Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-06-05 · Heft 24 (5.6.1936) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 24 (5.6.1936)
Date
1936-06-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064629--20703-3085976
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

'Seite 6 Nr. 24 — 5. Juni 1936 DIE WAHRHEIT DIE Vv Ein Mahnwort an meine Freunde. Wir erhalten von einem uns nicht näher bekannten Herrn David Hammer folgende Zuschrift, um deren Veröffentlichung er ersucht, in der — wohl berechtigten — Annahme, daß er vor den Augen einer jüdisch - n a t i o n a- 1 e n Redaktion keine Gnade finden würde. Redaktion der „Wahrheit". Das pazifistische jüdische Volk, dessen schönstes Wort „Scholaum" („Friede") lautet, kennt fast nicht den wirklichen Begriff des Burgfriedens. Auch wenn die Juden im Kreuzfeuer stehen, kämpfen sie gegeneinander. Die Juden werden ob ihrer gegenseitigen Hilfsbereitschaft und (sie!) Solidarität bewundert; beobachtet man aber genauer, so bemerkt man, daß die Sache nicht ganz stimmt.--:--Mag ein Menetekel noch so flammend sein: es wird vom Juden aus Indolenz oder Blindheit übersehen. „Getrennt operieren, vereint retirieren!" scheint die „Parole" zu sein. Soll die „Strategie" der Wiener jüdisch-nationalen Kehille-Politiker ähnliche Erfolge haben? Diese Politiker haben nicht einmal einen klaren Blick für spezifisch jüdisch-österreichische Fragen. Ich will mit diesen Ausführungen nicht angreifen; nur Tatsachen konstatieren. Und ich tue es sehr ungern. Aber wer eine vernünftige Kritik nicht verträgt, muß in eine Katastrophe hineinsteuern. Den Zionisten in England ist es gelungen, jüdische Kreise, die längst jeden Zusammenhang mit dem Judentum verloren hatten, zu Vorkämpfern für den Zionismus umzuwandeln; in Oesterreich verwandeln die zionisti- Der Union^Klub arrangiert von nun ab jeden Samstag ab 8 Uhr abends und jeden Donnerstag ab 4 Uhr nachmittags ein Bridge-Cercle im Klubsaal, I., Schottenring 25. Gäste willkommen! sehen Führer Juden, die Sympathien für Palästina haben, in Gegner des Aufbauwerkes. Die hervorragendsten englischen Juden haben aktiv für den Zionismus gearbeitet; die hervorragendsten österreichischen Juden sind entweder offene Gegner der jüdisch-nationalen Zionisten oder verhalten sich meist passiv. In England gewinnt man maßgebende nichtjüdische Persönlichkeiten für den Zionismus; und in Oesterreich? Die nichtjüdischen Freunde des Zionismus sind Feinde der Juden. Man berufe sich nicht auf die Mentalität, denn die kann beeinflußt werden; man mache keine Einwände wegen des Mandats, denn die englischen Freunde sind Gegner der antijüdischen Mandatspolitik der Regierung. Das Judentum befindet sich sozusagen im Belagerungszustand; die jüdische Bevölkerung eines Landes vergeht sich schwer gegen die Lebensinteressen der Juden, wenn sie trotzdem die Gegensätze innerhalb des Judenturas noch steigert, was die Jüdisch -Nationalen Oesterreichs ausgiebig tun. Die Juden, die überall eine Minorität innerhalb des Staates bilden, dürfen nicht in Majori sierungsfehler verfallen und noch dazu in solche, die die Jüdischnationalen an der nichtjüdischen Majorität tadeln. Sie schädigen die von den Nationalen geforderten jüdischen „Minderheitsrechte", wenn sie selbst die Minderheit nicht achten. Die