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Die Wahrheit · 1936-07-17 · Heft 30 (17.7.1936) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 30 (17.7.1936)
Date
1936-07-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 30 — 17. Juli 1936 Seite 3 Sir Percy Harris stellte fest, daß im Londoner East End niemals Ausschreitungen, ganz besonders nicht solche infolge von Rassengegensätzen, vorgekommen] seien. Nach dem Kriege habe aber die Polizei, die früher mit der Bevölkerung im besten Einvernehmen lebte, Methoden angewandt, die aufreizend wirkten und Mißstimmung schufen. Es herrsche die Empfindung, daß die Polizei irgendwie mit den Faschisten in geheimen Einverständnis stehe. Der Abgeordnet verlangte, daß das Tragen von Uniformen lalbmilitärischen Charakters bei politischen Versammlungen verboten werde. Der Abgeordnete J. R. Macnamare nahm die Polizei gegenüber den Beschuldigungen des Abg. Pritt in Schutz. Judenhetze sei bedauerlich, unfein und unenglisch. Er hoffe, daß man imstande sein werde, allen Einfluß und, wenn nötig, alle Kraft anzuwenden, um diesem sich anscheinend einschleichenden abscheulichen Uebel Einhalt zu gebieten. Aber wenn gewisse Faschisten sich der Judenhetze ergeben, könne man doch nicht dn Vorwurf der Judeinhetze gegenüber den Faschisten fm allgemeinen erheben. Der früherer Arbeitsminister George Lansbury führt aus, in allen Vierteln des East End herrschte ein wahrer Terror gegen die jüdische Bevölkerung. Er glaube, das Innenministerium hätte manche Vorkommnisse, die allwöchentlich in gewissen Stadtteilen sich ereignen, verhindern können. Der einfache Bürger in anderen LandesUeüen könne nicht verstehen, wie es möglich sei, daß Zeitungsverkäufer über einen Mairktplatz gehen, der voll von jüdischen Händlrn ist, und gegen diese die gemeinsten Beschimpfungen gebrauchen. Angesichts dieser andauernden Provokationen sollten Innenministerium und Polizei dafür sorgen, daß eine längere Zeit hindurch genügend Polizisten zur Stelle sind, damit diese Dinge aufhören. Durch solche monatelang dauernde Propaganda, bei der den Juden die Schuld für alles und jedes zugeschoben wird, werde die Stimmung für große Exzesse vorbereitet. Der Abgeordnete Watkins gab Beispiele tür die im East End herrschende Unsicherheit. Er habe einer Preisverteilung in einer jüdischen Religionsschule fn Hackney beigewohnt. Die jüdische Bevölkerung stehe so tief unter dem Eindruck der Judenhetze, daß sogar bei dieser Gelegenheit der Rabbiner, der die Feier leitete, und andere prominente jüdische Persönlichkeiten den Mangel an Sicherheit in dem Stadtviertel beklagten und die Hoffnung aussprachen, daß durch Verstärkung des Polizeidienstes die Ordnung wiederhergestellt werden wird. Von jüngeren und älteren Juden, fuhr ter Abgeordnete fort, erhalte er häufig Briefe, in denen sie darüber klagen, daß sie in Nebenstraßen mißhandelt werden. Am 3. Juli sei ein jüdischer junger Manm von einer Gruppe von aeht oder neun Rowdies überfallen und mit einem in Papier eingewickelten Drahtknüppel niedergeschlagen worden. Auch seine Begleiterin wurde mißhandelt. Ein jüdischer Möbeltischler in Hackney habe, als er die Haustür auf verzweifeltes Klopfen öffnete, seinen Sohn blutüberströmt auf der Schwelle gefunden. Der Abgeordnete verlangte vom Innenminister die Polizei noch weiter zu verstärken und alles zu tun, damit die Juden ebenso ungefährdet seien wie die übrige Bevölkerung. Diese ganze judenfeindliche Tätigkeit gehe von einer einzigen Organisation aus. Es sei nicht einzusehen, warum nichts unternommen werden könne, um dieser von Tag zu Tag weitergehenden Propaganda ein Ende zu machen. Die Antwort des Innenministers. Im Namen der Regierung erklärte Innenminister Sir John Simon, die Regierung lege auf den Schutz der bürgerlichen Freiheiten und gleiche faire Behandlung aller Bürger Restaurant Stefanie UiO II., TaborstraB« 12 Hugo u.Julie Herlinger,geb. Zöllner Bekannt gute