Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 26 (19.6.1936)
- Date
- 1936-06-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 26 — 19. Juni 1936 Seite 3 kanntlich ein Attentat verübt wurde, liegt mit schweren Schüßverletzüngen an der Brust und an der Schulter im Krankenhaus, sein Befinden ist zufriedenstellend. Der schwerverletzte Araber, der mit unter den Attentätern war und der dann seinen V e r 1 e t z u n g e n e r 1 a g, ist als der an einer R egierungschule (!) angestellte Lehrer Ibrahim Ansari identifiziert worden. Sachkundige schätzen den Schaden, den Palästina in den acht Wochen, seitdem die Unruhen andauern, erlitten hat, auf insgesamt 3 Millionen Pfund. Die Regierung hat einen Schaden von 500.000 Pfund, die Juden infolge der Niederbrennühgen und Zerstörungen und der Wirtschaftsstörungen 1,500.000 Pfund, die Araber infolge Lohn- und Verdienstausfall durch Streik 1,000.000 Pfund erlitten. Als Antwort auf die jüdischen Forderungen nach Aufstellung einer Sonderpolizei von 2000 Mann hat die Regierung soeben die Mobilisierung von weiteren 400 jüdischen Polizisten angeordnet, so daß gegenwärtig 800 jüdische Polizisten, von der Regierung bewaffnet, Dienst tun. In Palästina stehen derzeit sieben britische Bataillone. High Commissioner Sir Arthur Wauchope besuchte am Montag morgens die im Hadassa- Krankenhaus in Jerusalem liegenden jüdischen Verwundeten, die bei den Unruhen zu Schaden gekommen sind. Im Verlaufe seiner Unterhaltungen mit den jüdischen Verwundeten brachte der High Commissioner die Hoffnung zum Ausdruck, daß die Lage in Palästina sich bald bessern werde. Die ausländischen Journalisten geben die Ansichten der britischen Behörden Palästinas dahin wieder, daß sich bei manchen der arabischen Uebertälle ein politischer Sinn nicht erkennen läßt und daß sich aus dem arabischen Aufstand mehr und mehr ein Banditenkrieg entwickelt, der die nationalistische Empörung zum Vorwand ganz anderer Absichten nimmt. Stellungnahme der Regierung erst auf Grund des Berichtes der Royal Commission. In der Sitzung des Unterhauses am 15. Juni abends gab der Minister für die Kolonien Ormsby-Qore die kategorische Erklärung ab, daß die englische Regierung erst dann in der Lage sein wird, Urteil und Meinung über die gegenwärtige Lage Sn Palästina abzugeben, wenn die Kgf. Kommission, die sich nach der Beruhigung des Landes nach Palästina begeben wird, ihr Urteil abgegeben haben wird. Aul eine Anfrage von Captain Ptater MacDonatö erklärte Minister Ormsby-Gore weiter, daß die Palästina-Regierung alle jene außerordentlichen Ausgaben der militärischen Verstärkung tragen wird, die den einzelnen Milftäreinherten dadurch erwachsen, daß sie in Palästina und nicht anderswo stationiert sind. Auf eine Anfrage von Thomas Williams erwiderte Ormsby-Göre, die Annahme, daß der Großmufti aus Mitteln der britischen Regierung bezahlt werde, sei vollkommen fälsch. „Lassen Sfe mich'*, fugte der Minister hinzu, „diese Angelegenheit jetzt ganz klär und eindeutig feststellen; denn es könnte zu ernsten Unruhen unter den Mohammedanern führen, wenn man sagt, daß das Oberhaupt dieser Badgastein- Kurhotel Bristol Streng "UTS Thermalbäder im Hause Aller Comfort Verlangen Sie bitte Prospekte Religionsgemeinschaft in Palästina von der britischen Regierung bezahlt werde." Zum Schluß bekräftigte Ormsby-Gore die bereits abgegeben© Erklärung über die Untersuchtingskornnfässion und sagte: „Gewiß habe ich mancherlei Ansichten über die Ursachen der Unruhen im Nahen und im Mittleren Orient, nachdem aber die Regierung ihre Absicht kundgetan hat, eine unparteiische Kgl. Kommission nach Palästina zu entsenden, halte ich den jetzigen Augenblick für sehr ungeeignet, die einzelnen Standpunkte