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Die Wahrheit · 1936-08-28 · Heft 36 (28.8.1936) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 36 (28.8.1936)
Date
1936-08-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 30 Grosdien mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden- Ersd&eint jeden Freitag iMIlilM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 28. August 1936 Nummer 36 England soll Rechenschaft ablegen. Rasiere Mdi gat ntf MIHö Der englische Staatsmann Lord Baliour hat bekanntlich im Jahre 1917 an Lord Rothschild einen Brief geschrieben, in dem er sich namens seines Landes verpflichtete, in Palästina eine jüdische Heimstätte zu errichten, ein Asyl für Juden, die sich in ihren Geburtsländern aus äußeren oder inneren Gründen nicht assimilieren könnten oder wollten. Die staatsbürgerlichen Rechte der assimilationsfähigen und assimilationswilligen Juden in ihren diversen Vaterländern, an denen sie mit Liebe hangen, sollte durch die Schaffung der Heimstätte im gelobten Lande in keiner Weise beeinträchtigt werden. Auch das wurde ausdrücklich verbrieft und verbürgt. Man war damals, mitten im mörderischen Weltkrieg, nicht karg mit Versprechungen an die Juden. Ludeiidorff veröffentlichte seinen Aufruf „an die lieben Juden in Polen" und England die Balfour-Deklaration. Als die Streitaxt begraben wurde, begrub Ludendorff auch seine Liebe zu den Juden, England aber, konsequenter und als Hort der Freiheit und Menschlichkeit traditionsgebundener, präsentierte sein judenfreundiiehes Palästina-Projekt, das die von seinem Verfasser daran geknüpften Hoffnungen erfüllt hatte, indem es die militärgesetzlich nicht für die engtfische-Rekrutenauishebung erfaßbaren, russischen Juden in Whitechapel zum freiwilligen Einrücken in die Jüdische Legion begeisterte, die sich bei der Eroberung Palästinas durch Lord Allenby mit Ruhm bedeckte, dem Völkerbund, um sich zur Verwirklichung der Balfour-Deklaration das Mandat über Palästina verleihen zu lassen. Und der damals neugeschaffene Völkerbund, noch vom jugendlichen Enthusiasmus für die Ideale, die er erfüllen sollte, getragen, hat wirklich das Projekt, sowohl in seinem assknilations fördernden Wortlaut, als auch in bezug auf das Asyl für jüdische Assimilations g e g n e r. unter -seine Fittiche jenommen und mit der Schaffung der jüdischen Heinistätte England betraut, das ausdrücklich zu diesem Zwecke das Palästina-Mandat erhielt. Großbritannien erschien so in unseren Tagen mit derselben geschichtlichen Mission betraut, die im grauen Altertum dem Perserreiche unter Kyros zugefallen war, als er Esra und Nehemia zum Neuaufbau eines jüdischen Palästina delegierte. Aber leider stimmt der Vergleich nur nach der peinlichen Seite hin. Wie wir von den genannten Propheten wissen, mußten die jüdischen Kolonisten zur Perserzeit nicht nur die Kelle, sondern auch das Schwert handhaben. Das erscheint heute wieder notwendig, da die jüdische Kolonisation von arabischen Mordbanden und Brandstiftern bedroht wird. Wenn aber jetzt die Juden mit dem Schwerte zu schützen suchen, was sie mit der Kelle geschaffen, dann werden sie von der Mandatmacht wegen unbefugten Waifentragens bestraft. Seit Esra und Nehemia sind eben etliche Jahrtausende verstrichen und der Fortschritt der Menschheit verlangt gebieterisch den Abbau von Mord und Gewalt. Und da die Araber auf beides icht verzichten wollen, zwingt man die Juden zu diesem Verzicht. Die Mandatmacht steht scheinbar auf dem Standpunkt, daß es genügt, wenn nur e i n Teil schießt und Bomben schleudert. Wozu die Ungemütlichkeit noch steigern, indem man auch dem andern Teil dasselbe Recht zubilligt? Die Zustände, die auf solche Weise im heutigen Palästina eingerissen sind, charakterisiert dei- Bürgermeister von Tel-Aviv, Dizengoff, in einem sensationellen offenen Briefe an die Regierung ebenso drastisch wie zutreffend. ..Die Beamten," sagt Dizengoff, „haben durch ihre Kapitulation vor dem arabischen Terror das Land demoralisiert, es in einen Zustand von Anarchie und Gesetzlosigkeit getrieben. Die Administration hat den der Mandatsregierung gehörenden Hafen von Jaffa den arabischen Hafenarbeitern ausgeliefert, die ihn blockierten und ihn auch für Schiffe fremder Länder unzugänglich machten. Die Eisenbahnen sind zu Bastionen der Terroristen geworden; aus den fahrenden Zügen werden Bomben in friedliche Städte geschleudert und jüdische Felder in Brand gesteckt. Die Regierung spottet ihrer selbst, wenn sie Notverordnungen erläßt, die nicht ausgeführt werden. Das Land wird nicht vom High-Commissioner. sondern vom Obersten Arabischen Ausschuß regiert und von einem raubenden, mordenden Mob