Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 29 (10.7.1936)
- Date
- 1936-07-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sd; Nr. 29 — 10. Juli K-36 DIE WAHRHEIT 5>rei Büste des Völbewbundes. j i :h Bundeskanzler Dr. S c h u s c h n i g g hat in seiner letzten Rede im österreichischen Staatsrate einen Infektionskeim, der das gesamte öffentliche Leben unserer Zeit vergiftet, sozusagen klinisch seinen Hörern vorgeführt: die Lüge als Instrument der Politik. Wohl hat sich der Kanzler nur an einen typischen Einzelfall gehalten, der für den abgewirtschafteten Parlamentarismus der sogenannten demokratischen Aera charakteristisch war: den Wählerrang durch Maximalprogramme, deren Erfüllung unmöglich und von ihren wortreichen Verfechtern auch von Haus aus gar nicht beabsichtigt war. Das ist gewiß ein besonders anschauliches und daher gut gewähltes Beispiel demagogischer Verlogenheit, doch eben nur ein Beispiel für viele, deren Gesamtheit erst der politischen Mentalität unserer Zeit ein pathologisches Gepräge gibt. Die Krankheit ist nicht an eine bestimmte Staatsfonn gebunden und beschränkt sich auch keineswegs auf die Innenpolitik der einzelnen Länder. Gerade der von Dr. Schuschnigg gebrandmarkte Mißbrauch des Begriffs Demokratie hat sich am skrupellosesten in der Außenpolitik ausgetobt, als die Entente ihr Kriegsziel in der Demokratisierung Mitteleuropas zu suchen vorgab. Diesem Schemen Rasiere Dich gd und billig Oesferreichisches QiialHäfs-Faftriltaf Ueberau erhältlich zuliebe wurde das ideale Wirtschaftsgebiet der Österreich-ungarischen Monarchie zerschlagen und das deutsche Volk in Sklavenketten gelegt, deren unwürdiger Druck auch nach der radikalen Demokratisierung Deutschlands durch die Weimarer Verfassung nicht gemildert wurde, so daß sich das deutsche Volk, erbittert über seinen Hereinfall, dem entgegengesetzten Extrem in die Arme warf und dem krassesten Despotismus aller Zeiten, dem Nationalsozialismus, huldigte, unter dessen Joch es seither seufzt. Der einzig positiv demokratische Gewinn des Friedensschlusses schien der Völkerbund zu sein, eine Institution, die künftige Kriege unmöglich machen und die Welt im Zeichen lauterster Gerechtigkeit und souveräner Selbstbestimmung aller Völker neugestalten sollte. Das messianische Zeitalter, wie es die jüdischen Propheten als idealste Lösung der Friedenssehnsucht alfer Kreaturen verheißen hatten, schien hereingebrochen. Doch offenbar ist die Welt, entgegen dem Schreckensgeschrei der blut- und beutegierigen Kriegshetzer, die sich durch diese Wendung entthront sahen, noch lange nicht „verjudet'" genug, um für das alttestamentarische Erlösungsideal reif zu sein. Der Völkerbund hat bisher aufs kläglichste versagt und anstatt die kranke Welt zu heilen, späht er jetzt selbst, besorgt um sein Leben, nach einem Heilkünstler aus, der ihn gesund machen könnte. Doch statt des ersehnten Retters kamen bisher bloß Ankläger zu ihm, die ihm mit nicht mehr zu überbietender Drastik ihre Enttäuschungen, ja ihren Hohn kundgaben. Das Schicksal, sich boshaft an das mephistophelische Rezept haltend: „Du mußt es dreimal sagen!", fügte es, daß innerhalb weniger Tage drei verschiedene Gäste im Völkerbundpalaste erschienen, um den versammelten Räten in einer wie von Künstlerhand geformten Steigerung das Fiasko des Genfer Weltparlamenfcs zu demonstrieren. Als erster kam der Exkaiser von Abessinien, um von der Rednertribüne aus Schutz seines Herrscherrechts und der Freiheit seines Volkes zu fordern. Sein Fall stempelt ihn zu einem typischen Klienten des Völkerbundes. Aber leider war auch dessen Haltung