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Die Wahrheit · 1936-07-10 · Heft 29 (10.7.1936) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 29 (10.7.1936)
Date
1936-07-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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öeite 4 Nr. 29 — 10. Juli 1936 DIE WAHRHEIT Ein Wort an den Herrn Sportführer! Wir haben schon in unserem Leitartikel vom 26. Juni auf die Paradoxie hingewiesen, daß prinzipielle Gegner des Olympia-Gedankens £ine Olympiade veranstalten. Mit unseren dort zum Ausdruck gebrachten Gedanken stimmt vollständig folgende, am 22. Juni von der österreichischen Kreisleitung des jüdischen Turn- und Sport-Weltverbands „Makkabi" beschlossene Resolution überein: in dem Bekenntnis zur österreichischen vaterländischen Gesinnung und der stets hochgehaltenen Verpflichtung, für die Farben Oesterreichs überall treu einzutreten und in dem Bekenntnis zur olympischen Idee unti in der Erwägung, daß Sport und Ehre untrennbare Begriffe sind und der Sport nebst der körperlichen, auch der geistigen und sittlichen Ertüchtigung zu dienen hat; und in äter Erwägung, daß in Deutschland die Juden in ihrer Gesamtheit der Diffamierung und schimpflichen Behandlung von Staats wegen ausgesetzt sind; und in der Erwägung, daß in Deutschland den Juden das Baden in den Schwimmanstalten, die Benützung öffentlicher Sporteinrichtungen und der sportliche Wettkampf mit Nichtjuden verboten ist; und in der Erwägung, daß schon aus rein menschlichen Gründen jüdischen Sportlern und Sportlerinnen nicht zugemutet werden kann, in einem Lande zu starten, in dem die Juden zu Angehörigen einer minderwertigen Rasse herabgewürdigt werden, deren Vernichtung angestrebt wird; und HOFGASTEIN KURHAUS WESTEND / STRENG Aufsicht der Adas Jisroel Schiffschal, Wien. ThermalbSder im Hause WIENER KÜCHE // MXSSIGE PREISE in der Erwägung, daß unter diesen Umständen Höchstleistungen jüdischer Sportler und Sportlerinnen in Deutschland unmöglich wären, beschließt der Jüdische Turn- und Sportverband Oesterreichs im „Makkabi"-Weltverband: „Die Teilnahme österreichischer Makkabim an den in Berlin stattfindenden olympischen Spielen 1936 ist mit den Begriffen jüdischer Ehre unvereinbar." Leider hat sich unsere in dem angezogenen Leitartikel ausgesprochene Hoffnung, daß die Sportbehörden dem jüdischen Standpunkt gegenüber einer Olympiade in Nazi-Deutschland Verständnis entgegenbringen werden, als trügerisch erwiesen. Die österreichische Sport- und Turnfront hat sich beeflt, die Meisterschwimmerin der Hakoah Judith Deutsch auf zwei Jahre zu disqualifizieren, weil sie sich geweigert hat, an der Olympiade in Berlin teilzunehmen. (Das gleiche Schicksal droht, wie wir erfahren, auch der zweitbesten Schwimmerin der Hakoah Ruth Langer). Diese Eile ist sehr verdächtig. Man muß sich zu ihrem Verständnis gewisse unerquickliche Spannungen in Erinnerung rufen, die gerade im österreichischen Schwimmverband bis vor kurzem dominierten, weil da verhängnisvolle Anschauungen einflußreich waren, die das höchste sportliche Ideal in der Einführung des — Arierparagraphen erblickten. Die politischen Ereignisse der letzten zwei Jahre haben diesen Einfluß In Oesterreich etwas zurückgedrängt, bzw. zu diplomatischer Mäßigung gezwungen und es kam zu einem leidlichen, für den Schwimmsport segensreichen Frieden im Verbände. Wenn sich aber nunmehr die einstigen Judenfeinde so gebärden, als ob sie es ohne Juden überhaupt nicht mehr schaffen könnten, so ist dies zu viel des Guten. „Man merkt die Absicht und man wird verstimmt." Fräulein Judith Deutsch befindet sich noch in einem sehr jugendlichen Alter, in dem der Verzicht auf