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Die Wahrheit · 1936-05-22 · Heft 22 (22.5.1936) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 22 (22.5.1936)
Date
1936-05-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 22 — 22. Mai 1936 DIE WAHRHEIT Die „hämische Freude der Assimilanten" über die Unruhen in Palästina. Das Blatt der jüdischnationalen Zionisten, „Die Stimme", spricht von der „hämischen Freude der Assimilanten" über die Vorkommnisse in Palästina, weil eine Wiener Tageszeitung in dieser Woche Nachrichten über die Unruhen in Palästina unter dem Titel „Der Bürgerkrieg" veröffentlicht hat. Dabei ist wohl zu verstehen, daß nach dem in jüdischnationalen Kreisen üblichen Jargon mit dem Wort Assimilanten alle jene Glaubensgenossen beschimpft werden sollen, die keine jüdischnationale Einstellung haben. Denn einen anderen Unterschied gibt es nicht. Auch die jüdischnationalen Zionisten sprechen die Sprache des Landes, in dem sie wohnen, kleiden sich wie ihre Umgebung, benehmen sich nach deren Sitten und Gebräuchen und in den jüdischnationalen Studentenverbindungen wird der deutschnationale Studentencomment auf das strengste beobachtet, werden Mensuren mit Schläger und Säbel geschlagen. Nichtsdestoweniger sind die jüdischen Finken, die keiner jüdischen Verbindung an den Hochschulen angehören, Assimilanten, und die mit Kappen und Bändern geschmückten Füchse, Fuchsmajore und Burschen schauen auf die ihre jüdische Eigenart vergessenden Hochschüler mit nationaler Ueberheblichkeit herab. Unwillkürlich summt einem im Kopfe nicht die Hatikwah, sondern die alte Studentenweise „Rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht", wenn man beim Bummel die sich ihrer „jüdischnationalen Eigenart bewußten" Commilitonen mit den Emblemen deutschnationaler Studentenherrlichkeit bekleidet aufmarschieren sieht und an ihr verächtliches Achselzucken, das sie auch nach ihren Hochschulstudien beibehalten, über die ihre jüdischnationale Eigenart vergessenden Assimilanten denkt. „Die hämische Freude der Assimilanten": Mit Angst und Beben nehmen wir täglich die Zeitung zur Hand und unser erschreckter Blick sucht die neuesten Nachrichten aus Palästina. Unsere armen, unglücklichen Glaubensgenossen, die zumeist infolge Not, Elend und Verfolgung ihre Heimat verlassen, die jahrelang auf das ersehnte Zertifikat warten mußten, sind in ihren Hoffnungen, die eine gewissenlose Propaganda erweckt hat, in Palästina, in einem eigenen Judenstaate, ein freies, unabhängiges Leben, das nur durch die Vorschriften jüdischer Behörden geregelt wird, führen zu können, bitter enttäuscht. Statt Freiheit und Eigenleben zu genießen, sind sie vom fanatischen nationalen Haß der Araber umgeben, die auf der Lauer sind, beherscht von der Angst, durch die fortgesetzte Einwanderung und die jüdischnationalen politischen Aspirationen und ihren nationalen Rechten und Ansprüchen beeinträchtigt zu werden. Die Balfour-Deklaration und das Mandat gewährte den Juden, die heimatlos geworden sind oder heimatlos werden sollten, eine nationale Heimstätte, ein national home, wie es im englischen Urtext heißt. Bescheidener konnte das vor der Allenby-Offensive in Palästina . nicht ausgedrückt werden. Da ist von keinem Judenstaat, nicht einmal von Autonomie oder autonomer Herrschaft die Rede, es ist die Uebersetzung des Wortes Heimstätte, die Theodor H e r z 1 ursprünglich für die heimatlosen Juden gefordert hatte. Aber welche Interpretationen haben die jüdischnationalen Propagandisten diesem bescheidenen Worte zuteil werden lassen, trotz der darauffolgenden geradezu warnenden Worte der Deklaration: „doch gilt a 1 is wohlverstanden, daß nichts geschehen darf, was die Rechte der