Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-05-29 · Heft 23 (29.5.1936) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 23 (29.5.1936)
Date
1936-05-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064628--20690-3085962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Nr. 23 — 29. Mai 1936 DIE WAHRHEIT DIE WA Jeder soll mitarbeiten! Die Eröffnung eines Dollfuß-Heimes in Gänserndorf gab dem Bundeskanzler Dr. S c h u s c hn i g g am Sonntag Anlaß, zum erstenmal als Führer der Vaterländischen Front öffentlich zu sprechen. Er benützte die Gelegenheit, um gewisse Befürchtungen, die sich im Sinne des Schiller-Wortes „Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen" an die jüngst erfolgte Umbildung der österreichischen Regierung geknüpft hatten, zu zerstreuen. Befürchtungen, die durch die Aufdringlichkeit politischer Wirrköpfe genährt wurden, die zwar ihre Gegensätzlichkeit zum Naziturn ständig im Munde führen, gleichzeitig abereine Versöhnung mit diesem Todfeinde der österreichischen Kultur auf Kosten der religiösen Duldsamkeit, die einen wichtigen Punkt des Dollfuß-Programms bildet, für möglich, ja für opportum halten. Diese Leute mokieren sich zwar mit Recht über den vagen Rassebegriff, zu dessen „Klärung" jüngst Alfred Rosenberg den neuesten Tiefsinn beigesteuert hat: „Die Rasse ist die Außenseite der Seele und die Seele ist die Innenseite der Rasse". Aber sie sind, wie die katholische Wochenschrift „Der christliche Ständestaat" vor kurzem tadelnd feststellte, eifrig bemüht, unter Heranziehung katholischer Argumentationen den nationalsozialistischen Antisemitismus nachzuahmen und bezeichnen das als das eigentliche Programm des Märtyrer-Kanziers Dollfuß, obwohl dieser seine prinzipielle Ablehnung des Hakenkreuzes mit seinem Opfertode besiegelt hat. Für Bundeskanzler Dr. Schuschnigg ist es ein Leichtes, diesen Verfälschern des Dollfuß-Vermächtnisses entgegenzutreten. Er tat dies in Gänserndorf mit den Worten „Wenn vom Dollfuß- Programm die Rede ist, dann kann ich ein gewichtiges Wort mitreden, weil ich vom ersten Tag, vom Tag der Uebernahme der Kanzlerschaft Dollfuß, bis -zu seinem Heldentod das Wachsen seiner Idee gesehen und an ihrem Werden teilgenommen habe. Es wird mir daher kaum einer etwas Neues erzählen können über Wesen und Inhalt des Dolliuß-Programmes." Sodann beseitigte der Kanzler einen der von den falschen Propheten geflissentlichst verbreiteten Irrtümer: „Gerade den Jungen möchte ich es in die Seelen schreiben, daß sie dieses Programm nicht als Schlagwort, das zeitgebunden von opportunistischen Erwägungen diktiert ist, aufnehmen, sondern wissen, daß dies das Lebenswerk eines Mannes war, der für diese seine Idee lebte und starb und es uns als Erbe hinterlassen hat." Den Querköpfen, die das Unmögliche planen: Brücken zu schlagen zwischen dem christlichen Ständestaat Oesterreich und dem antichristüchen Dritten Reiche, zwischen einer Staatsmoral, die bewußt und betont auf der Ethik der Bibel fußt, und einer Weltanschauung, die die Bibel als Geistesprodukt minderwertigen Untermenschentums verachtet, wird da die Illusion genommen, daß sie nur vorübergehende Mißverständnisse zu beseitigen brauchen, um die staatliche Selbständigkeit Oesterreichs überflüssig erscheinen zu lassen. Denn gerade dafür, was sie für so überflüssig halten, ist Dollfuß gestorben . . . Der Schöpfer des christlichen Ständestaates kannte auch sehr gut die Gefahr, vor der jüngst Dr. E. R e i s n e r in einer katholischen Zeitschrift gewarnt hat: „Rassenantisemitismus, Ablehnung des Alten Testaments und Abfall vom Christentum, ja Antichristentum gehören zusammen. Darüber läßt der Kirchenstreit im heutigen Deutschland keinen Zweifel. Mit dem Arierparagraphen beginnt man und beim Wotanskult hört man auf." Demgemäß kann die Erhaltung des selbständigen