Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-07-03 · Heft 28 (3.7.1936) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 28 (3.7.1936)
Date
1936-07-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064633--20739-3086016
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 Nr. 2S — 3. Juli 1936 DIE WAHRHEIT Antisemitische Exzesse in Rumänien, Tm Zusammenhang mit einer Presseiehde zwischen der nationalistischen Tageszeitung „Universum" einerseits und den beiden führenden demokratischen Tageszeitungen „Adeverul" und „Dimineatza" anderseits, wobei die demokratischen Journalisten dem Direktor des „Universum" und früheren Minister Steljan Popescu daran erinnert haben, daß er sich während des Krieges sehr unpatriotisch benommen hatte, fanden Ueberfälle der vom „Universum" aufgeputschten nationalistischen Studenten auf eine Reihe Mitarbeiter der erwähnten demokratischen Blätter statt, wobei sich die Exzedenten gerade die Redakteure jüdischer Abstammung aussuchten. Exminister Steljan Popescu, der im Verlauf dieser Fehde vollends in das antisemitische Lager übergeschwenkt war, bezeichnete „Dimineatza" und „Adeverul" als „Judenblätter" und rief die „echten Rumänen" zum Kampfe gegen die „Brunnenvergifter der rumänischen Seele" auf. Von den geschlagenen Journalisten jüdischer Abstammung ist das Befinden von Dr. Blumenfeld, Prof. AI. Graur, Storfer und Bergmann sehr ernst, einige von ihnen wurden operiert Bisher wurden als Urheber der Attentate fünf Studenten verhaftet, die beim Verhör jede Aussage verweigerten. Andere Studentengruppen haben in Bukarest und in Czernowitz große Stapel demokratischer Tageszeitungen bei den Verkäufern geraubt und sie als „Judenblätter" öffentlich verbrannt. Zu einem schweren antisemitischen Exzeß kam es im Bukarester Justizpalast, wo zahlreiche jüdische Rechtsanwälte von Antisemiten überfallen und schwer verprügelt wurden. Einige der Angegriffenen bluteten schwer. Auch der Präsident der Union rumänischer Juden und g-eschäftsführende Exekutiv-Präsident des Zentralrates der Juden Rumäniens, Dr. Wilhelm F i 1 d e rm a n n, wurde, als er die Staatsanwaltschaft zu erreichen versuchte, um die Vorfälle zur Anzeige zu bringen, angegriffen und verletzt. Seine Verfolger ließen von ihm erst ab, als er sich in die Wohnung des Präsidenten des Kassationshofes begab. Erst nach Eintreffen starker Polizeiabteilungen konnte das Gebäude gesäubert und die Ruhe wieder hergestellt werden. Im Zusammenhang mit den andauernden Ruhestörungen, die sich übrigens auch auf den Fremdenverkehr der rumänischen Hauptstadt äußerst ungünstig auswirken und bereits zahlreiche Ausländer zur fluchtartigen Abreise aus Bukarest veranlaßt haben, hatte der Ministerpräsident Tatarescu mit dem Innenminister Inculetz eine längere Unterredung über Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ruhe und Sicherheit. Im Schnellzug Cernauti — Bukarest überfielen cuzistische Studenten, bevor der Zug Cernauti verließ, die jüdischen Reisenden und warfen deren Gepäck aus den Coupes. Der jüdische Reisende Rittberg und einige andere jüdische Reisende wurden sehr schwer mißhandelt. In Kischinew, wo sich die Juden gegen die Angreifer geschlossen zur Wehr setzten, gab es bei einem Zusammenstoß zahlreiche Verletzte. Drei Juden wurden ins Krankenhaus gebracht, der Zustand eines von ihnen, K. Poljakow, ist bedenklich. Auch der antisemitische Rädelsführer Anton Zurkin wurde verletzt In B a 11 i, Bessarabien, wurden zwei Juden, Israel Jancu und Motel Faisman, schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht. Jancu wurde der Schädel zertrümmert, Faisman der Brustkorb eingedrückt. Der Präsident des Reichsausschusses der Juden Rumäniens, Dr. Wilhelm Fildermann, erklärte der JTA: Die rumänische Regierung, und: nur sie allein, hat die Macht die jetzige Welle des antijüdischen Terrors zum Stillstand zu bringen. Aber Tag für Tag werden die Gesetze des Landes vor den Augen der Regierung vergewaltigt; diese Toleranz der Regierung ermutigt zu in:mer neuen antijüdischen Aktionen. Das Gesetz z. B. verbietet Zivilpersonen das