Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 36 (28.8.1936)
- Date
- 1936-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 36 — 28. August 1936 DIE WAHRHEIT DIE A Cafe Pension Echsfein Semtnering Neu renoviert! nisse in Palästina dauernd auf dem Laufenden gehalten worden. Anderseits sollte sich die Mandatarmacht als die Stelle betrachten, durch die der Völkerbund Informationen erhält. Der Völkerbund könnte kaum damit einverstanden «ein, daß die Einsetzung der Kgl. Kommission als Grund für die Verweigerung von Auskünften angegeben wird. Die Kgl. Kommission geht den Völkerbund nichts an. Die entstandene Situation war keineswegs eine unwichtige Sache. Was würde von dem Ueberwachungsrecht des Völkerbundes über ein in seinem Namen verwaltetes Gebiet übrig bleiben, wenn man anerkennen würde, daß der Rat darauf angewiesen sein soll, ausführliche Informationen über ernste Ereignisse in jenem Gebiet aus Presseberichten zu erhalten? Die Kommission hat infolge der jetzigen Unruhen bereits zahlreiche Petitionen erhalten, viele weitere werden wahrscheinlich noch einlaufen. Was würde von dem Petitionsreclit übrig bleiben, wenn Petitionen in dringenden und erasten Umständen erst ein Jahr nach den Ereignissen, auf die sie sich beziehen, geprüft werden sollten? Würde offenkundige Gleichgültigkeit des Völkerbundes zur Beruhigung der Lage in Palästina oder zur Erhöhung der Autorität des Völkerbundes anderwärts beitragen? Die Autorität des Völkerbundes ist bereits von allen Seiten unterhöhlt worden und Versprechungen auf Grund des Völkerbundpaktes wurden immer wieder gebrochen. Dieser Augenblick," schloß Orts, „bietet die Gelegenheit, zu bekräftigen, daß Artikel 22 kein toter Buchstabe, das Mandatssystem keine Fiktion und die von der Mandatskommission geübte Aufsicht keine leere Formalität ist." Hoffentlich bleibt die Völkerbundkommission standhaft! Sie würde damit nicht nur, wie aus den von Orts angeführten Gründen erhellt, in ihrem eigenen Interesse handeln, sondern der Welt endlich auch den längst wünschenswerten Beweis liefern, daß die Juden doch nicht jeder Willkür und Gewalt wehrlos ausgeliefert sind. Der Völkerbund möge aber nicht bloß halbe Arbeit leisten, indem er nur die auf Palästina bezüglichen Teile der Balfour-Deklaration protegiert. Denn noch viel dringender wäre seine Kontrolle in bezug auf die in dieser Deklaration gleichfalls garantierte Unverletzlichkeit der jüdischen Gleichberechtigung in den europäischen Staaten. Wenn der Völkerbund auch hierin seine Autorität zur Geltung brächte, würde er schon dadurch auch zur Entspannung der Lage in Palästina beitragen. Denn nur die Verfolgung und Entrechtung der Juden in Europa ist schuld daran, daß die jüdische Einwanderung nach Palästina solche Dimensionen annimmt, die die Araber mit Panik erfüllen und so die Engländer in Verlegenheit bringen. 99 Leidenschaftsloser Antisemitismus. (Fortsetzung.) Lassen wir die tausendjährige Vergangenheit und wenden wir uns der Gegemiwart zu, Hier sieht Glockemeier wenigstens in einigen Punkten richtig. Er begreift daß die Absperrung der Juden vom Boden und Gewerbe eine einseitige Berufsschichtung hervorgebracht hat sie in Handel, Geldwesen, freie Berufe und in die Städte geradezu hineingedrängt hat. Eine Einseitigkeilt, die die wissenden Juden zumindest ebenso schmerzlich empfinden als Herr Glockemeier selbst Aber kommt in seinem Buche auch nur eänie vernünftige Andeutung darüber vor, wie diese Beirufseinseitigkeit mit Hilfe des Staates und der christlichen Gesellschaft zu bekämpfen wäre? Am meisten schmerzt es unsern Bergingenieur, daß die Juden in den freien Berufen so zahlreich vertreten sind und so gering unterden Dachdeckern, Kanalräumern und dergleichen. Daß die Juden alles tun, um ihre Kinder in weniger beschwerliche, dafür aber rentablere Berufe zu schicken. Daß sie ihre Kinder etwas Ordentliches und Richtiges lernen lassen; „der schlecht bezahlten