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Die Wahrheit · 1936-05-29 · Heft 23 (29.5.1936) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 23 (29.5.1936)
Date
1936-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Grosdien Jüdische Die tÜanrheif In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden « Erstheint jeden Ereitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkasserkento Wien: A IC0.918 52. Jahrgang Wien, 29. Mai 1936 Nummer 23 Zum Wochenfest. Die Wallfahrtsieste tragen bekanntlich ein doppeltes Gesicht; als Erntefeste blicken sie nach der Natur hin, in der Anlehnung an Ereignisse im Leben des Volkes Israel führen sie zur Geschichte. Dieser Doppelcharakter hat beim Pessach — wie beim Sukkoth-Fest durchaus nichts Gekünsteltes oder Zwiespältiges. In den frohen Gefühlen beim Erwachen der Natur im Frühling weitet sich das Herz und ist sich der Freiheit bewußt, an die geschichtliche Erinnerung uns mahnt. In der Sattheit des Herbstes fühlen wir das Vertrauen zum göttlichen Schutz, dessen wir auch in der Wüste und in der Hütte sicher sind. Zwischen diesen Festen, dem Feste der Sehnsucht und dem Feste der Erfüllung, steht das Schewuoth-Fest. Wir haben einige Bedenken und Hemmungen zu überwinden, wenn wir auch hier die beiden Seiten des Festes in Harmonie bringen wollen. Natur und Geschichte gehen hier auseinander, wie denn auch bezeichnenderweise die Bibel selbst dies Fest nur als Erntefest einsetzt und durch die Zählung mit dem Pessach-Fest in Verbindung bringt, während sie es als Fest der Offenbarung nicht kennt. Schewuoth ist in der Bibel lediglich ein Naturfest am Schluß der sieben Erntewochen. Erst eine spätere Zeit hat mit ihm die geschichtliche Erinnerung an die Gesetzgebung verknüpft, es zu „S'man mattan thorossenu" gemacht und damit auch diesem Fest den vorhin bezeichneten Doppelcharakter gegeben, bei der Pessach und Sukkoth schon in der Bibel deutlich zum Ausdruck kommt. Diese nachträgliche Einbeziehung zeigt sich dem beobachtenden Auge nicht nur beim Studium der Quellen; am Feste selber verspürt man etwas nicht ganz Ausgeglichenes. Es ist wie bei einer nachträglichen Aenderung eines Kunstwerkes. So groß die Kunst ist, mit der später etwas hinzugefügt wurde, so sehr vielleicht auch in der Zutat das Wichtigere und Kunstvollere anerkannt werden muß, man merkt doch die Verschiedenartigkeit der zusammengesetzten Teile. Aehnlich ergeht es uns beim Schewuoth-Fest; es hat nur einen bedingten Wert, wenn man «ine Harmonisierung der ungleichartigen Elemente herbeiführen will, indem man etwa von „Erstlingen des geistigen Ertrages" (Kohler) spricht. Natur und Geist lassen sich eben nicht auf einen Nenner bringen. So schön und stimmungsvoll der Schmuck der Blumen und des Frühlingsgrüns ist, den wir am Schewuoth-Fest in die Synagoge bringen, er charakterisiert doch eben nur die eine Seite des Festes. Diese aber hat an Bedeutung für uns verloren; nicht nur weil wir naturfernei geworden sind, sondern vor allem weil Offenbarung und Zehngebot, einmal mit dem Feste verbunden, diesem ihre, gewichtige Bedeutung aufdrücken mußten. Von dem kahlen Felsen des Sinai führt kaum ein Weg zu den grünen Pflanzen im Gotteshause, und es bedarf einer etwas gewaltsamen-Umstellung, um. von der geheimnisvollen Ezechiel Vision, die wir als Prophetenabschnitt lesen, zur lieblichen Idylle des Festbuches Ruth zu gelangen. Dieses Buch und der Pflanzenschmuck unserer Synagogen sind es, die uns vielfach dazu verleiten, unser Wochenfest so zu sehen und so zu nennen wie das christliche Pfingstfest: „das liebliche Fest". Es mag dahingestellt sein, ob das christliche Pfingsten seinem Grundcharakter gemäß nicht auch die „Lieblichkeit" ablehnen müßte. Das Schewuoth-Fest aber ist ganz gewiß kein „liebliches" Fest. Wollen wir es charakterisieren, müßten wir ihm vielmehr die Bezeichnung geben, die die hohen Festtage tragen: Noro, erhaben, ehrfurchtgebietend. Wir denken an Carlyle, der eines Nachts mit einem Freunde zum Sternenhimmel empor blickte; als der Freund sagte: „Ein herrlicher Anblick", soll Carlyle ihn verwiesen haben: „Herrlich? Er ist erschreckend." Wir dürfen die Wucht der Offenbarung, deren Denkmal das Schewuothfest ist, nicht abschwächen und sie mit herrlich oder lieblich abtun, auch sie ist erschreckend, und mit Recht weist Rosenzweig darauf hin, daß „das Wort, das die Offenbarung, als sie griechisch reden lernte, sich