Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 25 (12.6.1936)
- Date
- 1936-06-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 25 — 12. Juni 1936 Seite 5 Der Heldentod der 12.000 jüdischen Frontsoldaten! Pension und Restaurant TAUBER, Abbazia Erstklassige orth. koschere Küche, Zimmer mit jedem Komiort. volle Pension von 25 Lire aufw. Im Europa-Verlag Zürich erschien dieser Tage ein sensationelles Buch: „Ich kann nicht schweigen". In einem einleitend abgedruckten Schriftstück bezeugt Alt-Staatsanwalt Dr. Zürcher, Rechtsanwalt in Zürich, daß der Verfasser des Buches ein ehemaliger führender nationalsozialistischer Politiker ist, der noch bis Mitte 1935 an leitender Stelle im Deutschen Reich stand. Nach schweren inneren Kämpfen hat sich der Verfasser zur Erkenntnis durchgerungen, daß das deutsche Volk in ein Abenteuer geführt wird, das mit einer furchtbaren Katastrophe enden muß. Durch seine politische Betätigung an führender Stelle verfügt er begreiflicherweise über Kenntnisse interner Vorgänge, die sich hinter den Kulissen des Dritten Reiches abspielten, von denen er die wichtigsten im vorliegenden Buche mitteilt. Im ganzen: Ein wichtiges politisches Dokument unserer bewegten Zeit, das unzweifelhaft großen historischen und menschlichen Wert besitzt. Wir veröffentlichen im folgenden ein ergreifendes Kapitel aus dem Buche: „ATID* Jüdisches Klnder-Ferlenhaini I** Spital a./Semmering (820 m) für 6—16jährige (Pädagogische Leitung A. Taglicht), modernst erstrangig. Ständige ärztliche Aufsicht Sport, Schwimmen, vorzügliche rituelle Verpflegung. Mast- und Diätkur. Fremdsprachig« Konversation- Sekretariat: IX., Schwampanlentiafie 12/3 Tel. A 35-3-73 In ehrfurchtsvoller Erinnerung! Ich schreibe diese Zeilen am Totensonntag! Meine Gedanken sind voller Wehmut und Trauer um liebe Menschen au» engster Familie, die im Kampfs für das deutsche Vaterland ihr Leben ließen. In Ost und West, da liegen sie gebettet in kühler Erde — Seite an Seite mit ihren Kameraden — ohne Klassen- und Standesunterschied, und — ohne Rassenunterschied. In endloser Reihe künden die schlichten Kreuze stets nur die gleichen Worte: Pro Patria! Denn damals fragte niemand im feldgrauen Rock den andern: Bist du Jude, Protestant oder Katholik? Sie alle hatten den gleichen Eid auf die gleiche Fahne geschworen und sie kannten alle nur das eine Wort und Ziel: Für unser deutsches Volk und Vaterland! Hätte damals uns, die wir des Kaisers Rock getragen haben, einer zu sagen gewagt, daß der Heldentod unserer Frontkameraden jüdischen Glaubens jemals mit Aechtung und Diffamierung ihrer Angehörigen „belohnt" werden würde, wir hätten so etwas nicht zu fassen vermocht. Und heute geschieht es tagtäglich, ohne jede Scham und ohne jedes Gewissen. Ständen unsere Gefallenen aus den Gräbern auf, sie würden Worte furchtbarster Anklage und tiefster Verachtung gegenüber jenen Menschen finden, die heute in Deutschland durch ihre „Nürnberger Gesetze" das Andenken von zwölftausend für Deutschland gefallenen jüdischen Frontsoldaten so unsagbar schmähen. Was nützen alle die schönen Worte von Treue und Ehre, die wir in Deutschland jeden Tag hundertmal in Wort und Schrift dem Volke verkünden, wenn wir sie gegenüber zwölftausend für unser Volk gefallenen Männern und gegenüber ihren Angehörigen so leichtfertig vergessen! Lebte ein Hindenburg noch, wäre es wohl niemals zu diesem Schandakt von Nürnberg gekommen, der in der ganzen Welt mit Recht Entsetzen hervorrief. Nur mit Erschütterung vermag man heute die Dankeswortc des ehrwürdigen Reichspräsidenten und Generalfeldmarschalls von Hindenburg zu lesen, die er dem Erinnerungsbuch der jüdischen Frontsoldaten vorangestellt hat und die mit der Versicherung enden: „In ehrfurchtsvoller Erinnerung an die auch aus Ihren Reihen für das Vaterland gefallenen Kameraden nehme ich das Buch entgegen und werde es meiner Kriegsbücherei einverleiben." (3. Oktober 1932.) Und als dasselbe Buch vom