Jüdisch-Nationalen haben, wenn die jüdische Minderheit in Wien angegriffen wurde, auf die ihre zahlenmäßige Stärke übersteigende Steuerleistung hingewiesen: ist die Kultussteuerleistung der Nichtzionisten nicht ebenso verhältnismäßig höher als die der Zionisten? Ich nehme an, daß die meisten Erblasser, die der Gemeinde Legate vermachen, sich aus nichtzionistischen Kreisen rekrutieren, vielleicht weil diese bessergestellt sind und überdies Jüdisch-Nationale, wenn sie Legate vermachen würden, zuerst aji Palästina dächten. Das Volk des Rechtes muß sich vor gewaltähnlichen Maßnahmen hüten. Die Zionisten müßten auch auf die Mentalität zahlreicher österreichischer Juden Rücksicht nehmen. Viele sind dem Judentum ganz entfremdet und müßten neu gewonnen werden; für andere bildet das Um und Auf der „Stolz", kein Ostjude und in Wien geboren zu sein. An Juden, an denen einige Generationen das verwischt haben, was mehr als hundert Generationen dauernd unter Blutopfern gehegt und gepflegt harten, müßte harre und geduldige Erziehungsarbeit geleistet werden. Man muß es diesen einerseits beibringen, daß ein Ostjude (ebenso natürlich wie ein Westjude), der eine historische Leistung vollbracht hat, zahlreiche Westjuden, die persönlich spurlos ihr Erdenwallen beschließen, aufwiegt und ihnen überdies das Zerrbild, das sie vom Ostjuden (und gewöhnlich vom Judentum überhaupt) haben, durch eine richtige Auffassung ersetzen. In diesen Juden leben, als naturbegabte jüdische „Rasse" und Teile einer Generationskette, die zu anderen begabten Elementen hinüberleitet, starke Kräfte. Man vergesse nicht, daß HerzI selbst ursprünglich „Assimiiant" war und daß ein Großteil der zionistischen Führer gleichfalls aus dem „Assimilationslager" gekommen ist. Die Jüdisch-Nationalen verweisen darauf, daß ihnen Herz! das Vermächtnis hinterlassen, sie mögen die Kultusgemeinden erobern. Aber man muß fragen: „In w e I c h e r W e i s e?" Mögen die Zionisten, wenn sie sich aus Ueberzeugung auf Herzls Worte berufen, keine schweren Fehler begehen . . . Herzl selbst hat ja die umwälzende Entwicklung der letzten Jahre nicht mitangesehen; er hätte wohl jetzt zur Vorsicht gemahnt. Er hat manches geplant, das er später (in seinen Tagebüchern) als Kuriosum bezeichnete. Er hat manches geplant, das er angesichts der veränderten Zustände überhaupt nicht durchgeführt hätte. Und wenn jemand glaubt, er wäre unentwegt bei seiner Ansicht geblieben, so sei erwidert: Herzl war eine ideell eingestellte Figur der jüdischen Geschichte; er hat für seine Idee sein Leben ruiniert, aber er war nicht unfehlbar. David Hammer. Wels SelÄMfi-itotiUfiii WIEN Ii., Prafersfraße SS Tetephoo B 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden In und außer Haus elegantest ausgeführt. Gemeindedhronifi. Empfang im Dr. Krügerheim. Diese Veranstaltung findet am Donnerstag, den 11. Juni, ab 145 Uhr nachmittags, statt. Die schönen Lehrwerkstätten sind als Kaffeehaus und Bridgesäle eingerichet, im großen Festsaal findet ein Konzert prominenter Künstler statt, während abends, am Dachgarten, die heitere Note Raum finden wird. Entree inkl. Jause und Bridgegeld S 2.