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Die Wahrheit · 1936-06-05 · Heft 24 (5.6.1936) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 24 (5.6.1936)
Date
1936-06-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 24 — 5. Juni 1936 Seite 7 Wien l.f Seitenstettengasse 2 XI., Zentralfriedhof neben dem I. Tor _Samstag g—chloasen! gewerbeschule, eine Haushaltungsschule, ein Asyl usw. umfaßt. Stets zog es sie zur Heimat und auf einer ihrer Reisen gab sie 1914 in einem Vortrag in der Kultusgemeinde wertvolle Anregungen zur Wohlfahrtspflege, die wohl auf österreichischem Boden nicht durchzuführen waren, aber den Anlaß boten, daß der damals sich gründende Verband von Wohlfahrtsvereinen „Weiblich Fürsorge" Bertha Pappenheim zu Ehren den Namen annahm, den sie der Zusammenfassung ihrer Frankfurter Aktionen gegeben hat. Diese edle Frau hatte begeisterte Schülerinnen um sich versammelt, die erfolgreichsten die Wienerinnen Stefanie Forchheime r- F i a 1 a und Hermine K a d i s c h, die die Wiener Bahnhofmission leitete. Fräulein Pappenheim, die vielfach als Ueberserzerin hebräischer Schriften tätig war (Glückel von Hammeln), hat stets den Ertrag ihres Wirkens wohltätigen Zwecken zur Verfügung gestellt. Der einzige Luxus ihres Lebens war eine wertvolle Sammlung antiker Spitzen, die sie im Vorgefühle ihres Todes im Vorjahre dem österreichischen Museum für Kunst und Industrie in Wien gespendet hat. Die selbstlose Wohltäterin hatte sich selbst bei dem neuen Regime in Deutschland so hohe Achtung erworben, daß sie hochgeehrt, offiziell gefördert und unbehindert ihr reiche:» Tagewerk in Deutschland beschließen konnte. — Doktor Wilhelm Pappenheim verliert in der Verewigten seine einzige Schwester und wendet sich ihm die allgemeine Teilnahme zu. C. Benedikt. Tempelkonzert. Mit sensationellem Erfolg sang zum ersten Mal in Wien der berühmte Oberkantor der großen Synagoge in Warschau, M. K u s e w i c k i, bei dem vom Tempelverein des VIII. Bezirkes, Neudeggergasse, Donnerstag, den 21. v. M., veranstalteten Tempelkonzerte unter Mitwirkung des Oberkantors Armin Braun sowie des jüdischen Männerchores „H a n i g u n" unter der Leitung seines tüchtigen Dirigenten Herrn Herrman S c h o r r. — Herr Oberkantor M. Kusewicki, dem ein außerordentlicher Ruf vorausging, hat die gespannten Erwartungen nicht nur nicht enttäuscht, sondern darüber hinaus Sensation und Begeisterung hervorgerufen. Der berühmte Gast vereinigt aber auch die glänzendsten Eigenschaften, die ihn zum großen Künstler stempeln, Kusewicki verfügt erstens über eine der schönsten je dagewesenen Tenorstirhmen mit verblüffender Höhe, ausgeglichen vom untersten bis zum höchsten Ton, zweitens eine fabelhafte treppige Koloratur mit selten schönem hämmernden Triller, drittens große Gesangskultur mit einer noch nie dagewesenen Atemtechnik, die dem Künstler die schwersten Läufe, Passagen und Verzierungen mit unglaublicher Leichtigkeit auszuführen ermöglicht. Hiezu gesellt sich das bedeutende Können als Chasen, sein großes Verständnis des behandelten Textes, die Innigkeit und Wärme seines Vortrages und die aus allen Vortragsstücken durchblickende Musikalität. Mit einem Wort, eine solche Vollkommenheit ist eine einmalige Erscheinung, ein Gottbegnadeter. Es erübrigt sich wohl das Anführen von Einzelheiten aus dem interessanten Programm. Alles war eine Meisterleitstung, ein Erlebnis. — Diesem großen Konzerterfolg fügte Oberkantor Kusewicki am nächsten Tage den Freitagabendgottesdienst an, der die Leistungen des Konzertes womöglich noch übertraf, da er beim Gottesdienst, der seine eigene Domäne ist, sich ganz entfalten und seinem herrlichen Chasanus freien Lauf lassen kann. Sein „Ahawas aulom", „Kidusch" und „Sephiro" waren kunstvollendete, erhabene Darbietungen. •— Der