greifbar nahe Erfolge und Triumphe doppelt schwer fällt. Er setzt eine große Charakterstärke voraus. Judith Deutsch mußte, um auf ihre olympischen Siegerehren zu verachten, einen beachtenswerten Sieg über sich selbst erringen. Es gilt dies mit Recht al® der schönste und erhabenste Sieg und es ist nur schade, daß nicht auch er mit olympischen Trophäen bedacht ist. Wenn sich nun aber statt wohlverdienter Ehrung eine empfindliche Maßregelung einstellt, wenn das menschlich höchst achtbare Motiv der jüdischen Sportlerin etwa als Sabotage vaterländischer Pflichten mißdeutet und dazu mißbraucht wird, ein vielversprechendes jüdisches Talent aus dem Sportleben auszuschalten, dann ist dies — gelinde gesagt — höchst ungerecht. Deshalb darf man noch immer erwarten, daß der oberste Sportführer Oesterreichs, der so oft schon das Ziel ungerechter Nazi-Angriffe gewesen ist, sicherlich nicht säumen wird, in diesem klaren Falle der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Er kann sich an das Beispiel der Tschechoslowakei halten, wo gleichfalls jüdische Schwimmer von der Disqualifikation bedroht waren — nicht aus Gehässigkeit, sondern weil ihre Absenz tatsächlich die Siegeschancen der Tschechoslowaken herabmindert — wo aber trotzdem der Außenminister Dr. Krofta verlautbarte, daß er die' Beteiligung der jüdischen Sportler an der Olympiade nicht für notwendig halte. Besonders interessant für den obersten Sportführer im christlichen Ständestaat dürfte die Meldung der französischen Havas-Agentur über die Folgen da- MÖBEL Moderne KQchen- Vorzfmmer- Wohnzlmmer- F. RÖHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen. Herzu. rrauenheilbadj Tafimannsdorfj (Durgenland) | Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäuresprudelbäder.!! Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. Zwei rituelle Re-!! stsuiants. — Auskünfte und Prospekte: Generalvertretung; j Wien I., Köhlmarkt S Tel. U 25-104! | Neu: Moorpackungen und Moorkompressen in!! allen Apoiheken erhältlich.! von, daß die katholischen Sportler Amerikas. aus denselben Gründen wie die jüdischen von Oesterreich der Olympiade fernbleiben, sein: Zum erstenmal in der Geschichte der Olympischen Spiele werden die Vereinigten Staaten nicht an allen Wettbewerben teilnehmen. Zehn Tage vor der Ausreise* der „Manhattan" fehlen dem amerikanischen olympischen Komitee noch 150.000 Dollar, die notwendig wären, um eine der Zahl nach den Olympiaden von Paris 1924 und Amsterdam 1928 gleichkommende Mannschaft zu entsenden. Von den 300 Kabinen, die auf dem Dampfer „Manhattan" für die olympische Mannschaft der Vereinigten Staaten reserviert worden waren, sind 40 abbestellt worden. Der oberste Sportführer Oesterreichs wird sicherlich nicht seine jüdischen Landsleute für schlechtere Patrioten halten als seine amerikanischen Glaubensgenossen, weil sie wie diese die Teilnahme an einer Olympiade in Nazi-Deutschland für unter ihrer Würde halten. Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang* Der Lebenslauf. Oberrabbiner Dr. David F etrch'tw a n g, der ein Alter von 72 Jahren erreichte, war bis zuletzt in ungebrochener Rüstigkeit tätig, nichts deutete auf ein nahes Ende. Als er am Sonntag um 7 Uhr früh erwachte, verspürte er große Schmerzen und hatte Todesahnungen. Nach zweistündigem Unwohlsein verschied er. Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang wurde 1864 in Nikol.sburg als Sohn des dortigen Rabbiner® geboren. Er folgte 1892 seinem Vater im Amte. 1903 übersiedelte er nach Wien, wo er in Währing als Bezirks- und Gemeinderabbiner und als Inspektor des Religionsunterrichtes der Mittelschulen tätig war. Nach dem Tode des Oberrabbiners Dr.' H. P. C h a j e s im Jahre 1927 wurde er provisorischer Oberrabbiner, 1933 Oberrabbiner. Im vorigen Jahre wurde ihm vom österreichischen Bundespräsidenten das Verdienstkreuz I. Klasse verliehen. Von seinen zahlreichen Schriften fanden besonders die Werke vZur Aufklärung über Bibel und Babel", „Der Tierkreis", „Zeitfragen", Publikationen über das holländische Judentum, seine assyriologischen Studien und die Veröffentlichungen über das Buch „Ruth" und die gesammelten Predigten Beachtung. Außerdem veröffentlichte er zahlreiche Artikel philosophischen und historischen Inhalts in vielen Zeitschriften. Er war auch Hauptmitarbeiter und Redakteur der „Monumenta Italica". Mitglied der Vorderasiatischen Gesellschaft, der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, Präsident des Vereines zur Förderung der Hebräischen Universität in Jerusalem und zahlreicher anderer Körperschaften. In der letzten Zeit trat er gemeinsam mit Großrabbiner Abraham Heschel (Kopiczynce) für eine Aktion zugunsten der Thora lernenden jüdischen Jugend in Wi»n ein. Auch wurde auf seine Initiative eine seinen Namen tragende Aktion zugunsten der österreichischen religiösen Siedlung in Erez Israel „M is China r. Hascharon" ins Leben gerufen. (An anderer Stelle unserer heutigen Nummer findet sich der letzte von dem Heimgegangenen gezeichnete Aufruf für diese Siedlung.) Dr. Feuchtwang hinterläßt eine Frau, zwei Töchter und zwei Söhne, denen sich die allgemeine Teilnahme zuwendet. Die Leichenfeier. Dienstag . um 9 Uhr vormittags, . wurde: irn. Tempel in der Seitenstettengasse die Trauerfeiei für Oberrabbiner Doktor David Feucht wang abgehalten. Im Gotteshaus sah man in Vertretung des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg Ministerialrat Dr. Hirsch-Stronsdorff, in Vertretung des Unterrichtsmin'stors Doktor Pernter den Sektionschef Dr. Löwenstein und Ministerialrat Fohr, einen Vertreter des BundesministeriumiS für Landesverteidigung, ferner Bundeskulturrat Hofrat Doktor Frankfurter, einen Vertreter der Magistratsdirektion, den altkatholischen Bischof Dr. Tüchler, mehrere Vertreter der Vaterländischen Front Innere Stadt, Polizeioberkommissär Dr. Kraus als Vertreter des Stadthauptmannes Dr. Schattl, die Universitätsprofessoren Hofrat Dr. Neumann, Generaloberstabsarzt Dr. Pick und Dr. H. Stern, Generalmajor a. D. Sommer, sämtliche Wiener Rabbiner mit Oberrabbiner Dr. Taglicht an der Spitze, die Wiener Tempel- und Bethausvorstände, eine Abordnung des Bundes jüdischer Frontsoldaten und viele andere. Nach einem von Oberkantor M a t y a s angestimmten feierlichen Choral hielt Oberrabbiner Dr. T a g 1 i c h t einen tief empfundenen Nachruf, den wir an leitender Stelle wiedergeben. Nach den ritualen Gesängen wurde die irdische Hülle an einem dichten Spalier vorbei durch die Seitenstettengasse und Rotetiturmstraße zum Franz-Josefs-Kai geträgen, von wo die Fahrt auf den Zentralfriedhof angetreten wurde. Dort fand um 11 Uhr vormittags in der Zeremonienhalle der zweite Teil der Trauerfeier und die Beerdigung statt. Die große Halle war von Trauergästen dicht erfüllt. Es. waren hier Delegationen mit den Oberrabbinern und Rabbinern der Kultusgemeinden Prag, Brünn, Preßburg, Nikolsburg, Klagenfurt, Neunkirchen, Baden, Mödling, Linz, Graz, Innsbruck, Korneuburg, Eisenstadt und. St. Pölten, ferner die Vertreter zahlloser jüdischer Korporationen, Polizeioberstleutnant Grüll von Simmering und viele andldre erschienen. Die kantoralen Funktionen wurden von den Oberkantor Fischer und Margolies versehen, dann hielt Rabbiner Dr. Schwarz die gedankenreiche Trauerrede, in der er die hohe und

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