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Die Wahrheit · 1936-05-22 · Heft 22 (22.5.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 22 (22.5.1936)
Date
1936-05-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 22 — 22. Mai 1936 DIE WAHRHEIT Der Union~Kliil} arrangiert von nun ab jeden Samstag ab 8 Uhr abends und jeden Donnerstag ab 4 Uhr nachmittags ein Bridge-Cercle im Klubsaal, I., Schottenring 25. Gäste willkommen! gemeinen und der Familien-Politik im besonderen ist: die arabische Jugend, die westlichen Beispielen folgt, und das städtische halbintellektuelle Kleinbürgertum, das die Fesseln des Clansystems abwerfen will. Dieser neue Faktor ist der vornehmste Träger der gegenwärtigen Bewegung und ihm stehen die halbpolitischen Terrorbanden nahe, die seit vielen Monaten die Landstraßen Palästinas unsicher machen, die an jenem Blutsonntag im April Juden ermordet haben, die harmlos zur Arbeit nach Jaffa gekommen waren, die die letzten heimtückischen Morde begingen und die nächtlicherweile immer wieder an jüdische Häuser Feuer legen. Das Ziel dieser Gruppe ist einfach und klar: Vertreibung der Juden aus dem Land, Vereinigung Palästinas mit Arabien, Verdrängung der Politik zugunsten der direkten Aktion und Vernichtung der Familien-Parteien. Die Familien-Parteien waren vom Ausbruch der Unruhen in Jaffa beinahe ebenso überrascht wie die Regierung, deren Nachrichtendienst wieder einmal glänzend versagte; ja, man kann sogar sagen, daß diese Unruhen ihnen unangenehm waren, da sie ihre politischen Pläne über den Haufen warfen. Um zu retten, was noch zu retten ist, sprangen sie natürlich sofort in die nationalistische arabische Front, und nun begann, um nicht in die Hinterhand zu geraten, ein rasendes Sich-Uebersteigern in der Radikalität der Forderungen. Trotz dieser Anstrengungen aber sind die Tage der Familien-Parteien gezählt, denn die Epoche des Feudal-Wirtschaftssystems ist im Ablaufen begriffen. Selbst wenn England diese Parteien als einzigen Verhandlungspartner arabischerseits anerkennt. Wobei aber natürlich die Existenz sowohl der Jugendorganisationen, wie auch die der Terrorbanden ins Kalkül gesetzt wird. Die politische Methode Englands ist völlig unübersichtlich; ihre Ziele aber sind klar. Unter englischer Patronanz wurde letzthin der Bund der arabischen Staaten — Iraq, Ssaudiye und Yemen — geschlossen, der ein wichtiges Gegengewicht gegen gewisse Anstrengungen Italiens darstellt und als Wächter auf der lebenswichtigen britischen Reichs- und Petroleumstraße fungiert. Dieser Bund stärkte natürlich dasv Selbstbewußtsein der Araber Palästinas und verpflichtet England zu einer araberfreundlichen Politik in Palästina, soweit dies das Reichsinteresse zuläßt. Dieser Haltung nun entsprach der aus den Schubladen des Kolonialamtes wieder herausgeholte Plan eines Parlaments für Palästina, der aber schließlich in eine Sackgasse führte, — aus der alle in dieser Sackgasse gefangenen Gegner die Unruhen von Jaffa befreite. Nun hat England die Möglichkeit, wieder eine Untersuchungskommission nach Palästina zu befehlen (das ist inzwischen geschehen, d. Red.) und durch sie die Parlamentsidee wieder für ein paar Jahre zu vertagen. Die politische Situation der unter dem Petroleum- und Indien-Sicherungsdiktat stehenden Völker Palästinas bleibt hoffnungslos unsicher. Der regierende High-Commissioner von Palästina, Sir Arthur Wauchope, ist ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, ein unerhört fähiger Gentleman der alten Schule von sehr bedeutenden menschlichen Qualitäten, der in ruhigen Zeiten für das Land Außerordentliches geleistet hat. Aber — er ist Exponent der Londoner Politik. Einer Politik, die es zuließ, daß monatelang Mörderbanden das Land terrorisierten, immer wieder Reisende oder friedlich in ihrem Haus sitzende jüdische Bauern erschossen, ohne daß die Täter ergriffen worden wären (ausgenommen ein Fall, in dem ein — zufällig jüdischer — Kommandant eines Polizeireiterpostens „umgelegt" wurde). Einer Politik, die es