—. Das Erträgnis wird der Vergebung von Freiplätzen an den Berufsschulen gewidmet. Die Legitimistischen Jüdischen Frontkämpfer im „Eisernen Ring" veranstalten am Mittwoch-, den 10. Juni, pünktlich J49 Uhr abends, im Saale des 2. Kaffeehauses, Prater Hauptallee 9, einen Kameradschaftsabend unter der Devise „Ernstes und Heitere s". Auftreten erstklassiger Kunstkräfte. Regiebeitrag 50 Groschen. Trauung. Sonntag, den 24. v. M., fand im überfüllten Seitenstettentempel die Trauung des Fräuleins Herta Silvia M a i e r, Tochter des früheren unionistischen Kultusvorstehers und Vizepräsidenten des Tempelvereüies „Aeschel Awrohom", Herrn Dr. Leonhard M a i e r und Frau, mit: Herrn Franz S m e t a n a, Sohn des namentlich in den westlichen Wiener Bezirken bekannten und geschätzten Herrn Leopold Smetana und Frau statt. An das Brautpaar richtete Rabbiner Dr. J. M. Bach eine sehr herzliche Ansprache, in der er lobend darauf hinwies, wie beide Elternpaare gutjüdisch fühlen und diese aufrechte jüdische Gesinnung auch betätigen. Der Trauung wohnten zahlreiche Kulrusvorsteher, Vorstandsmitglieder der „Union" und des Tempelvereines „Aeschel Awröhom" sowie Vertreter der jüdischen Vereine der westlichen Bezirke bei. Das Brautpaar und dessen Eltern waren Gegenstand herzlichster Gratulationen. Doppeljubiläum. Das Zeitungsbureau Lagler, I., Kumpfgasse 5, feierte, dieser Tage das Jubiläum des 35jährigen Geschäftsbestandes. Durch rastlose Arbeit und reelle Gebarung haben die Inhaber, Herr Franz und Frau Theresia Lagler, das anfangs kleine Geschäft zu seiner heutigen bedeutenden Größe gebracht, so daß es die meisten großen Cafe?, Restaurants und Banken sowie viele Aemter zu ihren Kunden zählt... GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRJNGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-34 Lieferant für Hellanstalten AbteiiungenfürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isis Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-QualitSt zu den billigsten Marktpreisen St. Pölten. Am 23. Mai feierten Herr Kultusvorsteher Komm.-Rat Albert Leicht und Gattin Rosa, geb. Schlesinger, unter starker Anteilnahme aus allen Kreisen der Gemeinde ihre Goldene Hochzeit und Herr Komm.- Rat Leicht sein 25jähriges Amtsjubiläum als Kultusvorsteher der Gemeinde. Das Jubelpaar genießt in weiten Kreisen großes Ansehen. Es gehört zu jenen, jetzt so selten gewordenen Menschen, die, hervorgegangen aus kleinen Verhältnissen, in gemeinsamer zäher Arbeit auf der Stufenleiter des Erfolges emporgeschritten sind, die wirtschaftlich durch die Größe ihres Unternehmens und sozial durch die. ehrenvolle Verwaltung jüdischer Ehrenämter in der Gemeinde, aber auch durch ihre Tätigkeit auf karitativem Gebiete in der Stadtgemeinde gekennzeichnet sind. Seit mehr als 35 Jahren gehört der Jubilar dem Kultusrate an, davon volle 25 Jahre als Kultusvorsteher und hat auf allen Gebieten gemeindlicher Tätigkeit Vorbildliches geleistet. Eine besondere segensreiche Wirksamkeit entfaltete der Jubilar bei unserer herrlichen Synagoge, was seinen Namen für alle Zeiten mit der Geschichte der hiesigen Kultusgemeinde verbindet. — Durch eine erhebende Feier zollte die ganze Gemeinde dem Jubelpaare Dank und Anerkennung. Der Festredner wies in seiner Ansprache auf die großen Verdienste des Jubeipaares hin und hob dessen vorbildliche menschliche Eigenschaften hervor, die es weit über die Grenzen der Gemeinde St. Pölten hinaus