bestehenden Gemeinschaft in Palästina beeinträchtigt". Ist das Programm der Errichtung eines souveränen jüdischnationalen Staates keine Beeinträchtigung dieser Rechte? Das von allen Juden der Welt, aber insbesonders auch von den sogenannten Assimilanten, das ist Nichtjüdisclinationalen, geförderte Aufbauwerk in Palästina konnte und kann nur gelingen auf der Grundlage eines religiösen, wirtschaftlichen und sozialen Grundrisses. Nur in vollsterFreundschaftmitdenArabern, die überzeugt werden mußten, daß politische und nationale Ziele nicht verfolgt werden, konnte das große, ohnedies so schwierige Werk der Absiedlung von heimatlosen Glaubensgenossen in fremden Klimaten, der körperlichen und geistigen Umstellung und der in den meisten Fällen notwendigen beruflichen Umschichtung gelingen. Wahrlich, nicht „hämische Freude" erfüllt uns, sondern tiefe Trauer ob der unschuldigen Juden in Palästina, die nicht nur dem blindwütigen Hasse unzivilisierter arabischer Horden, sondern der unsinnigen und verblendeten Politik der jüdischnationalen Führung zum Opfer fielen. Wir haben seit Jahrzehnten das Unglück kommen gesehen und es vorhergesagt. Wir wurden dem öffentlichen Spotte preisgegeben und als Verräter verschrien. Wir wollen keine Anklage erheben, wir müssen unsere Stimme erheben, um den drohenden größeren Gefahren zu begegnen. Die jüdischnationalen Parteien in Palästina schieben einander die Schuld zu. Sie klagen die Mandatsregierung an, weil sie zu wenig Energie an den Tag legt, um den Aufruhr, der sich, abgesehen von den Morden, in den um sich greifenden General- und Steuerstreik äußert, zu unterdrücken. Die Jüdischnationalen verlangen in ihrer Verblendung, die Bewaffnung iÄP^ÄSfEfllM HOTEL % ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang der jüdischen Bevölkerung Palästinas. Wird die falsche Politik der jüdischnationalen Führer, die unseres Wissens noch nicht sehr zahlreich nach Palästina, von dem sie immer den anderen vorgeschwärmt haben, geeilt sind, mit einem Blutbad enden? Bekümmerten Herzens müssen wir die Frage aufwerfen, wo bleibt die Hälfte der Jewish Agency, die nach dem Fifty-Fifty-Prinzip nichtjüdischational eingestellt ist? Wo bleiben die sogenannten Nichtzionisten in der Jewish Agency? Ihre Aufgabe ist es jetzt, unter den Auspizien der Mandatsregierung die Versöhnung zwischen Arabern und Juden auf dem Boden eines von beiden Teilen geliebten eigenen Palästina herbeizuführen. Palästina meldet Sechs jüdische Tote in einer Woche. Am Mittwoch, den 13. Mai, wurden, wie wir in unserer letzten Nummer kurz meldeten, in der Jerusalem er Altstadt, am Ausgang des jüdischen Viertels, zwei Juden in einem Zeitabstand von drei Stunden von Arabern angefallen und erschossen. Die Todesopfer sind der 45jährige Reuben Klapholz und der 67jährige ehemalige Rabbiner Alter Cohen. Reuben K1 a p h o 1 z, 46 Jahre alt, ließ eine Frau mit sieben unversorgten Kindern zurück. Er wurde vor seinem Haus© in der König David- Straße ermordet, als er aus der Jeschiwa, wo er sich dem religiösen Studium hingab, zum Mittagessen heimkehrte. Das zweite Opfer, Alter Cohen, einst Rabbiner und später Insasse des Greisenasyls in der Altstadt, wurde in) der gleichen Straße «l Caf€ Pension Echsfein Semmering erschossen. Obwohl die Mörder nicht gefaßt wurden, glaubt mart allgemein, daß sie Araber aus dem unweit von Jerusalem gelegenen Dorfe Lifta sind. Die Lifta-Araber hatten schon bei den Unruhen im Jahre 1929 eine verhängnisvolle Rolle gespielt, sie begingen eine Reihe von Morden an Juden in Jerusalem und ermordeten eine vielköpfige jüdische Familie in Moza bei Jerusalem. Damals wurde das Dorf Lifta von englischen Fliegern mit Bomben belegt. Diesmal betätigten