Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 31 (24.7.1936)
- Date
- 1936-07-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 31 — 24. Juli 1936 DIE WAHRHEIT Verallgemeinerung. Der katholische Erzbischoi von Trier fand jüngst anläßlich der Verurteilung einiger Katholiken in Koblenz und daraus resultierender antikatholischer Hetze beredte Worte fegen die verleumderische Tendenz die Verfehlungen einiger Wenfger verallgemeinernd der ganzen Religionsgemeinschaft der Frevler anzukreiden. Auch die katholische Presse Oesterreichs hat diesen Protest des rheinländtschen Kirchenfürsten abgedruckt, anstatt aber mit dem guten Beispiel voranzugehen und die von einer für sie autoritären Seite geprägte Unanständigkeit zu vermeiden, ist sie ihrer traditionellen Verallgemeinerungssucht gegenüber den Juden treu geblieben. Einen Rekord in dieser Hinsicht leistete sich das „S a 1 z b u r g e r Volks-blatt" vom 11. Juli in einem Artikel „Die Kinder Israels". Wenn das Publikationsorgan der Festsp'ielstadt, die dem Juden Max Reinhardt und anderen jüdischen Kunstbeflissenen so viel geistige und materielle Bereicherung verdankt, sich von semer Verallgemeinerungssucht hätte verleüten lassen, alle Juden für Engel zu halten, so hätte man das zwar auch für reichlich übertrieben, aber wenigstens vom Standpunkt menschlicher Dankbarkeit für verständlich gefunden. Ganz unbegreiflich ist es aber, wie ein Organ der Stadt, der die jüdSschen Festspielveranstalter und die jüdischen Festspielbesucher einen unleugbaren wirtschaftlichen Aufschwung bescheren, generalisierend von „jüdischen Wirtschaftshyänen" und von „jüdischen Machenschaften, dlie an der Weltwirtschaftskrise Schuld tragen", faseln und daraus sogar die Berechtigung der Nürnberger Judengesetze ableiten kann. Leider steht das „Salzburger Volksblatt" mit seiner engstirnigen Tendenz, gerade die Judenheit, der seine Leser nur Gutes verdanken, für alles Schlechte in der Welt verantwortlich zu machen. hierzulande nicht allein da. Nachstehende Ausführungen zeigen, um wieviel mehr Verständnis die Mahnung des Trierer Erzbischofs gegen böswillige Verallgemeinerungen bei uns Juden findet und um wieviel besser wir dadurch unsere Qualifikation zu Bürgern eines christlichen Ständestaates beweisen. Die Redaktion. Jener Engländer, der bei einem halbstündigen •Aufenthalt in einem französischen Hafen von einem rothaarigen Kellner bedient wurde und in seinem Taschenbuch vermerkte, alle französischen Kellner seien rothaarig, hat mehr Gesinnungsgenossen, als wir gemeinhin annehmen. Gegenüber der Fülle von Eindrücken und Erlebnissen, die täglich auf uns herniederprasseln, gibt es ja auch keine andere Hilfe als den Versuch, die verschiedenartigen Erscheinungen auf einen gleichen Nenner zu bringen, das ihnen Gemeinsame ..auszuklammern", von der Einzelerscheinung zur Norm vorzustoßen. Wir alle leiden unter solchen „Zwangsvorstellungen", ohne sie ganz entbehren zu können. Wir haben eine feste Vorstellung davon, wie beispielsweise ein Lehrer auszusehen habe, und sind glücklich, wenn wir einen Angehörigen dieser Berufsschicht entdecken, dem wir seinen Beruf schon von weitem ansehen zu können glauben. Sieht aber einmal ein Lehrer anders aus als „typisch", so sind wir enttäuscht, weil er unser mühsam aufgebautes Kartenhaus von der Typisierung der Erscheinungen umzustoßen droht, und trösten uns mit dem unzutreffendsten aller Sprichwörter, daß die Ausnahmen die Regeln bestätigen .... Die fortschreitende Technik hilft sich gegenüber den immer wachsenden Ansprüchen durch Normalisierung; jede Glühbirne paßt in jede Fassung. Der zivilisatorisch fortschreitende Mensch hilft sich instinktiv auf gleichem Weg: er verallgemeinert und vergißt dabei, daß Menschen keine Glühbirnen sind. Nicht nur für die Berufe finden wir diese Sucht, Gemeinsames zu finden und als typisch zu erklären. Jeder von uns weiß genau, was beispielsweise typisch französisch ist oder vielmehr als solches bei uns