zu analysieren und bestimmte Meinungen zum Ausdruck zu bringen." In London befindet sich derzeit bekanntlich eine arabische Propagandadefegat i o n. Achtung, Jugendliche! Jagendliche, welche die Absiebt haben, in eine gewerbliche Fachschule (Bundeslehranstalt) einzutreten, werden darauf aufmerksam gemacht, daB die Einschreibungen unbedingt noch im Jun! vorgenommen werden müssen. Es ist ratsam, vorher eine Berufsberatungsstelle aufzusuchen. Union-Klub (Klub der Mitglieder und Freunde der Wien!., Schottenring Nr. 25 „Union österreichischer Juden") Telephon A-19-2-77 Mittwoch, den24. Juni, v»8 Uhr abends, im Zögernitz-Kasino XJX., Döblinger Hauptstraße 76 €AßTI&HPI5¥ verbunden mit Akademie und Tanz / Der Reingewinn fließt zum Teile dem lsr. Waisenhaus für Knaben, XIX., Probusgasse 2 zu. PROGRAMM: ELSE CARMI-LUCIE GIRON, Oparnsängerinnen Begleitung Kapellmeister ADOLF BRENNER Viktor Flemming, der Radioliebling HEITERES QUARTETT des WIENER JÜDISCHEN GESANGVEREINES MARGA HEINEMANN, Exeentric- und Spitzentänzerin MONIKA MONTI. Chansons, am Flügel WALTER HAHN Otto Wallburg JOE WILLNER, der König der Kartenkünstler Conference: Maria Watt, Nach der Akademie: Tanz — Belustigungen. Eintrittskarte: S 3.— Jugendkarte 3 2.— Kartenbestellung u. Auskünfte im Klubsekretariat. Josua, das Buch der Richter und das Buch Ruth sind ihnen erhalten geblieben; demgemäß wissen sie nur wenig von der jüdischen Geschichte und Kultur. Der Gottesdienst gleicht in keinem Punkte dem unsrigen. Er besteht ohne unsere jadische Gebete in einer Zusammenkunft in einem Tempel, genannt Mesgid: Hier wird am Vorabend der Samstage und Festtage ein Tieropfer geschlachtet und gegessen, ein alter biblischer Brauch, der allein genügt, das hohe Alter dieses Judentums zu beweisen. Biblisch ist auch ihr Priestertum, da es nicht von Einzelnen als Beruf ergriffen, sondern in Familien fortererbt wird. Gebetet wird ambarisch; ebenso erfolgen die Vorlesungen aus der Bibel kapitelweise durch die Priester, ohne das bei uns übliche Aufrufen. Die Priester genießen Ehren und Privilegien, sie sind nicht nur zur Führung der religiösen Angelegenheiten berufen, sondern sie sind auch die Berater des Volkes. Oer Umstand, daß bei dem Gottesdienste bei freudigen Anlässen getanzt wird, Männer und Mädchen gesondert, beweist, daß diese Sitte vom heiligen Tempel in Jerusalem übernommen ist. Sie haben gewisse rituelle Vorschriften, insbesondere die Speise- und Reinheitsg'esetze üben sie sehr streng; hoch steht auch ihre Sittlichkeit. Da Speisen und Lebensmittel von Nichtjuden nicht einmal berührt werden dürfen, da sie in diesem Falle nicht als koscher gelten, bilden ihre Siedlungen ein geschlossenes Ghetto. Von den heiligen Zeiten sind ihnen außer dem Sabbath die biblischen Festtage bekannt, die streng gehalten werden. Purim, Chanuka und Tischebow sind ihnen unbekannt Sukkot wird ohne Hütte gehalten. Schließlich bemerke ich noch, daß in ihrer Feier des Versöhnungstages die auch bei uns geforderte Versöhnung mit den Nebenmenschen als Voraussetzung zur Versöhnung Gottes viel stärker betont und geübt wird, woran wir uns von den Falaschas ein Beispiel nehmen könnten. Lehrbücher und Schulen gibt es erst seit der Rückkehr der beiden jungen Falaschas, die mit Unterstützung des Baron Rothschild Volksschulen einrichteten, für die die italienische Regierung seinerzeit den Freigrund gespendet hat. Die Gelehrten und Lehrer unter den Falaschas heißen Debteras, eine Bezeichnung, die der unserer Rabbiner gleichbedeutend sein dürfte. Maskir — Totenandacht — wird nur einmal im Jahr gehalten. Neumond wird allmonatlich gefeiert An dem Messiasglauben halten sie strenge fest, er bildet sogar den Grundstock ihrer Religion. Das Rauchen soll