Handarbeit sind sie tunlichst ferngeblieben". Und nun geht unser Autor auf Oesterreich und Wien über. Er erzählt, daß unter den Wiener Aerzten 51 Prozent Juden seien, unter den Automatenrestaurants 100 Prozent jüdisch, in der Brotfabrikation 60 Prozent von Juden kontrolliert werden. Und unter den Rechtsanwälten seien gar 85 K> Prozent Juden. Unter den Viehkommissären am Zentralviehmarkt seien 45 Prozent, unter den Cafeöers 40 Prozent jüdisch. Woher Dr. Glockemeier die respektable Fülle seiner Zahlen genommen hat ist nicht ersichtlich. Wenn er auf Seite 80 erzählt, daß die von ihm aufgezählten Zeitungen „fast ausnahmslos jüdische Chefredakteure haben", so berichtet er jedenfalls eine krasse Unwahrheit. Genau das Gegenteil davon ist wahr und so wird man auch den anderen Zahlen gegenüber mißtrauisch. Mit diesen Zahlen versucht nun der Verfasser zu beweisen, daß die Juden Wien wirtschaftäch erobert hätten. „Den zahlreichen rein manuellen Berufen1, die schwere körperliche Arbeit erfordern und vergleichsweise schlechter zahlen, wie Pflasterer, Maurer, Kanalräumer, sind sie sorglichst aus dem Wege gegangen." Und so kommt aus Gründen der „vollen Gleichberechtigung" der Christen wie der Juden Glockemeier zum vollen Numerus clausus: Prozent aller Rechtsanwälte, aber auch 9% aller Kanalräumer. Die Argumenrik unseres Bergingenieurs ist nicht neu, verrät aber ziemfiche historische und soziologische Umbildung überdies ein hohes Maß von Ungerechtigkeit und EinsichtsJosigkeit Es ist ohne Zweifel wahr, daß die Beruisschiichtung bei Juden wie bei Christen eräe verschiedene ist. Das hängt mit verschiedenen Ursachen zusammen. Vor allem mit der größeren Verstädterung und Verbürgerlichung der Juden. Auch die Söhne der städtischen Bourgeoisie, der Hofräte und Richter, werden zumeist nicht Dachdecker, Kanalräumer und Straßenkehrer. Hier konfessionelle Parität oder Proportion zu verlangen, ist sinnlos und kindisch. Jeder Mensch strebt überdies nach Verbesserung, nicht nach Verschlechterung der Lage. Und wenn schon die Bergbauingenieure über die Verbesserung der Wirtschaftslage nachdenken, so entsteht die Frage, ob dies nur auf dem Wege detr Verschlechterung der angeblich so günstigen Wirtschaftsverhältnisse der Juden geschehen könne oder ob es nicht würdigere, ingenieurmäßigere und sicherere Wege dazu gibt. Und vergißt Herr Glockemeier, daß ein gerechter — wenn auch unsinniger — Numerus clausus sofcjrt Zehntausende von Juden in Staats- und Gemeindeberuf, in Polizei und Gendarmerie, zur Post und zur Eisenbahn, zum Gericht, ins Notariat, im die Gewerbe, in den Lehrerberuf und in den Bauernstand brächte? Will er dtas wirklich? Und er müßte es doch als gerecht denkender, sittlicher Mensch wollen! Schließlich meint unser Autor, daß das jüdische Element in Handel, Gewerbe und Industrie eine Anzahl Geschäftspraktiken, Reklametricks und Betriebsmethoden eingeführt habe, die zwar teilweise auch von Christen gehandhabt Werden, niemals aber sympathisch berühren'. Es hat keinen Zweck, zu untersuchen, wer solche Geschäftspraktiken ins wirtschaftliche Leben eingeführt hat: Juden, Griechen, Armenier, Parsen, Byzantiner, Levantiner, Amerikaner oder gerissene Preußen. Will man diese Praktiken ernstlich bekämpfen, so schalte man radikal das religiöse und antisemitische Argument aus, trachte aber die Gesetzgebung so zu reformieren, daß sie für alle Menschen ausnahmslos ' unmöglich gemacht werden. Hier werden sich alle anständigen Menschen sofort auf einer Linie finden und verständigen können. Alles atnidere ist eine höchst primitive Gedankeneinstellung. Ebenso wenn Herr Glockeneier meint, unter den Juden gäbe es nicht genug Arbeitslose; wären sie vorhanden, dann ginge es vermutlich den christlichen Arbeitslosen besser. Und wenn es sich nun herausstellen sollte, daß es verhältnismäßig mehr jüdische Arbeitslose — nur weniger offiziell Unterstützte — gäbe . . .? Dann bräche des Autors