Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 23 (29.5.1936)
- Date
- 1936-05-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT des Arierparagraphen nicht mehr in der Lage, Eingeborene im Sinne der Mandatsstatuten zu erziehen. Wieder einmal ist das Dritte Reich, teils ohne, teils mit Absicht, mißverstanden worden. Gerade die neuen Rassegesetze mit ihrer Bestimmung, jedem Volkstum, unabhängig Von der Zugehörigkeit zur Farbe oder Religion, gerecht zu werden, versetzen das Dritte Reich in die Lage, unserer Traditionen in Kolonien folgen zu kön_ nen." Man fragt sich, für wen ein solcher Zynismus wohl berechnet sein mag . . . „Wind aus den Segeln nehmen." Die Schlagworte, die in der letzten Zeit da und dort aufgetaucht sind, weil dieser oder jener ehemalige Politiker sie für besonders zugkräftig hält oder weil manche Ahnungslosen glauben, man müsse den Nationalsozialisten den „Wind aus den Segeln" nehmen, richten in manchen Gemütern eine bedauerliche Verwirrung an. Da ist zum Beispiel in dem Abendblatt der ,.G razer Tagespost" vom 5. Mai folgendes Inserat erschienen: Um Mißverständnissen zu begegnen, bitten wir alle Interessenten zur Kenntnis zu nehmen, daß wir seit jeher keine Ausländer, sondern österreichische Staatsbürger röm.-kath. Religion sind. Alois und Elise- W. Alleininhaber der Gastwirtschaft N. N. und der Firma W.-Weine. Dürfen Ausländer in Oesterreich keine Gastwirtschaft betreiben? Ist für das Ansehen eines Gewerbetreibenden seine Religion und seine Staatszugehörigkeit entscheidend, oder die Anständigkeit seiner Geschäftsführung und die Qualität der von ihm feilgebotenen Waren? Natürlich steht es jedermann frei, im Rahmen der bestehenden Gesetze zu inserieren, was ihm beliebt, aber es muß dafür gesorgt werden, daß niemand in dem Irrtum befangen bleiben kann, es sei unerläßlich, Inserate, wie das obenstehende, in Zeitungen einzurücken. Überfalle auf Juden in Lemberg. In der .Nacht zum Sonntag, den 24. Mai, wurden in Lemberg neuerdings zwei blutige Ueberfälle auf Juden verübt, ohne daß die Täter gefaßt worden wären. In der Vorstadt Ksziwtszice überfielen Huligans den jungen Juden Chaim Tatenberg, der mit seiner Braut spazieren ging, schlugen ihn und verwundeten ihn durch Messerstiche, bis er bewußtlos zu Boden sank. Als die Braut zu schreien versuchte, um Passanten aufmerksam zu machen, überfielen die Huligans auch sie, schlugen sie nieder und flüchteten. Der zweite Ueberfall ereignete sich in der Ramagawicza-Gasse in der Nähe des Polnischen Akademischen Hauses, wo unbekannte Huligans den Juden David Brecheisen überfielen und schwer verwundeten. Der Ueberfallene mußte ins Spitai überführt werden. Neudeutscbes Theater. Ein judenhetzerisches Stück „Rothschild siegt bei Waterloo" von Wolfgang Möllers geht jetzt über mehrere deutsche Bühnen. Ueber den Inhalt desselben berichtet das Prager Henlein- Organ „Die Zeit": Das Schauspiel Wolfgang Möllers, das anläßlich der Münchener Festwochen in den Kammerspielen aufgeführt wurde, dramatisiert jene Fabel über den geldgierigen Rothschild, der nach der Schlacht bei Waterloo mit Windesschnelle über den Kanal nach London eilte, um dort durch die falsche