Tragen von Uniformen, trotzdem spazieren die Cuzisten in ihren Uniformen durch die Straßen. Auf vielen Gebäuden flattern Hakenkreuzfahnen. Ueber die Presse ist die Zensur verhängt worden, um die Verhetzung eines Bevölkerungsteiles durch den anderen zu verhindern; die antisemitische Presse aber darf ungestört zu Pogromen aufreizen. Die Behörden tolerierten die Verbrennung der Zeitungen in den Siraßen. Somit ist niemand anderer als die Regierung selbst für das Ueberhandnehmen der antijüdischen Ausschreitungen und deren Konsequenzen verantwortlich zu machen. Der befürchtete „schwarze Sonntag", 28. Juni, für den die Cuzisten unbeschadet des allgemeinen Demon- -strationsverbots der Regierung umfangreicheantijüdische Kundgebungen angekündigt hatten, ist ruhig verlaufen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren umfassend. Die Schließung des cuzistischen „Blauen Hauses" hat viel zur Beruhigung beigetragen. Die jüdische Bevölkerung der Hauptstadt blieb gemäß den Anweisungen der Behörden während des ganzen Sonntags den Straßen fern, um den Cuzisten jeden Vorwand einer „jüdischen Provokation" zu nehmen. Aus der Provinz herangeholte Gendarmeriedetachements patrouillierten in den Straßen der Hauptstadt. Die Bukarester Garnison bekam nicht den gewohnten Sonntagsurlaub, sondern sie wurde in ständiger Bereitschaft gehalten. Der französische Gesandte in Bukarest lud Vertreter der rumänischen Presse zu sich und äußerte sich im Verlauf des Gespräches mit ihnen sehr indigniert über die Haltung der antisemitischen Presse, die auch die Person des französischen Ministerpräsidenten Leon Blum nicht schont und antijüdische mit Die besten EiseiHirsMilSell«f!i 3 mal täglich frisch bei ■AeEb, Wiei II., Praterstrile 33 Unter Aufsicht des- Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. GROSSFLEISCHHAUEREf WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteiiungentürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen antifranzösischer Propaganda verquickt. Mitglieder der rumänischen Faschistenorganisationen pfeifen in den Kinos, wenn Leon Blum auf der Leinwand gezeigt wird. Der Zentralrat der rumänischen Juden, der alle jüdischen Gruppierungen repräsentiert, unterbreitete dem Ministerpräsidenten Tatarescu ein Memorandum wegen der antijüdischen Ausschreitungen der letzten Tage. Ein zweites Memorandum wurde dem Bukarester Polizeipräfekten überreicht. In R a d a u t z, Bukowina, wurde vor einigen Tagen der 18jährige Abraham Rosenblatt von Cuzisten n i edergestochen. Sein Zustand ist lebensgefährlich. 2. Weltkongreß der jüdischen In überaus feierlicher Weise wurde am 27. Jura ac. m Wien der II. Weltkongreß der jüdischen Frontsoldaten eröffnet, zu dem über 100 Delegierte aus 16 Ländern, darunter Frankreicn, England, Ungarn, Poäen, Lettland, Litauen, Aegypten, Südafrika, Nordamerika usw. eingetroffen waren. Eingeleitet wurde der Kongreß Samstag vormittags durch einen feierlichen Gottesdienst im Großen Tempel der Leopoldstadt. Unter Vorantragung ihrer Fahnen zogen die ausländischen Delegationen und die österreichische Delegation unter Führung des Bundesführers Hauptmann a. D. Edler v. Friedmann, Bundtesführerstellvertreters Oberleutnant d. Res. S t i a ü n y in das dicht gefüllte Gotteshaus ein. Oberkantor Gerson Marge lies versah, unterstützt vom Chor, wirkungsvoll die kantoralen Funktionen, worauf Oberrabbiner Dr. TagJicht seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß die jüdischen Frontkämpfer aäler Welt in unsere Vaterstadt gekommen sind, um hier in friedlicher Arbeit über wichtige jüdische Fragen zu beraten. Der Oberrabbiner gedachte der gefallenen Soldaten und sagte, daß es das Judentum nicht notwendig gehabt habe, seine Tapferkeit und Pflichterfüllung gegenüber dem Vaterlande erst im Kriege unter Beweis zu stellen, da schon die Geschichte lehrt, daß die Juden stets tapfere Landesverteidiger waren, stets war es ihr Bestreben, den Frieden zu erhalten und nur durch den Selbsterhaltungstrieb gezwungen, zogen sie in den Krieg. Die Feier schloß mit der Bundeshymne, die der Chor zu Gehör brachte. Nachmittags