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Die Wahrheit · 1936-05-29 · Heft 23 (29.5.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 23 (29.5.1936)
Date
1936-05-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 23 — 29. Mai 1936 DIE WAHRHEIT 5 i •s I Der Union-Klub arrangiert von nun ab jeden Samstag ab 8 Uhr abends und jeden Donnerstag ab 4 Uhr nachmittags ein Bridge-Cercle im Klubsaal, I., Schottenring 25. Gäste willkommen! besuchte letzte B u n t e A b e n d, der wieder unter der gediegenen künstlerischen Leitung von Frau Dir. Goldschmidt stand, die ihr Verständnis für die Wünsche eines distinguierten Publikums durch die ausgezeichnete Auswahl des abwechslungsreichen Programmes neuerlich bewies. Besonders liebevoll sprach sie die einführenden Worte für die erste Darbietung des Abends, den Knabenchor des Waisenhauses in der Probusgasse. Man spürte aus diesen warmen Worten die persönliche Einstellung von Frau Dir. Goldschmidt zu dieser schönen Institution, in der ihrer Eltern beraubte Kinder in zärtlicher Weise befürsorgt und erzogen werden. Und als diese 25 reizenden Buben in ihrer schmucken: gleichförmigen Adjustierung am Podium erschienen, als s'e nit ih'en hellen Knabensimr""1 «n'er der gediegenen Le:tung ihres von ihnen heiß verehrten Dir. Löwenfeld schöne Lieder und Kanons sangen, da fand die Begeisterung kein Ende und im Siurm eroberten sich die Buben alle Sympathien. Sie waren eine lebende Propaganda für das Waisenhaus in der Probusgasse; viele Zuhörer äußerten denn auch den lebhaften Wunsch, dieses Heim kennen zu lernen. (Wie wir erfahren, findet, diesen Wünschen entsprechend, demnächst dort eine Besichtigung statt; Anmeldungen erbeten in der Direktion des Waisenhauses, Tel. B 11-0-14.) Den kleinen großen Künstlern des Gesanges folgte ein anderer kleiner großer Künstler der Rezitation, Johannes 0 b o n y a. Der ungemein talentierte Knabe, dem Wiener Publikum von seiner Wirksamkeit an ersten Wiener Sprechbühnen bekannt und schon heute sehr beliebt, gefiel auch im „Union-Klub" als launiger kleiner Conferencier und ausgezeichneter Vortragender von hübschen Gedichten sehr. Mit lebhaftem berechtigten Beifall bedacht wurden auch der stimmgewaltige Konzertsänger Rudolf Herbert, von Adolf Brenner begleitet, und die entzückende junge Tänzerin der Wiener Staatsoper Alice Markstein, die ganz reizend Wiener Walzer tanzte. Den Abschluß der erstklassigen Akademie bildete eine sehr heitere Duoszene aus dem Repertoire des „ABC im Regenbogen". Es war ein genußreicher Abend. Erwähneiii wir noch die schön arrangierten Bridgetees am Donnerstag nachmittags und Samstag abends, dann schießt sich der Kreis um ein überaus reichhaltiges Monatsprogramm des „Union- Klubs". Das Schicksal der jüdischen Arbeitslosen. Von Dr. A. Schmer 1er. Seit Jahren tragen viele Tausende jüdischer Menschen das Leid und die Sorgen der Erwerbs- und Arbeitslosigkeit, fügen sich dem Unvermeidlichen und warten täglich und stündlich auf die erlösende Kraft der Gerechtigkeit und Menschlichkeit und auf die Wiederaufnahme in die Wirtschaft. Seit Jahren keine Stellung für die jüdischen Angestellten, keine Betätigung für den handwerklichen Gehilfen und auch keine Arbeit für die ungelernten Arbeiter. Die jüdische Arbeitslosigkeit in ihrer Dauer und Massenerscheinung wirkt vernichtend wie eine Dampfwalze und nimmt keine Rücksicht auf Alter, Schicht, Stand und Geschlecht. Der wirtschaftliche Boden wankt und bricht zusammen: Der Querschnitt des sozialen Lebens der jüdischen Arbeits- und Erwerbslosen zeigt bedenklich die Verzweiflung der ohne Brot dastehenden Gewerbetreibenden und Kaufleute, die