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Die Wahrheit · 1936-06-05 · Heft 24 (5.6.1936) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 24 (5.6.1936)
Date
1936-06-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 24 — 5. Juni 1936 DIE WAHRHEIT Union österreichischer Juden Klubheim u. Sekretariat: Wien /., Schottenring 25 Telephon A 19-2-77 Mittwoch, den 10. Juni, 8 Uhr abends, Int Klubsaal VORTRAGSABEND Es spricht: Herr NATHAN POLL AK über ABessimen — jeme jüdisdie Zufluchtsstätte Gäste willkommen! Regiebeitrag 50 Grosdien Mitglieder frei Land ihrer Sehnsucht pilgerten, die zionistischen Koryphäen, die in Paris, in London und anderwärts die Heimkehr des „jüdischen Volkes" so wunderschön besangen, freilich nichts gesagt. Die himmelstürmende Illusion stieß auf eine harte, erdgebundene Realität. Aber schlimmer noch! Die Illusion wurde künstlich aufrechterhalten. Man verschloß die Augen vor den Tatsachen, man ignorierte die von Jahr zu Jahr erstarkende arabische Nationalbewegung, man suchte den wahren Wortlaut und Sinn der Baliour-Deklaration, die keineswegs die Juden zu alleinigen Herren Palästinas macht, zu verschleiern, man trieb das Spiel so lange, bis im Kampfe zwischen Illusion und Realität die letztere sich als stärkere Macht erwies. Diu Araber sind längst nicht mehr, wie eine überalterte Schulweisheit es lehrte, ein Beduineiivolk unter der patriarchalischen Herrschaft von Stammeshäoiptlingen. Diese soziologische Form hat sich nur im innerarabischen Wüstengebiet und in einigen Küstenstrichen Nordafrikas erhalten. In all den Zentren arabischen Lebens aber, die dem Einfluß der europäischen Zivilisation zugänglich waren, in Syrien, in Palästina, im Irak-Gebiet, in Aegypten hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein grundlegender Wandel der Lebensformen und damit auch der geistigen Strömungen und politischen Bewegungen vollzogen. Waren schon im vorigen Jahrhundert aus den Noinadenstämmen zumeist ackerbauende Fellachen geworden, so entstand in den letztvergangenen Jahrzehnten unter dem Einiluß des von Europa her vordringenden Kapitalismus in den Küstenstädten der genannten Gebiete ein selbstbewußtes arabisches Bürgertum, das, wie überall, seine klassenmäßigen Aspirationen in die gedankliche Form eines zugespitzten Nationalismus kleidete. Neben dem Bürgertum, das in den aufblühenden Handels- und Verkehrszentren mit den Parolen nach nationaler Selbständigkeit, demokratischer Selbstverwaltung und sozialer Besserstellung die Führung der Freiheitsbewegung innehat, finden sich aber in Syrien, Palästina, Aegypten und im Irak auch bereits die ersten Anfänge einer modernen Arbeiterbewegung. So sicher hier noch schwere soziale Konflikte im Schöße der Zukunft ruhen, so unzweifelhaft die Klassengegensätze auch innerhalb des Arabertums zu scharfer Trennung führen werden, wenn erst einmal das jetzige Stadium des Frühkapitalismus in Vorderasien überschritten ist, so unverrückbar ist aber die Tatsache, daß gegenwärtig sämtliche Elemente der arabischen Bevölkerung, die noch rückständigen Nomaden und Ackerbauer ebenso wie das erstarkende Bürgertum, die junge Intelligenz und schließlich auch die im Entstehen begriffene Arbeiterschaft, einig sind im panarabischen Freiheitsgedanken, in der Forderung nach nationaler Selbständigkeit und nach sozialem Aufstieg. Es ist deshalb absurd, wenn die Zionisten behaupten, sie stellten in Palästina das fortschrittliche Element gegenüber den Arabern dar, und es zeugt von fahrlässiger Verkennung der Situation, wenn man die G e g e n b ewegung gegen den Zionismus als das Werk einiger feudaler arabischer Drahtzieher hinstellt. Es mag dahingestellt bleiben, ob der Traum eines 'panarabischen Reiches vom Zweistromland bis Mauretanien, vom Libanon bis zum Sudan jemals in Erfüllung sehen wird, oder ob die Entwicklung vielmehr in der Richtung der Autonomie einzelner Staaten, wie Irak, Syrien, Hedschas, Aegypten, Transjordanien verlaufen wird. Sicher ist, daß der arabische Aufstieg unaufhaltbar vorwärts schreitet und deshalb alle Erwägungen ganz illusorisch sind, ob England das Palästina-Mandat behält oder nicht, ob es dort diese oder jene Taktik einschlägt und was dergleichen Prophezeiungen mehr sind. Kein europäischer Imperialismus, auch der britische nicht, ist heute mehr stark senug, um den Aufstieg der orientalischen Völker zu verhindern. Schritt für Schritt