Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 35 (21.8.1936)
- Date
- 1936-08-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 35 — 21. August 1936 DIE WAHRHEIT DIE V\ ansteigender Terror in Palästina. Der arabische Terror in Palästina ist neuerlich im Ansteigen begriffen; die Einsetzung der königlichen Untersuchungskominission hat also nicht, wie englische Regierungsweisheit erwartete, ein Nachlassen der blutigen Unruhen, sondern sogai eine Verschärfung der Situation gezeitigt. Täglich meldet der Draht von neuen Todesopfern, deren Zahl seit Beginn der Revolte nun schon auf fast achtzig gestiegen ist Die Registrierung der meist auf ganz bestialische Weise hingemeuchelten beklagenswerten Juden ist nachgerade angesichts der Häufung der Ueberfälle ebenso wenig möglich wie die genaue Anführung des groben Sachschadens, den die fortwährenden Verwüstungsaktionen der arabischen Terroristen dem im Aufbau befindlichen Lande bereiten. Am Freitag der Vorwoche fielen allein acht junge Juden dem Wüten arabischer Mordbuben zum Opfer. Daneben gibt es fortdauernde Kämpfe des englischen Militärs mit starken Verlusten auf beiden Seiten. Von einer Beruhigung kann also trotz der nun schon so langen Dauer der Unruhen gar keine Rede sein; einsichtige Araber, die sich um eine Vermittlung bemühen, werden mit mörderischem Haß verfolgt, der Bürgermeister von Hebron Nasr El Din mußte diesem Hasse sein Leben opfern. Wie man angesichts dieser vollkommen abnormalen Lage im Heiligen Lande die andauernden Unruhen als eine „Etappe auf dem Weg zur Normalisierung" bezeichnen kann, ist uns unerfindlich. Einer solchen Verkennung der Verhältnisse ist wirklich nur ein demagogisches Blatt vom Range der „Stimme" fähig. „Bürgerkrieg in Permanenz", aber nicht „Etappe auf dem Weg zur Normalisierung" muß man leider das, was tagtäglich in Palästina geschieht, nennen, und wenn heute die Zeitungen mehr Raum den Nachrichten von einem anderen südlichen Bürgerkriegsscliauplatz widmen und aus Palästina nur mehr die wichtigsten, dafür aber wahrhaft erschütternden Nachrichten bringen, wie z. B. Mittwoch 'die vom Opfertode der beiden jungen jüdischen Pflegerinnen, dann liegt dies nur an der größeren Aktualität der blutigen Ereignisse in Spanien, mit denen die Vorgänge in Palästina auch schon deshalb schwer verglichen werden können, weil hier nur von einer Seite geschossen und gemordet wird. Denn die Juden bewahren nach wie vor bewunderswerte Rulle, und die Engländer . . . Man hat bei all ihren Abwehnnaßnahmen nicht das Gefühl, daß sie, wenn schon nicht, was verständlich ist, mit dem Herzen bei dieser traurigen Sache, so doch wenigstens mit der nötigen Energie ihre Pflicht tun. Dafür hört man aus Londoner gutunterrichteten Kreisen von einer im englischen Kolonienministerium bestehenden Absicht, noch vor der Abreise der königlichen Kommission die jüdische Einwanderung nach Palästina bis weiteres zu sperren. Angeblich soll die Orientreise des Ministers Ormsby Gore mit dieser Absicht zusammenhängen. Es heißt auch, daß der Minister in Kairo eine Zusammenkunft mit der aus London zurückreisenden arabischen Delegation haben wird. Die Gerüchte von einer bevorstehenden E i nw ander ungssperre in Palästina wollen also nicht verstummen. Ist es so absurd und verwerflich, wenn man angesichts dieser Situation im Heiligen Lande im wohlverstandenen Interesse heimatloser oder von der Gefahr der Heimatlosigkeit bedrohter Glaubensgenosse an neue Ansiedhingsniöglichkehen denkt. Nach der „Stimm e" ist dies geradezu ein Beweis „schlechten Charakters", denn „nur der Zionismus kann die Judentrage lösen". Wir begnügen uns damit, diese phantastische Ueberheblichkeit „mit dürren Worten zu registrieren", ohne sie „hämisch zu glossieren" (beides kreidet nämlich die „Stimme" den Kritikern des Palästina-Aufbaues