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Die Wahrheit · 1936-07-03 · Heft 28 (3.7.1936) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 28 (3.7.1936)
Date
1936-07-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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seice 4 Nr. 2S — 3. Juli 1936 DiE WAHRHEIT HOFGASTEIN KURHAUS WESTEND / STRENG -«D WIENER KÜCHE // MASSIGE PREISE ders zu stellen, als zu irgend einer anderen innerpolitischen Umwälzung in irgend einem anderen Lande, ist vom Uebel. Alles, was die klare Erkenntnis zeigt, daß die wirkliche Schätzung wahren deutschen Geistes eine klare Ablehnung jeden Kontaktes mit dem Nationalsozialismus zur Voraussetzung hat, ist zu begrüßen, — im Namen des europäischen Geistes und im Namen des wahren Deutschtums. Hätten diese Grundsätze unserer Meinung nach schon beim Entschluß über den Besuch der olympischen Spiele in Berlin beachtet werden müssen, so ist das noch ungleich notwendiger in einem Falle, der auf dem Gebiete von Kunst und Wissenschaft, statt auf dem des Sportes liegt. Die lange Liste derer, die die Heidelberger Einladung abgelehnt haben, ist hocherfreulich . . - Zugesagt haben, — eine kleinere, dafür desto traurigere Liste: die Universitäten von Zürich, Budapest, die deutsche Universität Prag, die Columbia-Universität und die Universität Wien. Ein offenes Wort zu diesem letzten Fall. Für eine österreichische Hochschule, gerade wenn sie sich als Hochburg wahrer deutscher Geistestradition hält, gelten alle Gründe zur Ablehnung noch in vermehrtem Maße. Dazu kommt aber noch etwas, was uns die Annahme der Heideiberger Einladung gerade durch die Wiener Universität vollends unverständlich erscheinen lassen will: hj derselben Universität Heidelberg, der man die Ehre eines österreichischen Besuches erweist, hat vor einiger Zeit unter Anwesenheit des Rektors eine Feier 'Stattgefunden, in der die M ö r d e r unseres unvergeßlichen Kanzlers Engelbert D o 11 f u ß verherrlicht wurden. Wir können uns nicht vorstellen, daß die Welt und das österreichische Volk so etwas verstehen kann und wird, und wir können einfach noch nicht glauben, daß der Entschluß dazu schon unwiderruflich festsieht. Wie verlautet, hat die zuständige Regierungsstelle in Base 1 der dortigen Universitätnahegelegt, ihre bedingte Zusagezurückzuziehen, da angesichts der Tatsache, daß in Heidelberg eine P1 a n e 11 a- Feier stattgefunden habe, eine Annahme der Einladung als Unfreundlichkeit gegen das benachbarte Oesterreich ausgelegt werden könnte. Ein Akt internationalen Taktes, der Anerkennung und — Nachahmung verdiente! MÖBEL Moderne Küchen- Vorzimmer- Wohnzimmer- F. KOHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon'!? 40-7-14 Samstag geschlossen. V Das Sehandurteil von Radom. Morde bleiben ungesühnt, die Geschlagenen werden zu harten gehen fast frei aus. Strafen verurteilt, die Schläger Am Freitag, den 26. Juni spät abends hat das Distriktsgericht in Radom das Urteil in dem am 2. Juni begonnenen Prozeß gegen 43 Christen und 14 Juden gesprochen, die angeklagt waren, an den blutigen Unruhen, die sich am 9. März d. J. in dem benachbartem Städtchen Przytik ereigneten, teilgenommen zu haben. Der jüdisch© Hauptangeklagte S c h a 1 o m Jechiel Lesko, etwas über 20 Jahre alt, wurde zu 8 Jahren schweren Kerkers, der ebenso junge EHeser Kerszenzweig zu 6 Jahren schweren Kerkers, der 27jähirfee Jizchak Friedman zu 5 Jahren schweren Kerkers, zwei weitere jüdische Angeklagte zu je 10 Monaten, zwei zu je 8 Monaten, vier zu je 6 Monaten schweren Kerkers verurteilt. Drei jüdische Angeklagte wurden freigesprochen. Von den christlichen Angeklagten wurden drei zu je einem Jahr, fünfzehn zu je 6 Monaten, sechs zu je 8 Monaten, eindr zu 10 Monaten Kerker verurteilt. Den meisten wurde Bewährungsfrist zugesprochen. Achtzehn christliche Angeklagt© wurden freigesprochen. Das Urteil gegen die christlichen Angeklagten erfolgte