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Die Wahrheit · 1936-08-14 · Heft 34 (14.8.1936) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 34 (14.8.1936)
Date
1936-08-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 34 — 14. August 1936 Seite 3 Außerstande, für die zalrireichen Teilnahrnsb&weise und Trostesworte der Freunde, Verwandten und Bekannten von Nah und Fern anläßlich des Hinganges meines Gatten, unseres Familienoberhauptjes Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang einzeln zu danken, bitte ich, gemeinsam mit meinen Kindern, hiermit aus tiefstem Herzen unseren Dank zum Ausdruck bringen zu dürfen. Mit besonderer Dankbarkeit möchte ich des Trostes gedenken, der mir durch die Anteilnahme des Präsidiums und der Rabbinen der israelitischen Kultu§gemeinde. sowie der p. t. Vereine und Körperschaften in unserer Trauer gewährt wurde. Frau Jeanette Feucbtwang-Dünner Familie Hulda Pollitzer, geb. Feuchtwang Wilhelm Feuchtwang und Frau Dr. Benno Feuchtwang und Familie Erika Davids (Farn. Ob.Rabb. Dr. A. B. N. Davids) Henriette Feuchtwanger (Farn. Dr. H. Feuchtwanger) Wiener Frauen- und Jugendwelt, sowohl bei Christen als Juden, dem äußerlich gefälligen und trefflich illustrierten Buche auch in diesem Gewände größte Verbreitung sicher ist. Dies um so mehr, als sich unwillkürlich bei dem Verfasser das Bild des Wiener Judentums zu einem Bild Wiener Gesamtgeschichte erweitert hat Für sein Thema bringt der Verfasser drei Eigenschaften mit, die säeh selten in gleicher Vereinigung finden: als Rabbiner, Philologe und Theologe die genaue Kenntnis des mittelalterlich-jüdischen Gelehrten rums in Wien, das nicht minder führend war als das Mannheimers und Jellinek; zweitens, was schon in seinier Oppenheimer-Biographie auffallen mußte, eine erschöpfende Kenntnis und Darstellungskunst nationalökonomischer Belange und kommerzSeäler Beziehungen; drittens, sein feines ästhetisches Empfinden für alle bildenden und musischen Künste. So konnte Grunwald dem Juden als Kaufmann, als Schriftsteller, als Schauspieler und Musiker, als Journalisten, als Politiker gleich gerecht werden* Er führt uns durch das Mittelalter, das für die Wiener Juden bis zu Josef H. reicht, eine finstere Nacht, in der selten Sterne, wie vor aOIem Friedrich der Streitbare, Kaiser Friedrich IV. und Ferdinand II. für die Juden leuchten, in die Stuben der Wiener Gaonim, in die Kontors der Finanzmänner, die schon unter den Babenbersern und ersten Habsburgern Wien zu einer Weltmetropole des Handels und zur ersten Münzstätte von Europa machen. Ueber die Greuel von 1422 und die zweite Austreibung von 1682, der vorurteilslos geschilderte Vorgänge in der Gemeindestube vorausgehen, die einigermaßen an die Zerrissenheit von heute erinnern, kommen wir zu Oppenheimer und W e r t h e i m, die, was noch immer von christlicher Seite, z. B. bei dien vielen letzten Prinz-Eugeu-Feiern verschleiert wird. Europa vor der Türkennot und Deutschland vor der Franzosennot gerettet haben und zu dem großen Sephairden A g u i 1 a r, den Oesterreich eine seiner stärksten EinnanrnsqueEen, das Tabakmcmopol, verdankt, bis zur Zeit Josef II. In breitem Strom ergießt sich nun die bildung auch der vorschriftsmäßig gelernten Handwerker muß außerdem für ein Kolonialland auf möglichst breiter Basis erfolgen und darf nicht zu stark rachlich