Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-07-24 · Heft 31 (24.7.1936) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 31 (24.7.1936)
Date
1936-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064636--20763-3086043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

DIE WAHRHEIT Nr. 31 — 24. Juli 1936 Seite 3 Antisemitische Geschichtswissenschaft. Von Dr. Peter Lorenz. Im Gegensatz zum irrationalistischen Zeitgeist bemüht sich der Antisemitismus gegenwärtig eine rationale Basis zu finden. Die Ansicht, im Judentum verkörpere sich wesensmäßig und für immer das böse Prinzip, soll rficht nur gefühlsmäßig, sondern auch wissenschaftlich begründet werden. Die Rassenlehre, die sich als erster Wissenszweig der Aufgabe, eine wissenschaftliche Basis iür das antisemitische Gefühl zu finden, unterzogen hatte, entdeckte die besonderen Eigenschaften des jüdischen Volkes (oder der jüdischen Rasse), deren Einfluß aui die Gastvölker sie grundsätzlich als gefährlich betrachtete. Nun 'ist kürzlich mit dem Buch: „Antisemitismus im späten Mittelalter", München und Leipzig 1934, von Wilhelm Grau auch die Geschichtswissenschaft auf den Plan getreten und gelangt 'ihrerseits (allerdings nicht unabhängig von der Rassenlehre, sondern im Gegenteil in enger Beziehung zu ihr) zu dem Ergebnis, daß sich der gefühlsmäßige Antisemitismus sehr wohl objektiv durch das Verhalten und die Ex5stenz der Judenschait rechtfertigen lasse. Da eine detaillierte Besprechung des Grauschen Buches den hier gesteckten Rahmen überschreiten würde, wollen wir uns lediglich auf eine Behandlung des wirtschaftlichen Verhaltens der Juden im Mittelalter (und zwar in der Stadt Regensburg) beschränken. Zunächst stellt Grau fest, daß die Zeit der spätmittelalterlichen deutschen Judenverfolgungen eine „große allgemeine soziale Unruhe" brachte, in der „das Judenproblem . . . wirtschaftlich gesehen nur e'in Ausschnitt" war (S. 24). Es war die Zeit des beginnenden Frühkapitalismus, das heißt gleichzeitig die Zeit der niedergehenden feudalen Zunftwirtschaft. Es ist daher verständlich, daß „die Judenfrage ... in der Hauptsache eine Angelegenheit . . . des verarmten Handwerks'' war. Es war ebenso wie es heute ist: Die wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft ändert die Funktionen einzelner Produzentenschichten. Diese erklären sich aber die Verschlechterung 'ihrer Lage nicht aus den allgemeinen Tendenzen der Wirtschaft, sondern durch das Auftreten eines geschickten Konkurrenten, der die traditionelle Produktionsbasis für seine Erfolge ausnützen kann. Da man aber weiß, daß in der herkömmlichen Weise solche Erfolge eigentlich nicht möglich sind, so meint man, es könne das nicht mit rechten Dingen zugehen, und die einfachste und daher am meisten angenommene Erklärung, die sich darbietet, ist: „Hier wird betrogen!" Daß man nun als den Betrüger den Juden ansieht, erklärt sich für damals leicht aus der religiösen und sonstigen Sonderstellung, die die Juden im Mittelalter eingenommen haben. Grau muß als Fazit seiner Betrachtungen feststellen, daß die Juden nicht „die Kausalursache" (?!) der Not der damaligen Zeit waren; aber sie hätten zur Wirtschaftsnot der christlichen Stadt Regensburg „einen respektablen Beitrag" geleistet. Wenn eine Karawane nur noch wenig Wasser besitzt, so ist jedes einzelne Karawanerrmitglied eine besonders große Belastung der Wirtschaftsgebarung der Karawane. Und jeder, der sich in Regensburg um das Jahr 1500 bemühte, seine wirtschaftliche Existenz aufrechtzuerhalten, mußte einen „respektablen Beitrag'* zur Wirtschaftsnot der Stadt leisten, da er ja aui die Zerstörung der Zunftwirtschait hinarbeitete, — ob er wollte oder nicht. Aus diesem Grund konnte der Zerfall der Zünfte durch die Judenvertreibuiig nicht aufgehalten werden, und d i e Wirtschaitsnot des untergehenden Mittelalters wurde durch die antisemitischen Maßnahmen nicht gemildert; dies verschweigt Grau diskret. Man kann jedoch gerechterweise nicht sagen, daß Grau den Regensburger Juden allzu schwere Vorwürfe macht. Der schwerste ist wohl der, daß es die Juden trotz der allgemeinen Verarmung verstanden haben, ihren Reichtum nicht nur zu wahren, sondern sogar zu mehren. Hauptsächlich drei Gründe lassen sich für diese Tatsache anführen: das Wuchergeschäft, der Warenhandel und die jüdische Preispolitik. Grau stellt die Sache ein wenig schief dar. Wenn es auch sicher richtig