Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 26 (19.6.1936)
- Date
- 1936-06-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4 Nr. 26 — 19. Juni 1936 DIE WAHRHEIT DIE W *< . v 1 i I ' Vorn Galgen abgeschnittene Diebe gesacht. Nicht etwa in den unwirtlichen Schluchten des Balkangebirges, in den Zelten räuberischer Wüstensöhne oder in der Unterwelt amerikanischer Gangsters. Nein! Diese neueste Qualifikationsvorschrift für aussichtsreiche Karrieren wird jetzt mitten in dem auf seine Kultur stolzen Europa normiert: im Dritten Reiche, von wo täglich der minderwertigen Umwelt die Heilsbotschaft verkündet wird: „Am germanischen Wesen wird die Welt genesen." Zur Durchführung dieser nationalsozialistischen Radikalkur werden dringend vom Galgen abgeschnittene Diebe benötigt — so dringend, daß man in diesem speziellen Falle den Bewerbern sogar den Mangel der arischen Großmutter nachsieht. Diese Kunde wird den verdutzten Zeitgenossen nicht etwa von den angeblichen Lügenfabriken untermenschlicher GreuelmärchenrVerbreiter vorgesetzt, 'sondern von einem der höchstautorisierten Gralshüter der Hakenkreuz-Ideologie: Alfred Rose n b e r g schrieb sie niemandem Geringeren als dem Führer Adolf Hitler selbst, als dieser jüngst einmal versuchte, den strengen Maßstab rassischer Auslese, den er vom gesamten deutschen Schrifttum im Dritten Reiche gebieterisch fordert, auch au den Redaktionsstab seines eigenen Blattes, des „Völkischen Beobachters", dessen Chefredakteur Rosenberg ist, anzulegen. Hitler war nämlich von ungarischen Antisemiten, die die nationalsozialistische Rassenlehre ernst nahmen, darauf aufmerksam gemacht worden, daß der Spezialredakteur des „Völkischen Beobachters" für Bibel- und Talmud-Fälschung ein gewesener ungarischer Jeschiwah-Bachur namens Moses Holländer sei, der zugleich mit der Taufe den Namen Max H olossy- Holländer angenommen und zuerst bei den magyarischen Rassenschützlern, später bei den deutsch völkischen in München eine Rolle gespielt habe. Der urgennanische Teil dieser Lebensgeschichte war Hitler bereits bekannt, denn er selbst hatte den Holossy nach dessen Verhaftung wegen Beteiligung an dem Münchener Naziputsch im November 1923 als einen „Helden des Nationalsozialismus" zum Redakteur des „Völkischen Beobachters" gemacht. Die ungarischen Raissenschützler, die einst den Denunziationen des Holossy aufgesessen und durch die auf Grund von dessen Verleumdungen vorgenommene Verhaftung des greisenRabbiners Low von Szegedin international bloßge- -stellt worden waren, glaubten, den deutschen Rassenschützlern einen guten Dienst zu erweisen, indem sie sie vor ähnlichen Reinfällen bewahrten. Sie entsandten daher zu den reichsdeutschen Nazibonzen eine Deputation, an deren Spitze der einstige Taufpate des Holossy stand, der den deutschen Hakenkreuzlern eine Photographie vorlegte, die Holossy als Jeschiwah-Zögling mit Schläfenlocken und langem Bart zeigte, und eine zweite, auf der Holossy schon das Hakenkreuz am Aermel trug. Aber da mußten die überraschten Ungarn, die ja als Turanier selbst keine Arier sind, die rassische Ueberlegenheit der deutschvölkischen Führer kennen lernen. Diese entpuppten sich nicht als Opfer, sondern als willige Nutznießer der Holossy-Lügen. Hitler wahrte zwar den Schein, indem er an seinen Chefredakteur eine Anfrage bezüglich des Falles richtete. Aber Rodenberg gab, weit entfernt von der Aufregung, die die Magyaren