spezialisiert sein. In geistiger Beziehung ist die Einordnung nicht ganz einfach. Zuwanderer, die aus einem so stark intellektueller, Milieu kommen wie aus Deutschland, werden in jedem jungen Lande die ihnen gewohnte Form -»»»s geistigen Lebens vermissen. Und soweit ein solches vorhanden ist, werden sie sich der herrschenden Mentalität einzufügen versuchen müssen. Man darf als geistiger Arbeiter nicht glauben, man könne dem Publikum seine Denkweise aufzwingen, sondern man muß oich zunächst dem geistigen Gesetz des Landes fügen. Und ebenso ist es im gesellschaftlichen Lebea Wir können von Europa aus leicht die Oberflächlichkeit der Gesellschaftsformen eines solchen Landes kritisieren. Aber wir müssen, wenn wir dort leben, uns den herrschenden Bedingungen auch in dieser Beziehung zunächst unterordnen. Ob die eine oder andere dazu wirklich berufene Persönlichkeit einmal den Anstoß zu einer Neuentwicklung geben wird, bleibe dahingestellt. Vielleicht wird das — das dürfte ohne Ueberhebl'ichkeit gesagt werden — eine der Aufgaben sein, die die Juden aus Deutschland bei ihrer Zerstreuung über die Welt jetzt zu erfüllen haben. Die Juden Südafrikas sind religiös. Wer als Jude dort hinkommt, findet im Religiösen dort Anlehnung und Rückhalt. Auch für eine Wissenschaft des Judentums, wie sie in Deutschland geschahen wurde, wird dort ein guter Coden sein. Aber solch spezh'isch geistiges Leben darf nicht zur Aussonderung der Juden dort führen. Die ansässigen Juden leben in gesellschaftlicher Beziehung vielleicht isplierter, als wir es gewohnt waren und als es wünschenswert ist Denn der Sinn der Diaspora liegt ja für uns nicht in derri Nebeneinander der Juden und der Nichtjuden, -sondern in dem Miteinander. Deshalb wünschen wir, daß die zuwandernden Juden nicht Darstellung in der Schilderung der Kongreß- und Rothschildzejt, zu der den norddeutschen Verfasser eine Fülle von norddeutscher Tradition und Archivalien zur Verfügung stand. Interessant ist die wenig bekannte Tatsache, daß seit Josef II,, lange vor der Emanzipation, zahlreiche Soldaten und Offiziere jüdischen Glaubens oder Abstammung mit Tapferkeit und Auszeichnung im Heere dienten. Ausgezeichnet ist die Schilderung des Jahres 1848, wozu dem Verfasser wphl Material des Dr. Klotz zur Verfügung stand, des intimen Freundes von Adolf Fischhof. Hätte map dessen Maxime Restaurant Stefanie "l£b II., TaborstraB« 12 Hugo Um Julie Herlinger, geb. Zollner Begannt gute Küche, gepflegte Geträn ke, aufmerksamste Bedienung, zeitgemäße Preise, reichhaltige billige Menüs, sowie alle Spezialitäten, schöner schattiger Garten befolgt wäre wphl Oesterreich nicht zerfallen. Es folgt die Glanzzeit unter Franz Josef mit ihrer Tätigkeft der Juden in Politik, Finanz, Handel, Kunst, Literatur, Journalistik, Theater, Technik,, PijiUolpgie, Jus und Medizin. Kaum ein Name, kaum ein Verdienst ist dem Autor entgangen und in der Zeit der Rassenvergottung nennt er auch die großen Verdienste der Abgefallenen oder wider ihren Willen als Kinder Getauften (angefangen von; Josef von Sonnenfels). Selbst Kundige werden unter Letzteren Namen finden, deren jüdischer Ursprung ihnen überraschend sein wird.