sich die Lifta-Araber auch als Hetzer und Gerücht e v e r b r e i t e r. Sie kamen in Haufen nach Jerusalem und verbreiteten das Gerücht, daß Juden zwei Araber ermordet haben. In Wirklichkeit war nur ein toter Araber aufgefunden worden, der, weil er sich dem Streik nicht anschloß, ein Opfer der Streikterroristen wurde. Polizeihunde, die an der Mordstelle angesetzt wurden, verfolgten eine nach Lifta führende Spur.. Die Tätigkeit dieser arabischen Terroristen in der Altstadt von Jerusalem hat unter den Juden der Altstadt eine starke Panik hervorgerufen. Hunderte jüdische Familien haben die Jerusalemer Altstadt verlassen und sind in andere Stadtteile gezogen, in deinen die jüdischen Wohnbezirke mehr konzentriert sind und Juden und Araber nicht gemischt nebeneinander wohnen. Eine Abordnung der Agudas Jisroel erschien beim Distriktskommissar von Jerusalem Major Campbell schilderte ihm die aufs äußerste gespannte Lage in der Altstadt und stellte das Ersuchen, daß die Regierung Anstalten treffe, um alle Juden der Altstadt, insgesamt etwa 5000 Personen, zu evakuieren und sie in rem jüdischen Vierteln unterzubringen. Die Bestattung der w der Altstadt ermordeten Reuben Klapholz und Alter Cohen geschah auf Anordnung der Polizei in aller Stille. Nach einem sehr unruhigen Freitag, verlief der Samstag in Palästina ohne besonderen Zwischenfälle. Dagegen ereignete sich am Samstag spät abends ein Vorfall, der die gesamte jüdische Bevölkerung in tiefste Erregung versetzte. Während in dem fast rein jüdischen Stadtteil Sichron Mosche im Herzen der Jerusalemer Neustadt das Publikum das dortige Kino-Theater verließ, drangen einige Araber in den Stadtteil ein und feuerten Schüsse in _ die Menge ab, worauf sie unerkannt die Flucht ergriffen. Die Wirkung war furchtbar: Fünf Personen blieben auf dem Pflaster liegen. Drei von ihnen, die aus Polen stammenden Juden Alexander Polonsky, Isaac J a 1 o w s k y und Zwi Schabchowsky, waren sofort tot, während zwei, Dr. Plosser und Israel Askenazy, schwere Schußverletzungen davontrugen. Der Menge bemächtigte sich eine ungeheure Panik, die sich zu 'tiefster Trauer steigerte. Die Bestattung der drei neuen Todesopfer famd gleich am Sonntag in der frühen Morgenstunde auf dem Jerusalemer jüdischen Friedhof statt, wobei sich herzzerreißende Szenen abspielten. Nicht nur die nahen Verwandten der Opfer konnten sich von ihren Lieben nicht trennen, sondern auch das gesamte große Trauergeleite gab ini lautem Weinen dem Schmerz und dem Zorn über das Geschehene Ausdruck. Die Regierung hat nach dieser neuen Mordserie sofort verfügt, daß der Ausnahmezustand, der nach den ersten Mordtaten über die Jerusalemer Altstadt und einige Teile der Neustadt verhängt worden war, auf das gesamte Jerusalemer Stadtgebiet ausgedehnt werde. Zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens vät der Aufenthalt in den Straßen verboten. Unter der jüdischen Einwohnerschaft in Jerusalem hält die Erregung an. Die jüdischen Geschäfte sind zum Zeichen der Trauer und des Protestes geschlossen. Polizei und Soldaten patrouillieren in kurzen Abständen durch die Straßen und halten alle ihnen irgendwie verdächtig erscheinenden Personen an. Die Regierungskreise sehen die Lage als ernst an, dies auch im Hinblick auf die unter der jüdischen Bevölkerung herrschende Erregung. Man befürchtet, daß die bisher besonnene und maßvolle Haltung der Judenschaft Aktionen der Selbstwehr weichen könnte. Am Dienstag, den 19. Mai, wurde der 35jährige Jude Feiwel Schnitzer in der Armenier- Straße zu Jerusalem von einem Araber, der nach der Tat flüchten konnte, erschossen. Schnitzer ist der Sohn des jüdischen Bürger-

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