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Die Wahrheit · 1936-06-05 · Heft 24 (5.6.1936) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 24 (5.6.1936)
Date
1936-06-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Dil: WAHRHEIT •Nr.'24 — -5. Jürti 1986 Seite 5 Antisemitismus, Rassenfrage, Menschlichkeit". Unter diesem Titel ist dieser Tage im Verlage der „Ethischen Gemeinde" eine Flugschrift von Wilhelm Börner erschienen, in der Gedankengänge und Gesichtspunkte verschiedener Reden, die der Autor im Rahmen der „Ethischen Gemeinde" über die erwähnten Themen gehalten hat, zusammengefaßt sind. Die Schriit ist eine ausgezeichnete und lesenswerte Abrechnung mit dem Antisemitismus, der in allen seinen Spielarten — religiös, wirtschaftlich und national-rassenmäßig — geistreich behandelt und mit aller Entschiedenheit abgelehnt wird. Wir veröffentlichen im folgenden die bemerkenswerte Stellungnahme des Autors zum Zionismus. D. Red. Eine der Wurzeln des Zionismus ist das Streben, den SO Prozent armer und ärmster Juden in der Welt eine menschenwürdige Heimstätte zu schaffen. Da die Völker so wenig Sinn für Gastfreundschaft und Menschlichkeit Pension and Restaurant TAÜStH, Abbazia Erstklassige orth. koschere Küche. Zimmer mit jedem Komfort, volle Pension von 25 Lire auiw. zeigen, ist das ein Werk der Selbsthilfe; als solches ganz gewiß im höchsten Maße anerkennenswert und förderungswürdig. In welcher Form und Art es durchführbar ist, das ist eine rein praktische aber keine grundsätzliche Frage. Der Zionismus hat aber noch eine zweite Ursache, die psychologisch überaus verständlich und auch ethisch berechtigt ist. Viele Juden sagen sich: Wir waren einstens ein großes Voik; wir hatten eine hohe Kultur und haben der Menschheit sehr viel geleistet. Warum sollen wir uns selber aufgeben? Warum sollen wir uns den anderen Völkern aufdrängen? Warum sollen wir immer von einer Gastfreundschaft leben, die so oft eine Gastfeindschaft ist? Warum sollen wir stets von der Gnade und Ungnade der Nichtjuden abhängig sein? Gründen wir doch ein eigenes Reich und werden wir wieder selbständig! Der Zionismus ist auch in diesem Sinne eine Selbsthilfeaktion. Er ist eine Reaktion auf den Antisemitismus. Aber so ernst, so relativ berechtigt und so verständlich diese Argumentation auch ist, hat der Standpunkt doch eine Folge, die eine ethische Gefahr in sich schließt. Diese Gefahr erblicke ich darin, daß auch der Zionismus nationalistisch zu werden droht. Hierin liegt aber kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. An Nationalismus hätten wir, so meine ich, gerade genug in der Welt! Ich sehe umgekehrt die erhabene Kulturmission des Judentums in der Pflege übernationalen Geistes. Die Juden waren in neuerer Zeit sehr oft die Förderer der völkerverbindenden Bestrebungen. Mögen sie es doch weiter bleiben und immer mehr werden! Mögen sie den richtigen Geist des Uebernationalen verbreiten und begründen helfen! Dieser richtige Geist besteht nicht in einer Preisgabe der Eigenart, nicht in einer Nivellierung sondern in einer Unterordnung der Sonderinteressen unter die allgemeinen Menschheitsinteressen bei voller Wahrung der eigenen Art, soweit sie der gesamten Menschheit nicht hinderlich, sondern förderlich ist. In dieser Hinsicht können gerade die Juden der Menschheit unendlich viel Gutes leisten, weil sie keine einschränkenden nationalen Vorurteile haben und frei von nationalistischen Traditionen sind. Ab 4. MAI TLCIIIlAUS TABAK, i.. Salzgries Nr. 5 alle Preise fiel reduzier!? Original engtische und französische Damen- und Herrenstoffe line iüdisdknationale Insinuation. Der Präsident des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, Herr Dr. Oskar Grünbaum, hielt die Gelegenheit