Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 22 (22.5.1936)
- Date
- 1936-05-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 22 — 22. Mai 1936 Seite 3 meisters der Jerusalemer Altstadt. Am Tage vorher wurde in der Propheten-Straße ein österreichischer Katholik namens Karl Breit- 1 i n g e r, der von den Mördern für einen Juden gehalten wurde, erschossen. Er stand im 40. Lebensjahre und wohnte seit anderthalb Jahren in Palästina. Die Mörder entkamen auch in diesem Falle unerkannt. Letzte Nachrichten. Vor dem Ausnahmszustand in Palästina. Die Lage in Jerusalem hat sich derart verschärft, daß sich die britische Mandatsverwaltung am 21. d. M. gezwungen sah, die Bewachung der öffentlichen Gebäude der Stadt regulären Truppen zu übertragen. Auch die Ueberwachung der wichtigen Eisenbahnlinie Haifa—Jerusalem wurde regulären Truppen, und zwar den Cameron-Hochländern, übertragen. Wer sich der Bahn nähert und auf Anruf nicht sofort stehen bleibt, wird erschossen. In diesen Maßnahmen erblickt man den ersten Schritt zur Verhängung des Ausnahmezustandes über Palästina: diese Verfügung dürfte kaum mehr lange auf sich warten lassen. Aus Kairo ging am 21. Mai ein weiteres britisches Bataillon nach Palästina ab. Die arabischen Ladearbeiter in Jafa haben erklärt, daß neue Unruhen in Jaffa zu befürchten seien, wenn das Ausladen von Schiifen im Hafen von Tel- Aviv nicht binnen 24 Stunden eingestellt werde. Die telephonischen Verbindungen zwischen Jerusalem und Jaffa sind unterbrochen. Badgastein_ Kurhotel Bristol Der Hochkommissär im Kreuzfeuer. Die Juden drohen mit Selbsthilfe. Am Donnerstag, den 14. Mai, also einen Tag nach Beginn der letzten Mordserie, empfing der High Commissioner Sir Arthur Wauchope eine von den zentralen jüdischen Organisationen an ihn gesandte Abordnung, die ihm die Wünsche des Jischuw vortrug und von ihm verlangte, daß die Regierung endlich Ordnung und Sicherheit im Linde wiederherstellt. Die Unterredung dauerte eineinhalb Stunden. Die Mitglieder der Abordnung gaben der Unzufriedenheit des Jischuw über die Duldung der judenfeindlichen Propaganda in sehr scharfer Form Ausdruck. Bürgermeister Dizengoff erklärte, bei der Stadtverwaltung von Tel Aviv seien zahlreiche Anfragen aus dem Ausland eingelaufen, in denen man wissen wolle, ob der jüdischen Bevölkerung in Palästina Schutz gewährt werde. Was solle die Stadtverwaltung auf diese Anfragen antworten? Der Bürgermeister erklärte nachdrücklich, daß die Regierung der öffentlichen arabischen Hetze nicht genügend entgegentrete. Der Vertreter der Emek-Kolonistem Z i s 1 i n g gab die Erklärung ab, daß die jüdische Jugend, falls die Regierung nicht für Sicherung sorgen werde, gezwungen sein würde, zur Selbsthilfe zu schreiten. Die Verantwortung hierfür werde ausschließlich die Regierung treffen. Rabbi Blau von der Agudas Jisroel sagte, es habe den Anschein, daß das jüdische Blut jedermann preisgegeben sei. Dies habe sich bei den Vorgängen in Jerusalem gezeigt, sowie darin, daß es dem Mufti gestattet werde, ungehindert Pogromredeti zu halten. Der High Commissioner erwiderte, die jüngten Ereignisse in Jerusalem dürften von den Juden icht als ein Anzeichen dafür genommen werden, daß die Behörden nicht imstande seien, die Ordnung zu wahren. Diese werde vielmehr endgültig wiederhergestellt werden, wenn er auch noch cht sagen könne, zu welchem Zeitpunkt dies geschehen werde. Die Politik der Regierung werde durch keinerlei Vorkommnisse beeinflußt werden; sie bleibe unverändert. Gegen die Unruhestifter werde man mit kollektiven Strafr.iaRnahmen vorgehen. 4500 Arbeiterzertiiikate. Wie offiziell mitgeteilt wird, hat der High Commissioner Sir Arthur Wauchope der Executive der Jewish Agency für das Halbjahr April/September 1936 eine Arbeiter-Schedule von insgesamt 4500 Zertifikaten bewilligt. Von dieser Gesamtzahl sind 500 iür i 11 es a 1 e Einwanderer, die nachträglich die Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt im Lande erhalten sollen, reserviert worden. 