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Die Wahrheit · 1936-07-24 · Heft 31 (24.7.1936) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 31 (24.7.1936)
Date
1936-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Grosdien Jüdische Die tbanrneil mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag jioiiminamminnainmiiuBUHtTninniUJ Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 24. Juli 1936 Nummer 31 Der Sturm auf den Tempel. Zum 9. Aw. Rasiere Didi gal and billig In diesen Tagen, die der Erinnerung an die letzten Stürme auf den jüdischen Tempel zu Jerusalem und dessen Fall geweiht sind, fühlen wir nicht nur pietätvolle Trauer über das Historische, sondern auch lebendigen Schmerz über das Symbolische des tragischen Ereignisses. Denn der Sturm auf das jüdische Heiligtum dauert fort. Wohl sind die mächtigen Quadermauern unserer Tempelburg an jenem 9. Aw endgültig gefallen, und unsere Weisen mußten sich damit begnügen, einen Zaun um die Lehre zu ziehen, aber gegen diesen Zaun tobt seit bald neunzehn Jahrhunderten ein gigantischer Kampf, der in der ganzen Weitgeschichte, so blutig auch ihre anderen Blätter sind, nicht seinesgleichen findet, was den heldenmütigen Opfermut der Verteidiger und die tückische Grausamkeit der Belagerer betrifft. Schon der Umstand, daß sich ein Zaun um soviel solider und haltbarer erweist als steinerne Bollwerke, ist ein ganz singulärer Fall. Dieser Zaun ist eben aus besonderem Stoff: Er ist aus dem jüdischen Geist geformt und gerade diesem gilt die heftigste Feindschaft, wenn wir den Kriegserklärungen alter und immer neuer Gegner des Judentums glauben dürfen. Dürfen wir ihnen glauben? Als die römischen Belagerer Jerusalems ihr blutiges Handwerk vom Sieg gekrönt sahen, gab der Oberbefehlshaber den Befehl, das Heiligtum zu retten. Trotzdem ging dieses in Flammen auf, denn die beutegierigen Soldaten waren durch listige Mären zum Aeußersten aufgestachelt worden. Man hatte ihnen immer wieder erzählt, daß im Allerheiligsten, das niemand betreten durfte, die unermeßlichsten Schätze aufgehäuft seien. Nun suchten sie diese Reichtümer, die nach Kriegsrecht ihnen gehörten, aber sie fanden den Raum leer und die Enttäuschung darüber raubte ihnen die Besinnung, so daß sie den Befehl des Führers vergaßen. Den aufreizenden Trick aber haben unsere Feinde nicht vergessen. Auch heute noch, im angeblichen Kampfe gegen den jüdischen Gei'st, verschmähen sie nicht, die niederen Instinkte der ihnen hörigen Massen mit verlogenen Hinweisen auf materielle Reichtümer der Juden aufzupulvern und so fliegen immer wieder vernichtende Brandfackeln ins jüdische Heiligtum, das bloß seelische Schätze birgt. Dieise seelischen Reichtümer streiten uns die Gegner ab. Die Juden, die zu allen Zeiten für ihre Religion die heroischsten Opfer an Gut und Blut auf sich genommen haben, während sich die anderen im Okzident das Christentum, im Orient den Islam aufzwingen ließen, gelten diesen Opferern der von ihren Ahnen ererbten Kulte als — Materialisten, die nur den irdischen Gütern des Daseins Interesse entgegenbringen. Natürlich wissen diese Entlarver unseres „Materialismus", daß sie lügen. Sonst wäre ihr unverkennbares Streben sinnlos, das Judentum gerade dort zu treffen, wo es, wenn die antisemitische Fiktion Wahrheit wäre, unempfindlich sein müßte. Was hätte es für einen Zweck, Synagogen zu schänden und Thorarollen zu zerreißen, wenn der Gott der Juden doch nur im Geldschrank zu rinden wäre? Auch der Kampf gegen das Schächten, der soeben in Danzig einen unrühmlichen Sieg zu verzeichnen hat, ist hur eine symbolische Form des Steineschleuderns gegen jüdische Heiligtümer. Er will auch nur Fenster einwerfen, durch die der angeblich erdgebundene Jude seinen Blick gläubig zum Himmel erhebt. Sie wollen uns wehtun und darum sucht sich ihr raffinierter Sadismus gerade jene Seiten des jüdischen Wesens zum Angriff aus, die ihre, ach, so präzisen „wissenschaftlichen" Erkenntnisse dein jüdischen Wesen — absprechen. Der Sturm gegen das, was uns Juden als heilig gilt, dauert an, bloß seine Taktik hat sich seit dem historischen 9. Aw geändert Die römischen Legionen stellten sich den Juden, im harten, ehrlichen Kampfe von Mann gegen Mann undterlitten zu.tausenden von den heldenmütigen Verteidigern . der Davidstadt den Soldatentod. Die heutigen Tempelstürmer aber lieben ihr Leben. Sie wollen es, wie ihr in diesem Falle aufrichtiger Entrüstungssturm über die Ermordung Gustloffs durch, den