Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 32 (31.7.1936)
- Date
- 1936-07-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 32 — 31. Juli 1936 Seile 3 Restaurant Stefanie TdO II., Taborstraße 12 Hugo u. Julie Herlinger, geb. Zellner Bekannt gute Küche, gepflegte Getränke, aufmerksamste Bedienung, zeitgemäße Preise, reichhaltige billige Menüs, sowie alle Spezialitäten, schöner schattiger Garten die vom Schlafe benommenen Menschen zu wecken, beschließt der Jude Steian Lux, ehemaliger Kriegsteilnehmer, Freiwilliger des Weltkrieges, der vom Kriege her noch eine Kugel in der Brust trug, in voller Ueberlegung und kaltblütig, sich mit eigener Hand zu opfern, um damit an das Gewissen des Völkerbundes zu appellieren, der die Stimme des Schwachen ersticken läßt. Wir Juden, denen die Religion verbietet, ihr Blut zu vergießen, wir verstehen ihn gut und bewundern ihn. Das ist eine symbolische Geste, die voll ist von Größe und Noblesse. Als ich ihn im Spital besuchte, wo er sterbend lag, sagte er mir mit einer überlegenen Klarheit und Ruhe: „Ich weiß, daß ich nur mehr wenige Augenblicke zu leben habe. Helfen Sie mir sterben! Ich will als guter Jude sterbe n." Und er nannte mir seinen hebräischen Namen: „Schmuel Mosche ben Awrohom". „Wenn ich tot sein werde," fügte er hinzu, „begraben Sie mich bei den Israeliten, meinen Glaubensgenossen, die ich so geliebt habe, für die ich gelitten und für die ich mein Leben hergegeben habe." fch sagte hebräisch das Sterbegebet, und unserer beider Hände, Hände ehemaliger Kriegsteilnehmer, schlössen sich ineinander, und durch die seine hindurch, die schon erkaltet war, spürte ich ein gewisses rluidum kreisen. Dieses Fluidum, meine Brüder, ist das Gefühl der Gerechtigkeit, das jeder Mensch in sich trägt, das er um sich verbreiten muß, es jenen vermitteln muß, die hinter ihm zurückbleiben. Das ist unsere Seele, unser Gewissen. Keine materielle Kraft kann es vernichten, es ist uns von Gott gegeben. Rabbi P o 1 j a k o v legte es den zahlreich erschienenen Vertretern der Presse ans Herz, im Sinne von Stefan Lux das Gewissen der Völker aufzurütteln. Er schloß: Sie sehen vor sich eine Witwe und ein Waisenkind, die mit Würde am Sarge dessen, der ihre Stütze war, stehen, unschuldige Opfer der Gerechtigkeit, und etwas verlangen: nicht für sich selbst, sondern für die vielen Unterdrückten. Was warten Sie, Einzige Jüdische Handelssdiule Kaufmännische Wirtschaftsschule für Knaben und Mädchen. Unterricht nach dem normalen Lehrplan der Handelsschulen. Wie« II., TaberstraBe 39 Telephon Nr. A 45-6-57 Aufnjhtie in der Oirektionskanzlei; An Werktagen, auBer Samstag, on 10 bis 12 und 3 bis 5 Prospekte gratis 0 Erstkl. Lehrkräfte meine Herren? Wir sind Juden und Sie sind Christen, aber haben wir nicht dasseJbe Gewissen, die gleiche Seele, sind wir nicht alle Kinder des gleichen Gottes? Sie allein können alle diese Verbrechen zum Verschwinden bringen. Gott, Ihr Gewissen, trägt es Ihnen auf. S i e haben nicht das Recht, zu schweigen! Einer, der schweigt. Die Redaktion des „Isr. Wochenblatts für die Schweiz" hat sich an den Völkerbund mit der Bitte gewandt, ihr den letzten Brief von Stephan L u x an den Generalsekretär Avenol zur Verfügung zu stellen, damit sie ihn der Welt bekannt gebe, wie es der letzte Wille des Verstorbenen war. Der Generalsekretär hat diesen Wunsch abgelehnt; er hält den Brief nicht für die