zu bekannten Persönlichkeiten gemacht haben. Für den Kultusrat sprach Herr Kultusvorsteher-Stellvertreter* Karl Frank unter Ueberreichung einer Adresse. Für die Chewra Kadischa sprach Herr Obmann Isidor R e i s s und überreichte ein Diplom. Der Frauenverein war vertreten von den Damen Frischmann, Reiss, Schächter. Ferner wurden von allen anderen Vereinen dem Jubelpaar Ovationen zuteil, Herr Hans Frank, Obmann der Ortsgruppe des Bundes jüdischer Fronte Soldaten, überreichte in der Wohnung mit einer herzlichen Ansprache ein kostbares Geschenk. Auch außerjüdische Kreise nahmen Anlaß, das Jubelpaar zu feiern. Im Namen der Stadtgemeinde " gratulierte Herr Bürgermeister Dr. Heinrich Raab in einem Schreiben, in welchem er den Jubilar als einen Mann kennzeichnet, der durch seinen Aufstieg das Beispiel einer wirtschaftlich achtunggebietender Erscheinung geworden ist. Dem Jubelpaare gilt der Wunsch, daß es mit Gottes Hilfe noch lange seine segensreiche Tätigkeit zum Heile unserer Gemeinde entfalten möge. Bertha Pappenheim. In Isenburg ist Freitag, den 29. Mai, im 78. Lebensjahre Bertha Pappenheim verschieden, mit der eine der eigenartigsten und anziehendsten Erscheinungen des Wiener Judentums der Franz Jöseiszeit zu Grabe getragen wurde. Als Tochter des Großkaufmanns Sigmund Pappenheim aus der bekannten W i e n - P r e ßh u r g e r Patrizierfamilie und seiner Frau Recha, geb. Goldschmied aus Frankfurt am Main war und blieb Bertha eine Synthese jüdischen, deutschen und österreichischen Wesens. Aufs sorgfältigste erzogen, umgeben von einem kleinen Kreis von Mädchen aus geadelten jüdischen Familien, konnte der Schönen und Hochgebildeten das Traumdasein der jungen Mädchen ihres Kreises nicht genügen. Schon als Backfischchen gründete sie eine große Aktion zur Milchbeschaffung für arme Kinder in Wien, in Frankfurt am Main, wohin sie oft reiste, eine Nachmittagsflickstube für junge Mädchen. Sie wandte sich in sehr jungen Jahren dem schwierigsten und vielleicht abstoßendsten Zweig der Wohlfahrtspflege zu, der Bekämpfung des Mädchenhandels. Die heutige Generation kann es nicht ermessen, wie Bertha zunächst mit Spott und Hohn überschüttet wurde, und selbst so hervorragende Männer wie der damalige Oberrabbiner von Wien fanden es unerhört, daß eine Jüdin und ein Mädchen „in solchen Schmutz" taucht „Allen Gewalten zum Trotz sich erhaltend", ging Bertha unbeirrt ihren Weg in die dunkelsten Orte Galiziens und Russisch-Polens, gründete eine internationale Bahnhofmission, interessierte die Hirschstiftung und die österreichische Regierung für Industriemädchenschulen in Galizien, führte Kolonien von Geretteten, Gefährdeten und Pogromopfern _ nach Palästina (lang vor dem Zionismus), nach Argentinien und focht mit Wort und. Feder für ihre Schützlinge. Nach Frankfurt übersieden*. wurde sie Waisenmutter des so musterhaften dortigen Mädchenwaisenhäuses, nach dessen Vorbilde dann genau die Wiener Meroresstiftung errichtet werden konnte. Bertha Pappenheim gründete den J.üdischen Frauenbund, dessen Zweige heute in fast allen Hauptstädten von Europa und Amerika blühen. Ihr sie überdauerndes Lebenswerk ist das. M ä.d c h e n heim . ijje u -1 s eai b.u r g_,.Jbei ^Frankfurt Järtf MÄfnV'vdäsw"eW"en''T(in ' Mädchen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.