1200 Zertifikate, einschließlich 300 für Verheiratete, sollen Juden aus Deutschland zugeteilt werden. Für Studenten wurden außerhalb der Schedule Zertifikate zur Verfügung gestellt. Die Einwanderungs-Schedule für das Halbjahr Oktober 1935 bis April 1936 belief sich auf 4350 Zertifikate, von denen 1000 bereits als Vorschuß vor der endgültigen Zuteilung ausgegeben worden waren und 1200 für illegale Einwanderer, die sich schon im Lande befanden, zurückbehalten wurden. Konzert Marianne Mislap-Kapper (Gesang). Dienstag, den 26. Mai 1936, halb 8 Uhr abends, im Mittleren Konzerthaussaal. Nina Cheridjian (Klavier). Am Flügel: Franz Mittler. Die Araber proklamieren Steuerstreik. Das Oberste Arabische Streikkomitee hat am 14. Mai, abends, den Beginn des Steuerstreiks im ganzen Lande, vom 15. Mai angefangen, proklamiert, da an diesem Tage das Ultimatum an die Regierung betreffend Einstellung der jüdischen Einwanderung und des Bodenverkaufs an Juden, sowie Einsetzung einer nationalen Regierung ablief. . Von zuverlässiger Seite wird berichtet, daß der High Commissioner folgende Alternatrvvorschläge unter der Bedingung des Abbruchs des Streiks gemacht hat: 1. Eine neue Einwanderungsschedule wird nicht veröffentlicht, bevor nicht eine arabische Delegation in London verhandelt haben wird. 2. Sollte eine Delegation nicht nach London abgehen, dann werde eine englische Parlamentskommission nach Palästina entsandt werden, um die Beschwerden der Araber entgegenzunehmen. (Diese königliche Kommission, die die Beschwerden beider Streitteile untersuchen soll, ist nach einer Mitteilung des englischen Kofonienministers im Unterhaus inzwischen von der Regierung eingesetzt worden. D. Red.) 3. Eine gemischte arabisch-englisch-jüdische Kommission zur Festsetzung der Aufnahmefähigkeit des Landes soll gebildet werden. Das Oberste Arabische Streikkomitee hat noch am selben Abend dem High Commissioner eine ablehnende Antwort auf diese Vorschläge erteilt und hierbei folgendes erklärt: Palästina sei in das Gebiet eingeschlossen worden, auf das sich die König Hussein gegebenen Versprechungen beziehen. Artikel 22 des Vertrages garantiere seine Unabhängigkeit. Die B a 1 i o u r- Deklaration und das Jüdische Nationalheim hätten iür die Araber, die Unabhängigkeit erwartet hatten, eine Ueberraschung bedeutet. Die Araber hätten versucht, die englische Regierung durch friedliche Mittel davon zu überzeugen, daß ihnen Unrecht geschehe, sie hätten zahlreiche Delegationen entsandt, aber die zionistische Propaganda habe ihre Forderungen überrannt. Die jüngsten Unruhen in Palästina seien die Folge der verfehlten Politik der Regierung. Die Untersuchungskommissionen, die nach den früheren Unruhen nach Palästina kamen, haben bestätigt, was die Araber immer behauptet hätten. Das Weißbuch des Jahres 1930 habe anerkannt, daß die Politik der jüdischen Einwanderung und des Bodenverkauis verfehlt sei. Obwohl Ministerpräsident Ramsay MacDonald der arabischen Abordnung versprochen habe, die Empfehlungen Sir John Simpsons zu berücksichtigen, und obwohl er sich hierfür mit seinem Ehrenwort verbürgt habe, sei er in seinem Briei an Dr. Weizmann über den Simpson-Bericht hinweggegangen. Seither sei die zionistische Politik gefährlicher geworden. Die jüdische Bevölkerung habe eine Zahl von 400.000 erreicht und die englische Regierung habe sich weder um die Empfindungen der Araber, noch um die Empfindungen der christlichen und mohammedanischen Welt gekümmert, die der Umwandlung des Heiligen Landes in ein jüdisches Land niemals zugestimmt hätten. Nunmehr bestehe bei den Arabern die