Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 27 (26.6.1936)
- Date
- 1936-06-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DU: WAHRHEIT Nr. 27 — 26. Juni 1936 Seite 5 S E E F E L D» i2oo°m Streng orthodox "ft^ Abteilung im Hotel Hochalm, Geschw. Scheer Sehr mäßige Preise, beste Verpflegung und Unterkunft Jüdisches Kinder-Ferienheim ATIR'* Spital a Semmering (320 m) ff^ll für « — 16jährige (Pädagogische Leitung A. Taglicht), modernst erstrangig. Ständige ärztliche Aufsicht Sport, Schwimmen, vorzügliche rituelle Verpflegung. Mast- und Diätkur. Fremdsprachig« Konversation. Sekretariat: IX., SdtwaixspanientraBe 13/3 TaL A 26-3-73 Zwei Synagogen zerstört. Die Stadtsynagoge der jüdischen Gemeinde in W i e n c e b o r k ist in der Nacht durch ein D y n aniitattentat zu einem großen Teil zerstört worden. Man vermutet in den Tätern die gleichen Huligans, die bereits einmal die Fenster der Synagoge eingeschlagen und Schilder an jüdischen Geschäften verschmiert haben. In Wiencebork, das einst eine angesehene jüdische Gemeinde beherbergte, leben nur noch sieben jüdische Familien. Die zwei jüdischen Kinder, die bis vor kurzem noch in der Synagoge dem religiösen Studium oblagen, wurden so oft verfolgt und geschlagen, daß sie die Studien abbrechen mußten.' In der altertümlichen Synagoge in Wlodzimiercz ereignete sich eine schwere Einsturzkatastrophe. Während des Gottesdienstes, als die Synagoge mit Betenden gefüllt war, stürzten plötzlich eine Seitenwand und der P l afond ein. Ueber 30 Juden erlitten größtenteils schwere Verletzungen. Todesopfer sind nicht zu beklagen. Auch in M y s I e n i c e bei Krakau versuchten 200 Pogromisten nach schweren Plünderungen das Bethaus in Brand zu stecken, wurden aber durch Gendarmerie daran gehindert. | Alle Preise I ■ tief reduziert ■ TUCHHAUS TABAK, i.. saiz«rlcs Nr. 5 Original englische und französische Damen- und Herrenstofie Araber gegen Juden. Nachrichten allein bedeuten keineswegs, daß man wirklich etwas von dem erfährt, was auf der Weit vor sich geht. Wenn man z. B. wissen will, was in den letzten Wochen in Palästina geschehen ist, so genügt es auf keinen Fall, die Nachrichten darüber zu lesen, und wären sie samt und sonders zuverlässig. Man muß auch etwas von den treibenden Kräften wissen, die hinter den Vorgängen wirken. Ueber diese treibenden Kräfte schreibt Albert V i t o n in der „Neuen Zürcher Zeitung" folgendes: In der ganzen arabischen Welt geht eine wahrhaft revolutionäre Umwälzung vor sich. Eine Bewegung, die den größten Teil Europas im letzten Jahrhundert umgestaltet hat, ist jetzt auch nach Arabien gekommen und ruft dort ebenso tiefgreifende Aenderungen hervor. Die alte Binsenwahrheit, daß es im Bereich des Islam keine Nationalität gebe, ist nicht länger wahr. Auch hier beginnt die alte soziale Kraft, die' Religion, der neueren, dem Nationalismus, zu weichen. reilich ist die Religion in Arabien auch jetzt noch eine gewaltige Macht, aber sie ist in die Defensive gedtängt und verliert täglich mehr Boden vor dem vordrängenden Nationalismus. Dieser Umschwung ist in Palästina schon weiter giediehen als im Hedschas, in Syrien aber noch weiter als in Palästina, am weitesten aber von allen arabischen Staaten in Aegypten. Aber seine Symptome sind sogar in Transjordanien festzustellen, wo kürzlich das Auto des Emirs Abdullah mit Zwiebeln beworfen wurde, als es sich herumredete, daß er Land an Juden verkauft hatte. Ganz deutlich kann man den Umschwung in Jerusalem erkennen, wo kürzlich ein Generalstreik gegen die Engländer durchgeführt wurde, obwohl der Großmufti, Hadsch Amin el Huseini, nachdrücklich dagegen auftrat; gleichzeitig geht auch die Zahl der mohammedanischen Pilger merklich zurück, während die Mi'tgliederzahl der nationalistischen Vereine und Gesellschaften unablässig steigt. Zahlreiche Araber haben mir nahegelegt, den weitverbreiteten Judenhaß ja nicht etwa mit religiösen oder rassischen Gründen zu erklären. Rassenmäßig gehören sie, wie sie mir versicherten, in die nämliche Familie wie die Juden, während anderseits ihr religiöses Interesse viel zu lau ist, als daß sie deswegen irgend jemanden hassen würden. Ihre bittere Feinschaft beruht ausschließlich auf nationalistischen Beweggründen — sie erblicken in den Juden die Agenten des britischen Imperialismus, die im Begriffe stellen, ihnen ihr Heimatland wegzunehmen. In der Hauptsache wird der nationalistische Kreuzzug gegen die Juden von jungen Leuten zwischen 15 und 25 Jahren geführt. Dieser Aufstand der arabischen Jugend ist die bedeutsamste Erscheinung im Nahen Osten. Eine nationalistische Bewegung gab es hier freilich schon vor dem Krieg, aber ihr Nationalismus beruhte in der Hauptsache darauf, daß die arabischen Großgrundbesitzer, die Effendis, den ausländischen Ausbeutern abgeneigt waren, weil sie die Ausbeutung lieber selber besorgen wollten. Die heutige Jugend steht dieser Art von Nationalismus ablehnend gegenüber, sie ist gegen alle Ausbeuter feindlich eingestellt, gegen die einheimischen so gut wie gegen die fremden. Die Unruhen in Kairo wurden ausschließlich von Jugendlichen veranstaltet Es ist natürlich leicht, sich über diese halbwüchsige Jugend lustig zu machen, die John Bull mit trotzigen Gebärden entgegentritt, aber es. waren diese Jungens, die^ihre skrupellosen älteren' Führer verhindert haben, die Interessen ihres Landes zu verschachern, die letzten Endes England zur Nachgiebigkeit gezwungen haben. Auch in Damaskus war es die Jugend, die den Führern Energie und Kühnheit aufnötigte. Als die Führer am 17. Tage des Streiks den Abbruch der Bewegung anordneten, nahmen die Studenten die Führung selber in die Hand, schalteten die älteren Führer einfach aus und setzten den Streik noch mehr als 40 Tage lang fort, bis sie schließlich der französischen Regierung Zugeständnisse abnötigten, wie sie vorher undenkbar gewesen wären. Mit der arabischen Jugendbewegung ist nicht zu spassen — je früher das Abendland es lernt, ihr Respekt entgegenzubringen, desto besser.!n Palästina rühmt sich bereits fast jedes Dorf einer patriotischen Jugendvereinigung. Die Pfadfinderbewegung, die Vorhut des neuen Nationalismus, besteht erst seit 1920 und hat jetzt bereits etwa 4000 Mitglieder. Das Streben nach Wissen und Schulung ist so lebhaft, daß die Schulen aus Mangel an Raum jedes Jahr etwa 60 Prozent der Anmeldungen ablehnen müssen, obwohl die Engländer jedes Jahr etwa 70 neue Schulen eröffnet haben. Die junge Generation steht in vollem Gegensatze zur arabischen Vergangenheit. Als Gegner steht ihr der Zionismus gegenüber. Selbstverständlich kann man die Zionisten nicht ohne weiteres mit den Imperialisten des Abendlandes vergleichen. Aus den Ländern ihrer Geburt und Wiahl vertrieben, kommen die Juden in ihre historische Heimat zurück, fest entschlossen, die Kosten dafür zu zahlen — jeden Fußbreit Bodlen zehnmal zu teuer zu bezahlen. Die Ankunft der Juden ist wirtschaftlich durchaus nicht zum Nachteil der ursprünglichen Einwohner ausgeschlagen. Nicht nur sind die palästinensischen Araber durch die jüdische Einwanderung bereichert worden, Palästina selber ist zum Mittelpunkt der Anziehung für den ganzen Nahen Osten geworden. Zehntausende von Arabern kommen Jahr um Jahr unerlaubterweise ins Land, um hier Arbeit zu suchen. Ein jüdischer Wirtschaftssachverständiger versichert, daß die Juden den Arabern etwa hundert Millionen Dollar für das Land bezahlt haben — im ganzen haben die Juden ohne Zweifel mehr als 300 Millionen Dollar in Palästina Pension and Restaurant TAUBER, Abhazta Erstklassige orth. koschere Küche, Zimmer mit jedem Komfort, volle Pension von 25 Lire aufw. investiert. Aber die arabischen Nationalisten weisen demgegenüber da* auf hin, daß sie dabei ihr Heimatland verlieren. Die Zahl der Juden hat sich seit 1919 etwa versechsfacht — sie ist in den letzten vier Jahren allein mindestens verdoppelt worden und wurde Ende 1935 auf 375.000 geschätzt. Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung Palästinas ist von 9,5 Prozent im Jahre 1919 auf etwa 40 Prozent gestiegen. Selbstverständlich unterschätzen die zionistischen Führer die Bedrohung durchaus nicht, die der steigende arabische Nationalismus bedeutet. Der Führer der jüdischen Arbeitsgemeinschaft, Ben Gurion, einer der einflußreichsten Männer in der „Jewish Agency"', erklärte ganz offen: „Die Zionisten müssen die Gefahren Palästinas klar erkennen, auch die Gefahren, die wir noch nicht ins Auge gefaßt haben, Gefahren von Osten her, die viel größer sind als die Geiahren von Westen. Palästina ist nicht ein Picknick." Immer und immer wieder sprach er davon, daß es sich um einen „D a u e r k r i e g" handle. Ben Gurion hat durchaus recht. Ein Dauerkrieg wird in Palästina geführt — zumeist auf wirtschaftlichem und politischem Boden. Der Tourist schon wird in die Feindseligkeiten einbezogen, wenn er zusehen muß, wie am Hafen jüdische Taxichauffeure die jüdischen Reisenden von den Autos wegziehen, die arabischen Chauffeuren gehören. Palästina ist wahrscheinlich das einzige Land der Welt, wo Juden nur solche Zigaretten tauchen, die von Juden hergestellt werden, während die Araber die nämlichen Zigaretten ablehnen. Die Araber kaufen nichts bei Juden, wenn sie es irgendwie vermeiden können, die Juden kauten nicht bei Arabern, obwohl diese meist etwas billiger sind. Ein ständiger Wirtschaftsboykott wird zwischen den beiden Völkern durchgeführt, die nebeneinander im gleichen Lande leben sollen. Der politische Kampf gegen die Balfourdektaration, die den wichtigsten Rechtsanspruch für die Zionisten in Palästina darstellt, begann unmittelbar, nachdem die Araber davon Kenntnis erlangten. Mohammedaner und Christen protestierten mehrmals in London und in Genf gegen das, was sie als einen flagranten Vertragsbruch der Engländer betrachteten, weil diese, wovon heute noch jeder Araber überzeugt ist, während des Krieges den Arabern Zusicherungen gemacht hatten, die mit der Balfourdekliaration völlig unvereinbar waren. In dieser Haltung sind die Araber durchaus konsequent geblieben. Die Aussichten für eine friedliche Lösung des Konfliktes sind sozusagen gleich Null. Ein arabischer Nationalist erblickt in einem Zionisten seinen Todfeind, der ihm sein Vaterland entreißen will, auch wenn er dafür bezahlt. Jeder gute Ziowist aber erblickt in den Arabern ein unnötiges Hindernis gegen die Verwirklichung seines patriotischen Traumes. Es gibt natürlich Ausnahmen, liberale Männer, die Frieden und weitherzige Zusammenarbeit erstreben, wie etwa Dr. Judah Magnus, der Rektor der hebräischen Universität. Der ehemalige Bürgermeister der Heiligen Stadt, Riagheb Bei Nassashibi, der Präsident der arabischen nationalen Verteidigungspartei, meinte dazu: „Warum sollten sie, die Juden, nicht den Frieden erstreben? Der Friede wird ihnen ermöglichen, ihre Nationalheimstätte auszubauen und uns vor ein fait accompli zu stellen. Wir sind es, die uns den Frieden nicht leisten können. Uns Frieden und friedliche Zusammenarbeit zumuten, läuft auf dasselbe hinaus, wie wenn man einem Mann, dem man den Hals abschneidet, die Zumutung stellte, daß er dazu noch freundlich lächeln sollte." Jüdische Künstler Sieger im Internationalen Wettbewerb für Klavier. Bei dem kürzlich beendigten ijnternationalen Wettbewerb für Klavier wurde einem jungen Juden aus Rußland, Jacob Fliere, der erste Preis (2500 Schilling) zuerkannt. Auch der zweite Preis wurde von einem russischen Juden, Emil Gilels, gewonnen. Den vierten Preis erhielt der ungarische Jude Kovacs.