gilt, und derjenige, der zum erstenmal nach England kommt, wird erstaunt sein, wenn er sieht, wie sehr die „typische" Vorstellung vom Engländer der Wirklichkeit widerspricht. Gerade wir Juden sollten uns mit der Typisierung und Verallgemeinerung vorsehen. Denn in ihrem Namen ist uns das größte Unrecht zu allen Zeiten und an allen Orten angetan worden. Wenn nichts mehr typisch wäre, „den" „typischen" Juden wird es weiter geben. Ein Jude hat so oder so auszusehen, so oder so sich zu benehmen, die und die Charaktereigenschaften zu haben. Und selbst bei nicht judenfeindlichen Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften findet man gegenüber Cai€ Pension Eckstein Semmering Neu renoviert! untypischen Juden eine so starke Verwunderung über den Unterschied von Vorstellung und Sein, daß man den merkwürdigsten Auslegungsversuchen („Ja, wenn alle Juden so wären!") ausgesetzt ist, die neben ihrem Kölnischen auch ihr Tragisches haben: nämlich die Erkenntnis, daß auch gerecht Denkende oft versagen, wenn es gilt, sich von alten und unbeweisbaren Vorstellungen frei zu machen. Ganz abgesehen von Aeußerlichkeiten, bei denen der Unvoreingenommene sich von dem Stand der Dinge selbst bald überzeugen kann (und die wirklich am unwesentlichsten sind), ist eine Verallgemeinerung im Seelischen unmöglich und gefährlich. Ueberall, wo schlechthin von „den" Juden geredet wird, wo man versucht, „die" Juden unter einen psychologischen Hut zu bringen, sollte unser größtes Mißtrauen und unsere schärfste Aufmerksamkeit erwachen. Denn dort wird versucht, sich das Leben auf unsere Kosten zu vereinfachen . . . Am meisten aber muß es erbittern, wenn man sieht, wie begierig viele von uns sich diese Eselsbrücken zu eigen machen. Zuerst mißtrauisch gegenüber Schlagworten der nichtjüdischen Welt, stumpfen sie rasch und immer schneller ab, und plötzlich finden sich in ihrem Munde die Ausdrücke BADtiASTEM IHOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang wieder, die sie eben bekämpfen. Man muß deutlich unterscheiden: versteht man unter den Juden eine Schicksals- und Glaubensgemeinschaft, so darf man abkürzend einmal von „den" Juden reden. Versteht man aber darunter eine psychologische oder gar nach der Lehre unserer Nationaljuden eine physiologische Gemeinschaft, so sollten wir aufmerken und uns wohl überlegen, ob man diesen Ausdruck benutzen darf. Denn wenn sich auch bei der Mehrzahl aller Menschen gewisse durch Tradition, Vererbung, Beruf usw. ausgebildete Sonderheiten finden, die man als „typisch" ansprechen kann um einer Arbeitshypothese willen, so ist es doch noch recht schwierig zu entscheiden, ob diese Sonderbarkeiten die Regel und die Vielfältigkeit der Erscheinungen die Ausnahmen sind, oder ob es nicht vielmehr umgekehrt ist. Denn — und das ist wichtig — auch diese Sonderbarkeiten wandeln sich durch Zeit und Umgebung bei allen Menschen, und der Sohn eines nach Amerika ausgewanderten Juden ist oft bereits „typisch" amerikanisch. Darum: wir wollen dem Einzelmenschen gegenüber gerecht sein und ihn als Einzelmenschen werten, auch wenn das Leben dadurch etwas unbequemer werden sollte ... G. B. Schächtverfoot in Danzig. Der Danziger Senat hat verfassungsmäßige Garantien für die Opposition aufgehoben, die Tätigkeit von Vereinen und Organisationen eingeschränkt und die Kompetenzen der Geheimen Polizei erweitert. Die rituelle Schlachtung wird verboten. Das bedeutet einen offenen Bruch der in der Danziger Verfassung garantierten religiösen und Gewisisensfreiheit. Die vor einigen Tagen erfolgte Verhaftung des Redakteurs der Danziger jüdischen Zeitung „Danziger Echo", Walter Kaufmann, gibt Grund zu weiteren Besorgnissen. In Paris und in Warschau begegnen die Maßnahmen des Danziger Senats scharfer Kritik und Ablehnung. Der Völkerbundrat, dem der Danziger Senatspräsident bekanntlich jüngst eine lange Nase gezeigt hat, zieht es diesmal vor, sich in die Sache, in der er von Rechts wegen ein gewichtiges Wörtlein