mit ihrer Enthüllung zu erwecken erwartet hatten, die gemütliche Antwort: „Wenn man einen Dieb braucht, nimmt man ihn vom Galgen herunter." Und der deutsche Reichskanzler und Führer, sonst so stolz auf die von ihm durchgeführte „Reinigung" des deutschen Kulturlebens vom jüdischen Geiste, das heißt auf die Ausschaltung aller anständigen Juden, die ihrem Vaterland, ja oft der ganzen Menschheit wirkliche Geistesgüter zu bieten hatten, aus der gesamten reichsdeutschen Publizistik, findet sich ohne weiteres mit dem Bescheid ab, daß das Zentralorgan der Staatspartei, dessen Abonnement jedem öffentlichen Beamten, dessen Lektüre jedem deutschen Reichsbür- Leset den Morgen Verbreitet den Morgan Inseriert im Morgen 6s ist €mr Watt €s fütjft mit €u$ €s benßt mit €udj £s kämpftfür€ud)J ger zur Pflicht gemacht ist, einen dem ungarischen Ghetto entflohenen Beschmutzer seines eigenen Nestes so dringend benötigt, daß es ihn sogar vom Galgen abgeschnitten hätte, wenn Holossy nicht durch rechtzeitiges Umsatteln vom magyarischen zum deutschen „Rastsenschutz" solch peinlicher Notwendigkeit zuvorgekommen wäre. Daß der Antisemitismus ohne Verleumdung nicht existieren kann, ist für uns Juden keine neue Erfahrung. Diese hat vielmehr in der Frau des Potiphar eine sehr frühgeschichtliche Urheberin und daher eine sicherlich altersher würdige Tradition. Neu ist bloß der unglaubliche Zynismus, mit der der deutsche Nationalsozialismus diesen Bedarf zugibt und ihm Rechnung trägt. Das sittliche Charakterbild der Henker des rechtschaffenen deut- Herzd. rraucnncilDQd Tatzmannsdorf (Burgenland) j Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäuiesprudelbäder. { Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. Zwei rituelle Re- S stsujants. —Auskünfte und Prospekte: Generalvertretung ■ Wien I., Kohlmarkt 8 Tel. U .'5-104 •Neu: Moorpackungen und Moorkompressen in; allen Apotheken erhältlich. HOFGASTEIN KURHAUS WESTEND / STRENG ~\Z'Z Aufsicht der Adas Jisroel Schiffschul, Wien. Thermalbader im Hause WIENER KÜCHE // MASSIGE PREISE sehen Judentums wird durch ihre offen zugegebene Bereitwilligkeit, jüdische Verbrecher vom Galgen abzuschneiden, um sich ihre wertvolle Mitarbeit bei der „Volksaufklärung" zu sichern, gewiß sehr bezeichnend ergänzt. Noch nie haben die Apostel einer Weltanschauung so frivol verraten, wie wenig sie selbst von dieser Weltanschauung innerlich durchdrungen sind, ja daß sie diese für nackten Betrug halten und daher zünftigen Betrügern zur Verbreitung und Festigung anvertrauen. Es wäre naiv, anzunehmen, daß sich solche Methoden nur in der deutschen Innen politik verheerend auswirken. Ihre Gefahr für die gesamte Kulturwelt hat vor kurzem Thomas Mann gekennzeichnet: „Gewalt und Betrug nach innen bedeuten notwendig auch Gewalt und Betrug nach außen, und es gibt keine Regierung, die nicht eine Moral, welche sie ihrem Volke gegenüber mißachtet, auch gegen fremde Völker und Regierungen mißachten müßte." Gebet 5696 Zurück bleibt Bruder, deine Kraft, Zu oft traf dich das Leid, Dir will die Seele niemand glauben. Bring' darum nun des Schweigens Opfer. Uns alle trifft das bitt're Los Oh Bruder, so wie dich. Herr aller Völker, Vater! Wir dulden was Du siehst und Wollen immer glauben Deinem Wort: „Umkehren werden alle Flüche sich in Segen". Erneuere den Bund mit uns, Wie sollten sonst Erkenntnis Einstens wir den Völkern künden? Uns're Nächte sind heut' wieder die Mizraims, Tage gib uns morgen, Herr! Im Lichte der Erlösung. Oskar Rosenzweig. 