Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 30 (17.7.1936)
- Date
- 1936-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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St-Jte o Nr. 30 — 17. Juli 1936 DIE WAHRHEIT DIE W &ie Situation in Palästina. Es ist ein tragischer Zufall, daß gerade in tinein Momente, in dem d.e allgemeine Entwicklung der europäischen Wirtschaft und Politik den iüdisdmii! Bedarf nach feinem geeigneten Emigratignsiand ständig wachsen läßt, die Gefahr einer Sperre Palästinas für die jüdisch« Einwanderung in drohende Nähe gerückt erscheint. Zuerst brachte der Londoner „Daily Herald" die alarmierende Meldung, daß die jüdische Immigration schon in den nächsten Tagen bis zum Abschluß der Arbeiten einer mit den Vorgängen in Palästina befaßten königlichen Unfersüchumgskommission eingestellt würde. Unter dem Eindruck der deprimierenden Wirkung dieser Nachricht auf die Judenschaft, die gerade in diesem Falle besonderen Grund zu der Befürchtung hat, daß sich das Provisorium in ein Definitivum verwandelt, hat die Regierung die Meldung des „Daily Herald" dementiert. Aber dieses Dementi wird in der englischen Oeffentlichkeit ziemlich skeptisch beurteilt. „Manchester Guardian" schreibt: „Wohl wird geleugnet, daß die Regierung einen solchen Beschluß gefaßt hat, aber man wird wünschen, mehr Gewißheit als man tatsächlich hat, darüber zu besitzen. Es gibt nämlich einige einflußreiche Leute, die eine Einstellung der Einwanderung, wenigstens für die Gegenwart, billigen würden, und die es bestreiten, daß ein solcher Schritt dem wahren Geiste des Mandates widersprechen würde." Wie groß dieser Einfuß zugunsten der Erfüllung des arabischen Wunsches ist, erhellt auch aus der Aeußerung der bisher dem jüdischen Aufbauwerke in Palästina wohlwollend gegenüber gestandenen „Times", daß die jüdische Einwanderung ins Heilige Land sich ailzu überstürzt vollzieht. Dazu ist zweierlei zu sagen: Erstens, daß das Tempo der jüdischen Sturzflut in die „Jüdische Heimstätte" weniger von den Juden als vom deren Bedrängern angegeben wird und daher eine Milderung am praktischesten nur durch eine planmäßige Bekämpfung der Judenhetze in aller Herren Länder zu erreichen wäre. Zweitens muß festgestellt werden, daß die jüdische Einwanderung in Palästina im Gegensatz zu anderen Ländern nicht nur keine wirtschaftliche Verlegenheit, sondern im Gegenteil nur Segen schafft, von dem auch die Araber profitieren. Hat doch der englische KolonialmMstex jüngst im Unterhaus zugegeben, daß sogar die religiösen Institutionen der Mohammedaner, deren Schutz bekanntlich ein angebliches Hauptziel der arabischen Bewegung ist nur mit Hilfe der jüdischen Steuergelder erhalten werden können, während die anderen Religionen. a?so auch die j ü d ische, keine Subventionen aus aFgemc-inöffentlichen Mitteln erhalten. Wenn also trotzdem die Araber sich von den Juden „bedroht" fühlen, hat diese Angst keine wirtschaftlichen oder konfessionellen Gründe, sondern lediglich politische. Die Schuld an der arabischen Panik hat die Dummheit gewisser zionistischer Führer, die ohne auf die weisen Warnungen Weizmanns zu hören, beständig die Majorisierung .und Beherrschung des Landes durch die Juden mit einem srosprecherischen Elan verkünden, der in groteskem Gegensatz zu dem Klebenbleiben eben dieser Zionistenführer in der „Galuth" standen. Jetzt sind wieder einmal Weizmann und Ben Gurion nach London geeilt, um für die Juden zu -retten, was noch zu retten ist... Auf der anderen Seite hat diese Entwicklung der Dinge den arabischen Kampfeseifer, der schon im Abflauen begriffen war, neu entflammt. Fast täglich gibt es jüdische Todesopfer. Bei einem Ueberfall auf eine Autobuskolonne zwischen Dir el Shark und Nur el Schemesch kam der Russe Ber ums Leben und der aus Deutschland eängewandeine 30jährige Max G arm i ein1 wurde schwer verwundet. Außerdem wurden zwei Soldaten und fünf Passagiere leicht verletzt. Reuter teilt mit daß am 12. Juli in einer Straße von Jerusalem ein reicher jüdischer Kaufmann er- Die besten EiseBNirst-eDl^elAwareo 3rhal täglich frisch bei 