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Die Wahrheit · 1936-05-29 · Heft 23 (29.5.1936) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 23 (29.5.1936)
Date
1936-05-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 23 — 29. Mai 1936 Seite 5 Adel des Blutes und des Geistes. Bemerkungen zu den Erinnerungen Fedor von Zobeltitz'. Von Hans M i"; azer. Das Vorkriegspreußen, das Preußen des Drei- "klassenwahlrechts, in dem ein Jude nicht Reserveoffi-;zier werden und es nicht weiter als bis zum Amtsgtiichtsrat bringen konnte, besaß mancherlei Vorzüge auf der anderen Seite, die uns vielleicht jetzt erst richtig zum Bewußtsein kommen. Ordnung und Disziplin, ein unbestechliches Beamten-, ein gerechtes, ohne Ansehen der Partei und der Herkunft urteilendes Richtertum, also eine hundertprozentige Rechtssicherheit, die für un» Juden von ausschlaggebender Bedeutung war, bildeten die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg der preußischen Judenheit. Der Adel, der in diesem Preußen einen maßgebenden Einfluß besaß, war längst nicht so geartet, wie er in der Karikatur des In- und Auslandes erschien. Schon mit dem Krautjunker, dem Ritter von Aehr und Halm, konnten die Juden, wenn sie als Getreide- und Viehhändler, als Versicherungsagenten oder Weinreisende mit ihm zu tun hatten, recht gut auskommen. Manches Band, das in verflossenen Jahrzehnten geknüpft wurde, hat selbst dieser judenfeindlichen Zeit standgehalten. Außerdem gab es aber gerade im preußischen Adel eine solciic Fülle von wissenschaftlich oder künstlerisch bewährten, hochkultivierten und feingeistigen Männern, daß ilire Berührung mit den Juden von gleicher Bildung und geistiger Potenz zu den fruchtbarsten Verbindungen führen mußte. Dies wird einem erst so recht klar, wenn man die Erinnerungen von Fedor v. Zobeltitz liest, die nach seinem Tode unter dem Titel „Ich hab so gern gelebt" im Verlag Ullstein erschienen sind. Man muß wissen, daß das Buch, wie aus mehreren Stellen hervorgeht, nach dem Umsturz zum mindesten vollendet wurde. Es wäre also für den Autor, wenn er ihm eine große Verbreitung sichern wollte, zweckmäßig gewesen, alle seine jüdischen Freundschaften mit Stillschweigen zu übergehen oder sie gar zu leugnen. Nichts von dem. In altpreußischer Art hält Zobeltitz den jüdischen Männern, die mit ihm ein Stück seines Lebensweges gegangen sind, die Treue. Zobeltitz, der aus urältestem Adel stammte, war, wie man weiß, der Autor vielgelesener, immer geschmackvoller Unterhaltungsromane. Er vergißt nun nicht, wenn er den ersten Schriftstellertag 1880 in Weimar beschreibt', Paul Lindau, die damals berühmte Redakteure Julius Stettenheim und Löwenstein und Adolph L'Arronge, den Vorgänger von Brahm und Reinhardt als -Beherrscher der Berliner Bühne, alles Judenstämmlinge, zu erwähnen. Zobeltitz' Hauptverdienste liegen aber auf anderem Gebiete. Wenn der Leser heute ein gedrucktes und schön gebundenes Buch schon für wenig Geld bekommt, so verdankt er das jenen bibliophilen Vereinigungen, in denen Zobeltitz jahrzehntelang eine entscheidende Rolle spielte. Denn vordem gab es in Deutschland nur schauderhaft ausgestattete Bücher, die wir heute nur mit innerer Qual in die Hand nehmen würden. Seinen jüdischen Mitarbeitern auf diesem Gebiete widmet der Autor manch lobendes Wort. Den Leipziger Professor Georg Witkowski (übrigens ein Bruder von Maximilian H a r d e n) nennt er seinen „lieben, alten Freund". Und einen anderen preist er mit folgenden Worten: „Einen Meister durch seine Erfahrungen auf dem Gebiete des wissenschaftlichen Antiquariats habe ich mir zum Freunde gewinnen können: Martin Breslauer . . . Immer konnte er mir kluge Ratschläge geben und in mir den bibliophilen Spürsinn wecken, eine Eigenschaft, die für den Bibliophilen genau so notwendg ist wie für den Jägersmann . . . Gerade als Entdecker war Breslauer groß ... Ich könnte die Beispiele verhundertfachen, möchte aber nur von Breslauers jüngst erfolgter Auffindung einer unvergleichlich