Argumemirik hoffmmgslos zusammen. BAPSÄSfEIINI IHOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Wära es nicht hoch an der Zeit, daß sich endlich eiünmal dSel ehrlichen christlichen Wirtschaftstheoretiker und Praktiker mit denen jüdischer Konfession zusammensetzten, um wirklich die Fragen der Not des Elends, der Arbeitslosigkeit zu beseitigen, zu lösen. Man kann sie lösen. Aber mit der reduzierten Formel „der Jud' ist dran schuld", und sei sie noch so „wissenschaftlich" begründet, werden wir niemals vorwärtskommen. Sie is* das Auskunftsmittel alller jener, die in sozialen und wirtschaftlichen Fragen nicht exakt, nicht sach'ich denken und sich die Problemlösung mit primitiven Schlagworten erleichtern wollen. Der Währinger jüdische Friedhof,~ geschändet. Auf dem Währinger jüdischen Friedhof wurden in der letzten Zeit wiederholt Grabsteine, darunter solche, die schon 200 Jahre alt sind, u mgeworfen und beschädigt. Die Täter sind Jugendliche, die wohl den nationalsozialistischen Gedankengängen anhängen. Sie kletterten nachts über die etwa drei Meter hohe Mauer. Als sie der Verwalter hindern wollte, empfingen sie ihn mit einem Steinhagel. Zwei von den fünf jugendlichen Grabschändern sind voa der Polizei gefaßt und dem Jugendgericht eingeliefert worden. Die Jüdischnafionalen sind zufrieden. Das Berliner „12-Uhr-Blatt" veröffentlicht einen Aufsatz des „Reichskulturwalters" Harns Hinkel, der von Goebbels eingesetzt wurde, um das deutsche Kulturleben von Nichtariern zu säubern. Hinkel erzählt: „Es war nicht damit getan, daß wir die Juden kurzerhand ausbooteten, denn Theater, Verlage, Konzertsäle, Filmfirmen mußten ja bestehen bleiben. Wir sind mit Recht stolz, daß bei dem großen Wechsel der Personen nicht die geringsten Stockungen im Kulturleben aufgetreten sind ... Es war eine undankbare Arbeit. Wir mußten vollkommen freien Rücken haben, um durch nichts bei ihrer Bewältigung gehindert zu werden. Und so waren denn unter den sieben Männern, die die Entjudung durchführten, fünf alte, in der Kampfzeit der Bewegung hartgeschlagene Parteigenossen, die sich durch nichts in ihrer Sorgfalt und ihrer Gründlichkeit beirren ließen." Hinkel berichtet 'sodann über den von ihm kontrollierten Jüdischen Kulturbund und den Reichsverband nichtarischer Christen, und schreibt: „Ich selbst besuche fortlaufend die jüdischen Theater. Ununterbrochen prüft meine Amtsstelle jüdische Stücke, Vortragstexte und sonstige Manuskripte. Ich beschäftige zwei besondere Lektoren, die die jiddische und die hebräische Sprache beherrschen. Man kann also nicht sagen, es würden nur Dinge gegen die Juden in Deutschland getan." Hinkel erklärt zum Schluß, daß der Jüdische Kulturbund und der Reichsverband nichtarischer Christen seine Bemühungen anerkennen und schließt: „Die zionistischen Leiter des Jüdischen Kulturbundes geben offen zu, daß die Judenschaft sich selbst vergessen und verleugnet harte, als sie versuchte, sich eines ihr gar nicht artgemäßen Kulturkreises zu bemächtigen." Aus dem Artikel geht hervor, daß Hinkel in der Olympiade- Zeit eine Gruppe ausländischer Journalisten in das Berliner Theater des Jüdischen Kulturbundes geführt hat. LeopoldstSdter Temoeiwereln „AESCHEL AWROHOM" Bei den Trauungen In unserem Gotteshanie werden von den amtierenden Mitgliedern des Vorstandes Spenden zur Vermehrung des Brautausstattungsfonds, aus dem arme und ehrbare Brautpaare unterstützt werden, gesammelt. Diese Stipendien werden am t. Seiidiottafte, als Erinnerung an die Einweihung unserer Synagoge, flössig gemacht. Es werden daher auch im heurigen Jahre arme, würdige und ehrbare Brautpaare am Sellchottage (13. September^ mit dem Stipendiumbetrage beteilt, wobei denselben eine sehr wDrdige Gratistrauung geboten wird. Diesbezügliche Gesuche sind rechtzeitig an den Tempetoorstand. It.. Pazmanitengasse 6. zu richten. j Für den Vorstand : _ . Aw 5696 ' Oskar Sthtamek, Wien, im Aujtutt 103a Obmann.