Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 27 (26.6.1936)
- Date
- 1936-06-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile o Nr. 27 — 26. Juni 1936 DIE WAHRHEIT Österreich zum Muster! Tschechisch-jüdische Sportler müssen nicht nach Berlin. Der Schwimmverband der Tschechoslowakei hatte ultimativ erklärt, daß er auf den Start der jüdischen Schwimmer und Wasserballspieler bei den Olympischen Spielen nicht verzichten könne und daß er die Vereine, die ihre Sportler nicht entsenden, bestrafen, d. h. disqualifizieren werde, während der „Makkabi" bekanntgab, daß der Beschluß, daß Jüdische Sportler nicht nach Berlin fahren dürfen, unter keinen Umständen geändert wird. Dazu schreibt „Prager Mittag" u. a.: Der Fall der jüdischen Schwimmer, die bekanntlich mit zu den besten der Republik gehören und die in dem Klub „Hagibor" den langjährigen Meister stellen, ist nicht von der sportlichen Seite zu lösen. Man kann es durchaus verstehen, daß der Schwimmverband der Tschechoslowakei seine besten Leute nicht entbehren will: der Verband will nun einmal prächtig vertreten sein und dies kann er nur, wenn er die jüdischen Sportler mit auf die Reise nimmt Man muß sich .einmal — schreibt „Prager Mittag" weiter — die Situation der jüdischen Sportler vor Augen halten: sie sollen in das Land fahren, von wo sie täglich erfahren, daß sie ein Auswurf der Menschheit sind, Untermenschen, die an dem Elend der Welt schuldig sind, Kreaturen, deren Ehe mit den blonden, blauäugigen Germaninnen Bastarde gebiert. Sie sollen mithelfen, Nazi-Deutschland einen Triumph zu verschaffen. Das Olympische Komitee — schließt die Zeitung — hatte seinerzeit den jüdischen Sportlern zugesagt, daß keinerlei Zwang auf sie ausgeübt werden darf und daß nur der fahren soll, der fahren will. Es wäre wünschenswert, wenn die Behörde jetzt auch zu ihrem Beschluß stehen und ein Machtwort einlegen würde, das die jüdischen Schwimmer von einer ernsten Sorge und bitteren Gewissensqual befreien würde. Am Montag, den 22. Juni, lief das Ultimatum des Tschechoslowakischen Schwimmverbandes an die Hagibor-Sch wimmer, das diesen mit Disqualifikation drohte, falls sie es ablehnen, zu den Olympischen Spielen nach Berlin zu gehen, ab. Die jüdischen Schwimmvereine gaben die definitive Antwort, daß sie nicht nach Berlin gehen werden, wobei mit Nachdruck darauf hingewiesen wurde, daß sich die jüdischen Schwimmer in Berlin nicht in einer seelischen Verfassung befinden können, die Höchstleistungen zulassen würde. In ihrer Sitzung am Montag befaßte sich die SportkommiS'Sion des Tschechoslowakischen Olympischen Komitees abermals mit dem Ersuchen der jüdischen Schwimmer, von ihrer Entsendung nach Berlin Abstand zu nehmen. Die Kommission beschloß, auf ihrem bisherigen Standpunkt zu beharren und niemanden zu einer Teilnahme an den Olympischen Spielen zu zwingen. Im Hinblick auf diesen Beschluß des Olympischen Komitees wird erwartet, daß der Tschechoslowakische Schwimmverband seine D i s q u la 1 ifikations-Androhung gegen die Hagibor-Schwimmer nicht verwirklichen werde. •:- Die besten Eisen Wirstnl Settvarei 3 mal täglich frisch bei IHEkHlHDoPlilHSlRle» Unter Aufsicht des. Rabbinates der Aääs-Jisroel-(Schiffschü]). Anisgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichketten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. ,$He Sage in Palästina ist sehr ernst.' &avid (Ben Surion sag* die „ganze Wahrheit" .