Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 30 (17.7.1936)
- Date
- 1936-07-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ÖtitL- Nr. 30 — 17. Juli 1936 DIE WAHRHEIT t 1 * 1 *• Vi So viel Worte, so viel Unsinn. Mehr als je ist es heute notwendig, daß wir österreichische Juden uns unter dem Bekenntnis zum österreichischen Volke und unter dem Bektemntnis zu unserem angestammten Glauben sammeln und den Schutz unserer verbrieften Rechte, wenn nötig, im Rahmen der „Vaterländischen Front", des einzigen Organs der politischen Willensbildung in Oester- Teich, verlangen. Mit all ihrem „Stimmen"-Aufwand wird das Blatt der Allgemeinen Zionisten die „veralteten assimilatorischen Schlagworte" nicht aus der Welt scharfen können, weil sie in der historischen Entwicklung des österreichischen Judentums begründet sind und im Laufe der Jahrhunderte Ewigkeitswert erlangt haben. Es ist nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen, daß unsere Glaubensgenossen seit 2000 Jahren — in alle Welt zerstreut — Sitten, Gebräuche, Kultur und Sprache ihrer Mitbürger angenommen haben, und daß sie in treuem Festhalten an ihrem Glauben und an den sittlichen Lehren ihrer Religion fast überall von den Gesetzen als gleichberechtigte Mitbürger anerkannt worden sind. Also nicht „das nationale Judentum kann in dieser Zeit den festen Rückhalt geben', sondern nur das rückhaltlose Bekenntnis zum österreichischen Volk, als dessen Bestandteil, nur unterschieden durch unsere Religion, wir uns fühlen und immer fühlen werden. Auch die Berufung der Austro-Jüdischnationalen auf den Zionismus, und sein Aufbauwerk in Palästina kann die Wahrheit micht verntebdn, daß der größere Teil des Verdinstes an der Schaffung einer Heimstätte für heimatlose Glaubensgenossen in Palästina den nichtnationalen Juden, den sogenannten „Nichtzionisten", zukommt Daß die Jüdischnationalen auch diesen Anlaß nicht vorübergehen lassen können, ohne uns zu verleumden, daß wir „denunzieren und einen Teil' der Judenschaft gegen den anderen auszuspielen versuchen und jederzeit bereit sind, den Gedanken der jüdischen Solidarität einem kleinlichen Pairteivorteil zu opfern", wird niemanden, der den sittlichen Wert der „Stimme" und die Parteileidenschaft der Stimme ihrer Hintermänner kennt, wundernehmen. Unser „kleinlicher Psirteivorteil" war wohl der, daß w i r einen zionistischen Vizepräsidenten und Parteiführer, unter Mißbrauch der uns zum Wohle des Wiener Gesamtjudentums verliehenen Mandate, zum besoldeten Amtsdirektor der Kultusgemeinde bestellt haben, und nicht die Austrozionisten, ohne Rücksicht auf das Ansehein der Kultusgemeinde innerhalb und außerhalb ihrer Mitglieder. Cafe Pension EcKsfein BADtiAfTHN HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Semmering Neu renoviert! Oesterreich ist nicht nur ein deutscher Staat, wie in der Verfassung gesagt wird, sondern auch ein christlicher, d. h. ein katholischer Staat. Auch die Katholiken werden den Abschluß des Uebereinkommens zwischen Deutschland und Oesterreich mit geteilten Gefühlen aufgenommen haben und gewisse Besorgnisse für die Zukunft hegen. Aber so wie sie wollen wir auf der Wacht sein und Versuchen, das nationalsozialistische Gift innerhalb der Bevölkerung Oesterreichs zu verbreiten, mit allen gesetzlichen Mitteln entgegentreten. Principiis obsta! Lux! Das englische Unterhaus gegen Judenhetze. Von den Briefen, die Stefan Lux vor seinem Freitod im Genfer Völkerbundpalais an verschiedene Persönlichkeiten der Weltpolitik gerichtet hat, liegt bisher m<utr der Text des Schreibens an den e-nglischen Außenminister Sir Anthony Eden vor. Zum Schluß des Briefes heißt es: „Sir Anthony Eden, ich bitte Sie mit meiner letzten Kraft: Schauen Sie den Tatsachen ins Gesicht, werfen Sie die tödliche Apathie von sich, halten Sie sich nicht auf mit nebensächlichen Formalitäten. Sie