Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 38 (11.9.1936)
- Date
- 1936-09-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile- 4 Nr. 38 — 11. September 1936. DIE WAHRHEIT Anläßlich der hohen Feiertage findet wie alljährlich der FESTGOTTESDIENST im „Auge Gottes", IX„ NuBdorferStraBe 75, statt. Kartenverkauf an Sonn- und Feiertagen 9—12 Uhr, sn Wochentagen v. 3—5 Uhr. Karten v. S 4.— aufw. Vorstand des Vorstand Tempelvereines Bikur Chauliin IX., Müllnergasse IX., Liechtensteins!!-. 113 „Stürmer", um auch dort die Straffesteetzungen entsprechend in die Höhe gehen zu lassen. Im Konzentrationslager Sachsenbtirg sitzen noch heute eine Anzahl Juden, die im Sommer 1935 wegen angeblicher Rassenschande verhaftet wurden. Obwohl sie nach den Nürnberger Oesetzen, die keine rückwirkende Wirkung haben, straffrei sind, werden sie noch heute dort ohne Urteilsspruch festgehalten. Kranke, die auf Heilung warten. Es wird neuestens immer schwieriger, chronisch kranke jüdische Patienten in Heilstätten unterzubringen. So ist es zur Zeit praktisch unmöglich, für jüdische Tuberkulosekranke eine Heilstätte zu finden. Die vorhandenen jüdischen Tuberkuloseheilstätten könnicht belegt werden, weil die Reichsversicherungsanstalt, die bei allen versicherten Angestellten die Kosten zu tragen hat, die Zahlung von Kuren jüdischer Patienten in jüdischen Heilstätten ablehnt. Andere interkonfessionelle Heilstätten haben entweder die Aufnahme jüdischer Patienten abgelehnt oder so hohe Preise verlangt, daß sie nicht zu bezahlen sind. So bleibt in vielen Fällen nichts anderes übrig, als die Patienten in ihren Familien zu belassen, eine schon vom sozialhygienischen Standpunkt aus ungeheuer gefährliche Maßnahme. Es wird heute den jüdischen Kranken aber auch schwergemacht, ein K u r b a daufzusuchen. Die meisten deutschen Kurbäder veröffentlichen in ihren Prospekten verschiedene Aerztelisten, in denen sie die jüdischen Aerzte besonders erwähnen oder sie überhaupt nicht aufzählen. In vielen Bädern gelten die Juden als unerwünscht, andere betonen in Zuschriften, daß „irgendwelche Vorschriften, wonach jüdische Gäste von dem Aufenthalt, bzw. dem Kurgebrauch ausgeschlossen sind, nicht bestehen". Die Badeverwaltung der Insel Helgoland erklärt, daß ausländische Juden erwünscht seien. Jüdische Schulkinder im neuen Deutschland. Ein Vorfall, der sich kürzlich in einer süddeutschen Stadt ereignet hat, dürfte die Situation, in der sich die jüdischen Schulkinder vielfach befinden, besonders kennzeichnen. Vor einigen Monaten hatte man dort die jüdischen Kinder, die bis dahin die allgemeine Schule besucht hatten, gezwungen, sie zu verlassen. Sie waren daraufhin von der katholischen Schule aufgenommen worden. Nachdem sie kurze Zeit in diese Schule gegangen waren, begann die große Agitation, die jetzt in Süddeutschland an allen katholischen Schulen von der Partei geführt wird. Man will die katholischen Eltern zwingen, ihre Kinder von der Konfessionsschule fortzunehmen und sie der sogenannten deutschen Einheitsschule zuzuführen. Nach „sachgemäßer" Aufklärung entschlossen sich alle katholischen Eltern „freiwillig", ihre Kinder von der katholischen Schule abzumelden und bei der Einheitsschule einschreiben zu lassen. Es bestand also dort noch eine katholische Schule, aber nur mit jüdischen Schülern. Der Rektor erklärte sich außerstande, nur für die jüdischen Kinder die katholische Schule weiter aufrecht zu erhalten. Es blieb also nicht anderes übrig, als die Kinder auch aus dieser Schule wieder herauszunehmen und für sie eine eigene jüdische Schule zu begründen. Die Stadt weigerte sich, für diese von ihr selbst erzwungene Schulgründung Mittel herzugegeben. So blieb