verlieren die bisherigen Kolonialmächte in Vorderasien an Boden. ' Der Irak-Staat ist bereits so gut wie selbständig. Er hat eine eigene Verfassung mit einem auf allgemeinem Wahlrecht beruhenden Parlament, eigene Verwaltung, eigenes Finanz-, Unterrichts- und Justizwesen. Das von England ausgeübte Mandat, das sich gegenwärtig nur in der Stellung von Inspektoren und Polizeitruppen auswirkt, läuft im Jahre 1932 ab. Dann wird der Irak als unabhängiger Staat seinen Eintritt in den Völkerbund vollziehen. (Ist inzwischen geschehen, D. Red,) Großbritannien erhält lediglich auf Grund eines Bündnisvertrages auf 25 Jahre zwei Luftstützpunkte im Irak, bei Basra und westlich vom Euphrat, um seine Verkehrsverbindungen nach Indien zu sichern, und soll fünf Jahre lang bis zur Schaffung einer ausreichenden irakischen Armee geringfügige Truppenteile im Lande unterhalten. Noch weiter vorgeschritten in der Entwicklung ist Aegypten, dessen Unabhängigkeit von England bereits im Jahre 1922 anerkannt wurde, und wo nach einem kurzen diktatorischen Intermezzo sich die Unabhängigkeitspartei, der sogenannte Wafd, anschickt, endgültig die Macht zu ergreifen. (Auch diese Machtergreifung hat sich inzwischen vollzogen, D. Red.) Die Verfassungsfragen sind auch hier schon eine rein innerpolitische Angelegenheit des ägyptischen Volkes (zum größten Teil aus einer arabisch-koptischen 'Mischrasse bestehend) geworden, und der britische Einfluß wird sich bald nur noch auf die Ueberwachung des Suezkanals und der Verbindungen nach dem Sudan beschränken. Die eigentliche arabische Halbinsel, der N e d s c h d und der Hedschas, sind das unumschränkte Herrschaftsbereich des Wahabiteniührers Ibn Saud, der nach Vertreibung seines Widersachers Hussein im Jahre 1927 in einem Vertrage mit den Engländern die vollständige und absolute Unabhängigkeit seiner Länder durchsetzen konnte. Ibn Saud geht daran, in Innerarabien, wo sich die Reste einer feudalen Gesellschaftsverfassung der arabischen Stämme am längsten gehalten haben, in energischer Weise neuzeitliche Reformen durchzuführen. Die Erschließung des Landes durch moderne Verkehrsmittel erleichtert ihm seine Aufgabe. Wo über die jahrtausendealten Karawanenstraßen die Kamelzüge in monotonem Schritt einherzogen, rattern jetzt die Automobile .in regelmäßigem Verkehr, wo die Beduinen die Oasen umschwärmten, werden jetzt unter Anleitung europäischer Ingenieure Schienenstränge gesiegt, und quer über die arabische Wüste zieht das Flugzeug von Kairo nach Bagdad allwöchentlich seine Bahn. In noch stärkerem" Maße als der Nedschd ist Transjordanien -.das eigentliche Durchgangsland für den wichtigen Verkehr vom Mittelmeer nach dem Persischen Golf sowie jm weiteren Verlauf nach Indien. Dieses alte Grenzland ist gleichfalls bereits ein konsolidierter Staat, und am 2. November 1929 ist das erste transjordanische Parlament eröffnet worden. Der britische Einfluß ist zwar noch erheblich, trägt aber in sehr kluger und entgegenkommender Weise den Wünschen der Bevölkerung Rechnung. Die Ansprüche der radikalen Zionisten auf eine Einbeziehung Trans jordaniens in das palästinensische Mandatsgebiet haben in allen Schichten der arabischen Bevölkerung einen Sturm der Erregung ausgelöst. Nach der ganzen Lage der Dinge in Vorderasien ist diese zionistische Forderung um kein Haar anders zu bewerten als etwa die alldeutschen Annexionspläne vor und während des Weltkrieges. Die geschichtliche Entwicklung wird über jene Phantasten ebenso zur Tagesordnung übergehen wie über die letztgenannten Machtpolitiker. Den bündigsten Beweis vielleicht für die Unaufhaltsamkeit der arabischen Freiheitsbewegung bildet das französischo Mandatsgebiet Syrien. Hier haben die Franzosen lange Zeit mit der Politik der „starken Faust" zu herrschen gesucht. Sie erstickten den Aufstand des Dschebel Drus in Blut, sie bombardierten im Oktober 1925 die Stadt Damaskus drei Tage lang durch Kriegsschiffe und Flugzeuge, sie machten im Südlibanon Dörfer und Städte dem Erdboden gleich, sie gingen mit allen Mitteln einer neuzeitlichen Kriegstechnik und mit schonungsloser Grausamkeit gegen ein nahezu waffenloses Volk vor. Und dennoch hat auch hier die arabische Nationalbewegung einen vollen Sieg errungen. Gegenüber dem einmütigen Widerstand der Bevölkerung erwiesen sich alle Mittel des Militarismus unzulänglich. Am 22. Mai 1930 mußten nach langwierigen Verhandlungen die