- Auf der Warschauer Konferenz der Zentralkomitees und Parteiräte aller zionistischen Gruppen in Polen, hielt der Vorsitzende der Palästina-Exekutive der Jewdsh Agency David Ben Gurion ein Referat über die Lage in Palästina. Ich will die ganze Wahrheit sagen, erklärte Ben Gurioni: Die ökonomische Lage des jüdischen Palästina ist ein© sehr ernste. Der Umfang des arabischen Aufstandes ist sehir groß und von einer ungeheuren Kraftentfaltung, so daß auch der Jischuw Riesenkräfte besitzen muß, um der Gefahr standzuhalten. Glücklicherweise ist der Jischuw ökonomisch gut fundiert, dies nicht zuletzt darum, weil wir in den letzten Jahren unsere kolonisatorische Position befestigen konnten. Aber das wirtschaftliche Leben ist paralysiert, die Industrie schrumpft zusammen, die Kaufkraft des Jischuw erreicht ein Minimum. Da der Verkehr von einem Punkt zum anderen mit Lebensgefahr verbunden ist, liegt der gesamte Handelsverkehr darnieder. Der Jischuw macht heroische Anstrengungen, um die Verbindung zwischen den verschiedenen Orten aufrecht zu erhalten. Die jüdischen Chauffeure, die als die „Verbmdurigsoffiziere" fungieren, sind wahre Helden; es kam kein einziges Mal vor, daß sich etwa ein Chauffeur' geweigert hätte, nach einem bestimmten Punkt zu fähren, mag der Weg noch so gefährlich gewesen sein. Der arabische Vernichtungsplan sah auch die Aushumgerung des Jischuw vor. Die Fellachen, die gern ihre Produkte in dÜle jüdischen Orte bringen wollen, erliegen dem Terror. Die Felder in den Kolonien werden am Tage bearbeitet und in der Nacht durch die gleichen Arbeiter beschützt; ohne einen solchen Schutz wäre heute der Jischuw eine große Wüste. Aber auch die menschliche Kraft hat Grenzen, und unsere Arbeiter fallen vor Anstrengung um. Wir beorderten zahlreiche jugendliche Kräfte aus den Städten nach den Kolonien. Wir müssen uns an die jüdische Welt um Stütze wenden, damit wir von dem großer, Vernichtungsfeuer nicht eingehüllt werden. Mit zusammengepreßten Lippen und übermenschlicher moralischer Energie vermeidet es der Jischuw, das Prinzip „Auge um Auge" anzuwenden. Wir wissen, daß wir allein erfolgreich dem Angriff begegnen könnten, aber unsere natinnale Pflicht sagt uns, daß ein solches Auftreten Erez Israel in ein Schlachtfeld verwandeln könnte. Vielleicht ist die Galuth etwas zu sehr ruhig, so daß es ein wenig schon an Gleichgültigkeit grenzt. Wir vermissen das Aufflackern der Empörung; und des Schmerzes. Vielleicht hat euch unser „Sieg" im englischen Parlament in Sicherheit gewiegt? Verlaßt euch nicht auf diesem: Sieg! * Ein Freund unseres Blattes erhielt von einem in TieO-Aviv lebenden Bekannten1 folgenden Bericht: Die Krise ist nunmehr eine vollständige, der Prozentsatz der Arbeitslosen erschreckend, Tel- Aviv ist eine Festung, seit Wochen ist es mir unmöglich, nach Jerusalem zu fahren, um verschiedenes zu regeln. Das Baugeschäft ist vollständig erledigt, die Grundstückspekulation ist bereits seit Beginn des abessinischen Konfliktes gleich null. Die Sicherheit außerhalb Tel-Avivs ist gleich null, Bomben werden in fahrende Züge geworfen, Polizeioffiziere in Jerusalem schwer verletzt, die Kolonien sehr exponiert, Pflanzungen etc. in Brand gesteckt. Nach Aussagen von Leuten, die jahrelang hier sind und die schon viele Krisen, zuletzt 1929, mitgemacht haben, wird die Depression bestenfalls in 6 bis 12 Monaten weichen, im allgemeinen gilt die Zukunft völlig ungewiß. Keinesfalls ist es so. wie man es in Wiener Zeitungen lesen kann. Ihnen darf ich es ja sagen, daß die ganze Palästina- Angelegenheit ein gutes Geschäft für manche Leute war und daß die Propaganda immer wieder weitergeführt wird, um durch Zuführung von Geld — hauptsächlich aus Amerika — und Menschenmaterial, das zu 50 bis 60 Prozent aus Polen kommt, eine Prosperität zu sichern. Was meine bescheidene Person betrifft, so darf ich sagen, daß ich mich auch hier 100 Prozent als Oesterreicher fühle, der als Jude auf die Welt gekommen ist und der auf sein Judentum stolz ist und es niemals verleugnen wird. Ich habe als Soldat und Offizier für Oesterreich gekämpft, ich muß dieses Land, das mich hervorgebracht hat und dessen hohe Kultur ich aufnehmen dürfte, lieben, und diese Liebe ist unabhängig von den Menschen, die GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE t XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungenfurKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen uns feindlich sind. Die Antisemiten Oesterreichs sind meine Feinde, aber auch hier bin ich wie durch eine Wand von vielen meiner Glaubensgenossen getrennt, ich sehe sie zwar, aber ich verstehe sie nicht. Die Schuld liegt aber an mir, ich scheitere an Palästina. Der polnische Jude findet hier sei Paradies, da er hier um zehn Kulturstufen hinaufgerutscht ist, ich bin nur um eine herunter, aber auch das ist zu viel. Die schädlichen „nationalen Sonderrechte". Der Jerusalemer JTA-Vertreter hatte Gelegenheit, in einen Brief Einsicht zu nehmen, den der Emir AbdullahvonTransjordanien Ende 1922 an den im Jahre 1925 durch einen unerkannt gebliebenen Täter ermordeten Schriftsteller und Aguda-Führer Jacob de Haan aus Holland gerichtet hat und in dem der Emir die Juden einlädt, nach Transjordanien einzu wandern und das Land zu kolonisieren unter der Voraussetzung, daß sie auf nationale Sonderrechte verzichten. Weltkongreß jüdischer Frontkämpfer Wien 1936. Der Ii. Weltkongreß jüdischer Frontkämpfer wird, wie Jetzthin mitgeteilt, am 27. d. M. in Wien mit einer feierlichen Eröffnungssitzung im Großen Musikvereinssaale durch den Bundesführer des „Bund jüdischer Frontsojdaten Oesterreich" Hptm. a. D. Edlen v. Friedmann in Anwesenheit offizieller Persönlichkeiten eingeleitet. Diese Eröffnungssitzung beginnt präzise 20 Uhr 30. Folgende Staaten werden durch Delegationen vertreten sein: Amerika, Australien, Belgien, Bulgarien, England, Aegypten, Frankreich, Lettland, Litauen, Polen, Ungarn, Tschechoslowakei und Süd-Afrika. Am 27. Juni, um 8 Uhr 30 vorm., findet im Großen Leopoldstädter Tempel ein feierlicher Gottesdienst anläßlich des Beginnes des Kongresses statt, bei welchem Oberrabbiner Dr. TagI ich t und Oberkantor Marg o 1 i e s die Funktionen innehaben werden. Sonntag, den 28. d., werden die Delegationen am Oesterreichischen Held enden km a 1 Kränze niederlegen. Am 1. Juli a. c. findet im Großen Musikvereinssaal um 20 Uhr ein F e s t k o n z e r t d e s S y mphonie-Orcheisters des Bundes jüdischei Frontsoldaten Oesterreichs unter persönlicher Leitung des Komponisten Jarmir Weinberg er und des Bundeskapellmeisters Dr. Kurt P a h 1 e n statt. Außerdem wirken mit die bekannte Rezitatorin Frl. Margarete Bach, die Opernsängerin Frl. Fanny Cleve und der J üdische G e'sangverein. Am Sitze des Kongreßbüros, Wien L, Bräunersiraße 2, wird ein Sonderpostamt errichtet, welches während der Dauer des Kongresses einen besonderen Poststempel verwenden wird. Keine jüdischen Vertreter im litauischen Sejm. Bei den Wahlen zum neuen litauischen Parlament ist kein Jude durchgedrungen, obwohl die Regieruns zwei Vertreter der jüdischen B e v 61 k eruns auf ihre Liste gesetzt hatte. Die meisten nichtjüdischen Wähler hatten vor Abgabe der Stimmliste die Namen der jüdischen Kandidaten gestrichen.