kostbaren Bibliothek Napoleon I. reden. Mit dem Forscher und Händler verbindet sich eine höchst eigenartige Persönlichkeit, von nicht immer alltäglicher Bequemlichkeit, aber unantastbar von Charakter, ein Freund, wie der Bibliophile ihn brauch t." Man spürt förmlich, für wre viel genußreiche, mit Breslauer verbrachte Stunden der Verfasser seinen Dank abstatten will. Dem Buche würde man aber Unrecht tun, wenn man nicht betonen wollte, daß es keineswegs nur von Büchern und Schriftstellern handelt. Es enthält vielmehr sehr lebendige Schilderungen aus der Kindheitszeit des Dichters, die er auf einem märkischen Gut verbracht hat, aus seiner Kadetten- und der kurzen Mihtärlaufbahn, sowie manche wissenswerte Reisefrüchte. Eine Weltreise hat er auf einem Schiff der „Hapag" gemacht und die Schilderungdieser Fahrt nimmt er zum Anlaß, um dem Schöpfer der „Hapag", dem, wie er sagt, „genialen Albert B a 11 i n" ehrende Worte zu widmen. Ganz besonders lebendig ersteht aber das alte Berlin vor unseren Augen, in dem so viele bedeutende jüdische Männer wirkten und mit dessen Aufstieg zur Weltstadt so viele jüdische Namen verknüpft sind. Pension nnd Restaurant TAUBER, Anbazia Erstklassige orth. koschere Küche, Zimmer mit jedem Komfort, volle Pension von 25 Lire aufw. 12. d. M. sprach Dir. Johann L ic h t e res te i n über „Alfred Nobel, der Mensch, seine Stiftung und deren jüdische Preisträger", am 20. d. M. der Ehrenpräsident der „Union", Herr Dr. Jakob 0 r nstein, über „Jüdische Geschichte der drei letzten Jahrhunderte" nach dem Buche von Dr. Franz K o b 1 e r. „Juden und Judentum in deutschen Briefen". In anschaulicher Weise ließ Dir. Johann Lichtenstein in seinem ausgezeichneten Vortrage ein Bild der hervorragenden Persönlichkeit und des gewaltigen Schaffens Alfred Nobels erstehen, legte die Motive dar, die diesen großen Freund der Menschheit zur Schaffung seiner berühmten Stiftung rührten, und charakterisierte schließlich das Wirken der zwanzig Nobelpreisträger jüdischer Abstammung, die sich unter den 183 bisher mit dieser grandiosen Ehrung bedachten Gelehrten und Schriftstallern befinden. Der Referent unterstrich namentlich den großen Anteil von Juden an den Nobelpreisträgern aus dem deutschen Kulturkreise und steinte im einem überaus wirkungsvollen Schlußworte dieser Mitarbeit von Juden an der deutschen Weltgeltung die infame Behandlung gegenüber, die im Dritten Reiche deutsch-jüdische Gelehrte und Wissenschaftler finden. — Man kennt die Gediegenheit und Gründlichkeit der Vorträge des verdienstvollen Ehrenpräsidenten der „Union", Herrn Dr. Jakob Ornstein. Auch sein erster Vortrag im neuen Heime der „Union" war ausgezeichnet durch diese markanten Eigenschaften des allseits hochgeschätzten Ab 4. MLA1 TUCIMÄUS TABAK, i., saizgries Nr. * alle Preise HCl reduziert f Original englische und französische Damen- und Herrenstof e Man liest, wie der gajize weibliche Teil des königlichen Hofes bei Gerson seine Kleider •arbeiten ließ, wobei die- Kö^gin Augusta (die Gattin König Wilhelm I.) natürlich nicht selbst zur AnproOe eerschien, sondern durch eineJProbierdame von gleichem Wuchs vertreten war, die dann immer zugleich mit der Königin zu- und abnehmen mußte. Aber auch die Schauspielerinnen ließen, natürlich bei Gerson arbeiten, so daß man nie recht wußte, richtet sich die Bühne nach dem Hof oder der Hof nach der Bühne. Wie Emil R a t h e n a u, der Gründer der A. E. G., den Berlinern gegen den Widerstand mancher Behörde allmählich das Telephon aufzwang, wird sehr spaßig beschrieben. Von Berliner Geist, der/ Atmosphäre der großzügigen Arbeit und des großzügigen Vergnügens, von der freien, hellen, klaren, vernünftigen Anschauung seiner Bewohner, von seiner Bildurigs-, seiner Wohnungskultur ist sehr viel in diesem Buche zu spüren. Was verdanken wir Juden nicht alles diesem Berliner Geist, in dem allein ein Max Liebe r nf a n n, ein Walter R at h e n a u gedeihen konnten. "Nur von ihm aus sind die Erinnerungen des Fedor v.i Zobeltitz, der ja seine