typisch: Wie bisher immer mußte er statt des Rechts der Schwachen die Macht der von den Starken geschaffenen Tatsachen anerkennen. Wenn der entthronte Negus unter solchen Umständen überhaupt Eindruck zu machen vermochte, so bestand dieser höchstens aus Rührung, die vereinzelte Ratemitglieder darüber empfanden, daß auch in unserer verderbten Zeit noch so viel Naivität zu finden ist, wie sie der Appell des vertrauensseligen Afrikaners an die blamierten Europäer verriet. Weniger naiv war der zweite Gast der Völkerbundsitzung: der jüdische Emigrant aus Deutschland Stefan Lux, der das Genfer Weitpariament der Schwachen und Bedrückten auf das Schicksal der deutschen Juden lenken wollte. Er war ohne Zweifel skeptischer als der Abessinier, aber seine Skepsis richtete sich keines^ wegs gegen den guten Willen des Völkerbunds, zu helfen, sondern nur auf die Mittel, diesen guten Willen zu wecken. Und so wählte er gleich das allerdrastischeste Mittel, das ihm zu Gebote stand: Er jagte sich mitten in der Sitzung, auf deren Tagesordnung, wie der Vorsitzende entrüstet konstatierte, ganz andere Angelegenheiten standen, eine Kugel durchs Herz, um als Opferlamm für die Erlösung der deutschen Juden zu sterben. Trotz der Absonderlichkeit dieser Propagandamethode sind ihr typisch jüdische Wesenszüge nicht abzustreiten: Es ist symbolisch für die Stellung der Juden in der Welt, daß der freiwillige Verfechter ihrer Sache nicht auf der offiziellen Tribüne, sondern bloß auf der Galerie agieren konnte und daß trotzdem sein Schicksal sich am tragischesten gestaltete. Cafe Pension Echsfein Semmering Neu renoviert! Diese Tragik wird noch erhöht durch den mehr als fragwürdigen Erfolg seines Opfertodes. Der Völkerbund hat sich zwar tatsächlich veranlaßt gefühlt, sich mit dem Schicksal der deutschen Emigranten zu befassen, aber was dabei herauskam, ist nicht eben viel: Solche Emigranten, die in einem Lande Aufenthaltsbewilligung erhalten (wie machen sie das und gibt ihnen diese Bewilligung auch das Recht auf Arbeit?), sollen eine Identitätskarte bekommen und gegen willkürliche Ausweisungsbefehle untergeordneter Aemter geschützt sein — außer aus Gründen der nationalen Sicherheit oder der öffentlichen Ordnung. Diese genannten Gründe geben erfahrungsgemäß einem böswilligen Amtseifer den weitesten Spielraum. Ueberdies tritt die Verordnung erst 30 Tage nach der Unterfertigung durch die Staaten, die diesen Vorschlag des Völkerbunds akzeptieren, und das sind vorläufig bloß Frankreich und Dänemark — in Kraft und während dieses Monats erliegt der behördliche Ausweisungseifer nicht einmal formellen Hemmnissen. Bedenkt man noch, daß auch dieser sehr unvollkommene „Schutz" nur deutschen Emigranten zugute kommt, während die in Deutschland zurückgebliebenen Juden vollkommen schutzlos dem Sadismus der Nazi preisgegeben bleiben, dann muß man wohl sagen, daß dieses Resultat — keinen Schuß Pulver wert gewesen ist. Daß Lux durch seine Tat etwa Eindruck auf die Nazi zu machen hoffen konnte, ist kaum anzunehmen, da er deren Unmenschlichkeit vor seiner Flucht aus Deutschland reichlich kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Sollte sich irgend jemand dieser naiven Hoffnung hingegeben haben, so wurde er durch das Auftreten des Danziger Senatspräsidenten Greiser vor dem Völkerbund, vor dem er BADtiAfTHN HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang sich wegen andauernder Nazi-Uebergriffe in Danzig rechtfertigen sollte, statt dessen aber den Ankläger posierte, eines Schlechteren belehrt. Dieser dritte Gast im Völkerbundpalais war eifrig bestrebt, sich von den