Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 33 (7.8.1936)
- Date
- 1936-08-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 — 7. August 1936 DIE WAHRHEIT Riesenblamagen des Rassenfimmels. Die Wiener Nazi als — Juden diagnostiziert. — „Untermenschen" als olympische Sieger. Die erste olympische Siegesmedaäle für Oesterreich auf sportlichem Gebiet hat der Jude Robert Fein als Stemmer erkämpft. Er hat ebenso wie der ägyptische Sieger 342,5 kg gestemmt, und nur der Umstand, daß der Afrikaner um 10 Dekagramm weniger Körpergewicht besitzt, verhalf diesem zur goldenen Medaille, während sich der österreichische Jude mit der silbernen Medaille begnügen muß. Erst hinter diesen beiden Vertretern „minderwertiger" Rassen landeten reichsdeutsche Repräsentanten der „germanischen Edelrasse" mit 327,5 kg an dritter, bzw. 322,5 kg an vierter Stelle. Die Berliner Olympiade entpuppt sich also als eine recht artige Probe aufs Exempd des nationalsozialistischen Rassenfimmds! Die Herren des Dritten Reiches haben sich mit der von ihnen so liebevoll und eifrig organisierten Veranstaltung eine schöne Suppe eingebrockt: Ihre grimmigsten Feinde hätten den Gegensatz zwischen der Theorie des Hakenkreuzes und der Praxis des realen Lebens nicht beweiskräftiger der Welt ad oculos demonstrieren können. Es scheint, daß die Wiener Nazi diesen bösen Hereinfall! besser vorausgesehen haben als Mine Gesinnungsgenossen im judenarmera Deutschland und daß sie d e s h a 1 b ihren verstandesmäßig sonst unerklärlichen Vorstoß gegen den Olympia- Festzug auf der Ringstraße unternahmen, indem sä© „Juda verrecke!" brüllten und die jüdischen Sportier bespien. Anstatt aber dem Uebel dadurch vorzubeugen, haben sie es im Gegenteil noch verdoppelt Denn an ihnen selbst hat die nationalsozialistische Rassendiagnose eine zwerchfellerschütternde Blamage erlebt. Den Machthabern des Dritten Reiches, die jetzt zugunsten des olympischen Fremdenverkehrs in Duldsamkeit und Gastfreundschaft machen, kam nämlich der Vorstoß ihrer Wiener Parteigenossen sehr ungelegen und wurde von ihnen peinlich empfunden. Auf peinliche Empfindungen von Nationalsozialisten schnappt aber automatisch die Diagnose ein: „An allem Unglück ist der Jud' schuld." Und so kam es, daß das amtliche deutsche Nachrichtenbüro in bezug auf die Wiener Vorfälle zu melden wußte: „Die Demonstrationen trugen typisch marxistischen Charakter. Zur Tarnung wurde von den Anführern der Demonstration, die schon nach ihrem Aussehen j ü d i s c h - marxistischen Kreisen angehören dürften, auch (!) nationalsozialistische Kampfrufe ausgestoßen." Die reichsdeutschen Leser mögen bei dieser Lektüre von tiefster Ehrfurcht vor den Finessen ihrer Rassengelehrten, die bereits nicht nur die Rassetaeigentümlichkeiten der Juden im allgemeinen, sondern auch schon die besonderen der jüdischen Marxisten fein heraus haben, geschüttelt worden sein. In Oesterreich war aber dieser Eindruck nicht zu erzielen. Der „Heimatschützler", also gewiß kein Judenschutzorgan, deutet die zitierte Verlautbarung als einen Ausdruck der „Verlegenheit", was wohl auf einem Druckfehler beruht Die unzähligen Heimwehrleute, die Augenzeugen der Demonstration gewesen sind, werden sich jedoch ebensowenig vom deutschen Nachrichtenbureau ein x für ein u wie von ihrem eigenen Organ ein e für ein o vormachen haben lassen ... Und auch die Leser der ,,Neuejn Freien Presse" dürften sich über die Leisetreterei ihres Blattes wundern, das die Deklarierung der antisemitischen Exzedenten als „Juden" mit widerlicher Servilität bloß als einen „deutlichen Trennungsstrich zwischen dem Nationalsozialismus und jenen Elementen, die in Wien gröblich gegen den olympischen Geist verstoßen haben", qualifiziert Mehr Glück haben die reichsdeutschen Rassenkundler mit eänem Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Dafür, daß sie ihre vorlauten Wiener Parteigenossen kurzweg zu Jud'ew ernannten, wollen sie die jüdischen Olympiasieger stillschweigend als Arier gelten lassen. Sie haben, wie wir schon berichteten, den jüdischen Blättern im Dritten Reiche verboten, über die Beziehungen der Juden zur täte Pension Eckstein Semmering Neu renoviert! Olympiade zu schreiben, und was die deutsche Presse aus Zwang verschweigen