Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 24 (5.6.1936)
- Date
- 1936-06-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 24 — 5. Juni 1936 DIE WAHRHEIT Besorgt Eure BÜCher durch die Buchhandlung Wien IL, Ecke Taborstraße 52 Mäßige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr loGrosdi. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel. R 41 -4-20 Kataloge gratis! als 25 Jahren in der Firma arbeiten. Die neue „arische" Firma erklärt sich als eine Art Gnadenakt bereit, den älteren Angestellten zwei bis drei Monatsgehälter zu zahlen, beharrt aber aui ihrem Recht fristloser Entlassung. Ueber hundert Menschen, die bis dahin ihre Familien ernährt und ihre jüdische Gemeinde durch Steuern unterstützt haben, werden über Nacht zu verarmten Wohlfahrtsempfängern. Der größere Teil davon sind ältere Menschen, die weder für Auswanderung noch für Berufsumschichtung in Frage kommen. Die Ausschaltungsbestrebungen auf den Berufsgebieten, die dem Reichsnährstand (Minister Darr6) angegliedert sind, haben nunmehr zu vollem Erfolg geführt. In sämtlichen Berufsgattungen, die mit dem Aufkauf en gros und Kleinhandel mit Vieh und landwirtschaftlichen Produkten aller Art zu tun haben, sind die jüdischen Existenzen restlos vernichtet. Einer der letzten Zweige, in dem sich noch jüdisches Kapital hatte halten könen, war der Eierhandel. Durch eine Aktion wurde im Laufe weniger Wochen der gesamte Eierhandel in arische Hände übergeleitet. Mit größtem Zynismus rühmt man sich in Mitteilungen an die Presse, es sei gelungen, alle Juden aus dem Eierhandel auszuschalten. Da, wo sich im Vieh- und Produktenhandel noch einige jüdische Existenzen haben halten können, werden sie geräuschlos erledigt. Die folgenden zwei Schreiben geben besser als alle Schilderungen ein deutliches Bild von den Methoden, die hierbei angewandt werden: Ortsbauernschaft....... .......den . . . April 1936. Tabakkontingent 1936. An........ Nachdem festgestellt wurde, daß Sie mit Viehjuden gehandelt haben, wird Ihnen auf Anordnung des Kreisbauernführers das Tabakkontingent für das Jahr 1936 um 3 Ar gekürzt. An Stelle der gekürzten 3 Ar Tabak ist Flachs anzubauen. Wird kein Flachs angebaut, sc bleibt die Kürzung für immer bestehen. Der Pflanzerausschuß Der Ortsbauernführer gez. Unterschriften. _ gez. Unterschrift. Reichsnährstand Bauernschaft..... ..........Dezember 1935. Herrn........ Trotz verschiedener Aufforderungen durch den Ortsbauernführer sowie durch die Beauftragten der Partei, haben Sie es bisher abgelehnt die Lohnfuhren, die Sie für den Juden........ausüben, aufzugeben. Falls Sie die Tätigkeit für den Juden nicht einstellen, wird Ihnen wegen Nichtbeachtung der Anordnungen des Reichsnährstandes Ihr Tabakkontingent im kommenden Jahr um eine größere Fläche gekürzt. Außerdem wird Ihnen der Absatz von Spargeln verboten. Wer die Maßnahmen des Reichsnährstandes sabotiert, hat auch kein Recht, die nutzbringenden Einrichtungen des Reichsnährstandes für sich in Anspruch zu nehmen. Ich muß bedauern, daß es ausgerechnet Bauern sind, die für die Rassenirage des deutschen Volkes so wenig Verständnis aufbringen. Ich hoffe, daß dieses Schreiben genügt und Sie in Zukunft die Anordnungen des Reichsnährstandes befolgen. Heil Hitler! Der Kreisbauernführer gez. Unterschrift. Kampf gegen Kranke und Kinder. Wer mit billigen Reiseschecks jetzt. nach Deutschland reist und überall liebenswürdig, mit dem sichtlichen Bestreben, es dem Gast behaglich zu machen, aufgenommen wird, ahnt nichts von den Schwierigkeiten, die der jüdische Erholungssuchende in Deutschland heute findet. Durch die Devisenschwierigkeiten und durch die Paßentziehungen in großen Teilen des Reiches ist der jüdische Erholungsuchende in der Regel auf Deutschland .ingewiesen. Es ist aber heute geradezu ein Kunststück, noch einen Ort ausfindig zu machen, in den ein Jude zur Erholung gehen kann. Der Ausländer darf sich nicht täuschen lassen. Auch da, wo er keine der Schilder findet, die in unzähligen Orten Juden schon am Grtseingang verkünden, daß sie unerwünscht sin&.