wählte: Phobos (Furcht)" sei. Schewuoth ist das Fest der Offenbarung. Wie immer auch der einzelne den Vorgang der Offenbarung sich erklären oder nicht erklären will, vor dem, was sich offenbart, muß er erschauern, vor Gott, vor dem Geist. Wir .können den Geist nicht anders denken als sich offenbarend, sich mitteilend, aus seiner Welt in die unserige hineinragend. So ist das Schewuoth-Fest der ewige Protest des Geistes gegenüber dem Ungeist. Kann es ein Fest geben, das wir wichtiger nehmen müssen? Müßten wir nicht der Ungeistigkeit, der Pseudogeistigkeit den Geist entgegen setzen, der sich offenbart und sich durchsetzt! Er ist nicht bequem und ungeistig lebt es sich leichter. Aber wenn wir uns zu einem Leben des Geistes, der Religion entschließen wollen, müssen wir an das Wort Carlyles denken: „Religion ist die heldenmäßige Form des Daseins." Das Heldentum des Geistes aber ist allemal größer als das Heldentum der Phrase und der Faust. „Nicht durch Kraft und nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist." Daß dieses Leben schwerer ist, beweist nur seinen Wert. Der unverwelkliche Lorbeer wächst aber auch nur ihm. Das Schewuoth-Fest ist das Fest des Absoluten. Wo das „Ich bin" der Gottheit uns majestätisch entgegentönt, verschwindet alles Kleinliche und Quälende. Hier spricht das Absolute und alle Relativität %eigt sich uns in erbarmungsloser Nacktheit. Wir erkennen unsern Selbstbetrug, daß wir uns mit allen Erkenntnissen abfinden und jede für berechtigt halten, auch, wenn sie sich widersprechen. Oder wird der Widersinn, der in solchem Beginnen liegt überwunden, indem man alle Grenzen aufhebt und alles für sich wahr sein läßt? Es ist eine manchmal äußerlich bestechende, innerlich aber um so hohlere Dialektik, in der alles sich fügt, wie man es gerade will ober braucht. Ein Weltbild entsteht freilich nicht aus zurechtgebogenen Erkenntnissen, aus Stimmungen, aus Sentiments; ein Weltbild verträgt keine Relativität, sondern will Absolutes. Gerade das müßte unserem Geschlecht von Zeit zu Zeit gesagt werden. Das „Ich bin" am Anfang des Zehr^wortes ist der große Spiegel, in dem jede Verzerrung sichtbar wird. Dieser Absolutheit dfts Seins entspricht die Absolutheit des Sittengebotes, dem unser Fest gleichfalls gilt. Neben dem „Ich bin" steht das ebenso unverrückbare „Du sollst". Auch dem Sittengebote gegenüber gibt es keine Verdrehung, keine Relativierung. Durch die Verlesung des Rasiere DHU öut und billig Oestcrrelchlsclics GualHäls Fabrik«* Ueberau erhältlich Zehngebotes werden wir immer wieder darauf aufmerksam gemacht, daß die Ethik nicht der Auflösung in Psychologie verfallen darf. Willensfreiheit und sittliche Verantwortung des Menschen müssen sichergestellt bleiben. Wir sehen die paradoxe Erscheinung vor uns, daß die Menschen, die sich als Uebermenschen fühlen, dem Sittengebot gegenüber auf das höchste Merkmal des Menschen, die sittliche Verantwortung, verzichten und in der Betonung ihrer Triebhaftigkeit und Gebundenheit den Unterschied des Menschen vom Tier preiszugeben bereit sind. Hier haben wir Fehler der Logik und Ethik zugleich. Wenn wir die Ethik dem Zweifel, dem Zufall, der Opportunität entreißen wollen, dann müssen wir am Schewuoth-Fest und mit ihm Sittlichkeit und Wahrheit in unauflöslichen Zusammenhang bringen. Das ist der tiefe Gehalt, den unser Fest nicht für uns nur hat, durch den es, vielleicht mehr noch als selbst der Versöhnungstag, Dokument einer Weltreligion ist. Noimi und Ruth. Baascher telchi elech! Zertrümmert war der Noimi Glück, Als sie zur Heimat zog zurück: Zwei Söhne und den Mann verloren! — „Ihr Schwiegertochter, zieht auch fort, Sucht Trost in eurer Götter Wort, Im Moabland, wo ihr geboren!" — Die Orpa zögert, fortzugehn, Doch mag das Elend sie nicht sehn Und scheidet mit Gewein, Gestöhne ... — „Zieh' du auch, Ruth, ins Moabland, Geborsten ist der Freundschaft Band, Nicht birgt mein alter Leib noch Söhne!" — Doch Ruth verharrt bei ihrem Plan: „Wohin du gehst, geh ich fortan, Mit dir will dulden ich und leiden! Dein Gott, dein Volk, dein Vaterland Sie sind auch meiner Seel verwandt Der Tod allein kann bloß uns scheiden!" — Von solcher Treue, Brüder, lest An unsrem hehren Wochenfest, Da uns zwei Tafeln sind gegeben. Der Geist der Moabiterin, Beseelte König Davids Sinn: Dem Blut der Ruth dankt er sein Leben. Armin Wilkowitsch, Eger.

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