Küche, gepflegte Getränke, aufmerksamste Bedienung, zeitgemäße Preise, reichhaltige billige Menüs, sowie alle Spezialitäten, schöner schattiger Garten größten Wert. Hatten aber die Abgeordneten größeren Schutz der bedrohten Bevölkerung durch die Polizei verlangt, so forderte der Minister größere Unterstützung der Polizei durch die Bevölkerung: Man müsse den Menschen, die solcher Behandlung ausgesetzt sind, sagen: Helft uns, den Kampf für Euch zu führen; die Polizei wird sich nicht weigern, Euch zu helfen, aber Ihr müßt auch ihr helfen. Es ist unbedingt notwendig, daß das Publikum selbst alles tue, um eine Lösung dieses Problems zu ermöglichen. Leider erschwerte der Minister das Verständnis, wie er sich diese Lösung durch das Publikum selbst vorstellt, dadurch, daß er im selben Atem auch organisierte Gegenkundgebungen der Antifaschisten abfällig berlrteilte. Schließlich erklärte der Innenminister, es sei nicht richtig, daß die Polizei die freie Meinungsäußerung langsam vernichte oder e:ne Partei gegenüber der anderen begünstige. In den letzten Monaten sei alles geschehen, um die besorgt Eure BÜChef durch die Buchhandlung Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Mäßige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr 10 Grosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel. R 41 -4-20 Kataloge gratis! Schwierigkeiten zu überwinden, und die Polizei erhöhe weiter ihre Anstrengungen. „Ich bitte die Mitglieder des Hauses", schloß Sir John, „der Ueberzeugung zu sein, daß alles geschieht, um diese Angelegenheit entsprechend zu regeln." Nach der Antwort des Innenministers erklärte Sir Arnold Wilson, es wäre falsch zu glauben, daß die Judenhetze nur auf den Faschismus zurückzuführen ist. Die Regierung sollte sich mit den wirtschaftlichen und sonstigen Gründen befassen, die zur Verbreitung der bei gewissen Bevölkerungsschichten zweifellos bestehenden Meinung geführt haben, daß sie die Opfer eines bestimmter Bevölkerungsteiles seien. — Das heißt mii anderen Worten: Nicht dfe Verleumder, sondern die Verleumdeten sind schuld! Wir Juden kennen diesen Text und wir kennen auch die Verfasser. Ueberraschend neu erscheint uns nur die Leichtigkeit, mit der sie jetzt sogar England erobern... Als letzter Redner gab der Abgeordnete Torrington namens der Labour Party der Anerkennung dafür Ausdruck, daß der Innenminister sein> Möglichstes tue. Als Beispiel für die judenfeindliche Propaganda der Faschisten zitierte der Abgeordnete einen Redner, der öffentlich erklärt habe, den Juden sei es erlaubt, die Christen auszurauben und zu beschwindeln. D:e von Pritt aus Mißtrauensgründen beantragte Kürzung des Budgetpostens für die Polizei wurde sodann mit 148 gegen 76 Stimmen abgelehnt. Es werde Lichf 1 Im Rahmen des Gautr.ges Hessen-Nassau sprach Dr. Johann von Leers über die Judenfrage und iührte dabei u. a. aus: ..Die rassische Gesetzgebung wurde bei uns durch die kirchliche Amdeichung abgebogen. Wir bekämpfen nicht nur das Eindringen jüdischen Blutes, sondern auch den jüdischen Geist. Zwei Prinzipien stehen hier gegeneinander, und der Kampf wird enden mit dem Siege des Lichtes über die Finsternis." Das hoffen auch wir Juden. Fiat lux! Afrika in Sicht. Die weißen Häuser von Tanger blenden uns entgegen; "aber die„Duilio" kennt nun keine Landung mehr vor Dakar. Sie will ja im Rekordtempo von 16 Tagen die ganze Fahrt von Genua bis Kapstadt machen und fährt nun im Durchschnittstempo von 18 Knoten die Stunde westlich von Afrika gen Süden. Kühle Brise umstreicht uns, nichts von der gefürchteten Hitze. Ringsum uns nur Wasser — tagelang. Das Nichtstun umfängt uns überhastete Europäer wie Sanatoriumsruhe. Wir beginnen das Schiff, „unser" Schiff, immer mehr zu lieben, sind stolz auf seine schnelle Fahrt, aui die Schönheit seiner Proportionen, die Zweckmäßigkeit seiner Einrichtungen, als ob wir es selbst gebaut hätten. Es ist merkwürdig, und jeder Passagier wird davon