Veröffentlichung geeignet. Dazu schreibt das Blatt: „Merkwürdige Diskretion. Wk können nicht glauben, daß, wie Besorgt Eure Bücher durch die Buchhandlung HIKMANIINITOCIHIMIIR Wien IL, Ecke Taborstraße 52 Mäßige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr loGrosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel. R 41 -4-20 Kataloge gratis! von anderer Seite behauptet wird, der Generalsekretär des Völkerbundes den Zorn von Hitler fürchtet, weil Stephan Lux in seinem Abschiedsbrief die Wahrheit schrieb. Oder enthält der Brief auch einige Gedankengänge, die in allen Völkern vielleicht nicht die Diplomaten, wohl aber das Volk selbst sich zu eigen gemacht hat?" Die „Königliche Kommission" für Palästina. Am Mittwoch hat Staatssekretär Eden in der letzten Sitzung des Unterhauses die Namen der Mitglieder der „Königlichen Kommission" verkündet, die bestimmt ist, in Palästina die Erhebungen über den großen Streit zwischen Arabern und Juden zu pflegen. Die englische Regierung wiederholt ihr Vorgehen aus früheren Jahren, da sie gleichfalls „objektive Grundlagen" zur Entscheidung über die Frage der Einwanderung suchte. Man muß sagen, daß für eine wirklich objektive Berichterstattung viele Voraussetzungen gegeben sind. Das wird selbst in den Kreisen der jüdischen Korporationen in London zugegeben, freilich mit dem Hinzufüge::- daß diese „Objektivität" auch ihre starken Gefahren hat, namentlich wenn sich in den Feststellungen allzu sehr das Bedürfnis des britischen Reiches nach Ruhe im Orient ausdrückt und weniger die Beantwortung der Grundfragen: die weitere Einwanderung und ihre Modalitäten. Die Kommission soll drei Staatsmänner von Ruf umfassen, bei denen insbesondere zutrifft, daß sie von parlamentarischen Rücksichten und von Parteiinteressen in ihrem Urteil nicht beeinflußt werden. Da ist vor allem Lord Robert Peel, „der Sohn des alten Peel", der als Vorsitzender fungieren soll. Er ist als gewesener Minister für Indien und Mitglied der „Kommission am runden Tisch'' ein Sachverständiger in kolonialen Fragen und hat den Streitigkeiten zwischen Indern und Mohammedanern, die jetzt ihre Analogie in Palätina finden, großes Verständnis entgegengebracht Der Kommission gehört ferner als Stellvertreter Peels einer der führenden Köpfe der englischen Diplomatie an, Sir Horace Rumtooldt, der nicht nur aut dem Kontinent gut bekannt ist — er hat auch in Wien gedient —, sondern als Kenner des Fragenkomplexes gelten darf, weil er als Gesandter in Warschau die Not der jüdischen Massen kennengelernt hat und ebenso in Berlin die Bedrängnisse der deutschen Juden. Sein Verständnis für die Flüchtlings!ragen und die Fragen der Wanderung hat er schon erweisen können, als er den Flüchtlingskommissär des Völkerbundes, Proiessor MacDonald, in seiner Arbeit unterstützte. Als drittes Mitglied gehört der Kommission ein hoher Militär an, der Marschall Sir William B i r dwood, der Führer der englischen Expedition auf Gallipoli. Er war es, der die Haltung der jüdischen Legion im Rahmen der englischen Truppenmacht wiederholt gerühmt hat. Er sammelte Erfahrungen im Kolonialdienst gerade in mohammedanischen Ländern, so in Aegypten und in Indien. Das vierte Mitglied ist zur Stunde, da diese Zeilen — Dienstag abends — geschrieben werden, nicht bekannt. Dio Alternative besteht zwischen dein ehemaligen Vorsitzenden des Londoner Stadtrates und Minister für Indien Viscount