wegen allgemeiner Teilnahme an den Unruhen. Der Mord an dem jüdischem; Ehepaar Josef und Chaja Minkowski blieb demnach ungesühnt, obwohl eine Reihe Angeklagter der direkten Teilnahme an diesem bestialischen Doppelmorde und der blutigen Mißhandlung der sechs Kinder des Ehepaares Minkowski beschuldigt und durch Nachbarn Minkowskis als die Täter erkannt worden war. In der Begründung des schweren Urteils gegen Lesko und Kerszenzweig stellte das Gericht fest, daß die von Lesko abgegebenen Schüsse die Bauernschaft zu weiteren Unternehmungen gegen die Juden provozierten; immeirhin gab das Gericht zu, daß diö Aufeinanderfolge der Ereignisse, d. h. Ursache und Wirkung bei den einzelnen Delikten nicht mehr feststellbar ist. In der Geschichte der jüdischen Martyriologie werden die Vorgänge in Pxzytik und das Urteil des Gerichtes in Radom auf einem besonderen Blatt verzeichnet sein. Einer der jüdischen Verteidägier stellte mit Recht in seinem Plädoyer fest, daß es im zaristischen Rußland hunderte Pogrom-Prozesse gab, daß aber niemals, wie jetzt im Falle Przytik, die Geschlagenen vor Gericht gestellt wurden. Die jüdische Gemeinde, von Przytik stand viele Monate lang unter einem Öoykotterror sondergleichen, die Behörden, die oftmals von den Juden zu Hilfe gerufen wurden, schritten gegen die Terroristen nicht ein. Auf den Wegen, die zur Stadt führten, und vor jedem einzelnen jüdischen Geschäft in Przytik selbst standen Terrorposten, die die christlichen Käufer daran hinderten, jüdische Läden zu betreten oder auch nur aus dem Dorfe mitgebrachte Lebensmittel an Juden zu verkaufen. Die Folge war, daß die jüdische Kaufmannschaft und Handwerkerschaft nicht nur wirtschaftlich vollkommen ruiniert wurde, sondern auch keine Lebensmittel für sich und die kleinen Kinder beschaffen konnten. Auswärtige jüdische Gemeinden ließen auf geheimen Wegen Milch und andere Nahrungsmittel nach Przytik schaffen, um die kleinen Kinder nicht verhungern zu lassen. Sehr oft kam es auch zu blutigen Angriffen auf die jüdischen Einwohner von Przytik, von denen immer wieder einige verletzt und ins Hospital gebracht werden mußten. Aus der Umgebung von Przytik wurden nicht selten schwerverletzte Juden in das Städtcho gebracht, einer von diesen starb bei der Ankunft in Przytik unter großen Qualen. All das war dazu angetan, die Panik und die verzweifelte Stimmung unter den Juden von Przytik zu erhöhen. Die Ereignisse waren durchaus nicht die Folge eines gespannten Verhältnisses zwischen den Przytiker Juden und der bäuerlichen Umgebung. Bis zum Beginn des Boykotterrors waren die Beziehungen der Juden zu ihren christlichen Nachbarn sogar sehr gute. Bis der berüchtigte nationaldemokratische Agitator Karczak in Przytik und Umgebung die: christliche Jugend und die Bauernschaft gegen die Juden zu organisieren begann, sie mit Waffen versorgte und durch Verbreitung blutrünstiger Legenden gegen die Juden die Bauern immer mehr in eine Stimmung des Blutdurstes brachte. Mehrere Tage vor dem blutigen 9. März wußten die Juden von Przytik, daß gegen sie ein Pogrom vorbereitet wird. Sie schickten immer wieder Delegationen nach Radom und baten die zuständigen Behörden um Sicherjieitsvorkehriingen. Sie wurden abgewiesen. Auch' telephonische Rettungsrufe blieben ungehört. Als am 9. März d. J., einem Jahrmarktstag, sich die Nationaldemokraten von Przytik und ein Teil der Bauernschaft der Umgebung zu einem bewaffneten Zuge formierten und gegen die von Juden bewohnten Straßen zogen, taten sich die jüdischen jungen Leute zusammen, um den Exzedenten den Zutritt zu diesen Straßen zu verwehren. Die jungen Juden wurden aber von der Po- Benu. rranenhellbad] Tafzmannsdortj (Durgenland)! Alineral-, .Moor- und natürliche Kohlensäuresprudelbäder. i i Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. Zwei rituelle Re- J ■ stsuiants. — Auskünfte und Prospekte: Generalvertretung«; Wien I., KohlmarktS Tel. U .'5-104! ■ Neu: Moorpackungen und Moorkompressen in j! allen Apotheken erhältlich. i lizei, die gegenüber den antisemitischen Exzedenten machtlos war, vertrieben. So stand der jüdische Teil von Przytik ganz schutzlos da. Die bewaffnete Hordt? strömte in die jüdischen Straßen und richtete ungeheure Verwüstungen an. Kein jüdischer Laden und kein jüdisches Haus blieb ganz. Zahlreiche Juden und Jüdinnen wurden blutig geschlagen. Als das Haus des Schneiders Lesko gestürmt wurde, sab der junge Schalom Jechiel einen Schuß ab. An einer anderen Stelle der Stadt schoß der schwer bedrängte Kerszenzweig. An einer dritten Stelle fiel der mit den exzedierenden Bauern mitziehende 53jährige Stanislaw Wieszniak, durch einen Schuß getroffen, tot hin. Nunmehr gerieten die Exzedenten in einen Paroxismus der Bestialität. Diese gipfelte in der Ermordung des Ehepaares Minkowski und der Marterung ihrer Kinder. Jüdische Augenzeugen bekundeten, daß der tödliche Schuß aus einem mit den Bauern mitziehenden Lastauto fiei, auf dem sich betrunkene Exzedenten befanden, die ziellos herumschössen. Auch die gegen die Juden aussagenden Zeugen konnten kaum einen Zusammenhang zwischen Leskos Schuß und dem Tod Wieszniaks konstruieren. Bei Kerszenzweig nahm das Gericht von vornherein an, daß er in die Luft schoß und niemand traf. Der junge Lesko, der, wie Kerszenzweig und die übrigen jüdischen Angeklagten, zu seiner Tat stand, beteuerte, daß er in die Luft schoß; wegen seiner hochgradigen Kurzsichtigkeit konnte er sich überhaupt kein Ziel fixieren. Die nichtjüdischen Angeklagten verweigerten größtenteils die Aussage vor Gericht, sie antworteten auf keine einzige Frage der jüdischen Verteidiger. Wo sie aussagten, leugneten sie alles und behaupteten, sie seien von den Juden, die wegen des Boykotts Rache an ihnen nehmen wollten, angegrifien und verfolgt worden. Die Juden hätten selbst ihre Häuser und Geschäfte zerstört. Manche jüdischen Zeugen bekundeten, sie hätten gesehen, wie kleine jüdische Kinder auf die Bauern losschlugen und sie in die Flucht jagten. Während das Gericht bei der Verhandlung immerhin eine gewisse äußere Objektivität walten ließ, ergingen sich die Verteidiger der christlichen Angeklagten in maßlos antisemitischen Reden und wärmten alle Legenden auf, die gegen die Juden je verbreitet wurden. Sie stellten den ganzen Konflikt als einen Versuch der Polen dar, sich vom jüdischen Handel zu emanzipieren und forderten das Gericht auf, diese Bestrebungen durch den Urteilsspruch zu legalisieren. Die jüdischen Verteidiger haben die Nichtigkeitsbeschwerde eingereicht. Das Begehren der Verteidiger, einige jüdische Angeklagte, insbesondere die Greise Feldberg und Haberberg, vorläufig auf freien Fuß zu setzen, wurde abgelehnt. Die jüdischen Zuhörer im Gerichtssaal, hauptsächlich Verwandte der verurteilten Juden, brachen bei Verkündung des harten Urteils gegen die Juden in Tränen aus. Dagegen nahmen die Verurteilten selbst eine mutige und würdige Haltung ein. Furchtbare Niedergeschlagenheit der polnischen Juden. Das Urteil des Radomer Kreisgerichtes hat unter der Judenheit ganz Polens eine tiefe Niedergeschlagenheit ausgelöst; es wird als ein F r e ib r i e f für w ei tere Pogrome empfunden. Im Sejm wurde das Urteil bekannt, als die Abgeordneten gerade zu einem Abschiedstee anläßlich des Sessionsschlusses versammelit waren. Bei Bekanntwerden des Urteils erlitt der jüdische Abgeordnete Dr. Gottlieb einen Schwächeanfall. Nachdem er sich etwas erholt hatte, verließ er tief tief verbittert in Gesellschaft der übrigen jüdischen Parlamentarier die Veranstaltung. Am Samstag wurde das Urteil in allen jüdischen Synagogen und Bethäusern Pöltens besprochen und als ein großes jüdisches Unglück bezeichnet. Allgemein' gibt man der Hoffnung Ausdruck, daß durch das Urteil des Berufungsgerichts dem verletzten Rechtsempfinden Genugtuung verschafft werden wird.

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