Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 23 (29.5.1936)
- Date
- 1936-05-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064606-3064628--20692-3085964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Nr. 23 — 29. Mai 1936 DIE WAHRHEIT MÖBEL 1 t> Moderne Küchen- Vorzknner- Wohnzlmmar- F. KOHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen. die menschlichen Niedrigkeiten der Natur des Menschen nicht angeboren sind. Sie werden verschwinden, aber der Mensch wird bleiben. Das würden die wirklichen „Weisen von Zion" uns lehren, wenn wir sie hören könnten. Aber wir haben ja unsere Weisen von Zion aus unserem Herzen und unserem Denken gestoßen. Und da kommt nun der Antisemitismus und „erfindet" sie, um uns den Selbstverrat an unseren Weisen ins Gedächtnis zu rufen. Der Antisemitismus ist das große Barometer der Weltlage. Je mehr er wütet, desto schlimmer ist es mit der Welt bestellt Je mehr ein Land bedroht ist, einen um so günstigeren Boden findet dort der Antisemitismus für seäinle krankhafte Entfaltung. Ein vom Antisemitismus angestecktes Volk ist ein vom Untergang bedrohtes Volk. Keine geschichtliche Tatsache widerspricht diesem ehernen Gesetz, das vom Altertum bis auf unsere Tage Geltung hat. Das HiÖertum ist vom obersten Gericht der Geschichte verurteilt! Kurzsichtig ist, wer das heute nicht voraussieht, wo alle geschichtlichen Ereignisse in beschleunigtem Rhythmus ablaufen — so daß die Propheten gar nicht mehr prophezeien müssen. Wenn man die Geschehnisse mit dem unerläßlichen zeitlichen! Abstand prüft, findet man es bestätigt, daß die Geschichte das Gericht Gottes ist. Wie nun wird der Antisemitismus bekämpft, der uns für das allgemeine Elend verantwortlich macht? Bekämpfen wir den Antisemitismus nicht nur auf seinem eigenen Gebiet, auf dem Gebiet der zweck- und endlosen Polemik. Man zerstreut die Finsternis nicht, indem man schreit, daß es dunkel ist, sondern indem man Licht macht Machen wir also Licht — das Licht des Geistes und der Antisemitismus wird vergehen, wie ein bösör Traum. Bekämpfen wir den Antisemitismus, aber auf unserem eigenen Gebiet, auf dem Gebiet der Ideen. Unterrichten die Welt in der Lehre unserer Weisen, und der Antisemitismus wird seinen erschwindelten „Protokollen)" nicht mehr allgemeine Aufmerksamkeit erzwingen können. Haltet mich nicht für einen Träumer! Wohin führt euch eure „Vorsicht und Rücksichtnahme"? Zu unfruchtbarer Zersplitterung. Eure eingestandene oder uneingestandene Furcht macht euch zur leichten Beute des Antisemitismus. Der Antisemit zittert vor dem jüdischen Schreckgespenst und der dem Judentum entfremdete Jude bangt vor dem antisemitischen Schreckgespenst. Die Gespenster jagen einander gegenseitig Furcht ein. Der Antisemitismus; das Barometer der Welt, ist zugleich unser eigenes Barometer. Als sicheres Anzeichen der geistigen Verwirrung der Welt ist er zugleich ein nicht weniger sicheres Anzeichen dafür, wie wir unseren geistigen Schatz im Stiche lassen und uns verblendet gegeneinander kehren. Je mehr der Antisemitismus wütet, desto mehr Wirklichkeit gewinnt unsere geistige Zersplitterung. Also gibt es nur ein einziges wirksames Mittel, den Antisemitismus zu bekämpfen: nämlich sich um unsere heiligste Wahrheit zu scharen, die ein Unterpfand des schHeßlichen Sieges 4er menschlichen Wahrheit ist Ich meine eine konkrete, wirkliche Einigung, nicht eine nur so genannte oder angeblich politische Einigung. Der Antisemitismus ist der negative Beweis für die Solidarität zwischen allen Völkern und Menschen. Er wird bestehen, so lange wir keine gemeinsame Anstrengung machen, um im Alltagsleben den positiven Beweis dieser Solidarität in die Tat umzusetzen. Aueh der Geist ist dem Rhythmus des Lebens unterworfen; wenn er nicht aufbaut zerstört er. Sertenfieim ivi fMw 3-4l*J41firige Schloß '&riselberg, Neustift bei Scheibbs.'