Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 27 (26.6.1936)
- Date
- 1936-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Grosdien In Deutschland «erboten! II U disch e Die Wahrheit Erscheint Jeden Freitag oniiiDiuiyiuiiiuiiuiiiiiiH mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 26. Juni 1936 Nummer 27 Paradoxe Olympia-Symptome. Rasiert Didi öui und billig Es war ohne Zweifel ein glücklicher und idealer Gedanke, die olympischen Spiele, die im Altertum die sonst nur selten miteinander harmonisierenden, sondern meistens von erbitterten politischen Kämpfen entzweiten Stämme Griechenlands im Zeichen friedlicher Wettkämpfe des Körpers und des Geistes einten, in unserer Zeit auf internationaler, dafür allerdings auf k ö r p e r sportliche Leistungen beschränkter Basis wiedereinzuführen. Leitend dabei war die Hoffnung, die national zerklüftete Menschheit durch das sportliche Prinzip der Fairneß zu pazifizieren und zu dem Grundsatz zu erziehen, daß nur die faktische Leistung für die Wertung menschlicher Tüchtigkeit maßgebend sei. Dieses erhabene Prinzip muß logischerweise zu seiner eigenen Parodie degradiert werden, sobald die Veranstaltung der Olympischen Spiele Faktoren anvertraut ist, deren weltanschauliches Ideal gerade das Gegenteil des olympischen Gedankens darstellt: die den Krieg als den natürlichsten Zustand der Menschheit verherrlichen, die Friedenssehnsucht als Schwäche minderwertiger und schon darum verachtenswerter Rassen brandmarken und an Stelle der Leistung nur das Blut als Maßstab aller menschlichen Werte gelten lassen. Die Nationalsozialisten haben denn auch, als lange vor ihrer Machtergreifung in Deutschland Berlin zum Schauplatz der nächsten Olympiade gev/ähit wurde, ihre feindselige Einstellung zu dieser Institution offen betont. Die Nötigung, ihre körperliche Qualifikation in anstrengenden Wertkämpfen mit Vertretern aller Rassen zu beweisen, erschien ihnen damals als eine ebenso absurde Zumutung, als welche die deutschvölkischen Akademiker noch heute den Zwang zum geistigen Wettbewerb mit nichtarischen Konkurrenten empfinden. Während aber der Nationalsozialismus nach seinem politischen Siege in Deutschland dem beruflichen Ehrgeiz seiner Anhänger durch Lahmlegung der nichtarischen Konkurrenz in radikalster Weise Rechnung trug, hat er auf die Durchführung der Olympischen Spiele keineswegs verzichten wollen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen, die mit dem Olympia-Ideal nicht das geringste zu tun haben, und zu propagandistischen Zwecken, die diesem Ideal extrem zuwiderlaufen, alle sportbeflissenen Ausländer zur Olympiade im Dritten Reiche mit allen Mitteln der Reklame, der zuliebe sogar der Nichtarier Lewald eine wichtige Funktion im reichsdeutschen Olympia- Komitee erhalten hat, eingeladen. Mit der Heranziehung der nichtarischen Inländer zur Teilnahme am aktiven Sportkampfe hatten es die nationalsozialistischen Machthaber freilich weniger eilig und soweit sie sich zu Ehren des. deutschen Sportprestiges, „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", in vereinzelten Fällen dazu entschlossen, hat die Art, wie sie sich diesem Zwange beugten, ihre Eignung zu Protektoren des Olympia-Gedankens höchst grotesk beleuchtet: die mehrfache Siegerin in internationalen Florettkämpfen Helene Mayer haben die Nazibonzen sogar aus Argentinien, wohin sie als Nichtarierin bei Anbruch des Dritten Reiches geflüchtet war, durch sanften Druck auf ihre in Deutschland verbliebene Familie zurückgeholt, doch mußte sich diese sportliche Koryphäe der „Ehre", auch bei der Berliner Olympiade die deutschen Farben zu vertreten, durch Preisgabe ihres jüdischen Vaters, indem sie sich als Frucht eines — Ehebruchs ihrer arischen Mutter mit einem Arier deklarierte, „würdig" zeigen. Alle jüdischen Sportler, die eine andere Auffassung von menschlicher Ehre haben, werden schon durch solche Tatsachen, die ja nur praktische Folgeerscheinungen der an sich das jüdische Gefühl aufs schwerste beleidigenden Nürnberger Gesetze, und der gesamten, zur vorschriftsmäßigen Grundlage nicht bloß des staatlichen, sondern auch des privaten Lebens im heutigen Deutschland erhobenen Hakenkreuz-Ideologie sind, vor der Teilnahme an der Berliner Olympiade seelisch „gehandicapt". Den reichsdeutschen Juden wurde allerdings die Pflichtenkollision zwischen ihrem patriotischen und jüdischen Empfinden durch die vorsorglichen Behörden erspart, da diese den Juden sogar jede Gelegenheit, öffentlich zu baden, geschweige denn, sportlich zu trainieren, geraubt wurde — jedenfalls auch ein Beweis ihrer Eignung zu Beschirmern des Olympia-Gedankens. Aber in anderen Ländern, wo man diesen Gedanken — und leider auch das Lippenbekenntnis der reichsdeutsche Machthaber zu ihm — ernst nimmt, droht sich diese Pflichtenkollision für die jüdischen Sportler katastrophal auszuwirken. Es gereicht Oesterreich und der Tschechoslowakei zur höchsten Ehre, daß sie sich unter diesen Ländern befinden und im Sinne der von ihren Verfassungen den Juden gewährleisteten Gleichberechtigung jüdischen Sportlern Gelegenheit gaben, durch Teilnahme an den olympischen Auslesekämpfen ihre Olympia-Qualifikation zu erweisen und damit die antisemitische Lüge von der jüdischen Körperinferiorität zu widerlegen. Abei höher als die rein physische Eignung zum Sportler stellt unzweifelhaft die moralische: die jüdischen Sportler würden einen erstaunlichen Mangel an Ehrgefühl deklarieren und damit nur einen anderen, ebenso unwahren Vorwurf der Antisemiten rechtfertigen, wollten sie in einem Lande, das in Theorie und Praxis die Menschenwürde der Juden mit Füßen tritt, nach dem Oelzweige ringen, der im alten Griechenland als ein Symbol der menschlichen Vollkommenheit gewertet wurde. Das müssen die Sportbehörden, die den höchsten Dank für die Förderung der jüdischen Sportler verdienen, berücksichtigen. m Ocslerrelchlsclies Qualität* fabrikrt Ueberau erhältlich Nichts wäre widersinniger, als diese jetzt in einer absonderlichen Situation maßgebenden Gründe zu verallgemeinern. Wie sehr die Juden in treuer Pflichterfüllung dem Vaterland gegenüber mit allen anderen Mitbürgern wetteifern, das beweist der demnächst in Wien zusammentretende Kongreß jüdischer Frontkämpfer aus allen Ländern für die Vergangenheit, beweist der Zufall, daß der erste, von der Musterungskommission jetzt für waffendiensttauglich befundene Wiener der Jude Adolf Abeles ist, für die Zukunft. Aber welche Gefühle können die mit der Waffe für die Ehre ihrer Heimat kampferprobten oder kampfbereiten Juden einem Staate entgegenbringen, der die Namen der jüdischen Kriegsgefallenen aus den Heldengedenktafeln ausmerzt, weil ihm die Erinnerung an 12.000 jüdische Kriegsopfer die Verbreitung solcher Lügen erschwert, wie deren jetzt eine der „Westdeutsche Beobachter" erfunden hat: daß die jüdische (!) Propaganda gegen Deutschland schuld sei an dessen Besiegung im Weltkrieg! Amtlich wird verlautbart, daß der Wiener jüdische Musiker Kurt P a h 1 e n im Prager Rundfunk Anerkennenswertes zur Popularisierung österreichischer Musik im Ausland vollbracht habe. Man erinnert sich bei dieser Gelegenheit, wie viele österreichische Nobelpreisträger und andere Wissenschaftler jüdischen Glaubens zum Ruhm Oesterreichs in der Welt beigetragen haben. Aber kann solchen Juden Neigung zu Hitler-Deutschland zugemutet werden, das den Juden jede geistige Arbeit verwehrt und die ..Loreley" als Schöpfung eines „unbekannten" Autors bezeichnet, damit die deutschen Schüler nicht erfahren, daß auch Juden die deutsche Poesie bereichern? Die Juden werden bestimmt immer zum Ruhme ihrer Heimat beitragen, solange alle Behörden über die Entfaltungsmöglichkeit ihrer Fälligkeiten eben so gewissenhaft und eifrig wachen wie jetzt die Sportbe bürden. Diese aber müssen erkennen, daß der Widerwille der Juden gegen eine Beteiligung an der Berliner Olympiade nur ein menschlich begreiflicher, natürlicher Reflex gegen die absurde Rolle von Kulturfeinden, die ihre „Eignung" zu Hütern des „o 1 y mpischen" Gedankens schon dadurch erweisen, daß sie jetzt den Weimarer .,0 1 y rn p i e r" Goethe als — Mörder Schillers verunglimpfen . . . Mitglieder und Freunde der „Union", des „Union-KlubS des „Union-Frauen-Klub" und der „Jugend-Union" treffen sich während der Sommermonate bei jedem Wetter* jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prater, Ausstellungsstraße (vis-ä-vis dem Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache und geselliger Unterhaltung gegeben ist.