beherrscht. Gesetzlosigkeit ist das. Gesetz dieses Land es." Dizengoff erinnert daran, wie die arabischen Agitatoren durch Verbreitung erlogener und von der Regierung als erfunden erklärter Nachrichten über angebliche Ermordung von Arabern durch Juden die Unruhen provozierten, und führt aus. €&Fi Freiwirth PRATE RSTRAS S E 11 Als modernes Familien-Cafe vollständig renoviert wie leicht es für eine geordnete Administration gewesen wäre, solche rietzereien und Unruhen im Keime zu ersticken. Die Administration aber raffte ■sich zu keiner energischen Tat auf. ..ich frage diejenigen, die uns heute regieren." sagt Dizengoff, „was sie mit einer solche Politik bezwecken wollen? Wellen sie die jüdische Einwanderung stoppen und schämen sie sich, dies oiten einzugestehen? Die Juden sind in das Land gekommen im Vertrauen auf die Rechte, die man ihnen gab und auf den Schutz, den ihnen die Mandatarmacht England zugesichert hat. Wenn ihr nun nicht fähig seid, Leben, Eigentum und Ehre derjenigen zu schützen, die eurem Wort vertrauen, so gebt das offen zu. Die Durchführung der Balfour-Deklaration und des vom Völkerbund verbürgten Mandats habt Ihr Kolonialbeamten anvertraut, die Gegner der Idee des Jüdischen Nationalheims sind. Wollt Ihr mit dieser Politik fortfahren, so schreibt an die Tore Palästinas die Warnung: „Ihr Juden, die Ihr das Jüdische Nationalheim in Palästina iür euer Volk aufzubauen wünscht, laßt alle Kofinungen fahren!" Das Naticnalheim wird aber trotz allem von jenen aufgebaut werden, die dazu berufen sind." Der Schlußpassus des Dizengoff-Briefes beinhaltet auch ein unfreiwilliges Einbekenntnis desjü- . dischen Schuldanteils an der Herbeiführung der geschilderten Verhältnisse. Für eine jüdische Heimstätte in Palästina interessiert sich die gesamte Weltjudehheit. für eine ..nationa l" - jüdische E>rr<erirne'nt5cr?tf.tte nur ein irregeleiteter Bruchteil, der von in'schen Voraussetzungen ausgehend Oesterrcicliisclies Qualltals fabrihetf Ueberau erhältlich zwangsläufig zu falschen Resultaten kommt, deren Realisierung an dem Mangel an Wirkliehkeits-sinn, mit dem die Zionistenführer behaftet sind, scheitern muß. Das Aufbauwerk Esras und Nehemias konnte glücken, weil es auf der religiösen Grundlage, die allein dem Judentum seinen Fortbestand sichert, beruhte. Ein Asyl iür Juden, die wegen ihrer Rasse verfolgt werden, mag heute eine traurige Notwendigkeit sein, aber es ist sicherlich nicht an Palästina gebunden. Der jüdischnationale Zionismus krankt an dem Widerspruch, daß er sich einerseits um den jüdischen Glauben nur wenig kümmert, anderseits sich aber ausgerechnet an das Land klammert, das allen religiös Empfindenden als heilig gilt. Die Jüdischnationalen irren sich sehr, wenn sie hoffen, aus der jetzigen Anteilnahme aller Juden an den Vorgängen in Palästina Kapital für ihre abwegigen Ideen schlagen zu können. Die tiefgehende Aufwühlung aller jüdischen Seelen in der ganzen Welt ist nicht Sympathie für den jüdischen Nationalismus, sondern Empörung über die befremdende Haltung der Mandatarmacht. England scheint Willens, den jüdischen Kolonisten nicht nur das Schwert, sondern nachgerade auch schon die Kelle aus der Hund zu w inden. Ein anderer Zw eck iür die Ernennung einer königlichen Kojrmission zur Untersuchung der Solnildrrage an den Vorgängen in Palästina ist nicht erkennbar. Die englischen Regierungsbeamte:: haben zu viel Erfahrung in Dingen der Kolon'.-.'', -jrwaltung. um auf eine Kommission aus Lt-nd: u zur Klärung von Recht und Unrecht warten zu messen. Ins Unrecht setzt sich seihst immer derjenige, der gewalttätig vorgeht. Die Araber morden aus dem Hinterhalt Frauen und Kinder! Und das sollte gerade in dem Land nicht aU eindeutiger Schuldbeweis genügen, von wo aus einst der Menschheit das göttliche Gebot verkündet wurde: Du sollst nicht töten! Die Ernennung der Kg!. Kommission erscheint bloß als ein Ver-.chieppungsmanöver. zumal da die Kommission erst nach Beendigung des Araberaufstands abreisen -:o!l, die vorläufig noch gar nicht abzusehen ist. Erfreulicherweise wehrt sich die Mandatskommission des Völkerbunds, die auf ihrer letzten Tagung scharfe Kritik an den Maßnahmen und Unterlassungen der Mandatarmacht übte, gegen diese Taktik. Der Vizepräsident der Kommission, der Belgier Pierre Orts, hat folgende scharfe Erklärung abgegeben, die die Ansicht der gesamten Kommission widerspiegelt: „Die Verantwortung sowohl des Völkerbundes als der Mandatarmacht ist auf verschiedene Weise durch das, was in dem Mandatsgebiet geschehen ist. berührt worden. Die Mandatarmacht i-t durch ihre Beauftragten über die gegeawär.tigen Ereig-

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