFELD, Wien VII., seits den tatsächlichen Angriffen der Araber am stärksten ausgesetzt ist, zur umfassenden Eroberung der wirtschaftlichen Positionen verhelfen. Die jüdische Landwirtschaft ist fast der einzige Teil der jüdischen Wirtschaft, der bisher die schwere Prütung aus natürlichen Gründen bestehen konnte; und besonders diese Tage weisen ihr den Weg, den sie in ihrem eigenen Interesse gehen muß. Ein schwieriges Kapitel stellt die Lage auf dem Arbeitsmarkt dar. Die Freisetzung einer beträchtlichen Zahl von Arbeitern drückt empfindlich auf den Markt. Die Baubewegung ist durch den Mangel wichtiger Baustoffe stark gehemmt. Die Forderung nach öffentlichen Arbeiten, nach einer großzügigen Arbeitsbeschaffungsaktion, die schon vor Ausbruch der Unruhen von den Gewerkschaften mit erheblichem Erfolg eingeleitet, aber mit den Unruhen zum Stillstand gekommen war. wird jetzt wieder ans Tageslicht gebracht, und tatsächlich stehen einige solcher Arbeiten trotz der Unsicherheit auf den Wegen vor der Durchführung. Ein gewisser Teil der Arbeitslosen ist durch Die besten 3 mal täglich frisch bei ■A6EL. WieB II., Praterslrale 31 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten. Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. die erhöhte Beschäftigung von jüdischen Arbeitern in den landwirtschaftlichen Betrieben absorbiert worden; auch der nächtliche Wachtdienst, Einstellungen in der Sonderpolizei haben, beonders in den ländlichen Gebieten, eine Erleichterung gebracht In den Städten allerdings ist das Problem der Arbeitslosigkeit in seiner in Palästina besonders krassen Form — keinerlei Unterstützungen! — gegeben. Zwar ist das Bankwesen in Palästina von einer besondern Festigkeit. Es hat schon einmal seine Stärke bewiesen, als im Zusammenhang mit den Befürchtungen über die Auswirkungen des italienisch-abessinischen Krieges ein Run auf die Banken einsetzte. Jedoch machen sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten auch bei den finanziellen Institutionen stark bemerkbar. Die Banken verspüren die Drosselung der Investitionen, der ständige Kapitalzustrom aus dem Ausland hat eine empfindliche Stockung erlitten. Der Wechselve rkeh r, einer der wichtigsten Finanzierungsinstrumente der palästinensischen Wirtschaft, wickelt sich schleppend ab; man hat den Eindruck, daß die Wechselverbindlichkeiten nicht aus dem Kapitalzuwachs, sondern aus den Reserven bezahlt werden. Immerhin ist die Wechselmoral unangetastet geblieben. Wichtig ist die durchweg gemachte Feststellung, daß keinerlei Panikabhebungen erfolgt sind und somit die innere Festigkeit des Bankwesens nicht angetastet ist. Uebrigens gilt dasselbe auch für die arabischen Banken, die bisher der erheblichen größeren Störungen im arabischen Wirtschaftssektor Herr geworden sind; man hat bisher von keinerlei Schwierigkieten gehört. Die junge jüdis'che Wirtschaft Palästinas steht noch immer inmitten einer schweren Prüfung, die sie bisher bestanden hat. Aus dem wiedergegebenen Situationsbericht ist ersichtlich, daß ihr der jetzige Zustand Schaden gebracht hat Auch wenn diese Tage der direkten Gewalt vorübergehen werden, wenn der arabische Terror, der die Verkehrsadern des Landes fast lähmt, beendet sein wird, dürfte keinesfalls ein sofortiger Umschwung zu erwarten sein. Sicher ist, die Wirtschaft in Palästina kann wieder aufblühen, zu neuem Leben erwachen und die erlittenen Wunden werden verharschen, wenn die Wirtschaft nicht endgültig von der Politik totgeschlagen wird. Eine gewichtige Frage. „M e d i n a I w r i t", das Prager revisionistische Wochenblatt, berichtet in seiner Nummer vom 4. d. M. über die Tagung des zionistischen Aktionskomitees wie folgt: Die Tagung nahm den seit Jahren üblichen Verlauf. Nach den Eröffnungsreden wurden die Referate über wirtschaftliche» finanzielle Fragen usw. erstattet und die allgemeine Aussprache eröffnet. Man spricht allgemein von einer Einmütigkeit, die in Zürich geherrscht haben soll. Diese kann aber nur in dem Sinne verstanden werden, daß sich alledarineinig sind, daß sie die Verantwortung für