zuließ, daß die Polizei an jenem Sonntag in Jaffa aus Mangel an Vorbereitungen stundenlangem Morden ohnmächtig zusehen mußte und daß zwanzig- oder dreißigtausend Hauraner, Menschen primitivsten Denk- und Lebensstils und unvorstellbarer Armut in das ansonsten durch schwerste Einreisebedingungen geschützte Land hereinkommen, konnten, um. sich in die erste Reihe der Mordbrenner in Jaffa zu stellen; daß heute noch, bald drei Wochen nach Beginn der Unruhen, tagtäglich Häuser und Felder angezündet und Autos beschossen werden, — mit einem Wort, daß der Bürgerkrieg, der von den Juden, was von allen Seiten festgestellt wurde, nur in der Defensive geführt wird, — zu einer latenten Einrichtung wurde. Es ist wahr, große Aktionen, sozusagen offene Feldschlachten, läßt die englische Polizei nicht zu, schon deswegen nicht, weil die Juden in einem solchen Fall die Angriffe allein, ohne Hilfe, zurückschlagen könnten, was dem englischen Prestige schaden könnte. Aber sie läßt es zu, daß von gewissen, daran sehr interessierten Seiten alles getan wird, was geeignet ist, die Annäherung der beiden Völker immer wieder zu hinten treiben. Darin Ziegt die Unmenschlichkeit der englischen Methode in Palästina. Was nun die jüdische Politik betrifft: sie gleicht der arabischen in ihren Fehlern: genau, wie die Araber glauben, daß England jüdische Politik betreibe, glauben die Juden, daß England arabische Politik mache. Daß England ausschließlich und allein britische Reichspol itik betreibt, Politik, die dem Gedanken des British Empire und seinen Fundamenten wie Suez-Kanal, Petroleum, südliches Glacis und neuestens auch Kriegshafen Haifa dient, mit diesem Gedanken will sich in diesem unglücklichen Land kein Mensch vertraut machen. Schon darum nicht, weil dies schließlich dazu zwingen würde, die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis WIEN Ii., Pratersiraoe Telephon D 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten. Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. zu ziehen. Jene Konsequenzen, die dazu führen würden, endlich einmal festzustellen, daß es weif mehr Dinge gibt, die die beiden Staatsvölker auf Tod und Leben aneinander binden, als sie scheiden. Diese Erkenntnis aber ergäbe dann die Notwendigkeit von Verhandlungen von Volk zu Volk. Man würde entdecken, daß das wohlverstandene Interesse sowohl der Araber wie der Juden Palästinas Verständigung verlangt, nicht gegenseitiges Zerfleischen. Die gegenwärtigen Ziele der Araber sind klar: aber es sind keine konstruktiven Ziele. Sie wollen ein Negativum: die Ausscheidung des jüdischen Elements, das mehr als die Hälfte der Staatslasten trägt und Palästina aus einer verrotteten Türkei- Provinz zu einem prosperierenden Lande machte, dem einzigen auf der Erde, das einen namhaften Ueberschuß des Staatshaushaltes aufweist. Ebenso verfehlt* ist jedes jüdische Programm, — aus anderen Gründen, — solange nicht klar und deutlich gesagt wird: wir wollen gemeinsam mit den Arabern in friedlichem Wettbewerb Palästina aufbauen und wollen ohne Gewalt und ohne englische Bajonette teilhaben an der Zukunft des semitischen Teils der Welt zwischen Euphrat und Mittelmeer. Das heißt, in eine staatspolitische Formel gebracht: wir wollen ein autonomes jüdisch-arabisches Palästina im Rahmen des großen arabischen Staatenbundes der Zukunft. Trotz der Blutopfer dieser Tage, die eine derartige Forderung unpopulär machen, als sie je war, zeigt sie dennoch den einzigen realpolitischen Ausweg aus der mit Sentiments überaus geladenen, zu Explosionen neigenden Atmosphäre Palästinas. Die jüdische Gemeinschaft Palästinas wurde angegriffen; sie ist mit letzter Entschlossenheit bereit, ihre Positionen zu verteidigen. Die arabische Gemeinschaft wurde durch Mächte, die, im Trüben fischend, England etwas wegangeln möchten, mit falschen Nachrichten bis zur Siedehitze, bis zum aktivem Ausbruch übersättigt. Zwischen beiden, einander anscheinend unversöhnlich gegenüberstehenden Gruppen laviert England seinen Zielen zu. Die Situation ist