1KB>,Hinll.,frHß|i!33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Maus elegantest ausgeführt. schössen wurde. Der Meldung wird hinzugefügt, daß am Sonntag die Gesamtlage etwas ruhiger war. Weiter meldet Reuter aus Jerusalem, daß am Sontag, 12. Juli, ein jüdischer Telephonist, der 31jährige Adam Lipkin, von einem englischen Soldaten erschossen wurde. Es soll sich aber um einen Unglücksfall handeln, indem der Revolver des Soldaten sich zufällig entladen habe. Der Soldat wurde verhaftet In der Nacht wurde die jüdische Kolonie Newej-Jaakob uniweit Jerusalems zum siebenten Mal beschossen. Die Schützen wurden von der jüdischen Hilfspolizei vertrieben. Die Schießerei dauerte anderthalb Stunden, Verluste gnb es nicht. »4<*4>(f Drohen der „Heimstätte neue Gefahren? 5i Marcus Silberschatz verschickt jetzt an verschiedene jüdische Stellen eine Publikation unter obigem Titel und ein dasselbe Thema weitergehend behandelndes schriftliches Elaborat. Vor Erscheinen der Druckschrift war der Autor von Personen, denen er seine einschlägigen Gedanken mitgeteilt hatte, gebeten worden, sie nicht zu veröffentlichen; zwei bekannte Publizisten bezeichneten sie sogar als Bombe gegen den Zionismus. Der Verfasser aber, der schon wiederholt ganz neue Wege eingeschlagen, auf denen man ihm dann willig folgte, ließ sich von der Veröffentlichung nicht abhalten, in der Ueberzcugung, damit dem ganzen Judentum ohne Unterschied der Partei zu dienen; er hielt nur die Druckschrift von Ende Mai bis jetzt fast ganz zurück. Die Quintessenz beider Schriften: Gerade die (zu erwartende) Beilegung der arabischen Affäre ist geeignet, eine weit ernstere Gefahr zu verschleiern, die, mit Rücksicht auf die Entwicklung Ostasiens in den letzten Jahrzehnten und die heutigen Vorgänge, sich vielleicht schon binnen 40 Jahre (im Leben eines Volkes eine kurze Spanne) auswirken kann, u. zw. die „bunte Gefahr": die Erhebung der Asiaten gegen Europa und die dadurch drohende Vernichtung der Juden Palästinas, worüber sich die Zio'nisten nie Gedanken gemacht haben. Schon was bis jetzt allgemein von der gelben Gefahr gesagt wurde, ist Grund genug, daß sich die Juden, die die Vorgänge in der Welt beachten müssen, um zu sehen, wie weit sie davon berührt werden, mit ihr befassen; aber die Gefahr ist größer als man allgemein glaubt Die heutige Konstellation in Asien schließt keineswegs eine Einigung seiner Völker aus. Sogar die Balkanvölker, immer in grimmiger Fehde liegend, haben sich doch gegen die Türkei geeinigt; der Weltkrieg sah England und Rußland alliiert, sogar im Bunde mit Japan. Ein eventueller militärischer Vorstoß der Gelben zu Lande gegen Europa brauchte keineswegs vom Amur aus zu erfolgen, sondern könnte auch von Innerasien aus gegen die Sowjet-Union vor sich gehen, wodurch die Asiaten einerseits in den Rücken der russischen Festungsanlagen im Osten geraten, anderseits den Weg zum Schwarzen Meer sowie zum russischen Rüstungszentrum und nach. Moskau um Tausende von Kilometern abkürzen könnten. Eine Aufwieglung der sowjetrussischen Mongolen wäre auch möglich und ebenso eine Verbindung mit den stammverwandten Türken. Als Einigkeitsidee oder treibende Kraft der jetzt zerklüfteten Asiaten genügte vollkommen das Schlagwort „Gegen die Weißen!", sobald sie nur hinreichend gerüstet sein sollten. Eine entsprechende Organisation, die alles in die Tat umsetzt, könnten die Japaner schaffen; aber auch China hat tüchtige Arrangeure. Militärische Tradition ist, was China betrifft, das jetzt militärisch und wirtschaftlich rasch aufbaut, nicht immer notwendig: Jeder Rekrut ist ein Neuling und ebenso jeder Offizier. Das Muskeljudentum brauchte auch nicht viel Zeit zur Entfaltung. JJeberdies hat China vor Shanghai Proben ■ militärischer Tugenden geliefert. Wenn Asien einig sein sollte, wird es ihm an Ausrüstung nicht fehlen. Auch die englischen Positionen in Indien haben ihre Schwächen. Wenn man Indien mit Flugzeugen und Tanks unterstützte, müßte die Lage für England unhaltbar werden 2000 Jahre dauert die Diaspora: soll gerade jetzt, da der Kampf zwischen Weiß und Farbig um die Vorherrschaft auf