böse an). Aber das sei noch gesagt: Mit hochtrabenden Phrasen allein kann man die ob der Vorgänge in Palästina mit Recht beunruhigten jüdischen Gemüter nicht beruhigen. Es steht zu hoffen, daß wenigstens das zionistische Aktionskomitee, das in den nächsten Tagen in Zürich zusammentritt, und das Adminißtrativkomitee der Jewish Agency, das dort hernach tagt, sich nicht auf Phrasen beschränken und aus den Ereignissen im Heiligen Lande die richtigen Konsequenzen ziehen werden. Herzd. franenheilbadi Die besten tiseßWutst-iiBilSElteB 3mal täglich frisch bei IfiBEL, Wiee II., Praterssrale 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schitfschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Entwicklung und Aufgaben der jüdischen Kolonisation. Von W. Siernfeld. Während bis tief in das 19. Jahrhundert hinein das Gros der Juden, nicht etwa nur der deutschen, auf dem platten Lande und in kleinen Städten lebte, und seine Betätigung häuiig noch manueller Art und erdverbunden war, trat gegen Mitte des Jahrhunderts ein immer stärker werdender Zuzug der Juden in die Großstädte in Erscheinung. Damit verbunden war eine tiefgehende Berufsumschichtung. Sie wandten sich mehr und mehr vom Kleinhandel und den wenigen Iiandwerksberufen, die sie bisher ausgeübt hatten, ab und industriellen, kommerziellen und freien Berufen zu. Einer der wenigen Menschen, die die Geiahr solch einseitiger Betätigung für die Judenheit erkannten, war der hannoversche Konsul Simon, der nicht aufhörte, eine physische und geistige Umstellung in beruflicher Hinsicht von seinen Glaubensgenossen zu verlangen. Er erkannte, daß die einseitige geistige Betätigung der Juden zu einer physischen Erschlaffung führen müsse und deshalb iorderte er, daß die Jugend sich wieder Berufen mit manueller Betätigung zuwende. Das Leben in der dumpfen Luft der Großstädte schien ihm ein Verderb für die Gesundheit der Judenheit und darum predigte er die Rückkehr der Juden zu 1 a n d w i r t s c h a f 11 i c h e n B e r u f e n. Außerdem war Simon davon überzeugt, daß die handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufe in Zeiten wirtschaftlicher Krise ihren Angehörigen einen weit besseren materiellen Rückhalt böten als die von Konjunktur weit mehr abhängigen kommerziellen und industriellen Betätigungsgebiete. Aus eigenen Mitteln schuf er nach jahrelanger Vorarbeit eine Gärtner- und Handwerker-Ausbildungsstätte, die bekannte Gartenbaulehranstalt Ahlem, aus der im Laufe der Jahrzehnte mehrere hundert jüdischer Gärtner hervorgegangen sind, von denen ein sehr starker Prozentsatz in den Vereinigten Staaten, in Südafrika, in Australien und Palästina nicht nur eine auskömmliche Existenz gefunden, sondern sich auch beruflich einen Namen gemacht hat. — Den Warnungen und Mahnungen Simons wurde zu ihrer Zeit geringe Beachtung geschenkt, erst in letzter Zeit wird sein Werk gewürdigt und die hunderprozentige Richtigkeit seiner Ansichten zumal für Deutschland anerkannt. Von ganz andern Gesichtspunkten aus gingen die Philanthropen Baron Moritz Hirsch (München) und Eduard vonRothschild (Paris) an die Lösung des Judenproblems heran. Unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Not und der politischen Verfolgungen der Juden im Zarenreiche in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gründeten sie zunächst unabhängig von einander die Institutionen, die heute unter den Namen „I c a"' (Jewish Colonisation Association) und „Pica" (Pälestine Jewish Colonisation Association) bekannt sind. Die Hirsch'sche Gründung Ica, die von ihm zunächst mit einem Kapital von zwei Millionen engl. Piund ausgestattet wurde, das später aber noch sehr erheblich erhöht worden ist, erstreckte ihre Haupttätigkeit auf die Ansiedlung von Juden in Argentinien, Brasilien, den Vereinigten Staaten, Kanada, der