Ratlosigkeit der abgebauten jüdischen Handelsangestellten und Beamten mit ihren Sorgen für den Unterhalt ihrer Familien, die dumpfe Resignation der vom Hunger gemarterten jüdischen Arbeitslosen, den Abstieg und das Sinken in die Tiefen der Vernichtung der wertvollen jüdischen Intellektuellen und Graduierten mit allen ihren nach schwerer Arbeit an den Hochschulen erlangten Titeln, die Verarmung des Mittelstandes, die Berufsnot der Jugend, das Lockerwerden des Familienlebens. Jeder Einzelfall eine Tragödie menschlichen, sozialen und familären Schicksals: Drehende und vollzogene Delogierungen infolge Nichtaufbringung des Mietzinses, Machtlosigkeit in Krankheitsfällen der engsten Familienangehörigen angesichts der Unmöglichkeit der entgeltlichen Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe oder notwendiger Arzneimittel. Versatzzettel des letzten „Vermögenssrtickes" (Schirm, Aktentasche) zur Stillung des Hungers der dahinsiechenden alten Eltern, verkaufte Zahngebisse zur Ermöglichung des Unterhaltes für Frau und Kinder, jahrelanges Nichtzusammenwohnen vieler Eltern mit ihren unmündigen Kindern infolge Obdachlosigkeit und Brotlosigkeit. * * Die Stunde der Prüfung trat an die jüdische Gesamtheit heran und traf eine passive, apathische Generation ohne Klarblick in die Gegenwart und Zukunft, ohne Einfühlungsvermögen in die Nöte und Leiden der vom Schicksal gepeinigten ■ und gedrückten jüdischen Menschen, ohne Kraft des Hineindenkens in die vordringliche, über Sein und Nichtsein entscheidende Frage der Arbeit. ,.y Ist doch Arbeit nicht nur die wirtschaftliche <}runalage zur Hintanhaltung der Verelendung .und des Unterganges, sondern bedeutet .auch, was wirtschäfts- und rechtspolitisch von größer Wichtigkeit ist, die Möglicnketf.der Einstellung in den Dienst der Produktion und d.er Teilnahme am Auf- und Ausbau der Gesamtwirtschaft. Aus diesem Gesichtspunkte darf man nicht die Augen vor den Gefahren der Nichteinordnung der jüdischen Arbeitslosen in den wirtschaftlichen Prozeß verschließen und ihnen dadurch die Teilnahme an der neuen Wirtschaftsordnung unmöglich machen. Jüdische Arbeitslose, die sich zur Unterordnung und Bescheidung, Disziplin und Ausdauer in der Arbeit bekennen, haben ein Recht auf Arbeit und werktätige Teilnahme an der neuen Wirtschaftsordnung. Issels stln-llüsu WIEN II.. Pralerslraöe 33 Telephon D 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten. Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Die jüdische Unternehmerschaft, die unbekümmert und ohne Sorge um das Schicksal der jüdischen Arbeitslosen ist, trägt zu einer sehr gefährlichen und sehr bedenklichen Selbstausschaltung des jüdischen Menschen aus dem Wirtschaftsprozeß mit allen ihren schrecklichen Folgerscheimmgen der selbstverursachten Minderbewertung, Atinderberechtigur.g und Selbstvernicht'.ing bei. Bei gu*em Willen gibt es noch Möglichkeiten der Auchbeschäftigung jüdischer Arbeitsloser, die arbeiten wollen, um sich und ihre Angehörigen wenigstens vor der ärgsten Not zu schützen Es gilt, den jüdischen Arbeitslosen einen Ausweg aus der Net zu erschließen. Werktätige Hilfe ist daher dringend notwendig. Mehr Klarsicht, mehr Mitgefühl! * * Jüdische Unternehmer, fordert den Bedarf an Angestellten und Arbeitern aller Kategorien beim Verein für untntgell liehen Arbeitsnachweis, I., Kohlmessergasse Nr. 4, Tel. ü 27-0-65 an. Friedhof jüdischer Märtyrer in Wilna aufgefunden. Bei Ausführung von Grabungsarbeiten auf einem alten Platz in Wilna wurden Steine gefunden, die jüdische Inschriften trugen. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus,, daß es sich um. das Territorium eines alten jüdischen Friedhofs handelt, auf dem Pogrom-Märtyrer bestattet wurden. Die Steine trugen die. Jahreszahl 5517 (1757 der. .christlichen Zeitrechnung). Damals ging eine Welle blutigster antijüdischer Unruhen durch ganz .Polen. GROSSFLEISCHHAUEREI flEGH. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE» XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant fflr Heilanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Eine unerhörte Blasphemie. „Der Stürme r", das „Deutsche Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit", dessen Auflage derzeit 486.000 Exemplare beträgt, schreibt in seiner letzten Nummer unter dem Titel „Oberhirtüche Erklärung" und dem Motto: „Also sprach Jesus Christus: Ihr Heuchler, die ihr nicht seht den Balken im eigenen Auge" folgendes: „. . . Vor kurzem wurde in Deutschland von bischöflicher Seite eine oberhirtliche Erklärung gegen den Eintritt der Jugend in das Hitler-Jungvolk hinausgegeben. Darin heißt es unter anderem: „Die Gefahr ist groß, daß die Kinder dem katholischen Glauben und dem christlichen Leben entfremdet werden . . . Wollten katholische Eltern ihre Kinder der Leitung solcher Personen anvertrauen, so würden sie wegen religiöser Gefährdung ihrer Kinder schwere Verantwortung vor Gott auf sich laden. In jedem Falle ist es Pflicht der Eltern, ihre Kinder nur in solche Verbände zu schicken, in denen die religiöse Ueberzeuguirg geachtet und die sittliche Reinheit der Kinder nicht bedroht isit . . ." Der Stürmer will diesen verleumderischen Herren einmal sagen, wie die oberhirtliche Warnung hätte lauten müssen, wenn sie getragen wäre von der Verantwortung vor Gott und der Sorge um das Seelenheil der Kinder. Die Warnung hätte lauten müssen: Warnung! Aus -den verschiedensten Gegenden des Reiches werden immer wieder Fälle bekannt, die der Oeffentlichkeit zeigen, daß es Geistliche gibt, die ihr seelsorgerisches Amt in der schändlichsten und gotteslästerlichsten Weise mißbrauchen!. Vielleicht handeln diese Unglücklichen aus einer bestimmten sexuellen Bedrängnis heraus, das aber spricht sie von der Verantwortung und von der Schuld nicht frei. Denn ungeheuerlich sind die Verheerungen, die sie in der Kinderseele anrichten. Schwere kriminelle Verbrechen im späteren Leben, widernatürliche Unzucht, Verlogenheit, Verrat und Treulosigkeit sind meist die Folgen des Verderbs der Kindesseele. Darum ergeht die ernste Warnung an die deutsche Elternschaft, sich gewissenhaft zu überlegen, wem sie ihre Kinder anvertrauen. Sie tragen damit eine schwere Verantwortung vor Gott und vor ihrem eigenen Gewissen. Insbesondere aber haben die deutschen Eltern darauf zu achten, daß die sittliche Reinheit ihrer Kinder nicht durch den erbärmlichen Mißbrauch der Religion und des seelsorgerischen Amtes gefährdet oder gar vernichtet wird." Nürnberger Gesetze— ein »Argument' für deutsche Kolonien. Major Schnoeckel, Hauptstellenleiter des Kolonialpolitischen Amtes der NSDAP., hat in der „Deu tsch en KoloniaIzei t u ng" ein neues Argument zugunsten der Rückgabe der Kolonien .an Deutschland gefunden: es sind die Nürn^ berger Rassengesetze. Wörtlich: „Mit dem sprichwörtlichen Zusammenbruch der Kolonialschuldlüge hat das zusammengepferchte deutsche Volk ein doppeltes Recht, sein Eigentum , — die ehemaligen deutschen Kolonien .—. zurückzufordern. Anstatt dessen versucht die Uebersee- und Auslandspresse, soweit sie deutschunfreundlich eingestellt isft, durch herbeigezerrte Argumente eine Rückforderung unserer Kolonien im Keime zu ersticken. Deutschland ist, so heißt es. jetzt, nach Einführung, der neuen Rassegesetze und

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