*) Wenn manch- *) Es scheint mir beachtenswert, einen kleinen Irrtum zu korrigieren, Eduard rlanslick war Vollblutarier. Es waren also drei .Arier, die den zwei musikalischen Genies Bruckner und Wagner in Oesterreich so gehässig und erfolghemmend entgegenstanden. in einem mehr oder weniger freiwilligen Ghetto in den Großstädten Südalrikas lebten, sondern daß sie auch in geistigen und gesellschaftlichen Austausch mit der anderen weißen Bevölkerung, mit der englischen und mit der burischen, treten. Es ist aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten im Augenblick eine zu starke Konzentration der jüdischen Zuwanderer vor allem in Johannesburg zu beobachten. Aus den kulturellen Gesichtspunkten und aus der wohlverstandenen Rücksicht auf die notwendige struktuelie Einordnung wäre ihre Verteilung auf die anderen Bezirke und die anderen Städte des Landes notwendig. Das ist nicht immer ganz einfach. Es verlang* von ddn Einwanderern, neben ihrem individuellen Interesse immer daran zu denken, daß sie Juden sind. Dieser Tatsache müssen sie' sich m jedem Augenblick bewußt sein, in ihren grundsätzlichsten Lebensentschcidungen wie in jeder Stunde de3 Alltags. Denn jeder von ihnen trägt eine Verantwortung dafür, wie die Wik über die Juden schlechthin denkt Es wäre vielleicht nötig, einen Knigge , für Auswanderer zu schreiben — aber auch einen Knigge für die ansässigen Juden, db an die Zuwanderer mit Maßstäben der Haltung herangehen, die sie selbst nicht in allen Stadien ihres Lebens erfüllt haben. '3a kommen zum Beispiel junge Kaufleute und meinen, sie'müßten den Ansässigen gegenüber behaupten, sie Mtten schon eine große kaufmännische Position in Deutschland innegehabt „Soviel Rayonchefs kann Tietz niemals. gehabt haben, wie hier schon hergekommen sind", sagenmir die Komites. Und dann enttäuschten die jungen Leute ihre Arbeitgeber, und gleich heißt es in gefährlicher Verallgemeinerung, die Jungens können ja nichts. . Aber was wollen die. Jungens machen! Wenn sie sagen, daß sie erst Anfänger waren, dann finden sie entweder überhaupt keine Stellung öder man drückt das an sich schon niedrige Anfangsgehalt um noch etliche Pfunde herab. Es gehört auf beiden .Teilen sehr viel Aufrichtigkeit, sehr viel guter Wille dazu. Die Einwanderer dürfen niemals vermal, wie etwa bei Sonnenthal, mir die Farben etwas zu dick aufgetragen scheinen, so entspricht dies dem Geschmack des amerikanischen PubUkums. Richtig wurde die Bedeutung Wiens für den amerikanischen, ja den Weltjuden erkannt was die Erscheinung des Buches in einer Weltsprache rechtfertigt. Wien wird für immer für das Geaintjudentum d!e Stadt Mannheim e rs-S u i z e rs-J ei 1 i nek s (d. h. eines modernisierten, aber traditionstreuen Gottesdienstes), Doktor Blochs (Vernichtung der RitualmpTdlüge) und Theodor Herzls ('des Zionismus) bleiben. Die Geschichte des Seitenstettentempels und der Wiener Kultusgemeinde vom Beginn bis in die Neünzigerjahre ist aktenmäßig und mit seltener Offenheit geschildert, ebenso das allmähliche Aufsteigen und Anwachsen des Antisemitismus, dessen geheimsten Quellen mit einer Gründlichkeit und Vorurteilslosigkeit nachgegangen wird, die jedem Christen zur Ehre gereichen würden. So wird dieses Buch ein dauerndes Dokument des WieneT Judentums bleiben. Es ist beachtenswert, daß der Verfasser, der durch ein Tränenmeer waten mußte, mit dem hoffnungsvollen Satz schließen konnte, daß den Wiener Juden zuerst Duldung, dann Gleichberechtigung zuteil wurde; die Zukunft möge ihnen eine Fülle von Liebe und Humanität