of Welsley und einem Mitglied der FarmHe Asquith, Sir B. Carter. Beide haben als Diplomaten Dienst in verschiedenen Stellungen im Nahen Osten gemacht. Als „wissenschaftlicher Experte" darf das fünfte Mitglied der Kommission gelten, der Oxforder Historiker Professor Cappland, der sich insbesondere mit der Geschichte des englischen Kolonialwesens beschäftigt hat. Der Kommission ist größte Objektivität geboten, und vermutlich wird sie nicht einmal die Streitparteien in Palästina anzuhören haben. Ob während ihrer Ftinktionsdauer, die erst n a c h B e i 1 e g u n g der Unruhen beginnen soll, die jüdische Einwanderung eingestellt wird, darüber bestehen einander widersprechende Ansichten. tischen Kräfte, die heute wie vor dem Burenkrieg im Lande wirksam sind: die Engländer, die Buren (Afrikaaner) und die Schwarzen. Die Schwarzenfrage erkennt man zwar als politisches Problem nicht an. Man glaubt, daß die „Natives" mit der Unterordnung auf ewig zufrieden sein werden. Sie wohnen in Johannesburg außerhab der Stadt in Distrikten, die zum Teil offen, zum Teil umgittert sind. Eine neue Einwanderungsverordnung, die in diesen Tagen dem Parlament vorgelegt wird, sieht eine Beschränkung der Zuwanderung von Schwarzen vor, sofern sie nicht besondere Arbeitsverträge haben. Für d'ie Einwanderung der Weißen ist das Kräfteverhältnis zwischen Engländern und Buren von ausschlaggebender Bedeutung. Zurzeit erstarken die afrikaanischen (burischen) Parteien — man ist zum Beispiel bestrebt, die afrikaan'ische Sprache vor die englische zu setzen. General Smuth hat zwar erst vor wenigen Wochen im Parlament eine Erklärung dahingehend abgegeben, daß die Zuwanderung von Juden aus Deutschland in keiner Weise das übliche Maß überschreite. Aber immerhin ist diese Frage Gegenstand der öffentlichen Diskussion im Parlament und in den Zeitungen. Das Eingeborenenproblem ist aber vor allem in ökonomischer Beziehung für jede Einwanderung von Weißen von enormer Bedeutung. Es gibt ein Gesetz, das den Eingeborenen bestimmte Arbeiten vorbehält — und neben dem Gesetz gibt es noch eine gehörige Portion sozialer Vorurteile, die einem Weißen verbieten, gewisse Arbeiten zu verrichten, die eben nach Landessitte nur ein Schwarzer machen kann. So arbeiten zum Beispiel im Straßenbau nur Schwarze, die" Zeitungen werden auf der Straße nur von Schwarzen ausgerufen, auf der Farm spannt der Eingeborene die Ochsen ein. im Haushalt fegt der schwarze Boy die Stuben, und meistens kocht eine Farbige, kurz, all solche Arbeiten, wie sie der Jude in Palästina zum Beispiel gern und mit PfPchteifer auf sich nimmt, fallen in Afrika für den Weißen fort.. Nicht etwa, daß solche Berufe als zu erstrebendes Ideal hingestellt werden sollen, aber -man hört h; diesem Lr.r.de. in dem die jetzt Wohlhabenden stolz darauf sind, Selfmademen zu sein, so oft den Vorwurf, der junge Jude schreibe aus Deutschland, er set zu jeder Arbeit bereit, aber, wenn er erst im Lande sei, wolle er sie nicht annehmen, daß es wichtig ist, auch diese Seite aufzuzeigen. Als die jetzt Ansässigen einwanderten, gab es diese Bestimmungen noch nicht — heute achtet die Polizei sehr streng aui ihre Durchführung. Arbeitsmöglichkeiten. Südairika ist ein Kßlonialland: es ist ein junges Land. Johannesburg rüstet gerade eben zur Feier seines 50jährigen Bestehens — es gibt deshalb für findige Köpfe noch Lücken genug im Arbeitsmarkt, die ausgeiüllt werden