ist, daß das Darlehensgeschäft eine wichtige (wenn auch nicht die einzige!) wirtschaftliche Grundlage der Regensburger Judengememde bildete (S. 31), — obwohl es aus ökonomischen Gründen völlig undenkbar ist, daß Einzige Jüdische nandelssdiaie Kaufmännische Wirtschaftsschule für Knaben und Mädchen. Unterricht nach dem normalen Lehrplan der Handelsschulen. Wien II., TaborilriBi 39 Aufnahme in der Direktionskanzlei; An Werktagen, auBer Samstag, von 10 bis 12 und 2 bis 5 •) Prospekte gratis % Erstkl. Lehrkräfte 15 Prozent der Bevölkerung zur Zeit der mittelalterlichen Zunftwirtschaft ihr Auskommen durch das Darlehensgeschäft gefunden haben können: nicht einmal in einer voll entwickelten kapitalistischen Marktwirtschaft ist das möglich —, so stieg doch die Bedeutung des jüdischen Wuchers nicht nur wegen der zunehmenden Häufigkeit des Kredits zu Konsumzwecken, sondern weil, wie Max Weber festgestellt hat, das kanonische Verbot des Zinsnehmens erst mit dem Beginn der kapitalistischen Wirtschaftsweise rigoros gehandhabt wurde und daher der Geidleiher ein Nichtchrist sein mußte, ob Jude oder nicht, war natürlich gleichgültig. Desgleichen stieg die Bedeutung des Zinsgeschäftes automatisch durch die Wirtschaftskrise im allgemeinen, da ja erst die gleiche Not den Weg zum Wucherer beschreiten hieß und die gleiche Not das Rückholen des Faustpfandes verhinderte. An den Konsequenzen, die das Ueberhandnehmen des Geldborgens mit sich brachte, waren die Juden also nur passiv beteiligt; hätten die Juden dank äußerer Umstände (z. B. wegen der ständischen Organisation der Wirtschaft und ihrer durch viele1 Judenverfolgungen erworbenen Gewohnheit, ihr Vermögen möglichst in Bargeld anzulegen) nicht über diese Barmittel verfügt, so wäre eben einer anderen Schicht die Aufgabe der Geldleihe zugefallen; denn die damalige Gesellschaft, wie die heutige, braucht unbedingt eine Stelle, die sie mit flüssigen Geldmitteln versorgt Uebrigens hat Tho- Restaurant Stefanie II., TaborstraB« 12 Hugo u.Julie Herlinger,geb. Zöllner Bekannt gute Küche, gepflegte Getränke, aufmerksamste Bedienung, zeitgemäße Preise, reichhaltige billige Menüs, sowie alle Spezialitäten, schöner schattiger Garten mas von Aquino festgestellt, daß die Juden allerwärts durch Arbeit und nicht durch Wacher ihren Lebensunterhalt gewinnen. Eng zusammen mit dem Piandleihgeschäit hängt der Warenhandel. Die Juden konnten die verfallenden Pfänder natürlich nur durch Verkauf verwerten. Damit drückten sie die Preise — aber es ist fasch, sich von dem Umfang des Pfänderverkaufs so übertriebene Vorstellungen, wie Grau sie hat, zu machen. Der Handel mit alten Waren kann keinen starken Einfluß aui die Preishöhe neuer Artikel haben, schon deshalb nicht, weil die Menge der auf den Markt gelangenden Altwaren nur einen Bruchteil des gesamten Warenbedarfs ausmacht. Wäre der Warenhandel der Juden nur durch verfallene Pfänder bestritten worden, er hätte nie und nimmer seinen Umfang erreichen können. Deshalb sucht Grau noch eine andere Erklärung als den Pfänderverkaui für die Größe des jüdischen Handels und iand sie — in der ausgedehnten jüdischen Hehlertätigkeit und einer damit verbundenen „weitverbreiteten Diebstahlsseuche unter den Christen" (S. 35). Diese Erklärung ist allerdings kindisch. Es ist zwar sicher richtig, daß die Juden auch mit Diebsgut gehandelt haben, aber auf die Hehlerei als wesentliche Wirtschaftstätigkeit läßt sich die Existenz einer so großen Bevölkerungsgruppe, die mit der übrigen Bevölkerung im regulären Tauschverhältnis lebt, nicht gründen. Man muß Grau in diesem Punkt eine unkritische Behandlung der Quellen vorwerfen. Wenn in hundert Jahren ein Historiker die Wirtschaftsmoral der Gegenwart nur aus den Akten des Handelsgerichts studieren würde, so könnte er nur ein verzerrtes Bild unserer gegenwärtigen Wirtschaft bekommen. Grau geht aber nicht anders vor, wenn er aus einigen Berichten über jüdische Hehlereien auf eine allgemeine Erscheinung schließt. Sombart berichtet im Gegensatz zu dem von Grau zusammengetragenen Material z. B. von der Hamburger Judengemeinde, daß sie scharfe Maßnahmen gegen jüdische Hehlertätigke'it ergriifen habe, und es ist deswegen nicht anzunehmen, daß gerade die Regensburger Juden nichts gegen eine unrechtmäßige Bereicherung ihrer Mitglieder unternommen haben, — nicht zuletzt wegen der iür die Juden so überaus schweren Zeit. Aus nicht vorhandenen