dreinzureden hätte, nicht hineinzumischen ... Pension Adria, Abbazla Kleine Familien-Pension mit fließendem Kaltu. Warmwasser. Zentrale Lage, nächste Nähe von Kurpark und Bäder. Zimmer mit und ohne Verpflegung bei sorgfältigster Bedienung und billigsten Preisen. ffciiifTetoii. Über dem Äquator. Von Dr. Margarete E d e 1 h e i m, Berlin. (Fortsetzung.) V. Neun Tage Fahrt ohne Landung, ohne Landsicht. Nur Wasser um uns, selten einmal springende Delphine, fliegende Fische, die schon wieder untertauchen, ehe man sie recht erkannt hat. Die Passagiere schließen sicli immer mehr aneinander, italienisch, englisch, französisch, deutsch schwirren durcheinander, ein Sprachengewirr, bei dem man mit Sorge feststellt, mit wie wenig sprachlichem Können die Menschen ausgerüstet sind, die aus Deutschland in ein fremdsprachiges Land ziehen. Kaum daß sie sich mit den Stewards verständigen können, die alle neben ihrer italienischen Muttersprache französisch und meistens auch englisch sprechen. Wie wollen diese Menschen im neuen Lande vorwärtskommen? Den meisten ist noch nicht einmal bewußt, daß die südafrikanische Union zweisprachig ist, und daß mindestens der Kaufmann fließend englisch und africans sprechen müßte. Der Fatalismus, mit dem sie glauben, daß ihnen mit der afrikanischen Luft auch die Landessprachen zufliegen werden, ist erschütternd. Für die Daheimgebliebenen die Mahnung: Lernt Sprachen! Wenn man tagelang nur Wasser und Himmel sieht, wird jede Abwechslung zur Sensation. Und so kommt ein ganz sensationsreicher Tag. Vormittags verkünden Anschläge: Um 12 Uhr 21 Min. überschreiten wir den Aequator--— Wenn ich auch nicht an den Aequator als eisernen Ring geglaubt hatte, über den wir hinwegsetzen müßten —, daß es sehr heiß sein würde, hatte ich doch gefürchtet; denn schon die Tage vorher hatten uns eine klebrig-feuchte Schwüle gebracht. Statt dessen setzte bei herrlichstem Sonnenschein eine starke Brise ein, so daß ich unfreiwillig im Schwimmbad eine ganze Portion salzigen Aequatorwassers zu schlucken bekam und damit schon etwas von der fröhlichen Neptunstaufe vorwegnahm, die am Nachmittag mit viel Humor vor sich ging. Aber vorher gab es noch eine andere Sensation: die Begegnung mit dem etwas kleineren Schwesterschiff der „Duilio", dem „Julio Cesare", der der nördlichen Halbkugel zustrebte, während wir schon zwei Stunden südlich des Aequators waren. Den Abend beschloß dann der übliche Maskenball, bei dem besonders die in der Touristenklasse reichlich vertretene Jugend sich in zeitvergessener Ausgelassenheit amüsierte. VI. Schnell vergehen die Tage, und schon wieder ist's Freitag. Andächtige Juden, Männer, Frauen und Kinder, treffen sich in einem Saal zum Abendgebet und am Sabbatmorgen zur Morgenandacht Mitten auf dem großen Ozean sprechen sie die Worte, die ihre Väter sie lehrten; sie tragen das Haus ihres Glaubens mit in eine neue Heimat, wo viele Glaubensbrüder sie erwarten ---j "'" Kapstadt, Mai 1936. I. Herbst im Mai. Immer kürzer werden die Tage, je mehr wir uns Kapstadt nähern. Frischer wehen die Winde, die „Durlio" schneidet in schneller Fahrt gegen den Wind die blauen schaumgekrönten Wogen. Auf der Landkarte verfolgen wir täglich, wie weit wir sind; man verliert das Gefühl für die Entfernung, wenn man neun Tage kein Land sieht. So sind wir eigentlich überrascht, als uns am 16. Morgen die Lichter von Capetown entgegenleuchten. Es ist 6 Uhr früh. Langsam erst wird es hell, und während die Paßbeamten an Bord die Papiere der Passagiere prüfen, zerteilt eine strahlende Sonne den herbstlichen Morgennebel. Vor uns steht steil und unnahbar der Tafelberg, er beherrscht die Bucht, umrahmt mit Teufelsspitze, Drachenstein und Löwenkopf die an ihren untersten Hängen sich breit ausdehnende Stadt. Hell schimmern die Häuser, ein- und zweistöckig die neuesten, nur in der City, dem Geschäftsviertel, bis zu sechs und acht Stockwerken sich erhebend. Eine große Stadt, der das Bedrückende der Großstadt fehlt,