Konzertabend wurde mit dem „Maariwgebet vom Oberkantor des Hauses A. Braun würdevoll eingeleitet und durch glänzende Darbietungen des ausgezeichneten Männerchores ergänzt. Die exakten Ausführungen, die dynamischen Effekte, die reine Intonation und die Stimmfülle haben wieder ihre Wirkung erzielt und dem ausgezeichneten Dirigenten samt dem Chor großen Beifall und Anerkennung gebracht. Die Solis bei diesen Chören wurden vom Oberkantor A. Braun und den Sängern S c h e l k a n und K a r v a 1 y sehr wirkungsvoll und schön ausgeführt und fanden allgemeinen Anklang. Die Harmoniumbegleitung lag in den Händen des Herrn Prof. Max R e i c h I i n. Wir können unseren Bericht nicht schließen, ohne dem rührigen Obmann des Tempelvereines Herrn Komm.- Rat Feldmann Dank und, Anerkennung abzustatten, der in vornehmster Weise bestrebt ist, dem Vereine Einnahmen zuzuführen. Die von ihm geförderten Tempelkonzerte sind durch jeweilige Heranziehung der prominentesten Persönlichkeiten der synagogalen Gesangskunst zu einer kulturellen Tat geworden, die ihm und dem Tempelverein zur Ehre gereichen. Dem Konzert wohnte der polnische Konsul samt Gemahlin bei. Oberkantor Isidor L ö w i t. Tüchtiger, junger jüdischer Oberkellner, bisher in großen Cafe- und Restaurant-Betrieben tätig, österreichischer Staatsbürger, deutsch, englisch, rumänisch und hebräisch sprechend, Vater zweier Kinder, ersucht dringendst um beliebigen Posten. Unter „Besondere Qualitäten" an die Administration der „Wahrheit", ^mmmmmmmmmmmmmmm^mmmamam Todesfälle. Am 24. Mai verschied hier plötzlich im 73. Lebensjahre der in weitesten Kreisen rühmlichst bekannte Oberkantor und Chordirektor Josef Heller. Er wurde am 25. März 1864 in Cs. Ujralo in Ungarn als Kind streng religiöser Eltern geboren. Die hohe Begabung für Musik und Gesang wurde irüh erkannt und zunächst bei hervorragenden Kantoren, dann an der kgl. Musikschule in Debreczen entwickelt: gleichzeitig betrieb er auch eifrig talmudisclie Studiea Später begab er sich nach Budapest und war zunächst ein Jahr an der kgl. Hofoper als Solosänger tätig. Seine kantorale Laufbahn begann er in Kaposvar im Jahre 1885, von dort kam er im Jahre 1889 als Oberkantor nach Brünn, wo er nach siegreichem Wettbewerb einhellig gewählt wurde. Hier gelang ihm sein Streben, die von Sulzer angebahnte Vereinigung des altehrwürdigen Chasones mit moderner musikalischer Durchbildung in eigener, unverdrossener Arbeit so tortzusetzen, daß der Gottesdienst der Brünner Gemeinde ein anerkanntes und vielfach befolgtes Muster wurde. Was er für die gesamte Liturgie teils durch Umgestaltung alter Weisen, teils durch selbständige neue Schöpfungen geschaffen hat, machte er durch ein zweibändiges Werk „Kol T'hilloh" zu dauerndem Eigentum seiner Berufsgenossea Aber, um all das zu übermitteln, was er selbst an Sangeskunst, musikalischem Wissen, hebräischer Gelehrsamkeit und vor allem an religiöser Inbrunst besaß und im Gottesdienst zu ergreifender Wirkung brachte, bedurfte er der persönlichen Einwirkung aui den jungen Nachwuchs und darum gründete er in Brünn eine Kantorenschule, leitete sie mit aller Hingebung 30 Jahre lang und fand den verdienten Lohn in der Heranbildung einer großen Zahl von Schülern, von denen viele heute in aller Welt — selbst als Meister ihres Faches — wirken. So war denn Heller in der Gemeinde — der er über ein Menschenalter mit aller Kraft diente — nicht allein geradezu volkstümlich, sondern im höchsten Maße geschätzt, seine streng religiöse Lebensführung und eifriges Lernen bewundert. In Anerkennung seiner hohen Verdienste verlieh ihm das mährische Landesrabbinat den Titel eines „Maurenu", die Brünner Chewra Kadischa die Ehrenmifglieaschaft. Besonders rühmenswert ist es auch, daß er, der durch seine Stellung in der größten