ergriffen, wie schnell man ein Heimatgefühl auf einem Dampfer bekommt, und das ist — wichtiger als für den Touristen — von ungeheurer seelischer Bedeutung für Menschen, die ihre Heimat soeben für immer verlassen haben und einer ungewissen Zukunft entgegenfahren. Und deren gibt es genug an Bord. Man sieht es zunächst, ohne zu fragen, an ihren Gesichtern; aber die Sonne vertreibt bald ihre Sorgen, und sie geben sich vielleicht mit größerer Unbekümmertheit ihrer Ferienstimmuri'g hin als wir Touristen, vor denen sich neue Probleme täglich wie ein Chimborasso aufzutürmen scheinen. Sie wachsen auf in Unterhaltungen mit den Mitpassagieren aus Johannesburg und Kapstadt — manche von ihnen kommen gerade von einem Ausilug nach Palästina zurück —, und sie beschäftigen uns immer wieder trotz Decktennis und Shufile Bord, .trotz Kino und abendlichen Tanzes. Und während wir dife warmen Vollmo'ndriäch'te auf dem bbe'rsfen Deck Verbringen, kommen wir, wie die Katze, die immer auf die Füße fällt: immer wieder auf die Probleme zurück, deren Wirklichkeit uns die überfüllte Touristenklasse lebendig vor Augen führt. IV. Mitten im Ozean leben wir wie in einer schwimmenden Stadt Ich darf das Schiff durchstreifen, kann unter Führung des liebenswürdigen Kommandanten die mathematisch-astronomischen Apparate bewundern, die unseren Kurs bestimmen, bekomme vom Chefingenieur eine praktische Demonstration der Kessel und Maschinen, die das Schiff mit kaltem und warmem Wasser und mit kühler Luit versorgen, und darf die Turbinen und Propeller anstaunen, die unsere 24.000 tons mit so großer Geschwindigkeit vorwärtstreiben. Ich sehe die Riesenöfen, in deren Bauch auf solcher Fahrt tausende von Tonnen Oel verbrennen, betrachte die winzigen Düsen, durch die diese Milliarden von Oeltropien durchgeleitet werden. Hier gibt es keine Kohlenschipper mehr und keinen Kohlenstaub, nur wenige Heizer, die die Oefen und die Kompressoren bedienen, und daneben guteingerichtete Handwerksstätten, an deren Drehbänken und Schmieden Maschinenteile nachgesehen und notfalls repariert werden. Und neben diesen zentralen Maschinenräumen besitzt unsere Stadt „Duilio" gewissermaßen Massenspeisungen, für die saubere Küchen und Backräume, Kühlhäuser und Weinkeller und ein Warenhaus von Lebensmitteln aller Art da sind. Hier gibt es auch besondere Räume iür Koscherfleisch und andere koschere Lebensmittel; denn die Passagiere können aui Wunsch rituell speisen. Und wir haben aucii ein eigenes Hospita! mit ganz modern, sanitär ein^endneten besonderen Abteilungen iür gewöhnliche und iur Iniekiionskrankheiten, und einen herrlichen Massage- und Uymnasiikraurn für sportireudige Fahrgäste und solche, die zu dick zu werden fürchten. Aucii eine eigene Druckerei ist da, in der das Nachndnenbimt ües täglich erscheinenden „Cornere del Marc", gedruckt wird. Die Wohnhäuser unserer Stadt zeriallen in zwei Klassen, in die ers:e, deren weite Räume und Kabinen das Mittel- und Vorderteil des Schiiies einnehmen, und die kombinierte zweite und Touristenklasse, die mit ihren geschmackvollen Geseilschaftsräumen und luftigen, zum '1 eil ganz modern eingerichteten Kabinen den unteren 'feil der Mitte und das Hinterteil des Schifies in Anspruch nimmt. Jede Klasse hat schone Decks, die zu allen Arten von Spieien, zum Wandern und mit ihren Schwimmbecken zum Baden einladen; an den heißen Tagen entwickelt sich hier ein fröhliches Strandleben. Bis man ail das gesehen und die Geographie des Schiffes richtig durchstudiert hat, künden Fischerboote und Scharen kleiner weißer Vögel die Nähe der Küste, und langsam hebt sich am östlichen Horizont ein schmaler gelber Küstenstrich ab: Dakar, der westlichste Ort Afrikas. Unser Schiff hat in Dakar Ladestation für Oel, und während sich die großen schwimmenden Tanks rechts und links neben unser Schiit legen, iahren wir hinüber ans Land. (Fortsetzung folgt.)

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