jüdischen Frontkämpferbund Deutschlands dem Chef der Wehrmachtsabteilung des Reichswehrministeriums, ""Oberstleutnant Ott, überreicht wird, dankt auch er mit Worten im Geiste seines Obersten Kriegsherrn von Hindenburg und sagt im Namen des Reichswehrministers folgenden- Dank: „Ich habe die Ehre, Ihnen im Auftrag des Reichswehrministers hier in dieser feierlichen Stunde zum Ausdruck zu bringen, daß wir dieses Gedenkfciich unserer jüdischen Kameraden, die im Weltkrieg gefallen sind, in hohen Ehren halten werden, zum Gedächtnis dieser treuen und echten Söhne unseres deutschen Volkes!" Die Nürnberger Gesetze — eine Schande! So war die Auffassung des damaligen Reichswehrministers des Deutschen Reiches im Jahre 1932 — und Ende September 1934 sehen wir den Reichskriegsminister von Blomberg im Reichstag zu Nürnberg stehe:-. und schweigen, als durch die Nürnberger Gesetze das Andenken an die zwölftausend Gefallenen „von Staats wegen" ausgelöscht wird. Der Chef des amtlichen Nachrichtenbüros des DNB verkündet am selben Tag in der gesamten Deutschen Presse: „Die Nürnberger Gesetze haben unmißverständlich zum Ausdruck gebracht, daß das deutsche Volk es ablehnt, den Juden als deutschen Voiksgenossen anzusehen und ihm die gleichen Rechte wie dem Deutschen zuzuerkennen." Ich frage den Leiter des DNB an dieser Stelle: Sind die Nürnberger Gesetze wirklich „vom deutschen Volk" gemacht worden? Sollte ihm tatsächlich unbekannt sein, daß das deutsche Volk auf den Inhalt der Nürnberger Gesetze nicht den geringsten Einfluß gehabt hat, sondern der alleinige Schöpfer dieser Gesetze ein einziger Mann ist: Julius Streicher! Die „einstimmige Annahme" unter Beweis gestellt werden wird, ist näher als manche ahnen. Herrn General Göring, dem Kommandeur dei deutschen Fliegertruppe, möchte ich heute an dieser Stelle ein Wort seines gewesenen Vorgesetzten ai;3 dem Weltkrieg, des ehemaligen Inspektors der Deutschen Fliegertruppen, Oberstleutnant Sieger, in die Erinnerung rufen, das dieser hochverdiente und untadelige preußische Offizier 1924 als Geleitwort einem Buche gab, das über die Leistungen von hundertfünfundzwanzig jüdischen Kriegsfliegern der Deutschen Armee berichtete, von denen achtundzwanzig im Luftkampf den Heldentod fanden. Dieser arische, preußische Offizier schrieb: „Ich möchte mit diesem Vorwort die jungen deutschen Männer dahin beeinflussen, ihren Führern den Auftrag zu erteilen, Parteikämpfe in einer Form auszufechten, die sich gleicher Weise von Verunglimpfungen Lebender wie von Leichenschändung entfernt hält." Leichenschändung! Vergessen war diese Mahnung, als Adolf Hitler Herrn Streicher und seiner SA. freie Bahn gab und es zu den Gesetzen von Nürnberg kam, die im wahrsten Sinne des Wortes Verunglimpfung von Lebenden und Leichenschändung darstellen — um mit den Worten Siegers zu sprechen. Und trotz alledem, es wäre aucn heute noch nicht zu spät, sich jener Mahnung zu erinnern und darnach zu handeln. Ab 4k MAI TiicnnÄiis tadak, i., sauancs Nr. * Olle Preise fiel reduziert! Original englische und französische D a m e n - und Her tenstofie der Gesetze durch den Reichsrat ist doch wohl auch kaum als „Zustimmung des ganzen deutschen Volkes" zu bewerten, nachdem die Mitglieder dieser seltsamsten Volksvertretung fast ausschließlich aus zu unbedingten Gehorsam verpflichteten Parteigenossen bestehen. Hätte wirklich einer der wenigen Abgeordneten, die nicht der Partei angehören, gegen das Gesetz gestimmt, hätte er v.ohl Nürnberg kaum mehr lebend verlassen. Wahrscheinlich hätten sie ihn an Ort und Stelle zusammengeschlagen. Julius Streicher vertritt nicht das deutsche Volk. Herrn Julius Streicher haben nicht nur ich, sondern viele Zehntausende meiner Parteigenossen aus der NSDAP seit vielen Jahren schärfstens abgelehnt, und es muß auch hier erneut erklärt werden: Streicher ist weder das Deutsche Volk, noch steht ihm das Recht tax, „im Namen des deutschen Volkes" zu sprechen und Gesetze zu machen. Das