Befürchtung, daß die Juden innerhalb weniger Jahre die Mehrheit in Palästina erlangen würden. Außerdem werde von den Juden jetzt die Forderung nach Errichtung eines Judenstaates und nach Vertreibung der Araber erhoben. Von den Juden würden Waffen in das Land geschmuggelt. Streng Thermalbäder im Hause Aller Comfort Verlangen Sie bitte Prospekte wogegen die Regierung nichts unternehme (?). All dies habe das arabische Volk veranlaßt, Schritte zu seiner Verteidigung und zum Schutz seiner nationalen Existenz zu unternehmen. Nahum Sokolow gestorben. Nahum Sokolow ist am Sonntag, den 17. Mai, in seiner Londoner Wohnung an Herzschlag verstorben. Obwohl er sich in der letzten Zeit nicht ganz wohl fühlte, kam sein Ableben dennoch unerwartet. Er war bis zuletzt intensiv politisch und schriftstellerisch im Interesse der zionistischen Bewegung tätig. Nahum Sokolow wurde 1861 in Wyszogrod bei Plock in Polen als Kind einer in hohem Ansehen stehenden Familie geboren. Im Jahre 1884 kam er nach Warschau und trat in die Redaktion der von Slonymski begründeten hebräischen Tageszeitung „H a z e f i r a" ein, deren Leitung er kurz darauf ganz übernahm. Sokolow wurde hier der eigentliche Begründer der modernen hebräischen Journalistik. Der zionistischen Bewegung schloß sich Sokolow nach dem I. Zionistenkongreß an. Mit Theodor Herzl verband ihn tiefe Freundschaft. Berühmt wurden seine Feuilletons über Herzls Krankenlager und Tod. Im Jahre Restaurant Stefanie l£b II., TaborstraB« 12 Hugo u.Julie Herlinger, geb. Zollner Bekannt gute Küche, gepflegte Getränke, aufmerksamste Bedienung, zeitgemäße Preise, reichhaltige billige Menüs, sowie alle Spezialitäten, schöner schattiger Garten 1905, 'als nach Herzls Tod David Wolifsohn die Präsidentschaft der Z. O. übernahm, wurde Sokolow Generalsekretär der Zionistischen Organisation mit dem Sitz in Köln und redigierte dort das in deutscher Sprache erscheinende zionistische Zentralorgan „Die Welt", sowie das von ihm begründete hebräische Zentralorgan der Z. O., „Haolam". Während des Weltkrieges übersiedelte Sokolow von Berlin nach London, wo er gemeinsam mit Doktor Chaim Weizmann und Prof. Tschlenow eine großzügige politische Tätigkeit iür die Einbeziehung der zionistischen Palästina-Forderungen in die englische Politik entfaltete und sc an der Erlangung der Baliour-Deklaration mitarbeitete. Auf der Londoner Jalireskonferenz 1920 und auf den ihr iolgenden Zionistenkongressen wurde- Sokolow zum Präsidenten der zionistischen Exekutive, bei der Gründung der erweiterten Jewish Agency (1929) auch in deren Exekutive gewählt. Von 1921 bis 1931 (als er zum Präsidenten der Z. O. und der Jewish Agency gewählt wurde) war Sokolow Präsident aller Zionistenkongresse. Neben seiner politischen und journalistischen Tätigkeit entfaltete Sokolow auch eine ausgedehnte literarisch-wissenschaftliche Tätigkeit. Bis an sein Lebensende arbeitete Sokolow an einem enzyklopädischen Wörterbuch der hebräischen Sprache, das außerordentlich umfassend werden sollte. Nahum Sokolow genoß wie nur ganz wenige zionistische Führer die Verehrung breiter jüdischer Volksmassen, besonders in Osteuropa, Amerika und Palästina. New York. Professor James G. MacDonald, der irühere Hochkommissar des Völkerbundes für die Deutschland-Flüchtlinge, wurde von der Zeta Beta Tau Fraternity mit der Gottheil -Medaille ausgezeichnet, die alljährlich an denjenigen Amerikaner verliehen wird, der sich im sozialen Hilfswerk zugunsten der Juden am meisten hervorgetan hat. Der Auszuzeichnende wird von den Redakteuren englisch-jüdischer Publikationen gewählt. Die Ueberreichung der Medaille an MacDonald geschah auf einem Dinner in Syracuse, N. Y., anläßlich der Feier des Gründungstages der Fraternity, die die älteste und größte jüdische Studentenorganisation Amerikas ist.