der zionistischen Trauerfeier für Nahum S o k o 1 o w für passend genug, um weniger 'Seiner Trauer Ausdruck zu geben, als wieder einmal jenes Märchen aufzutischen, mit dem die Wiener Jüdischnationalen so gerne in der Oeffentlichkeit krebsen gehen. Nach dem Bericht der „Stimm e" schien es ihm bei diesem Anlasse „angezeigt", an eine Erklärung, die Dr. Seipel Sokolow gegenüber hinsichtlich des „normale n" Zionismus abgegeben hat, „gerade in einer Zeit zu erinnern, in der von Gegnern aus dem eigenen jüdischen Lager der. wenn auch vergebliche Versuch unternommen wird, fälschlich einen Gegensatz zwischen dem Bekenntnis zum Zionismus und der Treue zu unserem Vaterland Oesterreich zu konstruieren." Ein solcher Versuch ist von unserer Seite — und nur wir können mit den „Gegnern aus dem eigenen jüdischen Lager" gemeint sein — niemals unternommen worden. Wir haben niemals behauptet, daß das Bekenntnis zum Zionismus im Gegensatz stehe zu der Treue zum österreichischen Vaterlande, namentlich nicht das Bekenntnis zu jenem wahren Zionismus, den die „Union" stets gefordert hat, der in Palästina eine Heimstätte für heimatlose oder von der Gefahr der Heimatlosigkeit bedrohte Glaubensgenossen auf rein wirtschaftlicher und religiöser Grundlage, frei von politischen und nationalen Utopien, aufbauen will. Hier wird wieder der von uns so oft an den Pranger gestellte Versuch gemacht, die Idee des Zionismus mit jenen verschrobenen und exaltierten Ansichten zu identifizieren, welche die Austroz i o n i s t e n, die Anhänger eines jüdischen Nationalismus ohne Nation, eines Judenstaates in Palästina ohne Staat, mit dem Erfolg propagieren, der von uns stets vorausgesagt wurde und der sich jetzt in Palästina zur Erschütterung aller Glaubensgenossen für alle klar erweist. Gerade bei eäner Feier der „Union" war es, daß eine maßgebende Persönlichkeit dieser Organisation ähnlichen Ausstreuungen, wie sie Kinderheim Stella-Adria für Forlbildung und Erholung In Abbaxia Unter persönlicher Leitung des Rabbiners Allesandro Stern, nebst Mitwirkung geschulter Pädagogen. Unmittelbar am Meere gelegen. Herrlicher Ausblick aufs Meer und Gebirge. Moderne, luftige Räume. Gewissenhafteste, individuelle Behandlung. Für Knaben und Mädchen von 10—18 Jahren. Eigener Spiel- und Sportplatz. Eigenes Seebad. Aerztliche Aufsicht. Monatstaxen von 450—600 Lire. Auch Auslandszahlungen möglich. Ganzjährige Funktion. Religiöse Mentalität!. Telegramm: „S t e 11 a d r i a", Abbazia. jetzt wieder Herr Dr. Oskar Grünbaum, um von dem Niederbruch seiner und seinesgleichen Politik abzulenken, vorzubringen sich bemüßigt fühlte, mit aller Entschiedenheit entgegentrat. In seiner Festrede anläßlich der Einweihung des neuen Klubheimes der „Union" sagte deren Vizepräsident, Herr Dr. Josef T i c h o, u. a.: „Niemand darf behaupten, daß jenen, welche unsere Auffassung bezüglich des Nationalismus nicht teilen, der Patriotismus abgesprochen wird. Dies ist wahrlich nicht der Fall. Es kann uns aber niemand verwehren, unsere Grundsätze klar und deutlich zum Ausdrucke zu bringen und sie zu verwirklichen." Zu wiederholten Malen wird seitens der „Union" diese Feststellung gemacht, das hindert deren jüdischnationale Gegner aber nicht, die jüdische Oeffentlichkeit mit bewußten Unterstellungen irrezuführen. Denkmal für Feldrabbiner in Lyon. Vor kurzem wurde der Bildhauerin Germaine Oury-Desruelles die Goldene Medaille für französische Künstler zuerkannt. Das Werk, das ihr diese Auszeichnung einbrachte, stellt eine Kriegsepisode dar, die seinerzeit viel von sich reden machte: Der Großrabbiner B1 o ch, der als Feldrabbiner freiwillig ins Heer eingetreten war, wagte sich eines Abends an der Front in die Zone zwischen den beiderseitigen Schützengräben, das