Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 24 (5.6.1936)
- Date
- 1936-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Grosdien In Deutschland verboten' isch *. e DI« ttUrU mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag nnninnflflnni Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 5. Juni 1936 Nummer 24 Deutschlands Ghetto 1936. Ein Tatsachenbericht von informierter Seite. Was das Leben der Juden in Deutschland fast unerträglich macht, ist die Atmosphäre eines fanatischen und kleinlichen Hasses, die alle Lebensbeziehungen vergiftet. Wer als Ausländer durch die Straßen Berlins geht, überall gut angezogene Menschen sieht und feststellt, in Kaffees und Restaurants sitzen zahlreiche Juden unbehelligt, ahnt nichts von den Tragödien, die sich hinter den Wänden der Häuser abspielen, in Berlin wie im Reich. Die rigorose Anwendung der Rassenscliandegesetzie hat eine Flut schmutzigster Denunziationen und Strafverfahren heraufbeschworen. Es ist kein Wunder, daß Menschen, gegen die auch nur eine Denunziation wegen angeblicher „Rassenschande" erhoben wird, es vorziehen, sich nicht vor einem deutschen Gericht zu rechtfertigen, sondern sofort ins Ausland zu fliehen. In diesen Verfahren, die ja die intimsten Beziehungen zwischen Mann und Frau zum Gegenstand haben, ist der angeklagte Jude so rechtlos wie kaum auf einem anderen Gebiete des Rechtslebens. Ein Arzt in Hamburg wurde zu 2 Jahren Zuchthaus wegen versuchter Rassenschande verurteilt, weil er angeblich in der Sprechstunde eine Patientin zu küssen versucht habe. Dieser Fall, der im Auslande einiges Aufsehen erregt hat, ist keineswegs ein Einzelfall. Jeder in Deutschland lebende Jude hat in seinem Bekanntenkreis derartige Fälle. Die Denunziation wegen Rassenschande ist zu einem beliebten Mittel wirtschaftlicher Vernichtung ^unangenehmer Geschäftskonkurrenten geworden. Jeder freundschaftliche und geschäftliche Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden wird verfolgt. In der maßgebenden Zeitschrift des deutschen Beamtenbundes wurde verkündet, daß ein Beamter, der mit luden noch irgendwelchen Umgang habe, damit beweise, daß er nicht würdig sei, weiter Beamter zu sein. Eine städtische Angestellte in Berlin wurde entlassen, weil sie bei einem Juden in Untermiete wohnte. In der Zeitschrift „Der Parteirichter". Amtliches Mitteilungsblatt des Obersten Parteigerichts der NSDAP, in München, sind in der letzten Nummer von zehn Verurteilungen, die veröffentlicht werden, sechs wegen geschäftlichen oder gesellschaftlichen Verkehrs mit Juden ausgesprochen. In Berlin wohnen zwei ältere Damen seit 25 Jahren in enger Freundschaft in einer Wohnung. Beide Lehrerinnen, die eine Christin, heute noch Studienrätin an einem Gymnasium, die andere Jüdin, früher Direktorin an einer Mädchenschule und 1933 entlassen. Die vorgesetzte Behörde stellte die Studienrätin vor die Wahl, die 4iBuguiuugMg^ 4» VERWALTUNGEN SÄTZE — HYPOTHEKEN KÄUFE__ V Dipl.-Kaufm. VERKÄUFE Dipl.-Kaufm. . * Ba SZIL AGYI BEN ABT. SUHL IX., RÖTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 Wohnungsgemeinschaft mit ihrer jüdischen Freundin aufzugeben oder den Dienst lals Lehrerin zu quittieren. Sie war mutig genug, den zweiten Weg zu wählen. Beide leben weiter zusammen, sind nun allerdings beide arbeitslos. Die deutsche Winterhilfe scheint trotz des persönlichen Sammeins von Goebbels und Göring nicht allzu reichlich gewesen zu sein. Und so kam ein „Vollarier", der einmal etwas vom guten jüdischen Herz gehört hatte, auf die Idee, in diesen schlechten Zeiten müsse es noch immer besser sein, einen armen Juden zu spielen und auf das Mitleid der „Glaubensgenossen" zu spekulieren, als vielleicht in ein Arbeitsdienstlager zu gehen. Also gab er sich in Stuttgart als aus einem Dorf vertriebener Jude aus. Damit man ihm glaubte, fälschte er eine Reihe von Legitimationen, auch ein Empfehlungsschreiben von einem Rabbiner. Um seine Bittgänge besonders wirksam auszuführen, legte er sich eine seiner Ansicht nach jüdisch aussehende Komplizin als „Frau" zu. Eine Zeitlang hatte er Erfolg, bis der Schwindel entdeckt wurde. Die Tatsache, daß heute ein Arier sich noch im Dritten Reich als Jude auszugeben wagt, verstimmte Richter und