Nachricht vom Siege Napoleons riesenhafte Geschäfte zu machen. Es stellt in scharf gehaltenen Szenen den parasitären Menschen dar, der die kriegerische Auseinandersetzung heroischer Mächte zu persönlicher Bereicherung benützt. In diesem Sinne schildert es den unstaatlichen Menschen katexochen." Die englische Presse hat anläßlich der Aufführung1 des1 Stückes festgestellt, daß die Fabel desselben historische Begebenheiten in das Gegenteil umfälscht. In Deutschland studierende junge Engländer haben kürzlich in einer öffentlichen Diskussion dem Verfasser diese,historischen Fälschungen! zum Vorwurf gemacht Nr. 23 — 29. Mai 1936 Qemeindedkronik. „Der Tag des guten Willens" wurde am vergangenen Montag durch Ansprachen im Wiener Radio gefeiert. Es sprachen Frau Bürgermeister Josefine Schmitz, die an die Oesterreicherinnen den Appell richtete, im Herzen ihrer Kinder den starken Willen zu gemeinsamer friedlicher Arbeit aller Völker und Menschen, die eines guten Willens sind, zu erziehen. Frau Bundesstaatlicher Fürsorgerat Ottilie Politzer schilderte die Entstehungsgeschichte dieses Weitfeiertages, verkündete die diesjährige Botschaft der Kinder von Wales und die österreichische Antwort darauf und schloß ihre gehaltvolle Rede mit der Hoffnung auf die baldige Erringung jener geistigen und seelischen Höhe, auf der alle erkennen, daß sie nur Kinder eines Gottes sind, der sie alle mit gleicher Liebe umfaßt. Es sprach noch der Direktor des American Institute of Education D eng ler. Die Trauersitzung des Verbandes von Wohlfahrtsvereinen- „Weibliche Fürsorge" für Marianne Hainisch, seine Mitbegründerin und Ehrenvorsitzende seiner konstituierenden Versammlung, fand Sonntag, den 24. Mai, vormittags, im Hause der Wohltätigkeit, IX., Sensengasse 5, unter dem Vorsitze seiner Vizepräsidentin Hermine Kadi'sch statt. Unter den zahlreichen Anwesenden befanden sich Altbundespräsident Dr. Michael Hainisch mit vielen Familienangehörigen, ferner Staatsrat, Präsident der Kultusgemeinde, Dr. Desider Friedmann, Bundeskulturrat Hofrat Frankfurt e r, die Präsidentinnen Generaldirektor Marie Hoheisel, Stella Oppenheim, Sofie Orünfeld, Else Federn, Theddy Bloch- Bauer und die Präsidentinnen sämtlicher der „Weiblichen Fürsorge" angeschlossenen Vereine. Pension Ädria, Abbazia Kleine Familien-Pension mit flieBendem Kaltu. Warmwasser. Zentrale Lage, nächste Nähe von Kurpark und Bäder. Zimmer mit und ohne Verpflegung' bei sorgfältigster Bedienung und billigsten Preisen. Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d hielt die Trauerrede, in der er zunächst seinem Bedauern Ausdruck gab, daß die Präsidentin der „Weiblichen Fürsorge" Frau Regine U 1 rn a n n, „eine jüdische Marianne Hainisch", durch ein schmerzliches Ereignis in ihrer Familie am Erscheinen verhindert sei. In seiner gehaltvollen Rede bot Dr. Grunwald ein ausgezeichnetes Bild der gesamten Frauenbewegung, an deren Beginn das Judentum mit der leider zu wenig bekannten Stelle im vierten Buche Moses von den Töchtern des Zapthorah steht. Die Vorzüge von Marianne Hainisch, die vor allem auch in der Bescheidenheit ihrer Ansprüche für die Frau und in ihrem Verständnis für das Maß des Erreichbaren