Gemeinde Mährens und besonders durch seine außerordentlichen Leistungen so weit hervortrat, dennoch als Präsident des mährischen Kantorenvereines zum Wohle der ganzen Kollegenschaft unermüdlich tätigwar. Sein stets waches Bedürfnis zu helfen, wo es zu helfen galt, hatte ihn während des Wetkrieges veranlaßt, sich im Spitalsdienst seelsorgerisch zu betätigen. Obwohl er dank seiner meisterhaften Gesangs-Technik bis ins hohe Alter im Resitze seiner schönen Stimmittel blieb und allen An- Pension Adria, Abbazia Klaine Familien-Pension mit flieBendsm Kaltu. Warmwasser. Zentrale Lage, nächste Nähe von Kurpark und Bäder. Zimmer mit und ohne Verpflegung bei sorgfältigster Bedienung und billigsten Preisen. forderungen seines Berufes vollaufgenügte, trat er aus Familienrücksichten im Jahre 1927 in den Ruhestand und übersiedelte nach Wien. In den letzten Jahren überfiel ihn ein Herzleiden, das immer fühlbarer wurde und ein Herzschlag machte seinem segensreichen Leben ein unerwartet rasches Ende. Am 26. Mai d. J. wurde et am jüdischen Zentralfriedhofe, 1. Tor, begraben. Beim Leichenbegängnis war die Brünner Kultusgemeinde durch Herrn Generaldirektor Gustav Haas, die Wiener Kultusgemeinde durch Herrn Amtsvorstand Emil Engel vertreten. Von Hellers Schülern kamen aus Brünn die Kantoren Meist und A s t. Der Wiener Kantorenverein entsandte seinen Präsidenten L ö w i t, ferner waren erschienen die Oberkantoren Ma rgu Iies, Fischer, Funke u. a. Vom Tempelverein Layenhof erschienen Rabbiner N e u w i r t h und mehrere Vorstandsmitglieder mit dem Obmann Ing. K r i t z 1 e r, weiters, in Erinnerung an die Jahre gemeinsamen Wirkens in Brünn, Studienrat Inspektor Prof. R e d i s c h, ferner Amtsleiter Freistadt und zahlreich^ Freunde und Verehrer des Verblichenen. Den Hinterbliebenen; seinem Schwiegersohn Dr. Leopold Stern und Frau, sowie seinem Enkel Dr. Kurt Stern, wendet sich die allgemeine Teilnahme zu. Bundesführerstellvertreter des Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs Dipi.-Kaufmann Ernst S t ia ß n y hat durch das Ableben seiner Mutter Frau Therese S t i a ß u y einen unersetzlichen Verlust erlitten. Das Leichenbegängnis fand gestern unter starker Beteiligung statt. Der Hilfsverband der jüdischen Kriegsopfer teilt mit. Die für den 6. Juni angesetzte Akademie mußte infolge eingetretener Hindernisse verschoben werden. Der Ersatztermin wird rechtzeitig bekannt gegeben. Gelöste Karten behalten Gültigkeit oder werden im Lokale des Hilfsverbandes, VIII., Bennoplatz 1 a, eingelöst. Der Verein „0STERR. SEEHOSPIZ IN GRADO" Präsidentin SOFIE GRÜNFELD) sendet Anfang Juli iart«, anämische, zu Katarrhen neigende jüdische Schalkinder im Alter Ton 7—13 Jahren, anter ärztlicher und pädagogischer Anflicht, in sein eigenes Heim nach Grado '.Italien). Sin 30tlgiger Aufenthalt am Heer, bei 5 Mahlzeiten (rituelle Küche) kostet S 5.— täglich. Oer seit 4 Jahren bestehende Verein „FERIENHEIM" (Präsidentin SOPIB GRÜNFBLD), entsendet auch heuer, während der Sommermonate, erholungsbedürftige jüdische Schulkinder im Alter von 7—13 Jahren in sein eigenes .,Sofie arOnfald-Farlaiihalai" in Bad Vöslau. Verpfiegangskoitenbeitrig bei S Mahlzeiten (rituelle Küche) und ärztlicher nnd pädagogischer Aufsicht S 3.— täglich. Freiplätze in beschränkter Aniahl an Vollwaisen. Anmeldung im Vereinsbüro IX., TuikenstraQe 17, vtnlO—13 Uhr, Telephon & 51-5-6J Schaachnnti von Granen hb« Gräbern LBopoldDßutsctiJiBnXL einzige jüdische Gärtnerei beim Zentralfriedhoi I. Tor. Tel. U 13-0-40 Zentralfriedhoi IV. Tor, Tel. U 17-0-08 Eigene Kulturen Religiöse Schulung der jüdischen Soldaten in Polen. Auf Anordnung des polnischen Feldoberrabbiners Major S t e i n b e rg wird eine religiöse Schulung der jüdischen Soldaten des polnischen Heeres durchgeführt werden. Vorläufig wird eine Schulungsstunde wöchentlich eingerichtet, in der Chumesch mit Rasehi, Mischna, Schulchan Aruch usw. gelehrt werden. 