sind — verzeihen Sie, ein Toter darf das zu sagen wagen — zu jung und zu begabt, um schon -verknöchert zu sein. Sie müssen als Mensch die Sprache eines Menschen verstehen. Sie müssen menschlich handeln. Reißen Sie die Initiative an sich. Sie sind dazu berufen. Und wenn Ihr Kabinett vor lauter Ueber- . legung nicht begreift was wirkliche Menschenpolitik ist, dann lassen Sie es weg. Ich rede nicht als Dilettant — außergewöhnliche Gefahr rechtfertigt außergewöhnliche Mittel. Treten Sie vor Ihren jungen König, treten Sie vor Ihr Volk, klären Sie sie auf. Sie' werden Ihnen beide folgen, König und Volk. Und das, Sir Anthony Eden, kann noch die Rettung sein. Der beste Teil der Alten Welt wird an Ihrer Seite stehen." Leider hat sich aber mit größerer Eile der schlechte Teil der Alten Welt, dessen Gefährlichkeit für den Weltfrieden Lux in dem oben zitierten Brief zu zeigen bestrebt war, der Propaganda vor dem englischen Volke bemächtigt. Die Budgetdebatte im Unterhause enthüllte darüber sehr bedauerlich© Tatsachen. Der Arbeiterparteilar Pritt führte eine Reihe von Beispielen an, in dienen seiner Meinung nach die Polizei für die Faschisten Partei genommen habe. In eninar faschistischen Versammlung unter freiem Himmel, die am letzten Montag in Hampstead stattfand, habe ein Redner erklärt: „Was den Juden in Deutschland geschehen ist ist nichts gegen das, was wir mit ihnen tun werden, wenn wir zur Macht kommen." Dann wandte sich der Redner zu einem der Zuhörer und sagte: „Das gilt ganz besonders für Sie." Zwei Polizisten hätten mit albernem Grinsen dabeigestanden. In Stepney habe ein Redher Aeußerungen getan wie: „Die Juden sind die größten Zuhälter des West End. Während Ihr. im Kriege gekämpft habt, haben di)e Juden Euch Verdienst und Heim gestohlen." Auch der Ausdruck „dreckige Juden" sei gefallen. Aus einier Zeitschrift „Der Faschist" zitierte der Abgeordnete einen Passus, in dem es heißt, es sei trotz zahlreicher Ableugnungen nachgewiesen, daß die Juden Ritualmorde an Christen begingen, um frisches Blut in ihr rituelles Osterbrot zu mischen. Mit vor Erregung bebender Stimme sagte Abg. Pritt: „Diese alte, grausame, brutale Behauptung ging jedem Pogrom in Rußland und jedem Pogrom in Polten voraus; wienn die Regierung nicht einschreitet, dann wird sie einem Pogrom auch hier in England vorausgegangen sein. Die Laxheit der hauptstädtischen Polizei hat solche Veröffentlichungen ermutigt. Wenn auf die Regierung nicht ein Druck ausgeübt werden wird, daß mit diesen Dingen Schluß gemacht wird, dann wird England noch mehr seinen Ruf als ein Land der Redefreiheit verlieren. Wir werden auch noch den Ruf als ein Land, in dem Gewalttätigkeiten selten sind, verlieren!" Die Herzogin vonAtholl lenkte die Aufmerksamkeit auf die judemfeindliche Propaganda der „National Workers Party". Diese Propaganda reize zu Gewalttat auf. Der Führer dieser Partei habe gesagt, er werde seinen ganzen Einfluß und seine ganze Macht aufbieten, daß Menschen nicht wieder im Interesse jüdischer Finanzleute auf die Schlachtbank geschickt werden. Die Herzogin erklärte, das sei eine fürchterliche Bi&schuldigung. Solche Erklärungen könnten zu heftigen Vorurteilen führen und die Hetze zu Gewalttat v er stärken. Sie werde auch in Stadtteilen getrieben, wo es jüdische Geschäftsleute und Angestellte gibt, so daß Ausschreitungen zu befürchten seien. Von der Polizei müsse äußerste Wachsamkeit gefordert werden. &euit£eton. Über dem Äquator. Von Dr. Margarete E d e 1 h e i m, Berlin. Die Schriftleiterin der Berliner „C.V.