-werden in den meisten Fällen juden als Gäste nicht mehr aufgenommen. So hat vor einigen Wochen auf der Hauptversammlung der Kurorte des Harzes, eines der beliebtesten Reiseziele in Mitteldeutschland, der thüringische Innenminister als Vorsitzender des Verbandes der Harzer Badeorte erklärt, es sei nunmehr erfreulicherweise gelungen, auch die letzten widerstrebenden Hotelbesitzer dazu zu bringen, Juden nicht mehr aufzunehmen. Der Harz sei als judenfrei zu betrachten. Auch da, wo kleine Hotels noch in jüdischem Besitz sind, ist es für den jüdischen Erholungsreisenden ein zweifelhaftes Vergnügen, solche jüdische Häuser aufzusuchen, da er sich, sobald er das Haus verläßt, von einer Atmosphäre des Hasses im Bade umgeben fühlt. Es muß dabei betont werden, daß die christlichen Pensions- und Hotelbesitzer selbst alles andere als Antisemiten sind. Sie können es aber nicht wagen, sich gegen den Terror der ortsgewaltigen Parteiführer der NSDAP aufzulehnen. Ein besonderes Problem ist dabei die Unterbringung jüdischer Kranker in Heilstätten geworden. So dürfen Patienten der Caic Pension Eckstein Semmering jüdischen Lungenheilstätte Soden (Taunusgebirge) die Kurmittel des Ortes nicht mehr gebrauchen. Die Reichsversicherung, die: für viele der Patienten die Kosten der Kur trägt, gestattet die Ueberweisung jüdischer Patienten in die jüdische Lungenheilstätte Soden ebenfalls nicht mehr. Besonders schwierig ist die Unterbringung erholungsuchender jüdischer Kinder geworden. Den im jüdischen Kinderheim Bad BÄPSMülDN HOTEL m ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Selzeimen (Provinz Sachsen) untergebrachten Kindern ist der Gebrauch der Kur mittel des Ortes verboten, so daß Kinder, die zu ärztlichen Kuren dorthin gelegt werden sollen, diese Kur nicht mehr durchführen können. Einen anderen Weg hat das bekannte Herzbad Nauheim eingeschlagen. Während früher Patienten, die von Wohlfahrtseinrichtungen verschickt wurden, von .der Bezahlung der Kurtaxe befreit wurden, wird von jüdischen Patienten jetzt die Kurtaxe in allen Fällen verlangt. Da diese 33 Mark beträgt, wird in vielen Fällen die VerschickungjüdischerHerzkranker dorthin finanziell unmöglich "gemacht. In Bad Tölz wurde jüdischen Kurgästen dieKurkarten verweigert In dem Nordseebad Wyk auf Föhr befindet sich ebenfalls ein jüdisches Kinderheim. In der letzten Zeit ist es wiederholt vorgekommen, daß die Kinder heim gemeinsamen Spazierengehen belästigt wurden. Bei dieser Sachlage liegt es sehr nahe, erholungsuchende jüdische Kinder nach Möglichkeit ins Ausland zu schicken. Das wäre leicht durchzuführen, da zahlreiche ausländische Wohlfalirtsinstitutionen jüdische Kinder aus Deutschland zur Erholung aufnehmen würden. Auch dieser Weg ist ungangbar geworden: Die Gestapo hat erklärt, daß für Kindertransporte jüdischer Kinder ins Ausland keine Genehmigung gegeben würde. Nach wie vor Unruhen in Palästina. Aus allen Teilen . des Landes werden noch immer Ueberfälle gemeldet. Am Vormittagdes 28. Mai^ wurden ein britischer Polizist Tn Jerusalem e rschossen und Jih anderen Teilen Palästinas drei Araber getötet und sieben Araber, darunter ein arabischer Polizist, verwundet. Der britische Polizist, Robert Bird, ist der erste Engländer, der in Jerusalem getötet wurde. Er wurde von Arabern aus "einem Hinterhalt erschossen, als er, friedlich vom Dienst