^N.-Oest.-, herrliche Lage' vorzügliche Kost, Arzt im Heim. Mäßige Preise. JCOIC &&4^lmtt>, Montessori^ehrena ' Tel. A 48-3-89, IL, Qr. Schiffgasse 5 Die „Neue Welt" entdeckt jüdische Ärzteyerschwörung. Die „Neue Welt" entrüstete sich kürzlich mit Recht darüber, daß die Antisemiten mit der verleumderischen Aufdeckung „jüdischer Verschwörungen"^ la „Weisen von Zion" arbeiten. Sie zitiert aus dem „Oesterreichischen Gewerbebund" die blitzdumme „Enthüllung": „Es gibt einen Ring jüdischer Aerzte, welche sich ehrenwörtlich gelobt haben, ihre, natürlich auch alle arischen Patienten, nur jüdischen Fachärzten zuzuweisen ..." Sehr richtig bemerkt zu diesem Unsinn das Judenstaatspartei-Blatt: „Unbedenklich und ohne den Schatten eines Beweises werden die jüdischen Aerzte Oesterreichs einer „Verschwörung" beschuldigt und zum Gegenstand einer gefährlichen Verhetzung gemacht. Hier kann nicht mehr von einer Annäherung an das reichsdeutsche Muster gesprochen werden. Hier ist das Hakenkreuzmuster erreicht." Merkwürdigerweise ist dieses Muster aber auch noch anderswo erreicht, und zwar an einei Stelle, wo man es viel weniger vermuten würde, nämlich in derselben Nummer der „Neuen Welt". Während in deren politischem Teil (auf Seite 3) obige Anprangerung antisemitischer Verleumder „auf Hitlers Spuren" Raum findet, darf im Feuilleton (auf Seite 7) ein Ben Jehuda (Tel- Aviv) ohne Erröten denselben Spuren folgen: In Tel-Aviv .angekommen, spazierte ich durch die Straßen und bemerkte, daß aHe Häuser mit Aerzteschildern bedeckt waren. Ueberau Aerzte und Äerate! Wovon leben sie?"Wovon ernähren Sie sich? „Die Kinder Israels," antwortete mir ein Tel- ,fjAviver auf meine Frage, „leben einer von;, dem anderen." Ich verstand nicht, wie dieser Satz auf die Aerzte anzuwenden sei, bis ein Zufäll mir die Lösung . brachte. Wie sieht nun diese Lösung aus? Der Feuilletonist erzählt, daß er eines Tages mit unerträglichen Kopfschmerzen vom Schlaf erwacht sei. Darauf schildert er, wie ihn die jüdischen Aerzte systematisch ausplündern, indem ihn einer für teures Geld zum andern schickt: Ein Spezialist zum Bakteriologen und Röntgenologen, ein Apotheker wieder zu einem Arzt, der dem Patienten ein Mittel verschreibt, das zwar den Kopfschmerz, heilt, aber dafür Hautjucken verursacht. Ein weiterer Aeskulap-Jünger vertreibt das Jucken mit einem Medikament, das heftige Bauchkrämpfe bewirkt So fällt das Opfer einer zielbewußten Aerzteverschwörung noch einer ganzen Reihe von Heilkünstlern in die beutegierigen Hände, bis sein Hausherr, der kein Mediziner ist, den Kranken mit einem einfachen Hausmittel radikal kuriert Leider scheint der Bedauernswerte das Feuilleton schon vorher geschrieben zu haben, denn die geistlose T Verhöhnung akademisch gebildeter Flüchtlinge, die ein grausames Schicksal zwingt, sich fern, der deutschen Heimat eine neue Existenz aufzubauen, ist nur durch einen pathologischen Zustand des Verfassers, der sich im Fieberwahn offenbar für einen Humoristen hielt, entschuldbar. In was für einer Geistesverfassung aber haben sich die Macher der „Neuen Welt" zur Aufnahme dieser aHen Antisemiten hochwillkommenen Ergänzung 4er ™ „Oesterreichischen Gewerbebund" begonnenen Aufdeckung jüdischer Aerztekonspirationen veranlaßt gefühlt? Vielleicht wollten sie dem jüdischen' Aerztekongreß in Tel-Aviv einen sinnigen Gruß aus Wien entbieten. Das ist ihnen sicherlich gelungen. Denn die Art, wie .das Blatt des Vizepräsidenten der Wiener Kultusger meinde die Ehre und das Standesansehen der jüdischen Aerzte „rettet"; inhßte ih; Tel-Aviv bestimmt Aufsehen erregen '. "'. . Herzu. rranenheilbadi Taizmannsdorfj (Bnrgenland) Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäuresprudelbäder.; Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. Zwei rituelle Re-| 5 staurants. — Auskünfte und Prospekte: Generalvertretung; ■ Wien 1., Kohlmarkt 8 Tel. U 25-10+ ■ •Neu: Moorpackungen und Moorkompressen in; allen Apotheken erhältlich.; Spendet für die Errichtung eines Kaiser Franz Josef-Denkmals in Wien! Neu-Oesterreich und zumal Wien gehen daran, die Gestalt des großen Monarchen, der fast sieben Jahrzehnte Habsburgs Thron innehatte und unter dessen Zepter der Staat seine höchste Blüte erreichte, in einem seiner würdigen Denkmal festzuhalten und zu verewigen. In allen Kreisen der Bevölkerung werden zu diesem Zwecke Sammlungen veranstaltet. Das österreichische Judentum wird sich sicherlich dieser ebenso vaterländisch gebotenen, wie historisch begründeten Aktion gerne anschließen. War doch Kaiser Franz Josef der Begründer und Schutzherr der Rechte und Freiheiten des österreichischen Judentums in den schwierigsten Zeitläuften. Um die Dankesschuld den Manen dieses hochherzigen Herrschers gegenüber abzustatten, hat sich im Rahmen des unter dem Ehrenschutze des Herrn Bundespräsidenten und dem Ehrenpräsidium der Regierung stehenden „Vereinigung zur Errichtung eines Kaiser Franz Josef-Denkmals in Wien" ein jüdisches Ehrenkomitee gebildet. Diesem gehören viele prominente Persönlichkeiten des österreichischen Judentums an. Herr Generalmajor Emil Sommer hat sich bereit erklärt, ehrenamtlich alle Agenden zu führen. Beiträge wären auf das Konto der „Vereinigung zur Errichtung eines Franz Josef-Denkmals in Wien" bei der Oesterreichischen Credit-Anstalt —Wiener Bankverein, Zweigstelle Alserstraße, D. 29.648 gefälligst zu erlegen. Oesterreich und die deutschen Flüchtlinge. Entgegenkommende Behandlung nach den Grundsätzen der Menschlichkeit. — Eine Erklärung des Bundeskanzleramtes an der JTA-Vertreter. In einer Meldung des „Prager Tagblattes" wurde mitgeteilt, daß der Hochkommissar für die deutschen Flüchtlinge, Sir Neill Malcolm, für den Monat Juli d. J. eine Regierungskonferenz nach Genf einberufen hat, die sich mit den Fragen der Behandlung der deutschen Flüchtlinge befassen soll', und daß bereits 15 dem Völkerbund angehörende Staaten die Teilnahme an dieser Konferenz zugesagt haben, nur Oesterreich habe abgesagt, obwohl es an Deutschland grenze. Auf eine Anfrage beim Bundeskanzleramt, wie es um diese Angelegenheit in Wirklichkeit steht, erhielt der Wiener JTA-Vertreter folgende offizielle Mitteilung: Der Generalsekretär des Völkerbundes hat die Bundesregierung eingeladen, sich an einer Regierungskonferenz zu beteiligen, die am 2. Juli d. J. auf Grund eines Beschlusses des Völkerbundrates vom 24. Jänner 1936 in Genf zusammentreten soll. Das Außenamt hat diese Einladung anfangs Mai dieses Jahres dahin beantwortet, daß die Bunregieru-nig zwar nicht beabsichtige, sich bei dieser Konferenz vertreten zu lassen, da die dort behandelnden Fragen — namentlich auch wegen der verhältnismäßig geringen Zahl solcher in Oesterreich sich aufhaltenden Flüchtlinge — nicht wesentlich österreichische Interessen berühren. Gleichzeitig wurde aber betont, daß die Bundesregierung die auf österreichischem Gebiet befindlichen Flüchtlinge der verschiedensten Kategorien stets entgegenkommend und nach den Grundsätzen der Menschlichkeit behandelt und sich bemüht hat, im Rahmen des Möglichen ihrer schwierigen Lage Rechnung zu tragen. Nichtsdestoweniger werde die österreichische Regierung die Arbeiten der Konferenz mit; besonderem Interesse verfolgen und ersuche daher, über deren Verlauf und über die Ergebnisse der Beratungen unterrichtet zn werden.. . . ■