Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 35 (21.8.1936)
- Date
- 1936-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 35 — 21. August 1936 Seite 3 Leidenschaftsloser Antisemitismus. Von Dr. Max Ermers. I. Zwei neue österreichische Schriften sind in den letzten Wochen erschienen, die die Judenirage im allgemeinen und für Oesterreich im besonderen lösen wollen. Beide machen den Anspruch, wissenschaftlich und leidenschaftslos vorzugehen, ganz objektiv und sogar unter Berücksichtigung der jüdischen Interessen. Es handelt sich um „Die Judenfrage in wissenschaftlicher B e 1 e u c h t u n g", die Proi. Dr. A. Drexel (Innsbruck) im Universitätsverlag Wagner in innsbruck erscheinen lassen hat, und um Dr. Georg Glockemeiers „Zur Wiener Jude n f r a g e'" (Johannes Günther, Verlag, Wien). Da beide Schriften die Gesamtheit der Argumente, über die der „wissenschaftliche Antisemit" zu verfügen pflegt, mit ziemlicher Vollständigkeit wiederholen, mit — wie die Verfasser glauben — allerneuesten und verläßlichstem Material arbeiten und in einem verhältnismäßig vornehmen Ton gehalten sind, zwingt zu ausführlicher und ebenso leidenschaftsloser Betrachtung. Beginnen wir mit Dr. Glocke meiers Buch. Der Verfasser ist, wie er hinzufügt, diplomierter Bergingenieur, man darf also von ihm eine tiefschürfende Arbeit .erwarten. In der Tat: Dr. phil. und Dipl.-Ing. Glockemeier steigt in die „letzte Tiefe" herab. Das Judenproblem, ineint er, sei so kompliziert, e'ine serechte und rechtzeitige Lösung so schwierig, weil die meisten Menschen — auch die Juden selbst — die Tatsachen nicht kennen und nicht wissen, „was sich eigentlich hinter dem begriff Jude 'verbirg t". Um das zu eruieren, geht ülockemeier dreitausend Jahre und mehr in die Geschichte zurück, konstatiert — irei nach Günther — dati sie „ein orientalisch-vorderasiatisch-nurdisch-harnitisch-negerisches Rassengemisch" darstellen, „ein Volkssplitter, der n'icht assimiliert werden kann*". Ihre eigene Geschichte zeige eine besondere Talen tlosigkeit zur Staatenbildung. Immer sind sie „in staatlichen Kleinkram steckengeblieben". Meisterhaft abei sei ihre Fähigkeit zur Bildung von Gemeinden, von Kultusgemeinden, die durch Religion und Rasse, wie durch eiserne Ketten zusammengehalten werden. 1nsbesonders seit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft. Durch die Rassengesetze der Propheten Esra und Nehemia hätte sich das Judentum, das sich stets schon den andern Völkern gegenüber bevorzugt fühlte, noch mehr abgeschlossen. Hiebei ergäbe sich der Widersinn, daß Jahwe als Stammgott der Juden nur diesen vorbehalten, der Welt aber vorenthalten wurde, weil der Zugang zum Judentum rassenmäßia gesperrt wurde: „der alleinige Weltengott ist und bleibt der Sondergott der Juden, bleibt den Juden gleichsam ewig vorbehalten". Zwar sei Bekehrung und Uebertritt zum Judentum immer möglich gewesen, in der praktischen Durchführung „widerstrebe aber die jüdische Religion ihrer völkischen Natur nach der Uebertraguns auf fremde Völker". Zu dieser strengen religiös-rassischen Absehließung komme aber seit 500 n. Chr. die gesetzmäßige und endgültige durch den Talmud, der für mindestens 12 Millionen heute noch bindend sei. Dieser Talmud uniiasse schlechterdings das ganze Dasein der Juden. Alle Dinge werden dort mit einer Genauigkeit behandelt, die den Nichtjuden „anwidern muß". „Ich kann diese durchgängig schmutzige Abhandlung unmöglich übertragen — auch nicht einmal die Titel der Abschnitte" läßt Glockemeier einen bekehrten Juden entrüstet ausrufen. Und nun beanspruchen diese Juden, die „dem Nichtjuden keineswegs die gleiche Stellung einräumen wie ihren Art- und Religionsgenossen", daß das „Gastrecht sie in keiner Weise in ihrem Handel und Wandel beeinträchtige". Um nun zu zeigen, wie sehr die Moral des Talmuds von der heutigen abweicht, die europäischen „Wirtsvölker" also verschieden sind vom „Gastvolk", zitiert der Autor nach der Uebersetzung eines christlichen Theologen einige charakteristische Stellen, die, wie er glaubt, für das Judentum geradezu vernichtend sind. Man kann daran nicht vorübergehen. Er zitiert z. B.: „Ein Kind im Leibe einer Sklavin oder Nichtjüdin ist nicht besser als ein Vieh" oder „Die Güter eines Nichtjuden sind wie etwas, das preisgegeben ist. Wer zuerst kommt, hat das erste Recht daran" oder „Das nichtjüdische Gericht verpflichtet nur so weit, als es nicht mit dem jüdischen Gericht in Konflikt gerät" oder „Nichtjuden sind des Raubes, des Mordes und der Unzucht verdächtig" oder „Ein Jude kann unter Umständen den Schwur, den er einem Christen zu leisten hat, im Herzen für ungültig erklären" oder „Bei der Rettung eines Nichtjuden ist nicht dieselbe Sorgfalt anzuwenden wie bei den Juden". Wir zitieren diese krassesten der Sätze aus Glookenieiers Schrift absichtlich und wörtlich, damit nicht späterhin das Argument auitauche, wir hätten sie unseren Lesern unterschlagen. Diese und andere Gesetzesvorschriften, die heute noch für die Ustjuden Geltung hätten, mit ihnen nach Westeuropa wandern, seien die Schranke, die Europa von den Juden trennen, als Kraft des üstjudentums immer wieder die geistige Anpassung der Westjuden hintanhalten, die längst schon assimiliert wären. Hier muß man einen Augenblick Halt machen und die notwendige Auseinandersetzung mit dem diplomierten Bergingenieur beginnen. Denn alles übrige, was er später erzählt, ist nur oberflächliche!- Tagbau gegenüber den tiefen Schächten, die er mit seiner Talmudbetrachtung bloßzulegen vermeint hat. Und da auch ein Tiefbauingenieur immer noch etwas lernen kann, möge er diese Gelegenheit zur Vertiefung und Erweiterung seines Wissens benützen. Uebergehen wir mit wenigen Randbemerkungen die Rassenbetrachtungen des Autors. Die Juden sind wirklich ein Rassengemisch — wie alle andern großen' und alten Völker. An verschiedenen Stellen der Erde ist dieses Rassengemisch verschieden komponiert; meist ange- Einzige Jttdtsaie liandeissdiaie Kaufmännische Wirtschaftsschule für Knaben und Mädchen. Unterricht nach dem normalen Lehrplan der Handelsschulen. Wien II., TaborstraBe 39 Telephon Nr. A 45-6-57 Aufnahme in der Direktionskanzlei; An Werktagen, au Aar Samstag, von 10 bis 12 und 3 bis 5 0 Prospekte gratis 0 Erstkl. Lehrkräfte nähert dem sogenannten „Wirtsvolk", was darauf schließen läßt, daß einerseits die Mischung mit ihm stets und trotz scheinbarer Abschließung eine intensive war, anderseits Boden, Klima, Nahrung, Erdstrahlen usw. bei der Rassenentstehung eine bedeutsame Rolle spielen. Die Ergebnisse der polnischen Anthropologenschule würden Herrn ülockemeier — wenn er sie kennen würde — eingehend informieren, daß große Regionen des Ostjudentums nordischer charakterisiert sind als die meisten Regionen des „arischen" Deutschland. Man muß sich eben zuweilen vom Philologen Hans Günther, dessen Werk ülockemeier „unentbehrlich" nennt, emanzipieren können und auf die wissenschaftliche Anthropologie hören. Damit ist auch die Frage geiöst, ob das Judentum seinen Gott und seinen Monotheismus jemals den andern Völkern vorenthalten habe, um allein das auserwählte, beherrschende zu sein. Immer stand der Zutritt zum Judentum und seiner Religion offen; er ist auch millionenfach vollzogen worden. Er vollzog sich von selbst, ohne besondere Missionstätigkeit. Nicht die Vermischimg mit Andersrassigen bekämpften Esra und Nehemia, sondern mit Andersgläubigen, mit Heiden. Diese allerdings waren den rechtgläubigen Juden ein Greuel vor Gott. Wer nicht nach dem Gesetz und der Gerechtigkeit Gottes lebte, erschien ihnen von vornherein als Heide, als Ungläubiger, als Barbar, als Mensch zweiter Güte, dem man mißtraute. Wer ein bißchen die Menschheitsgeschichte kennt und von altjüdischer Gerechtigkeit durchseelt ist — oder zumindest von moderner Objektivität — wird bei allen Völkern und Religionen Parallelen en masse finden. Man muß sie nur ehrlich suchen wollen. Und damit ist auch das Verständnis für jene Talmudstellen gegeben, die der Bergingenieur aus antisemitischen, antijüdischen, nicht immer sehr exakten oder renegatischen Quellen geschöpft hat und nicht aus wissenschaftlich-jüdischen. Es hätte solideren Eindruck gemacht, hätte er diese zitiert. Hier ist wirklich jedes Wort, jede Silbe, jede Nuance von Wichtigkeit, will man nicht absichtlich Verwirrung und Unrecht säen. Ein altes jüdisches Wort sagt mit Recht, daß im