beiden früheren zu distanzieren. An Stelle der Vornehmheit des afrikanischen Exkaisers trug er die Gassenjungenexzentrik nationalsozialistischer Würdenträger zur Schau. Hatte der Jude Lux durch seinen Freitod Aufregung in die Versammlung gebracht, so tat dies Greiser durch sein Gehaben als Hakenkreuzier, wie er leibt und lebt. Das Genfer Weltparlament titulierte er „Quatschbude" und „Safthütte", die Danziger Gegner der Nazi „verbrecherischen) Minoritäten", hieb mit der Faust auf den Tisch und machte den Journalisten eine lange Nase. Den Diplomaten und Politikern des Völkerbundeis war solche eine Aufführung neu. Wenn sie bisher mit Vertretern des Dritten Reiches zu tun hatten, so waren dies Gentlemens, die Hitler wohlweislich dem Reservoir der alten diplomatischen Schule entnommen hatte. Und wollte er gelegentlich durchaus einen Parteimann als Sondergesandten ins Ausland delegieren, dann wählte er einen Mann, der, wenn schon nicht viel anderes, so doch wenigstens gute Manieren gelernt hatte. Jetzt aber bot sich den erstaunten Blicken der konsternierten Versammlung ein Prachtexemplar unverfälschter Nazi-Inkarnation dar und unter diesem deprimierenden Eindruck verschlug es selbst den Wortgewandtesten die Rede . . . Vielleicht hat dies manchen, der gleich Doktor Schuschnigg die Reinigung der politischen Atmosphäre von verlogenen Schlagwörtern ersehnt, mit Schadenfreude erfüllt und aus Zorn darüber, daß der Völkerbund bisher alles schuldig geblieben ist, was Idealisten von ihm erwarteten, die echt wienerische Genugtuung empfinden lassen: „Gut hat er's denen einig'sagt!" Aber solche Wahrheitsfanatiker übersehen, wie grotesk gerade die Nazi sich in der Rolle von Lügenbekämpfern ausnehmen. Gibt es doch in Theorie und Praxis keine grimmigeren Feinde der Wahrheit als die gelehrigen Jünger des Führers, der in seinem programmatischen Buche „Mein Kampf" ausdrücklich verkündet, daß es im politischen Kampfe nicht so sehr auf die Wahrheit ankomme als auf das Prinzip, gewisse Schlagwörter so lange zu wiederholen, bis sie Glauben finden. Die Synagoge auf der „Queen Mary". Die Erbauer des neuen englischen Wunderschiffes, der „Queen Mary", haben an alles gedacht: ein kleiner Raum wurde für die jüdischen Fahrgäste zu einem Miniaturtempel ausgebaut, mit Betpulten, Altar und einem Harmonium. Stolz zeigte der Kapitän der „Queen Mary" dem Oberrabbiner von New York diesen Schiffstempei. Der Rabbiner war des Lobes voll. Doch plötzlich erstarrte sein Blick: „Sie wissen doch, daß die Juden stets nach Osten geneigt beten und der Altar in östlicher Richtung aufgestellt werden muß. Er blickt aber nach Westen." Der Kapitän war nicht aus der Fassung zu bringen: „Seien Sie unbesorgt. Jetzt auf der Rückreise nach England fährt das Schiff ja in umgekehrter Richtung, und sowohl die Bänke wie der Altar blicken nach Osten." Trotzdem beabsichtigt die Cunard-Line, die Einrichtung des Schiffstempels transportabel"zu gestalten, so daß auf jeder Reise der „Queen Mary" der Qottesdiest ritengemäß durchgeführt werden kann. Pension Adria, Abbazia Kleine Familien-Pension mit fließendem Kaltu. Warmwasser. Zentrale Lage, nächste Nähe von Kurpark und Bäder. Zimmer mit und ohne Verpflegung bei sorgfältigster Bedienung und billigsten Preisen. Mitglieder und Freunde der „Union", des „Union-Klub"» des „Union-Frauen-Klub" und der „Jugend-Union" treffen sich während der Sommermonate bei jedem Wetter, jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prater, Ausstellungsstraße (vis-ä-vis dem Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache und geselliger Unterhaltung gegeben ist.