den jüdischen Institutionen nichts anderes übrig, als unter großen finanziellen Opfern eine eigene jüdische Schule zu errichten, die von der Gemeinde bei ihrer finanziellen Lage nicht erhalten werden kann, sondern auf die Zuschüsse zentraler jüdischer Stellen angewiesen ist. Welche ungünstige Wirkung dieses Wandern von Schule zu Schule für die betroffenen Kinder besitzt, braucht kaum betont zu werden. Der Dank des Vaterlandes an die jüdischen Kriegsopfer. i In allen zivilisierten Staaten steht der Kriegsverletzte und Kriegsgefallene jenseits aller Politik und ist ein Gegenstand allgemeiner Fürsorge und Verehrung. Dem neuen Deutschland war es vorbehalten, den Rassenhaß auch auf dieses Gebiet zu übertragen. Zwei Vorgänge in letzter Zeit haben dies in erschreckendem Maße gezeigt. Da den Kriegsblinden Vergünstigungen bei den Fernsprechgebühren nur dann bewilligt werden, wenn sie Mitglieder der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung, Fachabteilung „Bund erblindeter Krieger", sind, hatte sich der Reichsblind Jüdischer Frontsoldaten mit diesem Verband iii Verbindung gesetzt, weil ja die jüdischen Kriegsblinden seiner Betreuung unterstehen. Denn es war festgelegt worden, daß sich an ihrer tatsächlichen Lage auch nach ihrem Ausscheiden als Mitglieder aus dem Kriegsopferverband nichts ändern solle. Der Bund erblindeter Krieger hat dem RJF. nunmehr mitgeteilt, der Reichispostminister habe es abgelehnt, die Vergünstigung bei den Fernsprechanschlüssen auch auf die nichtarischen Kriegsblinden zu übertragen. Alle Schulbücher richtige Auflagen, für antiquarische allerbilligste Preise. Größte Auswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst. — Zeit spart/ wer kauft im SCHULBÜCHERANTIQUARIAT HERMANN TUCHNER Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Telephon R 41-4-20 Gleichzeitig erschien in den von Alfred Rose n b e r g herausgegebenen „Nationalsozialistischen Monatsheften" ein Artikel über die jüdische Kriegsgefallenenbriefe von einem Herrn, der auf den altgermanischen Namen Dr. Joachim Mrugowsky hört. An Hand einer Gegenüberstellung von Briefen kriegsgefallener deutscher Juden mit solchen nichtjüdischer Deutscher versucht der Verfasser den Nachweis zu führen, daß zwischen dem Geiste jüdischer und nichtjüdischer Kriegsteilnehmer eine tiefe, in der Rasse und im Blut begründete Verschiedenheit festzustellen sei. Wenige nationalsozialistische Aeußerungen der letzten Monate haben so tief erschütternd auf die deutschen Juden gewirkt. Boykott und Wirtschafts Vernichtung mögen noch so schwer in ihrer Wirkung sein; nichts schmerzt so sehr wie eine solche Diffamierung und Entwürdigung der Kriegsgefallenen. Orig. engl. u. .franz. STOFFE amLTtln Tuch haus Tabak I., Salzgries 5 HERBST-NEUHEITEN für Damen und Herren zeitgemäß billig Jüdischnationale über den „Jüdischen Weltkongreß", Wir wollen heute, da der sogenannte „J ü d ische Weltkongreß" bereits der Vergangenheit angehört, über diese Veranstaltung nicht dias wiederholen, was wir schon des öfteren dargelegt haben und was die Meinung aller nicht auf jüdischnationalen Standpunkt stehenden Juden ist: daß nur das Geltungsbedürfnis der Jüdischnationalen das treibende Motiv zu dieser Zusammenkunft war und daß die dort versammelten Herren, durchaus nicht das Recht hatten, im Namen „der" Juden zu sprechen, Resolutionen zu fassen und Einrichtungen zu schaffen. Wir beschränken uns heute vielmehr darauf, unseren Lesern Kenntnis zu geben von zwei Berichten, die: jüdischnationale Delegierte selbst über den famosen Kongreß gaben. Im Ring der Altherren-Verbände Wiens, so berichtet Eugenie Kreitler in der Prager revisionistischen Wochenschrift „M e d i n a I w r i