seitens ihrer Staatsgenosscn bringen. Das walte trotz der schweren Gegenwart die Vorsehung! C. 13. Frankfurters Vorläufer. Erwin Kern und) Hermann, Fischer, die Mörder Walter Rathenaus, denemi im Dritten Reich bereits mehrere Denkmäler gesetzt worden sind, wurden kürzlich durch eine neue Ehrung ausgezeichnet. Der Reichsarbeitsfühner, Staatssekretär Jijerl — bekanntlich Mitglied der Reichsregicrung — hat den Reichsdienstabteilungen in Bad Schmiedeberg und Doberschütz die Namen „Erwin Kern" und „Hermann Fischer" verliehen. Diese Verherrlichung politischer Mörder kommt gerade zu rechter Zeit: vor dem Prozeß gegen David Frankfurter. Die schweizerischen Richter werden röcht urnhiku können, sich auch mit dem nationalsozialistischen Vorbildern und Vorläufern Frankfurters zu befassen. Wie aus Chur amtlich berichtet wird, wird sich die Anklagekammer frühestens im September zu einer Sitzung versammeln, tun festzustellen, o{> die Anklage gegen den Attentäter von Davos, David Frankfurter, aufrechterhalten werden kann. Diese Feststellung kann erst gemacht werden, nachdem die Anklagekammer das Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen über den Geisteszustand Frankfurters erhalten haben wird, was voraussichtlich erst im September der Fall sein kann. gessen, daß die Ansässigen nicht auf sie gewartet haben, und die Ansässigen sollten nicht vergessen, daß sie Menschen vor sich sehen, die allein schon durch die Loslösung aus ihrem gewohnten Lebenskreise eine starke seelische Erschütterung durchgemacht haben. Und die Ansässigen sollten auch verstehen, daß Menschen, die aus Deutschland kommen, einen anderen Begriff von der „Wohlfahrt" haben, als sie ihn dort im. Land vorfinden. Sie wollen nicht allein Objekt einer zwar dankenswerten, aber für den Betroffenen nicht immer angenehmen „Charity" sein, sondern man sollte sie besser zu einer Selbsthilfe mit heranziehen, um ihre Gesamtverantwortung zu stützen. Dann würden sich die Einwanderer auch für das Wohl der nach ihnen Kommenden mitverantwortlich fühlen und ihnen helfen. Ueber Etwas beklagen sich die ansässigen Juden wohl mit Recht: über eine gewisse Phantasielosigkeit der jungen Einwanderer, die meistens nur sehr ausgetretene Wege gegangen sind und nicht die Schwungkraft zum Abenteuer in sich haben. In der C.-V.-Zeitung. wurde vor einem Jahr eine Unterhaltung mit Max M. War bürg wiedergegeben. Dieser gute Kenner der Notwendigkeiten einer vernünftigen Auswanderung und Kolonisation sagte mir damals: „Es gehört zu jeder Auswanderung ein Stück Abenteurergeist" Und er fügte hinzu: „Das Gelingen hängt meistens von der Frau ab. Sie muß sich umstellen und überall in Haus und Beruf zugreifen könnea" ßiie Frauen haben in den letzten Jahren bei der großen sozialen Umschichtung im. Judentum in Deutschland bewiesen, daß sie diese Fähigkeit haben, und in Südafrika wurde mir bestätigt, daß die Frauen sich im allgemeinen weit besser in die neuen Verhältnisse eingefügt hätten als die Mähner. In Südafrika gibt es mehr Männer als Frauen. Die Aussichten für Frauen sind ini Augenblick dort sicherlich größer als für Männer.. Sie konnten dazu berufen sein, ein Stück jener Diaspora-Kultur nach Südafrika zu verpflanzen, die sie in. ihrer Jugend in Deutschland als tiefste Bereicherung ihres Wesens, empfunden haben

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