Juden Frankfurter zeigt, keineswegs in die Schanzen schlagen, sondern durch den Antisemitismus nur behaglicher gestalten. Nicht das Kämpfen mit den Juden, sondern deren Ausschaltung aus dem Kampf ums Dasein ist das moderne Ideal der Antisemiten. Schon das bloße Sich-Stellen der Juden zum freien Wettbewerb der Kräfte heißt im Antisemitenjargon „jüdische Anmaßung usurpierter Rechte" und wird gleichfalls als Symptom für die besondere Gefährlichkeit des jüdischen Geistes entlarvt. Der jüdische Geist, durch solche konzentrische Angriffe in der letzten Zeit stark in die Verteidigung gedrängt, konnte trotzdem vor Kurzem ein Gebiet, aus dem er scheinbar endgültig hinausgeworfen worden, wieder zurückerobern. Die Reichsleitung der deutschen Christen, aus deren Kreis der deutsche Reichsbischof Müller hervorgegangen ist, veröffentlicht jetzt eine Kundgebung, aus der hervorgeht, daß sie sich von nun an z u m Alten Testament positiv einstelle. Wäre es nun auch gewaltig übertrieben, daraus etwa sofort eine Besserstellung der Anhänger unserer Religion im Dritten Reiche zu erhoffen, da sie ausschließlich auf dem Alten Testament beruht, so dürfen wir es doch anderseits als eine Morgendämmerung der Erkenntnis begrüßen, daß die Menschheit nirgends mehr des Alten Testaments entraten kann, ohne daß die um das Minimalprogramm „Du sollst nicht töten!" gebrachte Welt in einem Meer von Blut untergeht. Uns Oesterreichern wird diese Gefahr am 25. Juli, dem Todestag des Märtyrerkanzlers D o 11 f u ß, besonders schmerzlich bewußt. Das glücklichere England ist jüngst mit dem bloßen Schrecken eines mißglückten Anschlags auf seinen jungen König davongekommen. England ist seit seinei Bekehrung zum Protestantismus mit dem Geist der Bibel besonders innig verbunden — so innig, daß sogar die äußerlichen Formen der jüdischen Sabbathfeier unverkennbar der englischen Sonntagsfeier ihr Gepräge aufgedrückt haben. Aber wichtiger ist die innere Verbundenheit des englischen Geistes mit dem der Bibel. Mordanschläge Oesterreicliisches Qualität* rabrlfcal Ueberau erhältlich auf die Repräsentanten der Staatsmacht sind in England etwas ebenso Ungewöhnliches wie Anschläge auf die religiöse oder politische Gedankenfreiheit der Bürger. Es ist gewiß nur ein Zufall, aber ein Zufall von erschütternder Symbolik, daß zur selben Zeit, in der ein Verrückter die Mordwaffe gegen das Staatsoberhaupt erhob, im Unterhaus che unseren Lesern bereits bekannten Enthüllungen über — Pogromgefahr im Londoner Judenviertel Sensation hervorriefen. Ohne sittliche Staateidee kann nach Hegels Wort kein Staatswesen leben. Kein Staat kann demnach seine Moral gegen eine bestimmte Bevölkerungsschicht ausschalten, ohne daß es gleich in seinem ganzen Gebälke gefährlich zu knistern beginnt Wer auf dem Boden des englischen Imperiums Judenverfolgungen inszeniert, schlägt der englischen Staatsidee ins Gesicht. In Palästina tun dies die Moslim, in London der Mosley. Eine Gesundung des englischen Staatslebens ist nur von einer schleunigen Rückkehr zum biblischen Geiste, der die englische Mentalität bisher segensreich beherrscht hat, zu erwarten, während die von den britischen Faschisten gepredigte Entjudung', wie sich zeigt, das sittliche Fundament unterhöhlt, auf dem das vielbewunderte Imperium Großbritanniens zu seiner stolzen Größe emporwachsen konnte. Die Erkenntnis, daß der jüdische Geist nicht ein Ferment der Zersetzung, sondern ein Element der Staatserhaltung ist, muß sich einmal allgemein durchsetzen. Bis dahin schöpfen wir Juden aus ihr den Trost, daß die Flammen, die den Tempel am 9. Aw vernichteten, nur eine Epoche der jüdischen Geschichte abschlössen, das Judentum selbst aber dem brennenden Dornbusch gleicht, der von den Flammen nicht verzehrt wurde. Philo von Alexandrien, der philosophische Zeitgenosse des Tempelbrands, deutete den brennenden Dornbusch, mit dessen Anblick Moses' Berufung zum Führer begann, als Symbol der unter Gewalttätigkeit Unrecht Leidenden: „Ihr Bedrückten und Verfolgten braucht nichts zu fürchten. Eure Schwäche ist Eure Kraft. Die Euch vernichten wollen, bewirken gegen ihren eigenen Willen Eure Rettung. Wenn man glauben wird, Euch zu vertilgen, werdet Ihr erst recht im Ruhmesglänze erstrahlen." Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Leset den Morgen Verbreitet den Morgen Inseriert im Morgen £s ist €uer Watt €s füfjft mit €ud) €s bznkt mit €ud} 6s kämpft für 6ud}J

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