Oesterreich nicht auf jener Ausschaltung schöpferisch und patriotisch bewährter Bürger beruhen, die das Um und Auf der nationalsozialistischen Staatsweisheit bildet, sondern im grellsten Gegensatz zu dieser in der Konzentration aller vaterländischen Kräfte. Der Bundeskanzler versichert: „Niemand braucht Sorge zu haben, daß er nicht mitarbeiten kann, daß er nicht an verantwortlicher Stelle mitarbeiten kann ... Ich stehe auf dem Standpunkt, jeder soll mitarbeiten, der es ehrlich meint; jeder, der es ehrlich meint, ist willkommen und wird gleichen Schritt mithalten können auf dem Weg zum österreichischen Fortschritt." Als „vordringliche Parole", als die wichtigste Aufgabe für die nächsten Monate gab der Bundeskanzler allen, denen das Schicksal der österreichischen Heimat am Herzen liegt, auf: „Sorgt dafür, wo immer ihr etwas zu sagen habt, daß für die Einheit und das Zusammenhalten im vaterländischen Geiste, für die Konzentration gewirkt werde, sorgt dafür, daß Störenfriede, wo immer sie stehen und woher sie auch kommen — aber nur Störenfriede — entfernt werden'/' Wer sind diese Störenfriede? Die Antwort erteilt mit seltener Klarheit die österreichische Tagesgeschichte der letzten Woche: Man findet sie in dem Gerichtsaalbericht über jene Hochverräter, die geschlossene Naziformationen in die Vaterländische Front einschmuggeln wollten; in der Meldung von dem gescheiterter Naziüberfall auf das Waxenberger Schloß, wo das Waffendepot der Heim wehr vermutet wurde; kurz überall, wo es mit dem Patriotismus einen Haken und mit der Moral ein Kreuz hatte . . . Aber nicht minder gefährliche Störenfriede als die „Stehler" sind die Hehler, die dem Hakenkreuz die Mauer machen, indem sie die allgemeine Wachsamkeit von ihm ablenken auf den vom Nazismus hiefür erfundenen Sündenbock, den „zersetzenden jüdischen Geist". Diese Vorschubleister des bekannten Gaunertricks „Haltet den Dieb" empfinden* ihrerseits den Juden als Störenfried — aber nicht den entarteten Juden, von dessen Entgleisungen der Antisemitismus sein parasitäres Leben fristet, sondern den anständigen, den schöpferisch wirkenden Juden, dessen Lebensform und Schaffen den Antisemitismus ad absurdum führt. Dieser Jude muß totgeschwiegen werden wie die jüdischen lÄP^ASTlDIN I HOTEL ® ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Kriegsgeiallenen im Dritten Reiche. Was Juden Großes wirkten auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit, darüber wird nicht gesprochen. Um st» lauter tönt das Geschrei, wenn jüdisch klingende Namen im Zusammenhang mit irgend einer Korruptionsaffäre aufscheinen. Solche Juden braucht der Nationalsozialbmus, dem Werte schaffenden Juden aber schlägt er das Werkzeug aus der Hand ... Darum ist die Schuschnigg-Parole: „Jeder soll mitarbeiten, der ehrlichen Willens ist", die menschlich schönste Kampfansage an das Hakenkreuz und wird von uns Juden mit Dankbarkeit aufgenommen. Wir stehen hinter keinem" anderen zurück in der ehrlichen Begeisterung, am Aufbau des neuen Oesterreich mitzuwirken. Und wir wissen: Nicht das politische Proszenium ist unser Platz, sondern die bescheidene Werkstatt des stillen Schaffens: Das Laboratorium des Wissenschaftlers, das Atelier des Künstlers, das Komptoir des Kaufmanns, der Laden des Handwerkers. Mögen uns auch hierzulande gehässige Neider diesen Platz mißgönnen — des Kanzlers Ruf gilt auch uns! Er sichert uns die Mitarbeit und dem Vaterlande die Früchte dieser Mitarbeit. Unsere Parole heißt Oesterreich! Guerillakrieg in Palästina, Die Spannung in Palästina hat sich äußerst verschärft. Die nachstehenden Einzelheiten der blutigen Zusammenstöße zwischen Arabern und Militär sowie der neuen arabischen Terrorakte gegen die Juden in Palästina zeigen, daß die arabischen Terroristen, durch die bisher nur zögernd vorgenommenen Gegenmaßnahmen