kommend, zur Polizeistation ging. Die englischen Einwohner von Tulkarem haben diese arabische Stadt verlassen und sind mach der jüdischen Kolonie Natania übersiedelt. Auf der Linie Gaza-Lydda ist rechtzeitig ein Dynamit-Gefäß entdeckt und unschädlich gemacht worden, mit. dem ein Zug in die Luft gesprengt werden sollte. Bei Magdiel wurden Bomben gegen einen Zug gesclüeudert. Explosivkörper wurden von Genie-Truppen an verschiedenen Stellen der Straße nach Nablus beseitigt und eingegraben. Solche zur Störung der Militärtransporte niedergelegten Sprengkörper sowie Minen sind auch auf anderen Straßen gefunden worden. Von arabischen Booten aus ist der Versuch gemacht worden, jüdische Boote vor Tel Aviv in Brand zu stecken, indem Gefäße mit brennendem Benzin in die Boote geworfen wurden. Nach dem Beispiel von Tulkarem haben nunmehr auch die arabischen Polizisten von Jerusalem, Jaffa und Ramalla den Anschluß an den Streik in Aussicht genommen, wenn sie den englischen Polizisten nicht gleichgestellt werden. Die gesamte arabische Presse ist auf zehn Tage eingestellt worden. In Haifa und Safed wurden Bomben geworfen. Bei Afuleh wurden ein Wald, bei Tulkanem Orangen-Plantagen der Gesellschaft Jachin in Brand gesteckt, in Jaffa wurden mehrere von Juden verlassene Häuser angezündet. 17 Bomben explodierten. Amtlich wird bekanntgegeben, daß bei den Unruhen bis zum 28. Mai fünfzig Personen getötet und 325 verwundet wurden. Unter den Toten befinden sich 26 Juden, 22 Mohammedaner, davon zwei arabische Polizisten, ein arabischer und ein europäischer Christ Verwundet wurden 175 Mohammedaner, 110 Juden und 40 Christen, darunter 23 englische Polizisten, zwei englische Soldaten und aebt europäische Christen. 1200 Personen wurden seit Beginn der Unruhen verhaftet, von ihnen sind 930 Araber und 250 Juden. 409 Araber und 204 Juden, diese hauptsächlich wegen Ueberschreitung der Polizeistunde, wurden bestraft. Die deutsche Kolonie Wilhelma in der Nähe von Haifa hat für die streikenden Araber i n J a f f a 20 Säcke Mehl zur Verteilunggebracht. Eine Anzahl deutscher Einwohner aus Tanganyika, die fließend arabisch sprechen, wurde, wie verlautet, in Jaffa unter dem Verdacht verhaftet, bei der Organisierung der gegenwärtigen arabischen Unruhen im Hafen von Jaffa beteiligt zu sein. Der Verdacht, daß bei den Unruhen in Palästina Nazi-Machenschaften im Spiele sind, wird noch dadurch verstärkt, daß bei den a r a b isehen Rebellen in Nablus, Tulkarem und Jaffa große Mengen in Deutschland hergestellter Gewehre gefunden wurden. Laut palästinensischen Presseberichten wurde am Morgen des 29. Mai auch eine Anzahl Nazi bei dem Versuch betroffen, jüdisches Eigentum zu vernichten. Das Haus des seit einiger Zeit angeblich erkrankten Araberführers Fakhri Bey Nashas h i b i wurde, wie am 31. Mai berichtet wird, m i t einem starken Polizeikordon umgeben. Wahrscheinlich ist über den Araberführer Hausarrest verhängt worden. Wie verlautet, sollen alle arabischen Agitatoren und Anführer desAufruhrsin ein Lager in der Sinai-Wüste nahe der ägyptischen Grenze verschickt werden. An der Grenze zwischen Nordpaläsrina und Syrien haben englisch© Militärpatrouillen eine Kamel-Karawane aufgehalten, die 100 Gewehre und größere Munitionsvorräte transportierte. Die Waffen und die Munitionskisten wurden beschlagnahmt. Man erblickt in diesem Fund sowie in der Anhaltung von drei weiteren Autos an der palästinensisch-syrischen Grenze, die über lCHO Gewehre führten, eine Bestätigung der Vermutung, daß die ä u {ständische n Araber Palästinas von den arabischen Nationalisten in Sy rien-ak ti ve Unterstützung erhalten. Während am Wochende ein gewisses Nachlassen der Gewalthandlungen der Araber festgestellt