2 U 348/36. Im Namen des Bundesstaates Osterreich 1 Das Strafbezirksgericht I in Wien als Pressegericht hat heute in Gegenwart der Privatankläger: Dr. Jakob Ehrlich, Dr. Desider Friedmann, Dr. Josef Löwenherz, der Privatanklagevertreter: 1. Dr. Arthur Reik, 2. Dr. Eduard Pachtmann, 3. Dr. Georg Weiner in Abwesenheit des Angeklagten, in Anwesenheit des Verteidigers: Dr. Karl Steiner über die Anklage, die der Privatankläger gegen Oskar Hirschfeld, 16. 12. 1901 Wien g. u. z. mos., vh., erhoben hatte nach durchgeführter Hauptverhandlung zu Recht erkannt: Oskar Hirs^rfeld ist schuldig, er habe in Wien als verantwortlicher Schriftleiter der Zeitung „Die Wahrheit" bei Aufnahme der Stellen: 1. „Und jetzt folgt eine Flut von Unwahrheiten, Verdrehungen, Verleumdungen und Entstellungen seitens des Vertreter« der israelitischen Religionsgesellschaft — wohl gemerkt, nicht der jüdischen Volksgemeinde — im Rate der Stadt Wien." 2. „. . . wir erwarten die Ausschreibung der Wahlen spätestens am 4. April und die Durchführung der Wahlen ohne „corriger la fortune" durch die Jüdrschnationalen. In dieser Hinsicht haben wir allerdings zu Friedmann, Löwenherz, Ehrlich und Konsorten nicht das mindeste Vertrauen." 3. „Was von jetzt ab kommt, kann kaum mit der Feuerzange angefaßt werden. Lügen, mehr oder weniger versteckte Verleumdungen und Denunziationen." 4. „Erlogen ist es und eine ehrabschneiderische Verleumdung des reichsdeutschen Centrai-Vereines." 5. „Eine neue Lüge des Dr. Ehrlich — auf eine mehr kommt es schon nicht mehr an." 6. „Dieses Bekenntnis zum Vaterlande in eine „lumpige Denunziation" umzuwandeln, ist der Frechheit des Vizepräsidenten Dr. Jakob Ehrlich, des Rates der Stadt Wien und einzelner seiner Gesinnungsgenossen geblieben . . ." 7. „Auf die nächste, unter dem Titel „Verschiedene Kriegserinnerungen" enthaltene Infamie wollen wir nicht weiter eingehen." 8. „Ihr vergossenes Blut bleibt ewiger Zeuge für die niedrige Denkungsart Dr. Ehrlichs, dessen Parteipolitik nicht einmal vor der Majestät des Todes Halt macht" in dem Aufsatze „Die traurige Rolle des Dr. Jakob Ehrlich" in Nummer 12 der genannten Zeitung vom 13. 3. 1936, deren Inhalt den Tatbestand der Uebertretung gegen die Sicherheit der Ehre begründet, jene Sorgfalt vernachlässigt, bei deren pflichtmäßiger Anwendung die Aufnahme des strafbaren Inhaltes unterblieben wäre. Er hat hiedurch die Uebertretung nach § 30, Pr.-G., begangen und wird nach dieser Gesetzesstelle zu einer Geldstrafe von 150 (hundertfünfzig) Schilling, im Nichteinbringungisfalle zu 5 (fünf) Tagen Arrest und gemäß § 389, StPO., zum Ersätze der Kosten des Strafverfahrens verurteilt. Oskar Hirschfeld wird ferner gemäß § 43 (l), Pr.-G., verpflichtet, dieses Urteil in der ersten oder zweiten Nummer der Zeitung „Die Wahrheit", die nach Rechtskraft dieses Urteiles erscheinen wird, in der in § 23, Pr.-G., vorgeschriebenen Weise zu veröffentlichen, widrigens die genannte Zeitung nicht mehr erscheinen dürfte. Der Antrag auf Veröffentlichung des Urteiles in den Zeitungen: „Die Stimme", „Die Neue Welt" und „Die Jüdische Presse" wird abgewiesen. Wien, am 14. Mai 1936. Der Richter: Dr. Rudolf Kunze. Der Schriftführer: Dr. H. M ü 11 n e r. Für die Richtigkeit der Ausfertigung der Leiter der Geschäftsabteilung: Klapper. 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