bei den frommen Falaschas verpönt sein. Und nun zu den wirtschaftlichen Verhältnissen der Falaschas: wie leben sie und wovon leben sie? Die Forschungsreisenden berichten übereinstimmend: es geht den Falaschas schlechter als den Sklaven. Diese haben ein Dach über dem Kopf und bekommen wenigstens so viel, um sich satt zu essen, und haben keine Sorge um die tägliche Notdurft Die Falaschas hausen familienweise in primitiven Lehmhütten, die mit einem Strohdach gedeckt sind und einen einzigen Wohnraum bilden. Sie sind in der Hauptsache Handwerker und üben gewerbliche Tätigkeit aus. Natürlich gibt es keine Schuster, Schneider und Kutmacher, da die Abessinier weder Schuhe, noch nach unserer Art genähte Kleider tragen, noch viel weniger Hüte. Als Bauarbeiter, Tischler, Spengler, Schlosser, Schmiede, Zimmerletrte sind sie wegen ihrer, die Abessinier weit überragenden Tüchtigkeit gesucht Sie werden von der Regierung vielfach zur unfreiwilligen und sogar unbezahlten Fronarbeiten kommandiert, daher ihr oft ruheloses, ihnen selbst höchst unerwünschtes Umherwandern im Lande. Tüchtig sind sie auch als Töpfer und Korbflechter. Ein großer Teil findet als Taglöhner in der Viehzucht und dem Ackerbau ein bescheidenes Auskommen. Eigenen Grund und Boden besitzen sie jedoch nicht! Die Feldarbeiten werden mit den primitivsten Geräten, ebenso wie im ganzen Lande, verrichtet, jedoch ist der Boden, besonders in der Ebene so fruchtbar und ertragreich, daß er mehrere Ernten im Jahr ergibt. Handel gibt es im Lande bei der Bedürfnislosigkeit der Bevölkerung nur in sehr geringem Ausmaße. Die Zahl der Falaschas, und zwar derer, die noch Juden sind, wird von Faitlovich im Jahre 1908 nicht höher als auf 50.000 bis 60.000 geschätzt Der Abiall wurde durch die wirtschaftliche Hilfe, welche die Missionshäuser gewährten, im letzten Jahrhundert sehr gefördert und die Uebertritte zur herrschenden, sogenannten koptischen Kiche waren ungemein zahlreich. Eine Welthilfe für die Falaschas, wie sie Faitlovich nach der ersten Reise angeregt hat hätte viele Taufende von Juden unserem Glauben erhalten. Ueber den Judenhaß im Lande ist folgendes zu sagen: die Ueberlieferung bezeichnet die Abessinier als Semiten, die sich mit Kuschiten und Hamiten vermischten. Sowohl die Falaschas als auch, die Abessinier selbst üben bei ihren- Kindern die Zugehörigkeit zum Bunde Abrahams. Int Jahre 1268 sollen während einiger Jahrzehnte jüdische Könige in Schoa, der alten Residenzstadt regiert haben. König Menelik, der Einiger Abessiniena und auch der geflüchtete ehemalige Kaiser Haile Sefassie haben immer erklärt daß sie keinen Antisemitismus dulden, weil sie selbst vom Judentum abstammen. Trotzdem sind die Falaschas mißachtet und mein Gewährsmann bezweifelt, ob sie zum Militärdienst zugelassen waren. Bekanntlich trägt die abessmische Kaiserkrone den Zionsstern an der Stirnseite; auch die Orden trugen durchgehend den Mögen Dovid1, wie auch das Wappen Abessiniens der Löwe von Juda bildet. Wirtschaftlichen Bechränkungen unterliegen die Falaschas nicht; es geht ihnen nicht schlechter als den anderen Massen des Volkes. In neuerer Zeit wird von einem besonderen Stamm der Juden, namens D a n, berichtet der seit der zweite» Häl>te des o. Jahrhunderts die Gegend Danakil, südwestlich von Eritrea bewohnt Zum Unterschied von den Falaschas, denen der Name „Jude" fremd ist und die sich Beth Israel (Haus Israel) heißen, bekennt sich dieser Stamm als Juden und benützt die hebräische Sprache: er soll bei der Teilung des Reiches zwischen Jerobeam und ljechabeam aus Palästina hieher gewandert sein. Ob der Gleichklang mit dem Namen eines der Stammväter der 10 Stämme nur zufällig ist *a>;e ich nicht zu entscheiden. (Fortsetzung folgt.)