bestanden, wurden in glänzender Weise auseinandergesetzt. Der Redner verschwieg nicht, daß in den letzten Jahren Marianne Hainisch erleben mußte, daß in manchen Ländern Europas düstere Wolken ihr Lebenswerk vorübergehend zu umschatten drohten. Aber mit dem Optimismus der Oesterreicherin hat diese bedeutende Frau, die durchdringenden Verstand, Weitblick für die Zukunft, männliche Energie und weibliche Güte in sich vereinigte, an einer schöneren Zukunft nicht verzweifelt. Die Schlußworte von Gr. Grunwalds feuriger Rede klangen in den Ruf aus: „In deinem Lager war Oesterreich!" Tiefe Ergriffenheit hatte sich der Versammlung bemächtigt. Hierauf sprach die ausge- D«r Verein „0STERR. SEEHOSPIZ IN GRADO" Präsidentin SOFIE GRÜNFELD) sendet An f an ff Juli zarte, anämische, zu Katarrhen neigende jüdische Schulkinder im Alter von 7—13 Jahren, unter ärztlicher und pädagogischer Anfsicht, in sein eigenes Heim nach Grado '.Italien). Ein 30tagiger Aufenthalt am Meer, bei 5 Mahlzeiten (rituelle Küche) kostet S 5.— täglich. Der seit *+ Jahren bestehende Verein „FERIENHEIM" (Präsidentin SOFIE GRÜNFELD), entsendet auch heuer, wahrend der Sommermonate, erholungsbedürftige jüdische Schulkinder im Alter von 7—13 Jahren in sein eigene* ..Sofia Grilnfald-Farlanhalm" in Bad Vüslau. Verpflegunjrskostenbeitrag bei 5 Mahlzeiten (rituelle Küche) und ärztlicher und pädagogischer Aufsicht S 3.— täglich. Freiplätze in beschränkter Anzahl an Vollwaisen. Anmeldung im Vereinsbüro IX., Türkenstraße 17, von 10—13 Uhr, Telephon R S1-5-63 beste 7 i Schmfickung von Grüften LI and Ordnern III LeopoldDeutschJienXl. ^IPi\ einzige jüdische Gärtnerei beim §g|M§L Zetitraliriedliof I. Tor, Tel. ü 13-0-40 Zentralfriedhof IV. Tor, Tel- U 17-0-08 ipilp Eigene Kulturen zeichnete junge Künstlerin Emmi N e u in a n n eine ebenso zündende als tiefgründige Trauerode der bekannten Dichterin Dr. Thekla M e r w i n, deren Schiuliworte allen ins Herz drangen: „Und wird es noch so spat, der Enkel erntet, was die Ahnin sät. Erfülltes Leben, das zu Grabe sank, wir bleiben Geist von deinem Geist. Hab' Dank!" Hierauf drückte der Altbundespräsident dem Vorstand der „Weiblichen Fürsorge" sowie Herrn Rabbiner Dr. Grunwald, der Dichterin und der jungen Vortragenden seinen bewegten Dank für die würdige Trauerfeier für seine verewigte Mutter aus. Todesfall. Am 20. d. M. ist der in der Leopoldstadt bekannte und beliebte Tischlermeister Herr Julius Feldstein im 70. Lebensjahr plötzlich gestorben. Am 22. d. M. fand das Leichenbegängnis unfer großer Beteiligung am Zentralfriedhof, IV. Tor, statt. Oberrabbiner Dr. T a g 1 i c h t hielt dem Verblichenen einen ergreifenden Nachruf. Im Namen des Vereines der Gewerbetreibenden und der zahlreicher. Freunde sprach tief gerührt Herr Rudolf F r e i w i r t h herzinnige Abschiedswone. Im Namen des Bundes jüdischer Frontsoldaten sprach der Leopoldstädter Bezirksführer Herr Otto S c h a ifer. Am offenen Grabe hielt tief bewegt Herr Eduard Hotmann im Namen des Vereines Montefiore einen Nachruf. Oberkantor Funke mit dem Chor sangen die Trauergebete. An der Bahre trauern die Witwe, fünf Söhne und eine Tochter. „Einheit". Am 24. Mai fand die 