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Die Wahrheit · 1936-07-10 · Heft 29 (10.7.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 29 (10.7.1936)
Date
1936-07-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 29 — 10. Juli 1936 DIE WAHRHEIT DIE \W Der Sdinft in der Völherbundversammlunö. Der Schuß des Pressephotographen Stephan Lux aus Prag, mit dem er mitten in der Tagung des Völkerbundes in Genf seinem blühenden Leben ein Ende bereitete, hat in der gesamten gesitteten Welt ein Echo gefunden. Der Tote wollte mit dieser Handlung letztem Mutes und letzter Verzweiflung das Gewissen der Kulturweit auf die grausamen und unaufhaltsamen Judenverfolgungen in Deutschland lenken. Schon ist die Existenz hunderttausender deutscher Juden vernichtet und diejenigen in Deutschland, die noch arbeiten und leben können, wissen nicht, welche neuen Entrechtungen, welche neuen wirtschaftlichen Bedrückungen, welche neuen Entbehrungen ihnen der kommende Tag bringt. Mit offener und geheimer Unterstützung nicht einer Partei, nicht einer wilden Gruppe Fanatiker, sondern der deutschen Regierungsgewalten selbst, wird der erbarmungslose Vernichtungsfeldzug gegen die Juden fortgeführt bis zu seinem bitteren Ende. Das Lob des Frontkämpfers und gar des gefallenen Helden erklingt in den Reden der nationalsozialistischen Führer und den Kindern in der Schule wird die Dankbarkeit gegen die, dils das Vaterland mit Blut und Leben verteidigten, zur unvergänglichen Pflicht gemacht 12.000 Juden sind für ihre deutsche Heimat gefallen, zehntausende sind verwundet und verstümmelt; den überlebenden Kämpfern, ihren Söhnen, ihren Eltern wird mit Schmach und Entrechtung und wirtschaftlicher Verfolgung dafür gedankt. Bei der Röntgenuntersuchung stellte sich heraus, daß in dem Körper des toten Lux noch eine Kugel aus der Zeit des Krieges steckte. Lux war Soldat der österreichischen Armee gewesen und verwundet worden. Er war also einer au<9 der Schar der feigen jüdischen Drückeberger. Im Dritten Reich, das dem gewesenen Frontkämpfer Lux nach 20 Jahren ehrlicher Berufsausübung die Internierung angedroht hatte, will man nichts von den 12.000 jüdischen Kriegstoten wissen und streicht ihre Namen von den Gedenktafeln. Aus Scheu vor dem Ausland, aus Furcht, die bevorstehenden olympischen Spiele könnten durch ein lautes Vorgehen oder gar durch antisemitische Ausschreitungen, die im Jahre 1935 alltäglich waren, Schaden nehmen, wird der zähe Kampf gegen das Judentum im stillen geführt. Die Weltpresse hat mit wenigen Ausnahmen über die Vorgänge der letzten Monate wenig berichtet. Man hat in ein paar Zeilen gelesen, daß der angesehene Verlag S. Fischer in Berlin oder Rütten & L o e n i g in Frankfurt a. Main den jüdischen Inhabern entrissen wurde, daß große kaufmännische Unternehmen, wie die Warenhäuser von M e ssow & Waldschmid-t, die Simson- Werke in Suhl (Thüringen) und zahlreiche andere, immer unter Zwang, wobei jedes Druckmittel wie Gefängnis und dergleichen genehm ist, in „arische Hände" überführt wurden. Wer aber weiß etwas außerhalb Deutschlands von den hunderten erzwungenen Geschäftsverkäufen midierer und kleinerer Firmen? Von den hunderten jüdischer Angeste!r.icn, die bei einer „Gleichschaltung" brotlos gemacht werden? Von den zahlreichen Selbstmorden, die Juden aus Verzweiflung über ihre wirtschaftliche Zukunft, aus Scham über Entehrungen und Verleumdungen jede Woche in Deutschland verüben? Aus der Fülle eines leider überreichen Materials seien hier nur drei Fällte angeführt, die die entsetzliche Lage des deutschen Judentums beweisen. Mögen sie in allen Ländern, wo ein mitfühlendes Menschenherz .schlägt, begannt werden, damit der Schuß im Völkerbundssaal nicht vergeblich gefallen ist. 1. In Köln nahm sich der Direktor Richard E1 i e 1 das Leben. Er war der Direktor der Engros-Einkaufsgesellschaft ,.Mode-Union'\ die in engen Beziehungen zur Westdeutschen Kaufhof- Akt. Ges., dem früheren Leonhard Tietzschen Warenhause, stand. Da unaufhörlich nationalsozialistische Persönlichkeiten und Zeitungen, zuletzt der „Stürmer", die Wochenschrift Julius Streichers, behaupteten, es ständen immer noch Nichtarier in Verbindung mit der arischen Westdeutschen Kaufliof-Akt. Ges. und die restlose Ausmerzung dieser verlangten, so mußte Eliel fürchten, am 1. Juli gekündigt zu werden. In seiner Verzweiflung ging der vornehme, stille und angesehene Mann freiwillig in den Tod. 2. In Wickrath (Rheinprovinz) erhängte sich mittels einer Korsettschnur im Gefängnis Frau Gretel S p i e r am Montag, den 15. Juni, die Gattin des bekannten Lederwarenfabrikanten Viktor Spier und Mutter dreier Söhne. Das Ehepaar Spier lebte in Holland. Beim Besuche ihrer Söhne wurde das Ehepaar und die Söhne unter irgendwelchen Beschuldigungen verhaftet. Die lebenslustige jugendliche Frau machte freiwillig ihrem Leben ein Ende. Als der Rabbiner auf dem Friedhofe bei offenem Grabe die Trauerrede hielt, erschienen plötzlich Polizeibeamte und nahmen den Sarg fort. Die Leiche sollte obduziert werden, da in der Stadt Gerüchte umliefen, daß Frau Spier gewaltsam ums Leben gebracht worden sei. 3. Im „Stürme r" von Julius Streicher, des Gauleiters von Franken, des Mitgliedes des bayrischen Ministerrats, des Duzfreundes des Reichskanzlers, lesen wir in der Nummer 17: „In der Stadt der Reichspariteitage führt der Jude Sigmund Neuburger eine Praxis als Augenarzt Er ist heute 69 Jahre alt. Dennoch treibt ihn sieän Blut immer wieder zu deutschen Frauen und Mädchen. Mit Vorliebe macht er sich an Verkäuferinnen der Warenhäuser heran ..." Wenige Tage später erschien folgende Todesanzeige in der „Frankf u r t e r Zeitung" (Nr. 225/26): „Durch ein tragisches Geschick wurden uns unsere lieben Anverwandten, Herr Sanitätsrat Dr. Sigmund Neuburg e r und Frau Frieda Neuburger, geb. Gern, plötzlich entrissen. Alle, die diese beiden wertvollen Menschen kannten, werden ihrer Die besten 3 mal täglich frisch bei ■AEEb, Wlei IL, Praterslrafie 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A Ja Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Maus elegantest. ausgeführt. stets mit Liebe und besonderer Verehrung gedenken . . ." In den Kreisen, die noch mit ganzem Herzen an die Mission des. Völkerbundes glauben, und auch in allen jüdischen Kreisen, hat die Tat Stefan Lux' tiefe Erschütterung hervorgerufen. Diejenigen, die Stefan Lux kannten, haben die Gewißheit, daß er, obwohl er in schwierigen Verhältnissen lebte, keineswegs aus persönlicher Verzweiflung die Tat beging, sondern daß er tatsächlich sein Leben hingab, um dem Ideal der Menschlichkeit und des Völkerbundes zu dienen. Man müßte, so behauinet man in diesen Kreisen, an dem Völkerbund und V" dem S'eg cer Gerechtigkeit wirklich verzweifeln, sollte nicht das von Stefan Lux im Namen vieler Tausender verzweifelter Menschen gegebene Signa! gute Feigen für die Ueberlebenden tragen. Vorläufig lögert noch das Generalsekretariat des Besorgt Eure Bücher durch die Buchhandlung HERMANN TUCHNER Wien IL, Ecke Taborstraße 52 Mäßige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr 10 Grosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel. R41 -4-20 Kataloge gratis! Völkerbundes, vielleicht um die Gefühle Nazi- Deutschlands zu schonen, den Wortlaut des Schreibens von Stefan Lux zu veröffentlichen. In den Kreisen der wirklichen Völkerbundfreunde hält man es aber für durchaus angebracht, daß nicht allein dieses wie die anderen Schreiben von Stefan Lux, insbesondere die beiden Briefe an die Redaktionen der „Time s" und des „Manchester Guardian" veröffentlicht werden, sondern daß auch der Völkerbund in einer entsprechenden Kundgebung des auf seinem Boden gefallenen Opfers gedenkt. Aus den Kreisen der