der Regierung ermutigt, hellen Aufruhr im Lande entfachen. Freitag, 22. Mai. Im Hinblick auf die-für Freitag, den 22. Mai, nach dem Gottesdienst"*-'in den Moscheen angekündigten großen Kundgebungen, die insbesondere von Jaffa aus als Protest gegen die Eröffnung eines Nothafens in Tel Aviv geplant waren, sind von dem Behörden umfassende Vorkehrungen getroffen worden, um Ruhe und Ordnung zu sichern. In Tel Aviv wurde die gesamte Polizei'mobilisiert, mit Ma- Cafe Pension Ecksfein Semmering schinengewehren ausgerüstet und in Alarmbereitschaft gehalten. Bombenflugzeuge kreisten in geringer Höhe über Jaffa. Aus Aegypten war eine Abteilung berittener Artillerie eingetroffen. Die Patrouillen an der Grenze von Jaffa und Tel Aviv wurden; verstärkt. In Jaffa hüteten 800 mit Stahlhelmen ausgerüstete Soldaten die Ordnung. Die mit zahlreichem Maschinengewehrabteilungen versehenen Truppen waren in der Nähe der Moscheen aufgestellt.. Durch diese umfangreichen Vorbereitungen eingeschüchtert, gingen nach Beendigung des Gottesdienstes die nach Tausenden zählenden Teilnehmer ruhig auseinander. Am Nachmittag waren die Straßen völlig menschenleer. Auch in Jerusalem fanden nach den Gottesdiensten keinerlei Kundgebungen statt. Außerhalb der großen Städte jedoch wurden die Gewalt- und Sabotageakte fortgesetzt. In Sichron Jakob wurden 110 Dunam Felder in Brand gesteckt, auch bei Haifa wurden Regierungswälder zum Teil angezündet. Eine Lebensmittelkarawane wurde auf dem Wege nach Haifa von einer bewaffneten arabischen Bande angegriffeni. Es kam zu einem Kugelwechsel mit der den Transport begleitenden Polizeieskorte. Die Araber entkamen. Aus Nordpalästina wurden vielfach Sprengstoffainschläge, Brandstiftungen und Beschädigungen der Telephonleitungen gemeldet In einem Communique hat die Regierung bekannt gegeben, daß neue Truppen, unter ihnen eine Abteilung der Eisenbahntruppe, aus Aegypten eingetroffen sind. Das englische Kriegsschiff, das am Mittwoch den Hafen von Jaffa verlassen hatte, ist am Freitag Morgen zurückgekehrt. Die beiden Araber, die unter dem Verdacht, den Feuerübe r fall auf das Edison- K i n o verübt zu haben, verhaftet wurden, sind wegen Waffenbesitzes zu je sieben Tagen Arrest verurteilt worden. Die A nklage wegen Mordes wurde gegen sie nicht erhoben. In N a b I u s ist am 22. Mai der Ausnahmezustand verkündet worden. Die Bestimmungen des Ausnahmezustandes in Jerusalem wurden durch Vorverlegung der Polizeistunde von 7 Uhr auf 6 Uhr 30 abends neuerlich verschärft. Zum ersten Mal seit 1929 haben infolge des Ausnahmezustandes die Juden am Freitagabend in Jerusalem dem Gottesdienst nicht beigewohnt. Samstag, 23. Mai. Seit Samstag stehen alle Straßen in Mittel- und Südpalästina faktisch unter Kriegs recht, da durch eine Verordnung das Verkehren von Fahrzeugen einschließlich Autobussen von diesem Zeitpunkt an südlich der Linie Tantura—Afuleh—Gescher—Machanajim ohne Passierschein verboten ist. Dank dieser Verordnung werden künftighin die Straße Jerusalem—Tel Aviv und andere Straßen besser gegen Ueberfälle geschützt sein. In einem Regierungs-Communique wird mitgeteilt, daß das Verbot des Straßenverkehrs ohne besondere Erlaubnis in Mittel- und Südpalästfina sich auch auf die Stadtgebiete, mit Ausnahme von Tel Aviv, erstreckt. Bis 25. Mai werden Passierscheine, die nur für einen Tag gelten, an „den Gesetzen gehorsame Bürger", wie es in dem Communique heißt, ausgegeben werden. Militärische Posten werden an den Straßen die Erlaubnisscheine kontrollieren. Abends wurde eine Verordnung herausgegeben, durch die die Polizei ermächtigt wird, Personen, bei denen dies notwendig erscheint, aus Leset den Morgen Verbreitet den Morgen Inseriert im Morgen 6s ist euer Watt es füfjft mit eud) es denkt mit eud) es kämpft für €uc0{

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.