muß, das verheimlichen die Tageszeitungen außerhalb Deutschlands freiwillig. Es ist geradezu rührend, wie gewisse ösiferreilchi5ch.e Organe, die aus der großen Masse der Gesetzesübertreter die Juden als solche zu kennzeichnen nie vergessen, jetzt den Juden Robert Fein ganz schlicht als Oester reich er feiern, seine Abstammung aber mit einer ihnen sonst ganz ungewohnten Diskretion unerwähnt lassen. Ihnen fällt dies immerhin leichter als den jüdischnationaleni Blättern die tragikomische Abwälzung ihrer vor kurzem noch von ihnen gefeierten Sportkoryphäen, die sich über das Makkabi- Verbot in Berlin zu starten, hinweggesetzt haben. Die „Stimme" behilft sich dabei mit einem wahren Ei des Kolumbus. Sie meldete schlicht und einfach: „Kein Makkabi startet in Berlin!" Die Leser, die daraus den Schluß zogen, daß sich die jüdischnationalen Sportler im letzten Moment doch noch auf ihre jüdische Würde und ihre sportliche Disziplin besannen, erfuhren zu ihrer Enttäuschung bloß, daß gewisse Hakoahner zwar an der Olympiade teilnehmen, sich aber vorher bei der Hakoah abgemeldet haben, wobei noch die Frage offen ge- BASTEI HOTEL 9 ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang lassen wurde, ob diese Abmeldung freiwillig oder unfreiwillig erfolgte! Besonders pikant sind die Enthüllungen der „Stimme" über die Läuferin Grete Neumann, die übrigens in Berlin schon in der Vorrunde ruhmlos ausscheiden mußte. Dieser Hakoah-Star wurde nämlich, wie sich jetzt herausstellt, gleich nach der Gebunt getauft iffld später konfessionslos. Wenn so etwas bei einem Assimilanten -Verein vorgekommen wäre ... Man stelle sich bloß vor, was für einen Entrüstungssfurm dies bei den Jüdischnationalen hervorgerufen hätte! So aber meldet die „Stimme" ganz phlegmatisch, daß die Mitgliedschaft dar Grete Neumann bei der Hakoah durch diese Entdeckung automatisch erloschen sei. Die Situation sei also klar: „Es ist letzten Endes der Beschluß des österreichischen Kreises des Makkabi-Weltverbandes verwirklicht, denn es startet tatsächlich kein Makkabi bej den Olympischen Spielen in Berlin." So einfach, wie die „Stimme" da glauben machen will, ist aber die Sachlage keineswegs. Die ganze jüdische Sportbewegung wäre — was sie in Wirklichkeit nicht ist — eine Farce, wäre die Beteiligung an ihr bloß durch die Formalität des Besitzes oder Verlustes der Mitgliedskarte begrenzt. Die Beziehungen zwischen einem Sportklub und seinen Mitgliedern, deren Talente er zu wecken und in mühevoller Erziehungsarbeit bis zur Olympia-Reife zu vervollkommnen trachtet, reichen doch viel tiefer ins Seelische und darauf stützt sich der bis auf die olympischen Spiele des Altertums zurückreichende Ehrgeiz, die sportliche Pädagogik über das rein Leibliche; hinaus ins Geistige und Charakterologische auszudehnen. Wie sehr gerade die jüdischnationale Sportbewegung von diesem Ehrgeiz getragen ist, zeigte auch die „berühmte" Budgetrede des Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde Dr. Ehrlich, die in1 einem Panegyrikus auf die Charakterbildung der jüdischen Jugend in den „nationalen" Sportvereinen gipfelte. Dr. Ehrlich hätte sicherlich bescheidenere Töne angeschlagen, wenn er damals das teilweise Versagen des Makkabä-Appells an die jüdische Ehre, mit der ein Start in Berlin unvereinbar sei, geahnt hätte. So hat er sich mit seiner Rede bloß blamiert. In einem soeben erschienenen, von der „Reichspost" wohlwollend besprochenen Buche äußert sich ein Georg Glockemeier „Zur Wiener Judenfrage". Als für den jüdischen Erfolg verantwortliche Eigenschaften bezeichnet der Autor: „Frechheit, Sprachbeherrschung und das Vorwiegen des Intellekts." Es mag ihm als tfeuitteton. Südafrikanische Impressionen. rv. Reiseberichte Mai—Juli 1936. Von Dr. Margarete Edel he im, Berlin. Die Arbeitsplätze, die zur Auswahl stehen, sind infolge der schon geschilderten Reservate für die Schwarzen von vornlierein nur die sozial gehobeneren in jedem Wirtschaftszweig. (Trotzdem sind due Anfangsgehälter sehr niedrig.) Die mit Geld kamen, haben sich vielfach Geschäfte aufgemacht oder sich beteiligt So gibt es ein Photogeschäft, LebensmitteUäden, Mittagstische, ■Boardinghäuser, Kosmetische Salons u. a. m. Zahlreiche Handelsvertreter hatten sich