den entsetzlichen Zusammenbruch der Weidmännischen Polifik mittragen. Das A. C. tagte unter sich, hinter geschlossenen Türen, mit Ausschluß der jüdischen Oeffentlichkeit. Von den Beschlüssen ist die Proklamierung eines neuen Fonds zu erwähnen, eines Nottonds, der unter einer der neuesten Zeit angepaßten Parole einen neuen Titel für Sammelmöglichkeiten bieten soll. Das jüdische Volk wird aber den Sammlern für den neuen „Notfonds für die Geschädigten in Palästina" die Frage entgegenrufen: Sagt uns erst, was ist mit dem Fonds für den Wiederaufbau Hebrons 19^9 geschehen? Prozeß Frankfurter am 16. Oktober Der Prozeß gegen den 25jährigen Hörer der Medizin David Frankfurter, der im Februar iy36 den Leiter der nationalsozialistischen Landesstelle tür die Schweiz, Gustloff, erschossen hat, ist für den 16. Oktober vor dem K a ntonalgerichtChur angesetzt. Der Prozeß findet vor einem Senat statt, der aus vier Laienrichtern und dem Präsidenten des Kantonalgenchts Klausoni besteht. Die Verteidigung Frankfurters hat der Züricher Rechtsanwalt Dr. Eugen Curti übernommen. Das Schweizer Strafrecht von 1851 sieht die Todesstrafe für Mord grundsätzlich vor, 1874 wurde die Todesstafe abgeschafft, später jedoch wieder fakultativ für jene Kantone zugelassen, die ein entsprechendes Gesetz beschließen. Im Kanton Graubänden besteht ein solches Gesetz nicht. Das Grundgesetz sieht als höchstes Strafausmaß für vorbedachten Mord 25 Jahre vor. Nationalismus in Genf. Auf dem sogenannten „Jüdischen Weltkongreß" waren u. a. auch Journalisten aus dem Dritten Reich anwesend, wahrscheinlich um zu hören, was die nationalistischen Parteüpolitiker jüdischer Couleur „Interessantes" und für die Leser nationalsozialistischer Blätter entsprechend Verwertbares zu sagen hätten. Einer dieser Hakenkreuzler erhielt zufällig den Platz, auf dem sich unlängst der unglückliche Stefan Lux aus Prag erschossen hatte. Dieser Hakenkreuzler, der schon früher in Genf durch sein selbstbewußtes' und forsches Auftreten auf sich aufmerksam gemacht hatte, fand nun eines Tages auf seinem Platz einen Zettel angeheftet, mit dem er spornstreichs aufgeregt zur Polizei lief. Auf dem Zettel stand: „Parteigenosse! Hier auf diesem Platz hat sich der feige, minderwertige Jude Lux erschossen, um gegen das Hakenkreuzlertum zu protestieren. Die Hakenkreuzlerpartei erwartet nun von Ihnen, daß Sie sich auf dem gleichen Platz erschießen, zum Protest gegen dSe Juden." Die Schweizer Polizei hatte allerdings für das Verlangen des heldenhaften Hakenkreuzlers, ein Verfahren wegen Mordandrohung einzuleiten, wenig Verständnis und legt den blödsinnigen Zettel lächelnd ad acta. Zieglercuse 63, Telephon B 39-1-34 L Der „Jüdische Frauenverein Leopoldstadt", IL, Ferdinandstraße 19 (Postsparbassakonto Nr. A-158.517), appelliert an das jüdische Herz seiner Glaubensgenossen, anläßlich der Hohen Feiertage der von ihm betreuten Aermsten des Bezirkes durch Spenden gedenken zu wollen. Int Synagogenverein „Beth-Israel" (Poln. Schul), Vorbeter Oberkantor Emanuel Frenkel mit verstärktem Chor, sind noch Restsitze für die Hohen Feiertage zu vermieten. Bürostunden von 3—6 Uhr abends. Vereinigte jüdische Volksküchen „Seudat-Sabat". IL, Krummbaumg. 8. P. S. Kto. B 150.891. Aus Anlaß der bevorstehenden Hohen Feiertage wenden wir uns an d5e jüdischen Mitbürger mit der Bitte, durch Spenden die Aufrechterhaltung des edlen Hilfswerkes der unentgeltlichen täglichen Ausspeisung von vielen Hunderten armer jüdischen Brüder, zu ermöglichen. Viele Tausende, darunter eine sehr große Zahl einst wohlhabender Menschen sind heute auf unsere Hilfe angewiesen. Wir haben zu diesem Zwecke eine Mittelstandsküche ins Leben gerufen, wo bei gedeckten Tischen und um wenig Geld nahrhaftes und gutes Essen geboten wird. Besuchen Sie unsere Ausspeisungshallen zu Mittag oder am Abend und überzeugen Sie sich persönlich; von dem segensreichen Wirken unserer Institution. War wünschen allen unseren! Mitgliedern, Gönnern und Spendern anläßlich des Jahreswechsels alles Gute.

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