Franzosen ihre Zustimmung zur Proklamierung einer Verfassung der syrischen Republik geben, die zwar nicht in allen, aber doch in sehr weitgehenedn Punkten dem Willen der Bevölkerung entspricht. Syrien befindet sich heute dort, wo der Irakstaat sich vor einigen Jahren befand, seine Verfassung atmet eher noch einen fortschrittlicheren Geist und ebnet der völligen Unabhängigkeit des Landes den Weg. Auch hier hat die Herzu. franenhellbadj Totzmannsdorfi (Bargenland) Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäuresprudelbäder.!! Bitl'gei Pensionspreis inklusive HetlbäJer. Zwei rituelle Re-J; suciants. —Auskünfte und Piospekte: Generalvertretung; Wien I., Kohlmarkt 8 Tel. U 25-104 j •Neu: Moorpackungen und Moorkompressen in! allen Apotheken erhältlich. i arabische Freiheitsbewegung gesiegt — trotz blutigsten Terrors und grausamster Unterdrückung. So stellen also die Ereignisse der letzten Jahre in den arabischen Gebieten geradezu ein Schulbeispiel für die Unwiderstehlichkeit einer nationalen Freiheitsbewegung und für den unaufhaltsamen Niedergang des imperialistischen Einflusses im Orient dar. Ganz gleich, ob man für diese historische Entwicklung, die sich mit elementarer Kraft fortsetzt, Sympathien aufbringt oder nicht, gebietet schon die reine realpolitische Vernunft und die Sorge um das Schicksal der dort lebenden Glaubensgenossen, rückhaltlos die Schlußfolgenin- . gen auch für Palästina zu ziehen. Aus dem bisher Angeführten geht u. E. unzweifelhaft hervor: Ganz gleich, welche Regierung oder welche Partei die künftige Politik Groß-Britanniens bestimmt, ganz gleich, ob England oder irgend ein anderer Staat das Mandat ausübt, ganz gleich, ob mit Sanftmut oder mit Entschiedenheit regiert wird — das zionistische Experiment ist gegen den Widerstand der Araber nicht durchzuführen. Auch die Versuche, diesen Widerstand umzubiegen, indem man das Projekt eines „binationalen Staates" aufwirft oder gar den Arabern nahelegt, freiwillig auf Palästina zu verzichten, müssen daran scheitern, daß gerade Palästina wegen seiner geopolitischen Bedeutung für die arabischen Aspirationen unentbehrlich ist und daß ein junger aufstrebender Nationalismus, wie der arabische, zu freiwilligen Konzessionen niemals geneigt ist. Es bleibt nur ein Ausweg: die direkte friedliche Auseinandersetzung und Verständigung mit den Arabern, die ja von den halbwegs einsichtsvollen Zionisten auch gefordert, aber im gleichen Atemzug wieder illusorisch gemacht wird durch dais Beharren auf den nationalen Herrschaftsanspruch im Lande. Der friedliche Ausgleich zwischen Juden und Arabern ist sofort möglich, wenn die Zionisten ihren Anspruch auf die nationale Beherrschung Palästinas aufgeben und sich auf die reine Siedleraktion beschränken. Er ist und bleibt heute und stets unmöglich, wenn sie die nationalen Ansprüche aufrechterhalten. Das ist die nackte Wahrheit, und wenn die zionistischen Führer ihren Anhängern diese Wahrheit weiter vorenthalten, so erwächst den nichtzionistischen Juden die Aufgabe, hierüber die irregeleiteten Massen aufzuklären. Das jüdische Siedlungswerk in Palästina kann gerettet werden, wenn es seines politischen Charakters entkleidet wird. Es ist in Gefahr — und mit ihm die Zehntausende wertvoller Menschen, die in Unkenntnis der Situation dorthin getrieben wurden — wenn die bisherigen politischen Forderungen aufrechterhalten werden. Die Vorgänge der letzten Jahre, die Fortschritte der arabischen Bewegung, die schweren Konflikte in Palästina sind eine ernste Warnung. Wer sie in den Wind schlägt, wer die Augen vor der Entwickhing verschließt, macht sich mitschuldig an den unaufhaltbaren Folgen dieser Entwicklung. Vor der Wahrheit aber nicht die Augen zu verschließen, sondern sie immer und immer wieder zu verkünden, ist heiligste G ew i s s e n s p f 1 i c h t. Ein Opfer der Palästina-Ereignisse in Bratislava. Der Kantor Alexander Frankel in Bratislava wurde telegnaphisch von dem Tode seines Bruders, der bei deri Unruhen in Palästina durch Messerstiche' ermordet wurde, verständigt. Der 67jährige Mann von der Nachricht derart enschiittert, daß er schwermütig und schließlich tobsüchtig wurde. Am 27. Mai abends versuchte er mit einem Messer seine Frau und iCinder zu attackieren. Der Familie gelang es, zu entkommen. Frankel wurde in die Irrenanstalt von Bratislava eingeliefert.

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