20. ordentliche Generalversammlung unter dem Vorsitze des geschäftsfiihrenden Präsidenten, Herrn Geza K I i n g e r, statt. Die Isr. Kultusgemeinde war vertreten durch den Obmann der Fürsorgezentrale, Herrn Dr. Leo Landau, die Adas Jisroel durch Herrn Richter, die Agudas Jisroel durch Herrn Wolf Pappenheim, die „Union österreichischer Juden" und die „Wahrheit" durch Herrn H i r s c h f e I d, der Krankenverein durch Herrn Frommer, die „Allianz" durch Herrn Dr. Armand K am i n k a, die Chewra Kadischa durch Herrn Franz D e n e s. die Bundesführung der jüdischen Frontsoldaten durch Herrn Hauptmann i. d. R. Alfred M a v und dem Bezirksführer der Ortsgruppe Leopoldstadt Herrn Otto Schaffer, der Frauenverein des XX. Bezirkes durch Frau Olga Friedmann. Verschiedene andere Körperschaften entsandten Delegierte. Vor Eingang in die Tagesordnung widmet der Vorsitzende den iii den letzten Verwaltungsjahren verschiedenen Herren des Vorstandes, u. zw. Herrn Dr. Paul R a u m a n n und Obmann Herrn Moritz Felsenburg, sowie dem Revisor Jakob Stern Worte des Gedenkens. Er berichtet, daß er über Veranlassung des seinerzeit erkrankt gewesenen Herrn Moritz Felsenburg im Juli 1935 die Leitung der „Einheit" übernommen habe. Seinen Bemühungen ist es gelungen, sowohl von der Kultusgemeinde als auch von der Adas Jisroel eine außerordentliche Zuwendung zu erlangen und der „Einheit" aus der großen Bedrängnis, in der sie damals war, herauszuhelfen. Er berichtet, daß die „Einheit" ein kostenloses Nachtmahl für 70 Personen eingeführt habe und daß sie am Samstag den von der Kultusgemeinde-Aktion zugewiesenen Personen unentgeltlich Fleisch verabreicht. Sodann wird über die Tätigkeit in den Verwaltungsjahren 1933/35 berichtet. Sie ist für Hunderte von Menschen, welche die Ungunst der Zeit gezwungen hat in ihre Hallen zu kommen, ein zweites Heim bezüglich des Essens geworden. Sie bietet ihren Besuchern nicht nur billiges, sondern auch gut zubereitetes Essen. Die „Einheit" hat in den vergangenen Jahren ihre Ausspeisungen voll und ganz aufrecht erhalten. Als im Frühjahr 1933 durch die politischen Ereignisse unseres Nachbarlandes unsere Brüder gezwungen wurden, ihr Heim zu verlassen und in großen Massen nach Wien strömten, nahm sie sich ihrer liebevoll an und hat sich sehr bemüht, den Wünschen der einzelnen Flüchtlinge entgegenzukommen. Die Mittelstandsküche erweist sich in dieser Zeit der wirtschaftlichen Not, der Proletarisierung des Mittelstandes, als eine, besondere wichtige Einrichtung. Aber nicht nur allein ist es die Aufgabe der „Einheit", billiges Essen zu geben, sie mußte mehr denn je ihre unentgeltliche Auspeisung erweitern. Denn die „Einheit" hält an der heiligsten Menschenpflicht, den Hunger des Nächsten zu stillen, fest. Und geradezu immens hat die Zahl der um Freitisch Bittenden zugenommen. Und so hat sie eine unentgeltliche Nachtmahlausspeisung eingeführt, damit diese unglücklichen Menschen nictit hungrig zu Bette gehen. Sie hat in der Berichtsperiode 758.237 Portionen gegen Be- Die dieswöchentliche Fest-Nummer wurde bereits am Dienstag hergestellt. Deshalb mußten einige Berichte für die nächste Nummer zurückgestellt werden. Die Redaktion.