sogenannte Niemandsland. Dort hatte er Verwundete stöhnen hören und wollte ihnen zu Hilfe eilen. Einer der Verwundeten hielt den jüdischen Feldgeistlichen für einen katholischen Priester, ergriff ihn am Rock und bat, ihm das Kruzifix zu reichen. Großrabbiner Bloch eilte sofort nach einer verlassenen Farm, fand dort ein Kreuz und reichte es dem Sterbenden, der mit einem letzten Blick auf das Kruzifix verschied. Diesen Vorgang hat die Bildhauerin in ihrem Werk festgehalten. Bürgermeister Edouard H e r r i o t hat für das Denkmal, das der Meißel der Frau Oermaine Oury-Desruelles schuf, soeben einen Platz in Lyon angewiesen. Priester der Nächstenliebe. Auf der in Edinburgh abgehaltenen Hauptversammlung der Kirche von Schottland richtete einer der bedeutendsten Führer der schottischen Kirche, Dr. James Black, einen bewegten Appell an die Teilnehmer zugunsten seiner „bedrängten jüdischen Brüde r". Die Versammlung faßte einstimmig eine Entschließung, in der die Christenheit in Schottland aufgefordert wird, „ihren Sinn von jedem antijüdische n Vorurteil freizumachen". Es wurde auch das Bedauern über die religiöse Intoleranz ausgesprochen, auf die der „antisemitische Haß" sich gründe. Schließlich wurde für die ganze Kirche ein besonderer Bittag für die bedrängte Juden heit proklamiert. * Der neue Erzbischof von Castoria, Mgre. Nikiforo Papasideri, hat der Schule der Jüdischen Gemeinde von Castoria einen Besuch abgestattet und beglückwünschte den Leiter und die Lehrer zu den von der Schule erreichten Erfolgen, die ihn tief beeindruckt hätten. Später empfing der Erzbischof eine Abordnung der Jüdischen Gemeinde, der er erklärte, er habe von seiner Jugend an herzliche Sympathie für die Juden empfunden. Ich halte es für meine heilige Pflicht, sagte der Erzbischof, den Juden immer zu .helfen, wenn ich die Möglichkeit habe, ihnen einen Dienst zu leisten. Die rumänischen Juden gegen den Jüdischen Weltkongreß. Die Repräsentanz der Union rumänischer Juden IU. E. R.) hat sich in ihrer letzten Sitzung eingehend mit der Frage einer eventuellen Beteiligung an dem bevorstehenden Jüdischen Weltkongreß in Genf befaßt. Es wurde b eschlossen, an dem Kongreß nicht teilzunehmen. Auch die Unionderjüdi sehen Gemeindeverbände Rumäniens, der die Verbände Altrumäniens, Transsylvaniens. Bessarabiens und der Bukowina angeschlossen sind, hat eine außerordentliche Beratung abgehalten, um zu der auch an sie ergangenen Einladung zu dem Kongreß Stellung zu nehmen. Die Beratung führte gleichfalls zu einem ablehnenden Beschluß. Außerdem ist die Einladung auch von dem Verband der israelitischen Gemeinden mit sptanischem Ritus (Sephardischer Gemeindeverband) abgelehnt worden. Die Jüdische Partei, die jüdischnationale Organisation Rumäniens, hat ihre Teilnahme an dem Kongreß beschlossen. Zwei Juden im litauischen Parlament. Die litauische Regierung hat den bekannten jüdischen Publizisten, Chefredakteur der „Jüdischen Stimme", Kaunas, Dr. R u b i n s t e i n, und den jüdischen Kriegsveteranen G o I d b e r g ins Parlament als Vertreter der jüdischen Minderheit berufen. Benennung eines Pariser Museums nach einem jüdischen Kriegsfreiwilligen. Der im vergangenen Jahre verstorbene große Pariser jüdische Philanthrop Moses de Camondo hatte dem Ministerium für Schöne Künste seine wertvolle Kunstsammlung von Gegenständen des 18. Jahrhunderts, deren Wert auf etwa 100 Millionen Francs geschätzt wird, vermacht. Das Ministerium für Schöne Künste hat beschlossen, ein Museum dieser Sammlungen nach dem einzigen Sohn des Verstorbenen, Graf Nissim de Camondo, zu benennen. Graf Nissim de Camondo ist als kriegsfreiwüliger Fliege rleutnant im Jahre 1917 für Frankreich gefallen.

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