dem Erdball nicht mehr lange auf sich warten lassen kan;1, die Hoffnung aller Juden aus- GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteiluhgenfürköscherfleisch unter Aufsteht des ehrw, Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Quaiität zu den billigsten Marktpreisen schließlich auf Palästina konzentriert werden? Silberschatz bejaht wohl Palästina; aber er verlangt gewisse Maßnahmen, die er hauptsächlich in seinem schriftlichen Elaborat anführt. Er behandelt alles sachlich, ohne Spitze gegen irgend eine Nation. Tfeues aus %no-Wbsc&an. Lazar Kaganowitsch, die wichtigste politische Figur der Sowjet-Union nach Stalin, ist soeben von einer Reise nach Biro-Bidschan nach Moskau zurückgekehrt und erklärte den Führern von Komzet, das Tempo des jüdischen Aufbaues in Biro-Bidschan müsse beschleunigt werden, es müsse ein weifgehender Fünfjahresplan aufgestellt werden, als dessen Resultat weitere 100.000 Juden ins Land gebracht werden sollen. Es sei, erklärte Kaganowitsch weiter, notwendig, das Lebensniveau der neuen Bürger zu heben, weil sie Menschen höherer Kultur sind. Die jüdischen Kolchose werden den Charakter von „Agro-Städten" tragen. Jede Kollektivsiedlung wird aus 100 Höfen mit insgesamt 400 Seelen bestehen und über öffentliche Gebäude, wie Schule und Kindergarten, Lesestube und medizinisches Zentrum verfügen. Kaganowitsch verhandelte auch mit dem Vorsitzenden von OZET, S. D i m a n s t e i n, über die Frage der Vergrößerung des Territoriums des .jüdischen Landes Biro-Bidschan" durch Einschließung des Biroer Kohlenrayons, der eine kolossale Bedeutung für die Entwicklung Biro-Bidschans haben wird. -Das Kommissariat für Schwerindustrie stimmte dem Plan unter der Bedingung zu, daß ihm Spezialisten und technische Kräfte zur Verfügung gestellt werden. Der Sekretär des Zentralexekutiv-Komitees der ukrainischen Sowjetrepublik. A. S i n e n k o, wurde zum Vorsitzenden des ukrainischen KOMZET (Regierungskommission für jüdischen Aufbau) bestimmt. Die Berufung einer so hochgestellten Persönlichkeit an die Spitze des KOMZET wird dahin gedeutet, daß die Regierung großen Wert darauf legt, daß der Aufbauplan in Biro-Bidschan und die Umwandlung dieses autonomen jüdischen Rayons in eine jüdische Sowjetrepublik planmäßig vollzogen wird. Sinenko hat Maßnahmen getroffen, daß aus der Ukraine in diesem Jahre mindestens 6000 Juden nach Biro-Bidschan gebracht werden. Er erklärte, das jüdische Land Biro-Bidschan sei in der Verfassung der Sowjet-Union verankert. Das Exekutivkomitee von Biro-Bidschan setzte eine Kommission zur Erforschung der Naturreichtümer des Landes ein. Nach vorsichtiger Schätzungen der Geologen besitzt Biro-Bidschan 60 Milliarden Tonnen Eisen, unschätzbare Mengen von Granit, Asbest, Magnesit und anderen Mineralien. Etwa 60 Kilometer von der Stadt Biro-Bidschan entfernt wurde eine sieben Metei dicke Kohlenschicht entdeckt. Temrtelraub. In der Stadt Sa tu Mare (Rumänien) sind sämtliche vier Synagogen während der Nacht geplündert worden. Die Spendenbüchsen wurden erbrochen, die Gebetbücher zerrissen und seidene sowie Samtvorhänge entwendet. Von den Tätern fehlt jede Spur. Der Verein „Ferienheim" (Präsidentin Sofie G r ü nf e 1 d) hat vor einigen Tagen in sein eigenes „Sofie Grünfeld-Ferienheim" Bad V ö s 1 a u, die erste Serie von 85 besonders erholungsbedürftigen Kindern entsendet. Das Heim entspricht allen Anforderungen moderner Hygiene und bietet den Kindern mit einem herrlichen Park, dem darin neu errichten Plantschbad und täglich fünf kräftigen Mahlzeiten einen besonders schönen Ferienaufenthalt von 30 Tagen. Ebenso hat der Verein „OesVerr. "See'hospii", welcher gleicTifalls unter dem Präsidium von Frau Söffe 'Grünfeld steht, in sein eigenes Heim nach G r a d o (Italien) 50 zarte, blutarme> Kinder entsendet, die sich unter der Einwjrkunjr von Luift, So'nn'e, StraSid und MeVr ausgezeichnet erhplen. Für Üie am 11.. August nach Grado abreisende zweite Serie sind hoch einige Plätze mit ermäßigten Verpflegs- und Reisebeiträgen frei. Auskünfte und Prospekte im Vereinsbüro, IX., Türkenstraße 17, Tel. R 51-5-63.'