Prager Freunde von Stefan Lux wird dem JTA-Vertreter mitgeteilt, daß Lux, der auf so tragische und zugleich heroische Weise sein Leben hinwarf, ein geradezu ideales privates und Familienleben geführt hat. Seine Freunde schätzten an ihm seine musterhafte Anständigkeit, seine ruhige und methodische Denkweise und seine ungewöhnliche künstlerische Begabung. In Deutschland, wohin er nach dem Kriege, ate Schwerkriegsverletzter, gezogen war, brachte er sich und seine Familie durch künstlerische und schriftstellerische Arbeit gut durch und unterstützte andere, denen es weniger gut ging. Seit seiner Flucht nach der Tschechoslowakei im Jahre 1933 lebte er in Prag mit Frau und Kind in sehr ärmlichen Verhältnissen. Er bestritt seinen Lebensunterhalt aus Honoraren, die ihm die Zeitungen für seine feinen und von beträchtlichem Können zeugenden Feuilletons zukommen ließen. Die Bestattung von Stephan Lux, fand am Montag Vormittag auf dem Israelitischen Friedhof in Veyrrier bei Genf statt. Grabreden hielten der Genfer Rabbiner S. Poljakow, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Genf A. M eyer und der Korrespondent des „Manchester Guardian" beim Völkerbund Robert Dell als Vorsitzender des Internationalen Verbandes der beim Völkerbund akkreditierten Journalisten. Zum Begräbnis waren die Gattin und das 12jährige Töchterchen Lux' aus Prag eingetroffen. Stephan Lux war seit der Abgabe des tödlichen Schees am Mittag bis Eintritt des Todes um 9 Uhr abenös bei Besinnung. Er sagte den ihn befragenden Journalisten, er habe seine Tat als Jude mit klarer Absicht begangen, um den Völkerbunrl und die Welt auf das Märtyrertum der Juden in Deutschland aufmerksam zu machen. Er wünsche unbedingt zu sterben, um durch seinen Tod den wohl überlegten Protest zu besiegeln. Die zwischenstaatliche Regierungskonferenz für Auswanderer schütz. An der in Genf dieser Tage abgehaltenen zwischenstaatlichen Regierungskonferenz zur Regelung des Rechtsstatus der Deutschland-Flüchtlinge nahmen die Vertreter Belgiens, Englands, der Tschechoslowakei, Dänemarks, Ecuadors, Frankreichs, Irlands, Lettlands, Norwegens, der Niederlande, Polens, Rumäniens, Schwedens, der Schweiz und Uruguays teil. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Finnland waren durch Beobachter vertreten. Nach der Wahl des Vertreters von Uruguay, Q u a n i, zum Vorsitzenden und des Vertreters von Belgien, de Brouckere, zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde eine Legitimationskommission, bestehend aus van Rappard (Molland) und Komanicki 'Polen), und eine Redaktionskommission, bestehend aus Rcthmund (Schweiz), Cooper (England) und Fouques- Duparc (Frankreich), gewählt. In einem Communique der Informationsabteilung des \ Wkerbundes wird mitseiest, daß der Völkerbundsoberkommissar Sir Neil M a I c u 1 tn in seinem einleitende! Referat cen Abschluß provisorischer Vereinbarungen zur Regelung des Rechtsstatus der Deutschland - Flüchtlinge als die erste Pflicht dieser Konferenz bezeichnete. Diese Vereinbarungen sollen den Ausgewanderten so schnell wie möglich einen Rechtsstatus geben, cxr gellen soll, b;s langfristige Vereinbarungen auf Grund eines Vertrages in Kraft treten. Die Vereinbarungen sollen sich auf folgende Punkte erstrecken: 1. Definition der Auswandererkategorien, bei denen die Vereinbarungen Anwendung finden sollen. 2. Administrative Maßnahmen: a) Ausgabe von Identitäts- und Reiseausweisen — Gültigkeitsdauer dieser Ausweise — Berechtigung der Inhaber, in ein Land zu kommen und es zu verlassen — Visa, Erneuerung, Ausfertigungskosten für Ausweise und Visa; b) Ausweisung und Verweigerung der Zulassung (refoulement). 3. Rechtsstatus: a) Bestimmung des für den Personalstatus der Ausgewanderten maßgebenden Gesetzes; b) Gültigkeit von Papieren, die von religiösen Behörden

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