Staatsanwalt so stark, daß sie den Täter zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilten und der Helferin 10 Monate Gefängnis zudachten. Selbst in den größeren Städten wird es f ü r Juden immer schwerer, Wohnungen und Zimmer als Mieter und Untermieter zu bekommen. In Berlin ist in N e u b a u b 1 o c k s, die von gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften verwaltet werden, den Juden allgemein gekündigt worden. Dabei kommt den Wohnungsinhabern zu Hilfe, daß die Nachfrage nach kleineren Wohnungen durch die Zunahme der Reichswehroffiziere, der Beamten und der vielen zu Einkommen gelangten Parteifunktionäre sehr gestiegen ist. Für Juden, die ihre Wohnung wechseln oder eine neue mieten müssen, wird die Frage nach einer neuen Wohnung allmählich sehr ernst. Jüdische Angestellte, alleinlebende Personen, die ein möbliertes Zimmer mieten wollen, sind nur auf jüdische Vermieter angewiesen, umso mehr als männliche Einzelmieter schon wegen der Rassenschandegesetze nicht mehr in christlichen Haushaltungen als Untermieter wohnen können. Jede Inanspruchnahme eines jüdischen Arztes oder Anwalts, jeder Kauf in einem jüdischen Geschäft wird, wo irgend möglich, kontrolliert und zur Rechenschaft gezogen. Die Auseinandersetzungen spielen sich nur nicht mehr auf der Straße oder in den großen Zeitungen ab, weil jedes unliebsame Aufsehen bei fremden GästenundimAuslandvermieden werden soll. Sie spielen hinterdenKulissen: in den Betriebszellen, im Zimmer des Vorgesetzten, vor den Parteigerichten. Wer den Weisungen der Partei nicht bedingungslos folgt, wird unerbittlich in seiner wirtschaftlichen Existenz vernichtet. Nur in großen Städten ist es Menschen, die geistig unabhängig und äußerlich von keinem größeren Betrieb oder Beamtenapparat abhängig sind, manchmal noch möglich, sich den Parolen des Judenhasses auf wirtschaftlichem und privatem Gebiet zu entziehen. Rasiere Dich gof and billig Oesferrcichisclres Qualität* fabriltäi Ueberau erhältlich Der Kampf gegen die Juden in der deutschen Wirtschaft. Der Kampf gegen die Juden in der deutschen Wirtschaft ist ein Musterbeispiel des „kalten Pogroms". Offiziell sind alle Einzelaktionen auf wirtschaftlichem Gebiete verboten. So haben auch in den letzten Monaten keine wilden Boykottaktionen wie im Jahre 1935 stattgefunden. Hinter dieser scheinbaren Ruhe aber verbirgt sich ein wirtschaftlicher Vernichtungskrieg, der unaufhaltsam weitergeht. Der jüdische Grundbesitzer, insbesondere der Provinz, ist häufig durch den Rückgang seines Betriebes mit der Zahlung seiner Hypothekenzinsen im Rückstand. Der Zwangsvollstreckungsschutz, der sonst zur Stützung des Grundstückmarktes notleidend gewordener Besitzer regelmäßig gewährt wird, wird jüdischen Grundbesitzern in der Regel abgelehnt. Dabei wird, in Hessen allgemein, von den Gerichten als Begründung angegeben, der jüdische Grundbesitzer könne kaum mit wirtschaftlicher Besserung seines notleidenden Geschäftes rechnen. Die Zwangsvollstreckung wird also rücksichtslos durchgeführt und dem jüdischen Grundbesitzer oft wertvoller Besitz zu lächerlich geringen Preisen abgenommen. Die Zahl der Geschäftsverkäufe wächst dauernd. Nur der Besitzwechsel der großen Unternehmunsen wird mit einer kleinen Notiz im Handelsteil der Zeitungen verzeichnet. Von der Unzahl der Verkäute mittlerer und kleinerer Firmen erfährt die Oeffentlichkeit nichts. Von entscheidender Wirkung auf die ökonomische Krait der jüdischen Gemeinschaft sind aber die Verkäufe der großen Firmen. So fand man z. B. in den Zeitungen unlängst eine kurze Notiz, die Aktien eines der größten mitteldeutschen Warenhauskouzerne, M c s s o w - W a 1 d s c h m i d t G. in. b. H., Dresden, seien verkauft. Das bedeutet den Uebergang von vier Warenhäusern in Breslau, dem Residenz-Kauihaus in Dresden, des Kaufhauses Brühl in Leipzig und eines Kaufhauses in Pirna (Sachsen). Der nächste Schritt ist dann die Entlassung sämtlicher jüdischer Angestellter, über hundert an der Zahl. Sie weiden unter Berufung auf den Uebergang in arische Hände fristlos entlassen, darunter Angestellte, die seit mehr Leset den Morgen Verbreitet den Morgen Inseriert im Morgen €s ist €uer Watt €s füQft mit €udj €s benßt mit Sud} es kämpft für eud>!