¬ Zeitung" war so freundlich, auch unserem Blatte die interesasnten Berichte über ihre kürzlich stattgehabte Reise nach Südafrika zur Verfügung zu stehen. Diese ausgezeichneten Schilderungen erscheinen von nun ab fortlaufend an dieser Stelle. An Bord des „Duilio". I. Wer hätte früher, wenn ein gütiges Schicksal ihm die Möglichkeit einer Ferienfahrt nach Südafrika vergönnt hätte, daran gedacht, eine solche Reise unter jüdischen Gesichtspunkten zu machen? Man hätte nur an das blaue Meer gedacht, an den A&juator und die /liegenden Fische, an das rätselvolle Land, das in seinem Boden Schätze an Gold und Diamanten und auf seiner Erde alle Schönheiten irdischer Landschaft tragen soll und an das Kreuz des Südens, das nächtlich über ihm leuchtet Aber jetzt gehen schon die Reisevorbereitungen unter ganz anderen Auspizien vor sich. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht unter den Freunden und im Notizbuch häufen sich die Adressen von Kindern, denen man die Grüße der Eltern und von Bekannten, denen man möglichst gleich einen fertigen Anstellungsvertrag oder das Permit zur Einwanderung — das für Menschen aus früher deutschen, jetzt polnischen Gebietsteilen erforderlich ist — mitbringen soll. Und wenn man früher eine solche Fahrt als „Ferien vom Ich" betrachten konnte —jetzt verfolgt einen nicht nur das „Ich", sondern das „Wir", das Gesamtschicksal, das uns Juden in Deutschland den Lebensraum einengt und die Tore zur Welt aufstößt Aber will diese Welt uns aufnehmen? Brennender denn je ist die Frage, da uns gerade in den Ta£en meiner Abreise ernste Nachrichten aus Palästina erreichen und uns mahnen, auch an andere Wege für die zur Wanderung aus Deutschland drängenden Juden zu denken. II. Grau ist das Meer am Tage, als die „D u i 1 i o" von Genua aus, der Stadt voll überströmendem Leben, sich zur Ausfahrt nach Südafrika rüstet Schnell sind die Formalitäten in den weiten Hallen der „Italia, Flotte Riunite" erledigt. Noch laden die Riesenkräne letzte Fracht und Passagiergepäck ein; in dem zum Lastraum schwebenden Riesennetz thront auf Teppichen und Milchdosen ein weißer Kinderwagen und eine Babybox. Die sehe ich wenige Tage später wieder, als wir längst das Mittelmeer verlassen haben und endlich südliche Wärme uns umfängt, denn auf dem geräumigen Deck der Touristenklasse spielt ein reizendes Baby aus Deutschland in diesem Ställchen seiner neuen afrikanischen Heimat entgegen. Erst aber haben wir noch in Marseille einige Stunden Aufenthalt haben den brüllenden Golf von Lyon zu durchkreuzen — wer hat eigentlich das Märchen erfunden, daß das Mittelmeer blau und ruhig sei? — und in Gibraltar Gäste aus Amerika aufzunehmen. Strahlende Sonne liegt über Hafen und Stadt. Englische Wasserflugzeuge und Kriegsschiffe liegen in diesem Ein- und Ausfallstor, aber sie scheinen mehr symbolische Bedeutung zu besitzen — und so wird es hoffentlich auch bleiben — und so dürfen wir Passagiere den mehrstündigen Aufenthalt zu einem Gang durch die Stadt, d. h. durch ihre englische Seite, benutzen. Unbefragt passieren wir das Festungstor, das zugleich Durchgang zu der einzigen Handelsstraße dieses Freihafens ist. Sie ist ein großer Bazar, Laden an Laden vollgestopft mit französischen Parfümerien, billigen japanischen Stickereien, englischen und ägyptischen Zigaretten, Schmucksachen und Andenken wahrscheinlich Pforzheimer oder Gablonzer Herkunft. Dieser Handel liegt in den Händen der Spanier, unter ihnen mancher sephardische Juden. Gibraltar hat ja eine verhältnismäßig große jüdische Gemeinde (1100 Seelen) mit eigener Synagoge, und auch mehrere jüdische Familien aus Deutschland haben sich hier jetzt niedergelassen. Aber in diesem englischen Stadtteil darf die spanische Bevölkerung nur tagsüber sein. Um 6 Uhr abends müssen sie das Gitter, das den englischen vom spanischen Stadtteil trennt passiert haben — dann bleibt nur das englische Militär in dieser Festung, deren Forts eingebaut in die Felsen diese Zugangsstraße zum Mittelmeer bewachen. III. Wir aber fahren nun hinaus auf den weiten Ozean. Die europäische Küste versinkt in mittäglichem Sonnenglanz, und die hohen Berge Marokkos tauchen auf: