Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-06-26 · Heft 27 (26.6.1936) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 27 (26.6.1936)
Date
1936-06-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064632--20726-3086002
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite Nr. 21 26. Juni 1936" DIE WAHRHEIT i t Situation in Palästina erheblieh verschärft. Bisher 35 jüdische Todesopfer. Am Wochenende hat die Situation in Palästina eine weitere Verschärfung erfahren. Nachdem es in den vorangegangenen Tagen den Anschein hatte, daß die arabischen Terroristengruppen etwas ermüdeten und an Munitonsmangel zu leiden beginnen, rafften sie sich gegen das Wochenende zu konzentrischen Angriffen auf englische Polizei und Militär an verschiedenen Stellen des Landes auf. Hand in Hand damit gingen Angriffe der Pogromisten auf jüdische Kolonien und Pflanzungen und schwere Bombenattentate, wobei wiederum einige Juden ihr Leben lassen mußten. Der vor einigen Tagen zwischen Jerusalem und Atarot von Arabern durch Schüsse aus dem Hinterhalt schwer verwundete Chauffeur eines Milchautos der Produktionsgenossenschaft „T'nuwa", Abraham Ben Jehuda, ist am 18. Juni seinen Verletzungen erlegen. Auf einen jüdischen Autobus wurde bei Jazur eine Bombe geschleudert, die explodierte. Der 28jährige Josef Schefter, der aus Wien stammt, wurde getötet Er war Direktor der „Leviaman'Mjerberei in Rischon-le-Zion. Durch den gleichen Anschlag wurde der 36jährige Schlomo Blad, ein Einwanderer aus Polen, schwer verletzt. Fünf andere jüdische Mitreisende des Autobusses ereilten leichte Verletzungen. Das Dorf Jazur wurde mit einer Kollektivstrafe von 200 Pfund belegt. Die Bestattung von Josef Schefter in Rischon-le-Zion fand auf Anordnung der Behörden um 4 Uhr morgens statt. Bei einem Angriff von Arabern auf eine jüdische Pflanzung in der Nähe von KfarSaba wurde der aus Deutschland stammende Jude Elieser L i s e r durch Schüsse getötet. Es kam sodann zu einer Schießerei zwischen Polizisten und arabischen Terroristen, die Araber flüchteten und wurden von Polizisten verfolgt. Am Dienstag, den 23. Juni, wurde zwischen Tiberias und Rosch Pina ein jüdischer Autobus von Alrabern aus dem Hinterhalt beschossen. Der 28jährige Abraham Misrachi, Vater von drei Kindern, wurde getötet, drei andere Juden wurden verletzt. Misrachi ist das 35. Todesopfer seit Ausbruch der Unruhen. Schwere Kämpfe. Bei T u 1 k a r e m in Nord-Palästina kam es zu größeren Zusammenstößen mit etwa 70 Arabern, wobei Militär, Polizei und Flugzeuge eingesetzt werden mußten. Zwei Soldaten fanden den Tod, drei wurden verletzt. Die Araber wurden in die Flucht geschlagen und ließen zehn Tote zurück. Drei von den eingesetzten vier Flugzeugen wurden von den Kugeln der Araber getroffen, hatten jedoch glücklich den Flugplatz wieder erreicht. Zwischen den biblischen Bergen Gerizim und Ebal wurden Seaforth-Hochlandtruppen von Arabern aus einem Hinterhalt beschossen. Am Sonntag, den 21. Juni, unternahmen die Truppen mit Hilfe von Artillerie und Flugzeugen einen Angriff auf die Höhen, um diese von den verborgenen Schützen zu säubern. Dabei wurden einige Araber und ein britischer Unteroffizier getötet, auch gab es zahlreiche Verletzte. Cfli€ Pension Echsfein Semmering ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ Die militärischen Säuberungsaktiomen werden fortgesetzt, wobei es ständig zu schweren Zusammenstößen mit blutigem Ausgang kommt. Die Mandatsregierung hat neue scharfe Maßnahmen angekündigt. Eine Verordnung sieht für unbefugten Besitz von Waffen, Bomben und Explosivstoffen mindestens 5 Jahre Gefängnis vor. Bei schweren Fällen kann auch lebenslängliche Gefängnisstrafe verhängt werden. Ferner soll von jetzt an das Werfen von Bomben mit dem Tode oder mit lebenslänglichem Gefängnis bestraft werden, auch wenn keine Menschen bei dem Anschlage zu Tode kamen. Arabischer Nationaler Ausschuß protestiert. Dienstag, den 23. Juni, traten die Mitglieder des Obersten Arabischen Nationalen Ausschusses und der lokalen Streikkomitees in Jerusalem zusammen, um darüber zu beraten, ob der Streik fortgesetzt oder beendet werden soll. Der Ausschuß sandte an den High Commissioner Sir BA^ÖASTEIN IHOTEL 9 ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Arthur W a u c h o p e ein Telegramm, in dem gegen die neuen Notverordnungen protestiert wird. Im Namen des High Commissioner erwiderte der Chefsekretär John Hathorn Hall, die R e g i e r u n g sei entschlossen, noch härtere Maßnahmen zu ergreifen, um dem Terror ein Ende zu machen. Hebräische Universität angegriffen. Zum erstenmal war auch die Hebräische Universität auf dem Skopusberg zu Jerusalem Objekt eines systematischen Angriffs der arabischen Aufrührer. Arabische Schützen besetzten alle zur Universität führenden Wege und eröffneten das Feuer auf die Gebäude. Durch diese konzentrische Besetzung sollte die schnelle Heranholung britischen Militärs verhindert werden. Die jüdischen Sonderpolizisten, die die Bewachung der Universität übernommen haben, erwiderten das Feuer der Araber, hinderten diese am Näherkommen und zwangen sie schließlich zur Flucht. Als Polizei und Militär herankam, wäre die Angreifer nicht mehr zu sehen. Friedhof in Safed geschändet. Bei der Schändung des von den Juden als Heiligtum verehrten alten Friedhofs von Safed durch Araber wurden die Gräber des Propheten Hosea, des Tannai Rabbi Pinchas ben Jair, des größten Kabbalisten „Ari hakodesch", seines Schülers Rabbi Josef Caro und anderer berühmter religiöser Gelehrter zerstört. Die Safeder Jüdische Gemeinde hielt einen Fasttag zum Zeichen der Trauer und des Protestes ab. Der Friedhof befindet sich beim arabischen Dorf Daharijeh. Schätzung des Schadens. .Reuter.meldet: Der Schaden,.der der jüdischen Bevölkerung bei den Unruhen in Palästina bisher entstanden ist, wird auf mindestens 180.000 Pfund Sterling geschätzt. (Diese Schätzung kann, sofern sie überhaupt auf Genauigkeit Anspruch erhebt, lediglich die direkten Schäden durch Sabotageakte betreffen, nicht aber die durch den wirtschaftlichen Niedergang infolge der Unruhen verursachten, die ein Vielfaches der obigen Summe betreffen.) Seuitteton. Abessinien — eine jüdische Zufluchtsstätte. Vortrag des Herrn Fürsorgerates Nathan Pollak, gehalten in der „Union". (Fortsetzung.) Und nun komme ich zum zweiten Teil meines Themas, dem jüdisch-politischen. Ich muß eingangs gleich erklären: mein Vorschlag, Abessinien als jüdische Zufluchtsstätte zu gewinnen, ist nicht gegen Palästina gerichtet. Ich stehe voll und ganz aui dem Standpunkt der „Union österreichischer Juden", die immer wieder erklärt, sie anerkenne und unterstütze eine Heimstätte in Palästina für heimatlose Juden der ganzen Welt und jene, die befürchten, heimatlos zu werden oder aus religiösen Gründen nach Palästina gehen wollen, jedoch unter Ausschluß von nationalen und politischen Utopien. Demgemäß ist mein Vorschlag nicht gegen, sondern neben Palästina gedacht Muß ich von der Dringlichkeit meines Projekts für eine große Zahl unserer Glaubensgenossen, sowohl in Oesterreich als auch in Polen, Rußland und insbesonders Deutschland viel erzählen? Muß ich darauf hinweisen, daß unsere Jugend ohne Arbeit, ohne Zukunft heranwächst, -daß sie ständig das Bild der Not vor Augen hat und die Furcht vor der Arbeitslosigkeit nicht los wird? Sind wir nicht verpflichtet, dieser schwergeprüften und in ihrem Lebensrecht bedrohten Jugend die Hoffnung zu geben: Dort unten werdet Ihr zu eurem Lebensrechte kommen, dort unten werdet Ihr in der Arbeit feuer Glück "finden! Ich will von den deutschen Emigranten nicht viel sprechen. Jeder weiß, daß viele tausende in allen Staaten heimat- und erwerbslos ein menschenunwürdiges Leben führen müssen. Tausende harren einer ungewissen Zukunft, wohin sie werden gehen müssen, wenn ihr Vaterland sie nicht länger duldet oder ihnen jeden Erwerb unmöglich macht. Was kann Palästina bedeuten angesichts der Geringfügigkeit der Anzahl von Zertifikaten, die für die Einwanderung von der «nglische-n Mandatsregierung bewilligt werden? Sie alle wissen es, welche Schwierigkeiten die Araber gerade "in den letzten Wochen der Einwanderung überhaupt bereiten und welche Dimensionen der Kamp? gegen die Einwanderung angenommen hat In dieser Beziehung würde mein Vorschlag eine Beruhigung für die Araber bedeuten, wenn sie hören würden, die Juden wollen auch nach Abessinien gehen, und daß damit ihre Besorgnisse, daß die große Flüchtlingsmasse der Juden aus allen Staaten nach Palästina kommen wolle-, unbegründet sei! Wie ist die politische Aussicht für das Projekt? Unzweifelhaft ist die Situation in Abessinien eine dauernd gesicherte. Niemand wird es wagen, Italien die Früchte seines Sieges und seiner großen Opfer zu entreißen. Italien hat mit unerhörter Organisation und Tatkraft den Krieg geführt und wird ohne Zweifel auch die große kolonisatorische Arbeit für den Aufbau zu leisten wissen. Alle Mächte werden den Status, wie er heute ist, anerkennen, und selbst England wird, sobald es seine Interessen in Aegypten gesichert und seine Verbindung mit Indien durch das Rote Meer gewährleistet haben wird, die Situation als gegeben betrachten. Italien mit seinen 42 Millionen Einwohnern ist außerstande, die zum Aufbau Abessiniens notwendigen Menschenmassen aus seiner Bevölkerung zu entnehmen, wenn es auch gewiß in erster Linie den Bevölkerungszuwachs und -Überschuß dorthin ablenken wird. Abessinien zählt schätzungsweise 10 Millionen Einwohner und der Wirtschaftsplan sieht zur Kolonisation 12 Millionen Einwanderer vor. Warum sollen nicht unter diesen jene Juden vertreten sein, die — wenu auch aus allen Staaten kommend — ihre Arbeitskraft und — soweit sie es noch besitzen — ihre Kapitalien dem Lande zuführen wollen. Wir Juden beabsichtigen nicht, einen Judenstaat in Abessinien aufzubauen; wir verzichten von vornherein auf jede politische Sonderstellung. Wir wollen uns in das große Arbeitsheer Italiens einfügen und unsere Fähigkeiten und unseren Arbeitseifer dem neuen Heimatlande zur Verfügung stellen. Man muß es begreifen, daß heute* die Jugend vieler Länder eine wahre Mystik in bezug auf Kolonien ergriffen hat. Man muß dieses Gefühl als unmittelbare Wirkung der europäischen Situation verstehen, die so verworren und unübersichtlich geworden ist, daß niemand mehr die politischen und ökonomischen Faktoren auseinanderscheiden kann und daß ein Universalmittel als die einzige Rettung erscheint: „Auswandern"! Ja, aber wohin? Sie alle wissen, daß alle Staaten und insbesonders auch Amerika und Asien jede Einreise zum Zwecke der Ansässigkeit oder Arbeitssuche unmöglich machen. Es gibt nur noch ein Territorium — und das ist vielleicht das letzte — der große Kontinent Afrika! Afrika hat noch ungeheure Siedlungsmöglichkeiten. Afrika kann für Millionen europäischer Arbeitsloser Arbeit geben. Afrika hat unerhörte Entwicklungsmöglichkeiten duren seine Reichtümer an unbehobenen Bodenschätzen, einer fruchtbaren Erde, einem großen Viehstand, besonders ausgezeichnete Bedingungen für den Anbau von Bodenfnichten, Tabak, Baumwolle, Obst etc. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.