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Die Wahrheit · 1936-08-21 · Heft 35 (21.8.1936) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 35 (21.8.1936)
Date
1936-08-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 35 — >\. August 1936 DIE WAHRHEIT '•. t mt Pension Echslein Semmering Neu renoviert! des hohen amerikanischen Richters Dr. Mack einen Ehrenpräsidenten wählte. Die in diese Komitees hineingelangten Mitglieder der laut Kongreßbeschluß zu schaffenden „legitimen Gesamtrepräsentanz aller jüdischen Gemeinschaften der Welt" müssen ihre diplomatische Befähigung für die Rollen, die sie sich da gegenseitig zugeschanzt haben, erst erweisen. Die auf dem Kongreß selbst von ihnen abgelegten Proben sind indes nicht sehr vertrauenerweckend. Ein Beispiel hiefür ist die russische Frage, die einen unverhältnismäßig großen Raum in der Debatte einnahm. An sich war es gewiß eine sehr vernünftige Anregung, mit der Sowietregierung, die ja im Prinzip nicht antisemitisch ist, Verhandlungen anzuknüpfen. Wenn ein Schwacher bei einem Mächtigen etwas erreichen will, muß er selbstverständlich trachten, sich diesen günstig zu stimmen. Was tat der „Weltkongreß", um sich bei den Sowjetgewaltigen „einzuweinberln"? Antwort: Er schloß die kommunistischen Delegierten aus! Es ist natürlich verständlich, daß die meisten Juden vor dem Kommunismus nur Abscheu empfinden und daß auch der „Weltkongreß" diesem Abscheu Ausdruck verlieh- Paktieren doch die jüdischen Kommunisten mit den Arabern, die zum Dank dafür die Forderung nach Sperrung der jüdischen Einwanderung u. a. damit begründen, daß die Juden den Kommunismus ins Heilige Land bringen! Aber was wollte nun eigentlich der Kongreß von Rußland? Es wäre begreiflich, wenn er auf der Suche nach einem Einwanderungsland für verfolgte Juden auf das Riesenreich der Sowjetunion verfallen wäre. Es besteht kein Zweifel, daß dort noch genügend Lebensraum für ein paar Millionen Einwanderer bestünde, und zwar, was für die Juden besonders wichtig ist: speziell für Intellektuelle. Aber die hochweisen Politiker des Weltkongresses dachten gar nicht an die Ebnung der jüdischen Einwanderung nach Rußland, sondern an die Ermöglichung der Auswanderung der russischen Juden. Diese sollen die Erlaubnis erhalten, nach Palästina auszuwandern! Man greift sich an den Kopf und fragt: Wissen diese Jüdischnationalen nicht, wie katastrophal sich die von der Mandatmacht nur tropfenweise gestattete Einwanderung in die „Jüdische Heimstätte" schon jetzt für die heimatlos gewordenen Massen der deutschen Juden auswirkt? Haben sie noch nichts davon gehört, daß die arabischen Forderungen die jüdische Immigration überhaupt in Frage stellen? Wie wollen sie es angesichts dieser Tatsachen verantworten, noch weitere jüdische Massen, die nicht unter antisemitischem Druck stehen, dorthin in Bewegung zu setzen? Gewiß: In Rußland ist das religiöse Leben bedroht. Die jüdischen Kommunisten — nicht wie in Deutschland die Hakenkreuzler — haben Synagogen in Lesehallen verwandelt Aber gibt es überhaupt etwas Lächerlicheres als Jüdisch nationale in der Rolle religiöser Vorkämpfer? Herr Stricker, Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, ist auf dem Genfer „Weltkongreß" in Rage geraten, weil sich dort die religiös gesinnten Delegierten zusammenschließen wollten. Ergrimmt stellte er den Antrag, daß die Bildung von Fraktionen auf dem „Weltkongreß" verboten sein solle. Ausgerechnet Herr Stricker, der in Wien nicht nur die Verschärfung des Gegensatzes zwischen nationalen und nichtnationalen Juden auf dem Gewissen hat, sondern auch innerhalb des zionistischen Lagers als Spaltpilz gefürchtet ist, wettert in Genf gegen Fraktionsbildungen! Schade, daß die Delegierten aus anderen Ländern ihn zu wenig kannten, um den Humor der Situation zu erfassen, und statt aus Herzensgrund zu lachen, sich über die jüdischnationalen Machinationen, die den Kongreß beherrschten, weidlich ärgerten. Kein Wunder, daß die Nichtzionisten unter ihnen über diesen unerwünschten „Ausschnitt aus dem Luzerner Zionistenkongreß" (siehe oben!) wenig entzückt waren. Zu solchen inneren, aus der jüdischnationalen Mentalität keimenden Störungen gesellten sich Hemmungen von außen. Das Exekutivkomitee des „Weltkongresses" befaßte sich zu Beginn der Hauptaussprache mit einem Vorschlag, die D ebatte überhaupt abzubrechen, da eine Reihe Länderdelegationen infolge des seitens der diplomatischen Vertretungen der betreffenden Länder auf sie ausgeübten Druckes, nichts Ungünstiges zu berichten, sich in ihrer Berichterstattertätigkeit gehemmt fühlten. Die Exekutive kam zu dem Beschluß, die Generaldebatte dennoch fortzuführen, aber ihr einen allgemeinen (d. h. einen nichtssagenden) Charakter zu geben, so daß über die Lage der Juden in den betreffenden Ländern keine Sonderangaben erfolgten. Die Amerikaner, Franzosen und besonders die Italiener benützten den Anlaß, ihre tiefe Verbundenheit mit ihren Heimatländern zu betonen, und verlangten als Grundlage des auszuarbeitenden Kongreß-Statuts die absolute Enthaltung von jeder Einflußnahme auf die inner- BADtiAfTEM IHOTEL 9 ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang politischen Fragen der Juden Ii eiten der einzelnen Länder. Enttäuscht fragt die „Stimme", ob man eine Katze nicht Katze nennen werde. Das jüdischnationale Blatt möge sich trösten: Man wird eine Katze nicht Katze, dafür aber auch einen Katzenjammer nicht Katzenjammer nennen, sondern einen unvergleichlichen Triumph des Kongreßgedankens, den die Jüdischnationalen nun einmal zum Mausenbrauchen. 99i Hinte* den Jtuttssen der Olympiade. "Von imfornniexten feite. Die Berliner Olympiade ist vorüber. Für zwei Wochen ist die deutsche Reichshauptstadt ein Mittelpunkt gewesen, auf den die Augen der ganzen Welt gerichtet waren. Tausende von Fremden befanden sich in Berlin. Ausländer und Einheimische wanderten durch alle Stadtteile voll der Bewunderung über die Pracht, die sich ihnen zeigte. Sie staunten über die Vorbereitungen, bei denen nichts vergessen schien, und über die festliche Verwandlung der sonst so nüchternen Straßen .und Häuser. Sie freuten sich über die Höflichkeit und Liebenswürdigkeit aller Menschen, mit denen sie zu tun hatten. Sie sahen nur das Bühnenbild. Ja, den meisten von ihnen ist nicht einmal zum Bewußtsein gekommen, daß es nur ein Bühnenbild ist, dessen Kulissen nun abgeräumt werden. Von den kritischen Reden, mit denen die Bevölkerung aller Schichten das große Zaubertheater begleitete, ahnten die Fremden nichts. Die vielen Fremden, die des Deutschen nicht genügend kundig sind, beachteten auch kaum gewisse rot und braun angestrichene schöne Schaukasten. Die sonst so treffliche Regie hat sich hier nicht ganz bewährt. Denn der „Stürmer" befand sich auch während der Olympiade noch in den vielen Aushangkasten, die über ganz Berlin verbreitet sind. Und im Stadtbad Gartenstraße, dem größten Hallenschwimmbad Berlins, fand sich ebenfalls während der Olympiade ein Schild mit den Worten „J uden sind hier unerwünscht". In Bayern hat dagegen die politische Polizei allen Gemeinde- und Kurortverwaltungen die Anweisung gegeben, bis zum Beginn der Olympiade für die Beseitigung sämtlicher judenieindlicher Schilder zu sorgen. Auch sonst hat man alles versucht, um den dunklen Hintergrund zu verbergen. So hat 4er Deutsche Gastwirt verband an alle seine Mitglieder ein Rundschreiben gerichtet, in dem noch einmal darauf hingewiesen wird, daß äußerste Höflichkeit jedem Gaste gegenüber Pflicht sei. Eine Judenfrage dürfe es während der Olympiade nicht geben. Dieser Grundsatz müsse allen Angestellten eingeschärft werden, denn man könne nie wissen, ob ein Gast Ausländer sei oder nicht. Für alle SS-Männer wurde eine gedruckte Instruktion herausgegeben, die in Frage- und Antwortform feststellt, welche Antworten auf die Fragen der ausländischen Gäste gegeben