Ausland mag versichert sein — ich erkläre das mit bestem Wissen1—, daß der größte Teil des deutschen Volkes mit dem Geiste Streichers und seiner Nürnberger-Gesetze nicht das Geringste gemein hat, sondern von unaussprechlicher Scham über das Geschehene sind heute Millionen Deutscher ergriffen, und ich bin nicht der einzige von den Mitkämpfern Adolf Hitlers, der sich heute zerquälende Vorwürfe macht, jemals in dieser Front gekämpft zu haben und dadurch, ohne es zu wollen, an vielem mitschuldig zu sein. Wer von uns hätte aber je gedacht/ daß ein Pathologe, wie Streicher, einst vom Führer die Erlaubnis erhält, in Deutschlands Gauen zu wüten, und sogar zum Gesetzesverfasser erhoben wird! Und nun ein Wort an meine Kameraden, die noch heute den Offiziersrock der deutschen Wehrmacht tragen: Ich weiß sehr wohl, daß der Geist Streichers röcht der eure ist! Noch hat Herr Streicher es nicht vermocht, seine giftige Saat auch in die Reihen der stolzen Armee zu säen. Der deutsche Soldat ist immun gegen solche Giftstoffe — davon habe ich mich immer Wieder im Verkehr mit den Männern der deutschen Wehrmacht überzeugen können» und es gab mir stets neue Kraft und Hoffnung auf den Tag, wo der Geist Streichers ernst wiedbr ausgerottet wird. Ich weiß auch, daß das Schweigen der Wehrmacht nicht einie Billigungdieser-Irrsinnstaten bedeutet. Das Wort Ehre ■ hat beim deutschen Soldaten! noch Jjmner den gleichen Klang'und Wert wie früher. Und der Tag, an dem dies Wie beschämend die Nürnberger Gesetze und ihre Alisführungsbestimmungen für Deutschland sind, wurde einem durch ein Ereignis im Ausland besonders eindringlich vor Augen geführt. Als im deutschen Rundfunk Mitte November 1935 die Streicher-Richtung der NSDAP, siegesfroh die sogenannten Durchführungsverordnungen der Nürnberger Gesetze verkündete in bekannter Tonart, — da wurde zu selben Stunde vom englischen Rundfunk über*das ganze Imperium und nach den Vereinigten Staaten die Gefallenen-Gedenkfeier übet-- tragen, die zu Ehren der gefallenen jüdischen Frontkämpfer Englands in London auf dem Hoarse Goards Paradefeld stattfand. Da hörte man, wie der Chef des englischen Generalstabes Feldmarschall Sir Archibald A. Montgomery-Massingverd, die Front der angetretenen fünftausend Mitglieder des jüdischen Frontkämpferbundes abschritt und ihm die jüdischen Inhaber der höchsten britischen Kriegsauszeichnung, des Viktoria-Kreuzes, persönlich vorgestellt wurden. Unter den Klängen des Musikchors der Königlichen schottischen Garde marschierten dann die Formationen zum Grab des Unbekannten Soldaten, wo ein Kranz niedergelegt wurde mit der Widmung: „Dem Andenken der im Weltkrieg gefallenen englischen Juden." Hierauf nahm Feldmarschall Montgomery die Parade ab. Im Feldgottesdienst zelebrierte der rangälteste Feldkaplan der englischen Armee, Oberrabbiner Dr. J. H. Hertz. In der Royal Albert Ha/1 fand nach dem Feldgottesdienst der jährliche Kameradschaftstee statt, an dem als Ehrengast nicht nur der Generalstabschef Montgomery teilnahm, sondern auch andere hohe Offiziere der englischen Armee und Flotte. „Die Teilnahme dieser Repräsentanten der Macht Großbritanniens", so sagte Oberrabbiner Hertz in seinem Toast, „ist symbolisch für Englands Humanität und für sein Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit!" Der Generalstabschef dankte in einer längeren Ansprache, in der er das dem Vaterland gebrachte Opfer der gefallenen jüdischen Frontsoldaten würdigte. Auf ein von Major Brunei-Cohen verlesenes Huldigungstelegramm an den König ging folgendes Danktelegramm ein: „Seine Majestät*dankt allen Versammelten von Herzen für ihre freundlichen und loyalen Grüße, die von Seiner Majestät sehr gewürdigt werden." Morris Schwarz, der berühmte amerikanischjüdische Schauspieler, kommt Ende dieses Monates mit seiner ausgezeichneten Truppe nach Wien und wird mit den zugkräftigsten Stucken seines großen Repertoires in einem ersten Wiener Thea- : ter gastieren.