empfing der Bundesführer des Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs Haup mann a. D. v. Friedmann in den Räumen des Bundes die ausländischen Delegierten und widmete ihnen überaus herzliche Worte des Willkomms und gab dem Wunsche Ausdruck, sie möchten sich im schönen, gastlichen Wien wohl fühlen. Namens der Delegierten antwortete der bulgarische Delegierte Oberst Tadjer, der seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß Wien diesmal zur Kongreßstadt gewählt worden war. Abends fand im reichgeschmückten Großen Musikvereinssaale d5e x Eröffnungssitzung des Kongresses statt. Ueber 2000 Personen wohnten der Versammlung bed und bereiteten dem Einzüge der Delegierten jubelnde Ovationen. Es hatten sich auch Vertretungen dar fremden Staaten eingefunden, deren jüdische Frontkämpferorganisationen zu dem Kongreß nach Wien gekommen waren. Der bis auf den letzten Platz gefüllte Saal war in den Farben Oesterreichs und der auf dem Kongreß vertretenen Länder geschmückt. Man sah auch mehrere hohe Beamte und Offiziere aäs Vertreter der Regierung und des Heeres. Für den Staatssekretär General Zehner waT General H i c k m a n n erschienen, in Vertretung des Vizekanzlers Baar-Baarenfels, Sektionsrat Walter Marenz e 11 e r, ferner Feldmarschalleutnant Franz W e i ß- T i h a n y, Ritter v. Mainprugg, General Ecker, Generalmajor V o r n e r, der Oberrabbiner von Wien Dr. Feuchtwang, das Ehrenmitglied des Bundes Generaloberstabsarzt a. D. UniversitätsprofessTir Dr. Alois Pick, ferner für das Generalsekretairiat der Vaterländischen Front Major M e s t r o z z i, die Vertretungen aller Bezirksstellen der Vaterländischen Front, eine Abordnung des Ringes österreichischer Soldaten, zahlreiche Abordnungen von österreichischen und ungarischen Regimentern, eine Reihe von Kameradschaftsverbänden, Vertreter der jüdischen Organisationen und Institutionen, insbesondere eine starke Abordnung der „Union österreichischer Juden" unter Führung des Ehrenpräsidenten Dr. J. O r n s t e i n u. v. a. Ein großer Teil der Mitglieder des Bundes jüdischer Fontsoldaten Oesterreichs erschien im aätösterreichischen Uniformen mit den Kregsdekorationen. Auch mehrere ausländische Delegierte erschienen in den Uniformen der betreffenden Länder. Zunächst sprach Direktor Jakob Feldhammer sehr eindrucksvoll leünen von Allfredl W.inzer verfaßten Prolog. Darauf begrüßte der Führer des Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs, Hauptmann a. D. Siegmund v. Fried m a n n die Festgäste und gedachte zuerst der vielen Kameraden, die im Weltkrieg an allen Fronten in treuer Pflichterfüllung ihr Leben für ihre Heimat hingegeben haben. Er gedachte auch der Opfer, die in den Wirren im Heiligen Lande Palästina als jüdische Helden gefallen sind. Die Musikkapelle intonierte das Lied „Ich hatt' einen Kameraden", woraufhin die Teilnehmer des Kongresses im Gedenken an die Opfer eine Minute lang in Schweigen verharrten. Der Bundesführer Hauptmann v. Friedmann dankte nunmehr dem Bundeskanzler Dr. v. Schuschnigg und dem Bürgermeister von Wien, Vizekanzler a. d. Schmitz, für die dem Kongreß erwiesene Gastfreundschaft Sodann begrüßte er, während die betreffenden Landesfarben aufgezogen wurden, die erschienenen Delegationen, erinnerte an den im Vorjahre stattgefundenen I. Weltkongreß jüdischer Frontsoldaten in Paris und stellte „mit Bitternis im Herzen" fest, daß auch diesmal eine Vertretung der jüdischen Frontsoldaten Deutschlands fehle. Daß die Verhältnisse es gerade diesen Frontsoldaten nicht gestatten, an dieser großen Zusammenkunft jüdischer Frontkameraden aller Länder teilzunehmen, zeige die ganze Tragik des jüdischen Lebens in Deutschland. Aber auch das werde nicht ewig dauern, schon jetzt treten mannhafte Stimmen auf, die sich gegen das Wüten wenden. Das Judentum, fuhr Hauptmann v. Friedmann fort, stehe einem Vernichtungswillen gegenüber, der sich nicht nur in Angriffen auf die jüdische Religion, auf die jüdische Ehre und das jüd:sche Ansehen austobt, sondern -vielfach jüdisches

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.