Quellen darf man nichts schließen. Und in Wirtschaitsdingen darf man nicht mit absoluten Ziffern (3 Hehlereien), sondern nur mit Relationen (3 Hehlereien auf x Geschäfte) arbeiten. Den Handel, der neben dem Handwerk nach unserem heutigen Wissen das ökonomische Fundament der dem Meer geöffnet und doch durch die Berge fast kreisförmig umschlossen, denn weit ragt im Südwesten die Kaphalbinsel mit dem Kap der Guten Hoffnung ins Meer hinaus, den Atlantischen Ozean vom Indischen Ozean trennend — nebenbei gesagt, ein plastischer Beweis, daß das Kap der Guten Hoffnung nicht die südlichste Spitze Afrikas ist, wie wir in der Schule gelernt haben — in der Entfernung verschieben sich die Maße, nicht nur die geographischen, sondern auch die ökonomischen, wie wir bald sehen werden. II. Herzlichkeit und Freundschaft empfangen uns. Viele der Ankömmlinge, bei den sich in den letzten Stunden an Bord die ferienmäßige Entspannung in ein zaghaftes Bangen vor der ungewissen Zukunft zurückgewandelt hatte, werden von Freunden erwartet, erhalten Briefe durch die Post oder Nachrichten durch das Hilfskomitee, das schon an Bord mit Rat und Hilie zur Seite steht, wo etwa iormale Schwierigkeiten zu beseitigen sind. Glückliche Ehemänner warten am Kai auf Frauen und Kinder, die sie nachkommen lassen konnten, weil es ihnen gelungen ist, in Brot und Stellung zu kommen. Füne junge Frau , und ihr Töchterchen werden vom Komitee in Empfang genommen und nach Windhoek weiterbefördert, wo der Gatte bereits eine Existenz aufgebaut hat. Einige Familien haben sich an Bord so angefreundet, daß sie nun auch die ersten Schritte ins neue Land gemeinsam unternehmen. Es ist wohl keiner, ob Südafrikaner oder Tourist oder Einwanderer, dem nicht freundschaftliche Begrüßung die Ankunft verschönt. III. Südafrika ist ein Land des Imports: von Menschen und von Waren. Wenn man die Geschichte der Erschließung Kapstadts und des Witwaterrandes liest, so findet man viele Namen von Juden, die sich um das Kapland und um Südafrika überhaupt wohlverdient gemacht haben. Da war zuerst der jüdische Astronom und Mathematiker Abraham Zacuto, der im 14. Jahrhundert d:e Expedition Vasco da Gamas wissenschaftlich ausrüstete; nach ihm kamen noch manche andere gelehrte Juden, die durch ihre Berechnungen und Aufzeichnungen die Portugiesen bei der Entdeckung des Landes aui ihrer Suche nach dem Seeweg nach Indien unterstützten. Dann begannen Marannen und andere sephardische Juden gleichzeitig mit den Niederländern den Handel irn Lande; es folgte die Einwanderung aschkenasischer Judtn, unter ihnen Anfang des 19. Jahrhunderts Familien aus Deutschland, besonders aus Hessen, deren Namen noch heüte im südafrikanischen Handel guten Klang haben. So kamen die Mosenthals, die die Mohairindustrie im Lande geschaffen, die Beits, die am Diamantenhandel, an der Erschließung des „Randes" führend mitgeholfen haben, die Goldmanns und AdJers, tüe Oppenheimers und Baumanns, die Weinthals und Schönlands und viele andere. Sie alle verbreiteten sich Uber das Land und arbeiteten als Pioniere mit Klugheit und Unternehmungsgeist und förderten den Wohlstand des Landes. Manche von ihnen arbeiteten als Aerzte: so praktizierte schon 1854 Moritz Hofia in Richmond, Dr. Abraham Lilienfeld in Graaff Reinet, Dr. Jakob Cohen in Victoria-West usw. Während viele der sephardtschen Juden in den trüheren Jahrhunderten sich völlig mit den anderen Weißen verschmolzen, da sie den Weg zum Christentum gingen, blieben diese Familien aus Deutschland in den meisten Fällen dem Judentum treu. Dann schließlich kam in den achtziger Jahren die Einwanderung aus Osteuropa. Als die Juden aus Litauen und Rußland, aus Polen und Galizien in Massen ihre Heimatländer verlassen mußten, fand ein kleiner Nebenarm dieses breiten Auswandererstromes den Weg nach Südairika, und diese Einwanderung setzte sich bis zum Beginn des Weltkrieges iort. Die meisten von ihnen zeichneten sich durch besonderen Fleiß und große Genügsamkeit aus. Sie leben verstreut in allen Städten der Südafrikanischen Union. Sie sind gute Bürger ihres Landes geworden; sind gute Juden geblieben und haben sich die stete Hilfsbereitschaft des Herzens erhalten, und die beweisen sie gemeinsam mit den hier seßhaiten deutschen Juden auch den Juden aus Deutschland, die in den letzten drei Jahren hierher gewandert sind. (Fortsetzung folgt)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.