Krim und Palästina. Bis zum Jahre 1926 hat die Gesellschaft in Argentinien allein etwa 33.000 Juden in der Landwirtschaft angesetzt und dort zirka 590.000 ha Grund und Boden erworben. In den Vereinigten Staaten wurden 75.000 (Burgenlaud) ■ Mineral-, Moor- und natürliche Kohleusfiuresprudelbäder.!! Biiljgei Pensionspreis inklusive Heilbäder. Zwei rituelle Rei I staurants. — Auskünfte und Prospekte: Generalvertretung j I Wien I., Kohlmarkt S Tel. U '5-104 i Neu: Moorpackungen und Moorkorapressen in«! allen Apotheken erhältlich. j Juden landwirtschaftlicher Betätigung zugeführt. Aehnlich bedeutenden Umfanges war die Tätigkeit der Gesellschaft in den andern Siedlungsgebieten. — Das Hilfswerk Eduard von Rothschilds erstreckte sich hauptsächlich auf Palästina. Schon um die Jahrhundertwende entstanden dort die heute bekannten Kolonien Petach Tikwah, Rechoboth, Rischon Le Zion, Sichron-Jakob und Chedera, so daß vor Beginn der zionistischen Kolonisation im Jahre 1908 bereits 25 größere Siedlungen mit etwa 8000 Juden in Palästina bestanden. In den Oststaaten Europas entwickelten die Gesellschaften Joint, Ort und O z e t eine sehr umfangreiche Kolonisationstätigkeit für die russischen Juden, die auch nach der russischen Revolution mit Genehmigung der Sowjet-Regierung fortgesetzt wurde. So entstanden nicht nur zahlreiche landwirtschaftliche und Handwerkerschulen, sondern auch etwa 300 große rein jüdische Siedlungen in der Ukraine und der Krim, in welchen Landwirtschaft in allen Formen der Bodennutzung betrieben wird. Die erzielten Erfolge sind es wohl gewesen, did die Sowjetregienmg veranlaßren, der jüdischen Gemeinschaft ein autonomes Territorium, das ungefähr dreimal so groß wie ganz Palästina ist, zur Besiedlung zur Verfügung zu stellen: Biro-Bidjan. Dieses Gebiet, das zirka 75.000 qkm umfaßt, zählt heute erst 57.000 Einwohner, von denen allein in den letzten Jahren zirka 2G.000 zugewandert sind. Im Jahre 1934 kamen insgesamt 5200 Juden in das Land. Hierunter waren etwa 75 Prozent jüdische Arbeiter, 10 Prozent Handwerker und 12 Prozent Angestellte. Nach Angaben der Zeitung „Biro-Bidjan im Bau" waren im Jahre 1935 von der zirka 7 Millionen ha großen Fläche des Landes 3*5.000 ha in landwirtschaftliche Nutzung genommen. — Während vor der russischen Revolution nur etwa ':2 Prozent der russischen Juden in der Landwirtschaft tätig waren, ist heute der Prozentsatz 12 Prozent, und die von Juden im europäischen Rußland heute landwirtschaftlich genutzte Fläche beträgt nach Mitteilung der genannten Zeitung 400.000 ha, das heißt also ein Gebiet, das dreimal so groß ist wie alle die Ländereien zusammen, die sich bisher in Palästina in jüdischen Händen i'etinden. (Fortsetzung folgt.) Dem jüdischen Volk. Vielleicht weil du die Türe bist, Durch die das Licht, bis in den Mittelpunkt der Welten trifft — Wirst du vom Sturm bewegt so sehr, Daß es den Anschein hat, als fiel In Trümmer alles um dich her. Was neidig, nächtig dich unischlich, .Bezwungen neigts am Morgen sich. Auf schmaler Schwelle stirbt Was es gewesen ist. Du aber wölbe dich — ein hohes Tor — Durchschritten nur von dem Was Wahrheit sich im Dom der Zeit erkor. Grete Krüger. Jüdische Re^Emigranten aus Spanien in das Konzentrationslager. Wie aus Berlin gemeldet wird, wurde eine Reihe deutscher Juden, die nach dem Machtantritt Hitlers nach Spanien ausgewandert waren und die nach Vernichtung ihrer Existenz im spanischen Bürgerkrieg mit anderen Deutscher, nach Deutschland zurückkehrten, in ein Konzentrationslager gebracht. Die deutschen Behörden weigern sich, diesen Rückkehrern eine andere Behandlung zuteil werden zu lassen ais anderen jüdischen Re-Emigranten, die in Konzentrationslagern untergebracht werden, falls sie sich nicht verpflichten, in kürzester Zeit wieder Deutschland zu verlassen.