besten Mannesjahre innerhalb. Berlins verbracht hat, zu verstehen. Trost und Balsam'ist dieses Buch für unsere wunden Herzen. Der „Union-Klub ts 99 der Klub der Mitglieder und Freunde der „Union österreichischer Juden", hat in der kurzen Zeit seinies Bestandes in dem neuen prächtigen Heime am Schottenring 25 bewiesen, daß seine Gründung nicht nur den Wünschen zahlreicher Angehöriger und Anhänger der „Union" entsprach, sondern daß dieser Klub auch geeignet ist, neue Kreise der „Union" zuzuführen. Tatsächlich konnte man bei den verschiedenen Veranstaltungen kultureller und geselliger Art, die in dem nun zu Ende gehenden Monat im neuen schönten Klubheime stattfanden, feststellen, daß sowohl die an diesem geistigen und gesellschaftlichen Ausbau der „Union" interessierten Mitglieder sich regelmäßig einfanden, als auch bisher dieser Organisation Ferngestandene wiederholt zu diesen Veranstaltungen kamen und, was das Wichtigste ist, Gefallen an ihnen fanden. Dies nimmt nicht Wunder, wenn man die hingebungsvolle Art kennen zu iernetii Gelegenheit hat, mit der alle Veranstaltungen des „Union-Klubs" vorbereitet werden. Namentlich ist in dieser Hinsicht neben der emsigen Tätigkeit der Klubleitung die Mitarbeit der Damen des „Union-Frauen-Klubs" lobend zu erwähnen, die, unter der umsichtigen Leitung ihrer PräsSdentin,; Frau Stella Oppenheim, stehend, für jede/Veranstaltung, welcher Art immer sie sei, ihre ganze Kraft in den Dienst der Sache stellen. . Schon diese Gewissenhaftigkeit der Vorbereitung wie auch die Gediegenheit alter Veranstaltungen selbst würde eine; eingehende Würdigung dieser schönen Abende jgerecbtfertigt erscheinen lassen. Raummangel verbietet uns eine solche der Erstklassigkeit des Gebotenen entsprechende Berichterstattung. Und so" sei im folgenden nur eine kursorische Aufzählung <ler Veranstaltungen im Monat Mai geboten und lijit wenigen Worten ihre Vorzüghchkeit charakteri^ert Im abgelaufenen Morjat fanden zwei ausgezeichnet besuchte Vortragsabende statt. Am Vortragenden, dessen fast zweistündiges Referat von den Zuhörern mit reichem Beifall aufgenommen wurde. Das gediegene Buch von Dr. Franz Kobler, dessen Kenntnis jedem an jüdischen Dingen nur einigermaßen Interessierten unbedingt empfohlen werden muß, bot Dr. Ornstein die Grundlage für sein Referat, in dem er gewissermaßen einen Spaziergang durch die jüdische Geschichte der drei letzten Jahrhunderte unternahm. An besonderen Marksteinen dieser schicksalsschweren Perioden verweilte er und mit ihm der gespannte Zuhörer in eifrigem Betrachten. Die hervorragenden Persönlichkeiten, die an diesen Höhepunkten vergangener Tage wirkten, wurden anschaulich charakterisiert, insbesondere Baruch Spinoza, Moses Mendelssohn und Samuel Oppenheim er fanden eine liebevolle ausgezeichnete Würdigung durch den Vortragenden, der Persönlichkeit und Schaffen dieser jüdischen Heroen dem Publikum mit viel Wärme vor Augen führte. Sehr würdig verlief eine vom „Union-Frauen- Klub" veranstaltete Gedenkfeier für Frau Marianne Hainisch. Eingeleitet und abgeschlossen wurde sie durch virtuose Vorträge des Galimir- Quartetts. Die Präsidentin des „Union-Frauen- Klubs", Frau Stella Oppenheim, pries in ihrer Gedenkrede die Verewigte als Frau, die mit ihrer großen Liebe alle Menschen umfaßte und daher keinen Rassen- und Glaubensunterschied kannte, welche edle Denkungsart sie wiederhoW bedrängten Juden gegenüber bewies. Frau Eugenie Werner rezitierte meisterhaft Gedichte, die der Stimmung dieser schönen Erinnerungsstunde an eine große Tote entsprachen. Sehr wirksamwaT die Trauerrede von Frau Dr. Rosa Feri, die mit viel persönlicher Wärme das Wfrken der Verblichenen schilderte. Das zahlreiche Publikum, unter dem sich viele Damen der Schwestemverehrigongen der B.-B.-Logen „Wien" und „Wahrheit" befanden, war des Lobes voll über diese eindrucksvolle Gedenkfeier. Geradezu erstklassig war der überaus stark QexhmU Zaust buutr Vitmemm- Wien Verlobt*

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