können; aber es ist doch ein viel fertigeres Land, als wir Europäer es uns allgemein vorstellen. Diese Erkenntnis ist eine der wichtigsten Vorbedingungen für den Einwanderer. Wenn man hier mit der Vorstellung herfährt, man komme in den Urwald und ganz Afrika warte nur auf einen, dann wird man schwer enttäuscht: und yiele müssen ihre falsche Vorstellung vom Lande mit Fehlschlägen bezahlen. Das weiß man in Deutschland viel zu wenig, denn die meisten berichten nach Hause nur ihre Erfolge, nicht ihre Mißerfolge, denn erstens gibt der Mensch niemals gern Fehlschläge zu, und. Zwestens will man die Sorge der Daheimgebliebenen durch rosige Berichte zerstreuen. So ist denn bei den Juden in Deutschland die Ansicht entstanden, als ob Südafrika noch immer das Goldgräberland sei, in dem man mit Siebenmeilenstiefeln Reichtümer erwirbt. Das mag vorkommen, wenn man an der Börse spekuliert — und wenn man näher hinsieht, sind viele Vermögen im Lande mehr durch Spekulation als durch systematische Arbeit entstanden und wachsen bei dem gegenwärtigen „Boom" auch noch weiter — aber man möchte ja dieses Rezept schließlich gerade Einwanderern, die eine große moralische Verantwortung für ihre Gemeinschaft tragen — und sich ihrer auch immer bewußt sein sollten —, nicht empfehlen. Aber: es gibt Arbeitsmöglichkeiten: nur muß man Geduld haben und — zumal, wenn man ohne Geld herkommt und auf eine Anstellung angewiesen ist — damit zufrieden sein, sehr allmählich im Gehalt aufzusteigen. Die Komitees (South Atrican Fund ior German Jewry) besitzen keinen Ueberblick darüber, wieviele Juden aus Deutschland in Südafrika Arbeitsplätze gefunden haben. Denn viele Einwanderer, zumal die. die etwas Kapital haben, sind ohne Inanspruchnahme der Komitees im Wirtschaftsleben untergekommen. Die Komitees haben sich in Kapstadt und Johannesburg 1933 gebildet, als die Einwanderung einsetzte: sie haben sich zunächst im wesentlichen darauf beschränkt. Garantien auszustellen, dann haben sie sich mit Erfolg bemüht, denen, die sie aufsuchten. Stellen zu verschallen, und das war natürlich zuerst sehr leicht, zumal bei den Juden aus allen Kreisen der Wille zu helfen vorhanden war. In unübertrefflicher Herzlichkeit haben die ansässigen jüdischen Familien ihre Häuser den Ankömmlingen geöffnet, sie zum Freitagabend oder zum Sonntagnachmittag, ja auch zum Wochenende in ihre Landhäuser eingeladen. Aber, als dann der größere Zustrom einsetzte, merkten sie. daß mit dieser planlosen Art des Wohltuns allein nicht mehr zu helfen ist. Jetzt genügt es nicht mehr, den Freund zu bitten, den oder jenen anzustellen, sondern es müßte — ebenso im Interesse der zuwandernden wie im Interesse der ansässigen Juden — eine planmäßige Arbeitsbeschaffung einsetzen. Sie steckt, soweit es die Initiative der südafrikanischen Juden anbetrifft, noch so in den Uranfängen, daß an dieser Stelle nur über ihre Notwendigkeit, noch keineswegs aber über Erfolge berichtet werden kann. Trotzdem kann man bis jetzt von einer Arbeitslosigkeit unter den Zuwanderern nicht sprechen, wie es ja überhaupt eine eigentliche Arbeitslosigkeit in diesem Lande nicht gibt. Aber jeder Zuwanderer muß mit einer gewissen- Anlauisirist — die häufig kürzer sein könnte, wenn die Sprachkenntnisse besser wären — rechnen. Und während dieser Ze:t konnten bis jetzt die Komitees, wenn" nötig, mit geringen Summen* hellend eüiüreiien. (Fortsetzung folgt.)