Talmud, jener vielhundertjährigen Sammlung von Rabbineraussprüchen, alles drinnen stehe und daß man für alles Belegstellen finden kann. Denn der Talmud ist kein Gesetzbuch, keine Norm, sondern ein Diskussionsbuch, das die Auslegungen des alten mosaischen Gesetzes für alle Lebenslagen versucht. Es gibt die Meinungen von Gelehrten wieder, ohne zu binden. Jedes Thema muß natürlich aus dem Zusammenhang begriffen werden und nicht durch Herausreißung aus dem Zusammen- Restaurant Stefanie -.: II., TaborstraB« 12 Hugo u. Julie Herlinger, geb. Zollner Bekannt gute Küche, gepflegte Getränke, aufmerksamste Bedienung, zeitgemäße Preise, reichhaltige billige Menüs, sowie alle Spezialitäten, schöner schattiger Gurten hang. Wenn z. B. ein Diskutant des Talmud meint, daß ein Kind im Leibe einer Sklavin oder Heidin („Nichtjüdin" ist eine falsche Uebersetzung) dem Vieh gieichzuhalten sei, so darf man erstens nicht vergessen, daß auch ein Jude, der das Sabbatgebot nicht hält, als „Vieh" bezeichnet wird und daß das Vieh im Judentum nicht als etwas Verächtliches, nur als etwas Minderwertiges betrachtet wird, dem gegenüber gleichfalls Humanität befohlen wird. Fügt man noch dazu, daß die Sprache des Orients überall übertreibend, blumig, aber kräftig ist, daß die Juden in jener Zeit — schon um ihrer Verfolgtheit willen — ein ausgesprochenes Ueberwertigkeitsgefühl angenommen hatten, daß sie jüdischen Glauben und jüdische Ethik für turmhoch gegenüber der der Heiden erachteten, so verliert das obige 'Talmudzitat jeden übertriebenen Sinn. Was würde aber erst Herr Glockemeier sagen, wenn er im Talmud entdecken würde, daß z. B. ein Jude, der vier Ellen weit geht, ohne die Hände zu waschen (vor dem Essen), des Todes würdig ist, daß einer, der vor dem Essen nicht betet, hingerichtet werden soll. Und (jf/ihtlfniÄ^Msi *ll MV VI VIII ▼ oiiiiiiiuuiiyiiiiiiuuuiuiyuiiiiiiuiiiiuiuiuiiiii Wien I., Seitenstettengasse 2 XI., Zentralfriedhof neben dem 1. Tor Samstag g—cfalo—al ebenso der, der den Sabbat entweiht, seihst nm durch Schreiben eines einzigen Wortes? Den Kennern der Religionsgeschiclite sind solche Uebertreibungen aus der Kindheitsepoche der Menscliheit nur allzu geläuiig. Sie finden sich bei allen Völkern. Zu allen Zeiten hat man sich über die andern erhoben, die andern jeder Untat für fähig erklärt, sie gefoltert, gehenkt, geopiert, verbrannt, gekreuzigt, gevierteilt, sich seihst abei als das Reinste und Edelste der Welt betrachtet. Alle alten Gesetzesbücher, religiösen Schriften, iiiquisitionstraktate, Weistünier, Dichtungen usw. sind voll von Grausamkeiten und Boshaitigkeiten, und voll von odysseischen Uebervorteilungen der Gegner, die nur da sind, um nach Nomadenvölkerart ausgeplündert zu werden. Wenn man ein Buch über solche Dinge schreibt, muß man dies wissen! Wieso sollten gerade die Juden, damals das bedrängteste, gemauertste aller Völker, von solchen Gedanken des Ressentiments, der Rache, der Selbstüberhebung irei sein? Unsinn aber ist es oder historische Verdrehung, diese Dingo in die Kämpfe der Gegenwart hereinspielen zu lassen, sie als Argumente für die Gegenwartspolitik heraufzuziehen. Macht jemand heute den Preußen einen Vorwurf, daß sie noch im 14. Jahrhundert Menschenopfer dargebracht haben? Den Deutschen, daß die germanischen Edelinge, so sie aut der Jagd froren, die kalten Füße im aufgeschnittenen Bauche eines Bauern wärmen durften? Und dann noch eines: ülockemeier hätte natürlich Gelegenheit, an hunderten von Stellen — und nicht im 'Talmud, der bloß Gesetzeskomnientar sein will, sondern im autoritativen Gesetze Mosis selbst — Humanität, Gerechtigkeitsgefühl, Ehrlichkeit, Sauberkeit, Menschenliebe, auch dem Fremden und Heiden gegenüber, zu finden. Stellen, die in ihrer einzigartigen, hoch über die Ethik jener Zeit erhabenen Menschlichkeit genau das Gegenteil von dem beweisen würden, was er gerne beweisen möchte. Für eine einsame und ruhige Stunde sei ihm im Augenblick nur das fünfte Buch Mosis, Kapitel 24, zur Lektüre empfohlen. Oder jene geradezu altchristliche Stelle des Talmuds, wo als einzig angemessene Eigenschaft und Würde des Juden und des jüdischen Volkes — die Armut genannt wird. (Fortsetzung folgt)