50. Geburtstag. Fräulein Ottilie D i I b a r t, welche am 6. Juni ihren 50. Geburtstag feiert, ist seit frühester Jugend werktätig im Leben stehend — eine bekannte Figur der Wienerstadt geworden. Es findet keine Hochzeit statt, bei der sie nicht voll Freude und Begeisterung als Zuhörerin — gleichviel ob ihr das Brautpaar bekannt ist oder nicht — teilnimmt. Der Besuch des Tempels ist ihr geradezu Lebensnotwendigkeit! Gehört doch der Stand der Kantoren und Choisänger zu jener Berufskategorie, der sie seit ihrer frühesten Kindheit höchste Sympathie entgegenbringt. Ganz besonders interessieren sie die jüdischen Zeitungen und sie hat es nie versäumt, für deren Verbreitung in Privathäusern und Lokalen zu sorgen. Und so soll ihrer heute — an ihrem Festtage — freundlich gedacht werden. Möge es ihr beschieden sein, noch viele Jahre ihr Leben nach ihrer Art — sie ist auch eine bekannte Wohltäterin — weiterzuführen. Jiunst und Sitewatur. Der „Union-Klub" veranstaltete vergangenen Donnerstag abends im Jüdischen K u 11 u r t h e a t e r, I., Franz Josefs-Kai 3, eine Separnt-Vorsrellting des derzeit dort mit so großem anhaltenden Erfolge en suite aufgeführten deutsch-jüdischen Zeitstückes „D i e Grenz e". Die Mitglieder und Freunde des „Union- Klubs"' hatten Gelegenheit, dieses realistische Theaterstück, das einen Ausschnitt aus dem mörderischen Geschehen einer ethisch entarteten Welt bietet, schaudernd zu bewundern, vor allem aber waren sie von der ganz erstklassigen Darstellung begeistert. Vornehmlich der seine Heimat („Sie hat mir ja nichts getan!") trotz allem liebende alte Kommerzien-Rat des wahren Künstlers Miller erschütterte die Zuschauer zutiefst. Auch den übrigen Darstellern, namentlich Fräulein Koch und Herrn Weiß zollte das ergriffene Publikum wegen ihrer ausgezeichneten künstlerischen Leistungen starken Beifall. Das Jüdische Kulturtheater hat mit diesem Stücke jenes Werk gefunden, das unseren Zeitgenossen in künstlerischer Form Dinge und Menschen vor Augen führt, an die stets zu denken, heute oberste jüdische Pflicht ist. Drohen der „Nationalen Heimstätte" neue Gefahren? Unter diesem Titel geht unserer Redaktion ein von dem bekannten jüdischen Schriftsteiler Markus Silberschatz verfaßtes Flugblatt zu, dessen Besprechung wir uns vorbehalten. Neue Bücher. Bei der Verlagsanstalt „Graphia", Karlsbad, sind die folgenden Neuerscheinungen in Vorbereitung: Friedrich Stampfer: Die 14 Jahre der ersten Deutschen Republik. Alexander Stein: Adolf Hitler. Schüler der „Weisen von Zion". Kampf um Polna. Während die meisten Wiener Buchhandlungen Literatur des Dritten Reiches, die oft nicht einmal getarnt ist, in großer Aufmachung führen, wird europäische Literatur in deutscher Sprache, die reichste Förderung verdienen würde, in Wien im Ramsch verkauit. Es ist kennzeichnend für die kulturelle Situation, daß einzelne Buchhandlungen einem engen Kreis von Interessenten Bücher, die der im Reiche vorherrschenden Tendenz nicht entsprechen, zu spottbilligen Preisen liefern können, weil eben die Verlage, die den Mut zur Herausgabe solcher unzeitgemäßer Literatur in deutscher Sprache besaßen, den größten Teil der Auflagen zu verramschen gezwungen sind. Da ist vor zwei Jahren im Prager Kacha-> Verlag ein Tatsachen roma» „Kampf um Polna", von Bruno Adler, erschienen, der die Hilsner-Trasödie untendenziös, Wort für Wort historisch nachweisbar darstellt. Das Buch ist heute hochaktuell; aus ihm geht hervor, wie hoch der antisemitische Haß nicht allein ungebildeter Kleinbürger, sondern auch der auf akademische Titeln stolzen Intelligenz auflodern kann. Es

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