grauenhaft schwierig, aber — und dies darf nicht vergessen werden: Araber und Juden eint die Liebe zum Land, das dem einen das Land der Väter, dem andern das der Urväter ist die Tatsache, daß beide im Land sitzen und weder durch Mord noch durch Politik zu vertreiben sind und schließlich die Tatsache, daß der eine Teil auf den andern nicht allein ökonomisch angewiesen ist. Drei,Dinge also, die eine Round-table-Konferenz von Volk zu Volk jenseits von Jaffa und GROSSFLEiSCHHfiUERE! SIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGA8SE HR. 19 FILIALE« XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungetifurKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Tel-Aviv berechtigen würden, die aber die Existenz von Jaffa ebenso grundlegend zur Kenntnis nehmen müßte, wie die von Tel-Aviv. Denn beide Städte sind mehr als Symbole, mehr als Sentiments, sie sind durchaus reale Angelegenheiten. Xatemtez (Fogvom in (fotcn. Aus Wil n a wird gemeldet: Der junge Chalur Jakob Feldman, Sohn des bekannten Zionisten Israel Feldman, wurde, als er mit Bekannten eine Straße in Wilna passierte, von zwei Nationaldemokraten überfallen, die mit Eisen gewichten auf ihn losschlugen und mit Messern auf ihn einstachen. In sterbendem Zustande wurde er ins Hospital überführt; eine sofort an ihm vorgenommene Operation konnte ihn n i c h t m e h r retten, kurz nach derselben erlag er seinen Verletzunigen. Das Schicksal des jungen Chaluz, der unmittelbar vor der Alija nach Palästina stand, hat auf die jüdischen Kreise einen e rschütternden Eindruck gemacht. Die Mörder Feldmans konnten verhaftet werden. In Warschau haben Huligans in der Nacht den jüdischen Friedhof geschändet. Die Grabhütten der berühmten Rabbis von Radzin und Amszinow wurden niedergerissen, mehrere Grabsteine wurden-zertrümmert. Im Eisenbahnzug Warschau—Otwock überfielen Huligans den jungen Rabbiner Melech Aszkenasl, Sohn des „Kobjeler Rebbe", und mißhandelten ihn. j Ihr Ziel ist das Wissen. Es gibt in Wien 100 jüdische Jünglinge, die hinausgehen, um an den Talmudschulen (Jeschiboth) in verschiedenen Landgemeinden dem Thora-Studium zu obliegen, und noch hunderte gibt es, die es als Glück empfinden würden, wenn man ihnen dies ermöglichen könnte. In unserer heutigen überrealistischen Zeit, im Zeitalter des Radio, des Flugschiffes, der technischen Errungenschaften, erscheint das geradezu unglaublich. Und noch überraschender erscheint es, wenn man erfährt, daß die jungen Leute mit ihrem Studium, dem sie unter schweren Entbehrungen und vielen Schwierigkeiten obliegen und dem sie die schönsten Jahre ihrer .lugend widmen, nicht einen Erwerb oder Beruf anstreben oder erhoffen können. Nicht Geld und Gut, nicht Ehre und Würde winkt ihnen als Lohn der Arbeit. Ihr Studium ist ihnen Selbstzweck. Ihr Ziel ist das Wissen, die Kenntnis der göttlichen Lehre, die ethische Vervollkommnung. Das ist also die viel geschmähte jüdische „Profitgier", die jüdische „Sucht nach Geld"! Man zeige uns eine Gemeinschaft von diesem hohen, reinen Idealismus! Die Lüge vom jüdischen Materialismus kann nicht schlagender widerlegt werden, als durch den Hinweis auf die Einrichtung der Jeschiboth und der Bachurim, die dem Studium der Gotteslehre, dem Studium um des Studiums willen obliegen. S i e sind die Ehrenretter des Judentums und seine Erhalter. Dieser Idealismus und das Ethos dieser Denkweise hat die Juden durch die Jahrtausende der Bedrückung getragen und über alle Erniedrigung hoch erhoben. Das erkannte auch die breite Masse der Juden. Diese sorgengebeugten Menschen, die nur in harter, .mühseliger Arbeit ihr karges Brot sich erringen konnten, teilen ihre schmalen Bissen mit dem armen Jungen, der seine Zeit dazu verwendet, das höchste Gut des jüdischen Volkes, die Thora, für die kommenden Geschlechter zu bewahren und zu vermehren. Auch wir hier in Wien dürfen unsvon dem armen Dorfhausierer nicht beschämen lassen. Auch wir müssen bestrebt sein, für Thora-Pflege bei-der Jugend

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