werden dürfen. So wurde vorgeschrieben, auf Fragen nach der Behandlung der Juden darauf hinzuweisen, daß man lediglich „den übermächtigen Einfluß der Juden im politischen und kulturellen Leben zurückgedrängt" habe, jedoch den Juden im beruflichen und gewerblichen Leben „alle Freiheit gelassen" habe. Jene Fremden, die als aktive Sportler nach Berlin kamen, wurden von den jungen Leuten des QjympiadienstejS durch Berlin geführt Sie waren angewiesen, ihnen auf dem Kurfürstendamm zu zeigen, wie in den Vorgärten des Cafes gut ge? kleidete Juden in Ruhe und Frieden ihren Kaffee trinken. Daß vor einem jähr hier Steine geflogen sind, und wenn es propagandistisch erwünscht sein sollte, binnen einer halben Stunde wieder fliegen können, davon wurde ihnen nichts gesagt. Auch von den mehr als 75.000 Betreuten der jüdischen Winterhilfe, deren Scharen weit zahlreicher sind als die einer noch vorhandenen kleinen Oberschicht wohlhabender Juden, sagte ihnen niemand etwas. Nur sie werden bestätigen können, wie recht der Berliner Korrespondent der „Times", London, hatte, als er in seinem Olympia-Artikel vom 18. Juli auf die wirklichen Vorgänge hinwies, die sich hinter prächtigen Kulissen vollziehen. Er sprach davon, daß sich diese glanzvollen Olympischen Spiele vor einem „sehr häßlichen Hintergrund" („a very ugly background") abspielen werden. Von keiner der vielen Erscheinungen hinter den Olympischen Festen, die im Dritten Reich heute gefeiert werden, gilt dies so wie von der .1 u d e n f r a g e. Es ist äußerlich ruhig in der Judenfrage in Deutschland geworden. Die Zurückhaltung, die die nationalsozialistischen Regierungs¬ und Parteistellen sich nach außen hin in der Judenfrage auferlegen, war nicht nur durch die Olympiade bedingt, sondern entspringt auch den Rücksichten auf die allgemeine politische Lage und auf die öffentliche Meinung wichtiger Länder, insbesondere Englands und Italiens. Das Wiederaufleben der Parteipropaganda mit dem Parteitagim September aber wird sicher auch eine Belebung der antisemitischen Propaganda bringen. Der Apparat der Partei ist so ausgebaut und die Methoden sind so erprobt, daß die „kochende Volksseele" jederzeit in kürzester Frist ihre Pflicht tun kann. Insbesondere wird der Prozeß gegen Frankfurter, der im Herbst stattfinden wird, von den deutschen Juden mit größter Sorge betrachtet. Aber es muß immer wieder darauf hingewiesen werden, daß die laute Propaganda und der Terror der Straße nicht das Entscheidende und Gefährlichste isind. Gefährlicher und wirksamer ist der stille Vernichtungskampf, der mit immer verfeinerteren Methoden zur Untergrabung der wirtschaftlichen Existenz der Juden in Deutschland geführt wird. Ueber ihn gibt es nicht viel zu berichten. Er gibt keinen Stoff für sensationelle Nachrichten. Hunderte von Menschen, die in aller Stille aus einem Beruf nach dem anderen herausgeworfen werden, machen nicht viel Lärm. Viel weniger jedenfalls als eine zerbrochene Fensterscheibe. Aber die jüdischen Wohlfahrtsämter, die Auswanderberatungsstellen spüren den Erfolg dieses unterirdischen Kampfes in erschreckend anwachsenden Zahlen. Leopoldstädler Tempelverein „AESCHEL AWROHOM« Bei den Trauungen in unserem Gotteshause werden von den amtierenden Mitgliedern des Vorstandes Spenden zur Vermehrung des Brautausctattungsfonds. aus dem arme und ehrbare Brautpaare unterstützt werden, gesammelt. Diese Stipendien werden am 1. Selichottage. als Erinnerung an die Einweihung unserer Synagoge, flüssig gemacht. Es werden daher auch im heurigen Jahre arme, würdige und ehrbare Brautpaare im Selichottage (13. Septemberl mit dem Stipendiumbetrage beteilt, wobei denselben eine sehr würdige Gratistrauung geboten wird. Diesbezügliche Gesuche sind rechtzeitig an den TempeVrorstand. |f.'. Päzmahitengasse "6. zu richten. Für den Vorstand: .... . Aw 5696 Oikar Sdiramek, Wien, im flugusy jo30 --- Obmann.

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