t", gab es kürzlich einen sehr interessanten Abend. Die österreichischen Delegierten des jüdischen Weltkongresses, Dr. Harnik und Oberhaurat Stiricker, referierten über den Verlauf desselben. Dr. Harnik, ein noch unbeschriebenes Blatt im öffentlichen jüdischen Leben, — er war wie er freimütig erzählte, ein Verlegenheitskandidat des zionistischen Landesverbandes, — gab einen sachlichen, «n wenig humoRvöTl-'ironlischen Bericht. Seinem, von keiner Parteibrille verdunkelten Auge — er ist nicht einmal Mitglied des zionistischen Landesverbandes, was jedenfalls sehr bemerkenswert ist — präsentierte sich der Kongreß als das, was er in Wirklichkeit war, eine leere, zwecklose Sache, die nur ratlose Menschen sah, und von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt war. Nicht einmal das Referat Stephen Wises harte irgend welche nachhaltige Wirkung oder vermochte die Ratlosigkeit zu bekämpfen und den Zweck des Kongresses zur Geltung zu bringen. Große Schwierigkeiten ergaben sich auch durch die Sprache, und so konnte es beispielsweise passieren, daß ein Delegierter, der sich für die völlige Assimilation der Juden' in ihren Ländern einsetzte, von seiten der Zionisten rauschenden Beifäll fand. — Mit einem Wort, eine traurige Groteske, die besser unterblieben wäre, da sie ja doch nur Enttäuschungen brachte und eher geeignet war, uns vor der Welt zu komprimittieren, als uns zu helfen. In einem volkstümlichen, in Wien gebräuchlichen Satz zusammengefaßt, müßte das Erlebnis jüdischer Weltkongreß" heißen: „Geh ma z'haus und sag ma s'wa r nix"! Auch Herr Oberbaurat Robert Stricker mußte nach dem Berichte der Referentin des revisionistischen Blattes zugeben, daß der Kongreß keinen Erfolg hatte, vor allem deshalb, weil er eine schlechte Kopie des Zionistenkongresses zu werden drohte. Ein tschechoslowakischer Delegierter, der natürlich selbst auch jüdischnational eingestellt ist. gab seine pessimistischen Eindrücke in der Prager zionistischen „Selbstwehr" wieder. Er ist über das „Fehlen großer Gedanken" in allen Kundgebungen der Kongneßleitung und der offiziellen Referenten schwer enttäuscht. Die Redner befaßten sich allzusehr mit. der Vermittlung von allgemein genügend bekannten Angaben über die jammervollen Schwierigkeiten, denen das jüdische Dasein heutzutage so vielerorts begegnet , Das allzu axiomhaft vorgebrachte Argument von der „politischen Machtlosigkeit des Judentums" müsse entkräftend und entnervend auf das jüdische Gemüt wirken. Der Kongreß habe eine Reihe von Resolutionen beschlossen, die — darüber täusche sich doch wohl niemand — praktisch nichts anderes darstellen als Gesten . . . Ein planvoll organisierter, eiserner Widerstand gegen menschliche, bürgerliche und politische Bedrückung, ohne Rücksicht auf die zunächst entstehenden Folgen zu organisieren, sei vorderhand nicht sichtbar geworden... Der Verfasser meint, es sei absolut unerläßlich, die Gelassenheit und Schicksalsergebenheit, die als Charaktermale des Kongresses bezeichnet werden dürften, in einem gewissen Maße in revolutionäre Entschlossenheit und in tapferen Tatwillen zu wandeln, der zu Taten bereit ist, ohne unausgesetzt ängstlich nach den Konseauenzen zu fragen. Diese kritische Darstellung von Kongreß^ teilnehme™ beweisen mit aller Deutlichkeit, daß dei Jüdische Weltkongreß als ein totgeborenes K i n d anzusehen ist. Man muß sich endlich von der Illusion freimachen, als ob es möglich wäre, die Tatsache der Zerstreuung der Juden in aller Wteüt und ihre Verwurzelung in den einzelnen Heimatländern ungeschehen zu machen und sie politisch irgendwie unter e i n Dach zu bringen. Es. gibt keine generelle Lösung der Jude nf r age, die in den verschiedenen Ländern die-