Verbindungen aus Europa mitgebracht und konnten damit eine Existenz gründen, wenngleich nicht verkannt werden darf, daß ein starker Wille im Lande existiert, den Import europäischer Ware durch Selbstherstellutig abzulösen und daß vor allem im Augenblick der Import von lapanware aller Gattungen die europäischen Waren vom afrikanischen Markt immer mehr verjdiüugt {Linigen anderen ist .es gelungen, in die größere Industrie Eingang zu finden oder eine kleine Fabrikation selbst zu beginnen. Aber das sind Einzelfänger ohne symptomatische Bedeutung. Die große Masse hat als kaufmännische Angestellte in den zahlreichen Bazaren und Stores in den Städten und auf -dem Lande Unterkunft gefunden. Auch junge Mädchen und Frauen sind im Handel untergekommen. Sie haben Chancen in Büros und hinter dem Ladentisch, sofern sie die englische Sprache, englische Stenographie und Schreibmaschine wirklich beherrschen — aber wirklicli Handwerk und geistige Berufe. Viel günstiger sieht es natürlich für handwerkliche Berufe aus. Ich hatte Gelegenheit, führende Mitglieder der Komites, Parlamentsmitglieder, den Präsidenten des Jewish board of deputies und Führerinnen der Frauenvereine in Johannesburg und Kapstadt zu sprechen und traf dort duch den Vizepräsidenten der „Ort", Dr. A. Singalowsk:, der zurzeit in Südafrika Vorbereitungen für eine handwerkliche und vielleicht auch landwirtschaftliche Schulung der Juden trifft. Es ist selbstverständlich, daß sein Interesse auch den zugewanderten Juden aus Deutschland gilt, und er hat Verbindung mit den Gewerkschaften aufgenommen, um mit ihnen zusammen festzustellen, welche Industriezweige qualifizierte Handwerker brauchen können. Da ist vor allem das Baugewerbe mit seinen vielen Nebenzweigen. Denn in Kapstadt wie vor allem in Johannesburg wird in rasendem Tempo gebaut Die Häuser in der City von Johannesburg schießen in wenigen Monaten bis zu 20 Stock hoch aus dem Boden, die Hotels stocken jetzt für die große Ausstellung auf oder bauen neu; aber auch über diese einmalige Gelegenheit hinaus wird das Baugewerbe auf Jahre hinaiis beschäftigt sein, wenn die Prosperity, wie anzunehmen ist, anhält. Denn die Südafrikaner haben nicht die Seßhaftigkeit des Europäers. Immeriort wechseln sie ihre Häuser, ihre Wohnungen. Da geht einer auf längere Zeit nach Europa; .vorher verkauft er alles — täglich sieht man Möbelauktionen — und er baut sich ein neues Haus, wenn er zurückkömmt. Oder es macht einer einen besonders großen Börsengewinn. Schon kauft er sich ein Grundstück in Westkliff oder Sachsenwald oder sonst einem der schönen baumbestandenen Vororte von Johannesburg, die mit ihren natürlichen Steingärten und üppigen Blütenbäumen selbst jetzt im südafrikanischen Herbst das Auge jedes Europäers entzücken müssen. So sieht man denn dicht neben der Unzahl gleichförmiger altmodischer Famlflienhäuser Glashäuser, die von Mies van der Rohe oder von Corbusier erbaut sein könnten, und moderne Etagenhäuser, die an Komfort und Mietpreis nicht zu überbieten sind. (In einem der neuesten Mietshäuser neben dem herrlichen Country-Club kostet eine 4 K—Zimmerwohnung 35 Pfund monatlich.) Dieser häufige Wohnungswechsel ist — und das ist das Beste daran — ein Stück praktische Arbeitsbeschaffung, an der natürlich die Grundstücksbesitzer — meistens waren ies Farmen dicht vor der Stadt, die nun parzelliert werden — aber auch .die Architekten, die Bau- und Möbelhandwerker und letzten Endes auch der Handel großen Anteil Aaben. Noch werden die meisten Möbel importiert Deshalb bieten sich hier noch Möglichkeiten für einige sehr gute Möbeltischler. Aber auch das Druckereigewerbe braucht gute Drucker, die Industrien, die ja meist erst in der «Entwicklung sind, suchen Mechaniker und Ingenieure^In einem Artikel des Cape Argus: „Ingeneers wanted" wurde kürzlich ein Interview' mit Professor Snape von der technischen Abteilung der Universität Kapstadt wiedergegeben, in dem behauptet wird, sogar öffentliche Arbeiten hätten eingestellt werden müssen, weil es an ausgebildeten Ingenieuren fehle. Auoh für alle anderen Zweige des Handwerks ist Bedarf. In den Zeitungen werden Friseure und Friseusen, gute Schneider und gelernte Metzger gesucht. M&ßschuhmacher gSbt es, wie man mir sagte, überhaupt