Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 21 (15.5.1936)
- Date
- 1936-05-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 21 — 15. Mai 1936 DIE WAHRHEIT | 1üwuu3au& | S (Klub der Mitglieder und Freunde der „Union i! österreichischer Juden") S f I., Schottenring 25 Telephon A-19-2-77 f ] EINLADUNG j : zu dem Samstag, den 23. Mai, um 8 Uhr abends, ■ : in den Klubräumen, I., Schottenring 25, statt-! findenden ■! BUNTEN ABEND! : In liebenswürdigster Weise haben ihre Mirwir- ■ kung zugesagt: Kinderchor des Isr. Knaben- :! Waisenhauses, XIX., Probusgasse 2, Johannes ■ : Obonya, Theater in der Josefstadt. Alice! Markstein, Tänzerin der Wiener Staatsoper, i Rudolf Herbert. Konzertsänger. j „Die Termiten", heitere Duoszene von Erich Ell. : Aus dem Repertoire des Kabaretts „ABC im : : Regenbogen". Ausführende Gerda Redlich, ■ ■ Fritz Eckhardt. : 1 Am Klavier: Kapellmeister Adolf Brenner. : S Regiebeitrag inklusive Garderobe iür Kkibmit- : : glieder S 1.—, für Gäste S 1.50.; und Schritte unternommen, von denen die bedeutsamsten die Audienzen beim Ministerpräsidenten und beim Innenminister waren. Die von den beiden hohen Würdenträgern gegebenen Zusicherungen wären geeignet, die Besorgnisse der jüdischen Bevölkerung zu mildern, wenn ihnen entsprechende Taten folgen würden. Bedauerlicherweise aber stehen die Taten in krassem Widerspruch zu den grundsätzlichen Erklärungen. Welches sind die Aussichten für die Zukunft? Wer könnte es wohl voraussagen! Es machen sich innerhalb der Regierungspartei gewisse Reaktionen gegen die Ermutigung der Rechten bemerkbar, aber diese Reaktionen haben noch nicht die Form konkreter Regierungshandlungen angenommen. Sicher ist, daß das UebeJ, so lange die Außenpolitik Rumäniens an diejenige Frankreichs geknüpft ist, ein nicht mehr gutzumachendes Stadium nicht erreichen wird; freilich sind allzugroße Illusionen unzulässig. Es läßt sich eine Entwicklung vorstellen, für die es sogar bereits Anzeichen gibt, bei der eine Außenpolitik an der Seite Frankreichs verbunden wäre mit einer rechtisradikalen, somit offen antisemitischen, Innenpolitik. Legt ihr's nicht aus, so legt was unter! Goethe, Zahme Xenien 2. Wir erhielten folgende Zuschrift: Werte Redaktion! Am Freitag, den 8. d. IVL, wurde mir an der Kreuzung Schottentor—Währingerstraße die Mai- „Fesf'nummer der „Freiheits"bund-Mitteilungen gratis und franko zugestellt. Ich las diese Nummer und überging die antisemitischen Ausfälle in derselben mit jener Erhabenheit, welche traditionstreuen Juden zueigen ist. An einer Stelle dieses „Organs" blieb jedoch mein Blick haften. In der Rubrik „Urteil der Zeiten" heißt es nämlich wörtlich: „Ich enthalte mich aller Teilnahme an Juden und Judengenossen". Goethe Tag- und Jahreshefte 1812 (26. Band). Hat sich wirklich Goethe aller Teilnahme an das größte Kulturvolk der Welt enthalten, fragte ich mich. Würde ein solcher Ausspruch nicht im krassen Gegensatz zu unzähligen Aeußerungen Goethes stehen, die voll von Bewunderung von Juden und Judengeist waren, fragte ich mich weiter. Napoleon war es, der von Goethe sagte „das war ein Mann", und ein Mann urteilt männlich und ändert nicht seine Aleinung, gab ich mir zur Antwort. Ich entschloß mich daher, zunächst obgenanntes Zitat auf seine Echtheit zu prüfen! Meinem Bücherkasten entnahm ich: Goethe „die Annalen oder Tag- und Jahreshefte 1749—1822" und stellte zu meiner größten Befriedigung fest, daß unter „1812" der von den Freiheitsbund-Mitteilungen zitierte Satz auch nicht mit einer Silbe erwähnt ist. Hingegen las ich u. a. aus dem Jahre 1812: „In Gefolg der Darstellung Mosaischer Geschichte im ersten Bande nahm ich den Irrgang der Kinder Israels durch die Wüste aus alten Papieren wieder vor, die Arbeit selbst aber wurde zu anderen Zwecken zurückgelegt." Und auf derselben Seite: „Ich acquirierte eine nicht gar ellenhohe altflorentinische Kopie des sitzenden Moses vonMichelangelo, in Bronze gegossen und in einzelnen durch Grabstichel und andere ziselierende Instrumente fleißigst vollendet, ein schönes Denkmal sorgfältiger, beinahe gleichzeitiger Nachbildung eines höchst geschätzten Kunstwerkes jener Epoche, und ein Beispiel, wie man dein kleinen Bilde, welches natürlich die Großheit des Originals nicht darstellen konnte, durch eine gewisse Ausführlichkeit im einzelnen einen eigentümlichen Wert zu geben wußte." Beweisen diese Stellen zur Genüge, wie Goethe sich „aller Teilnahme an Juden und Judengenossen enthielt", so geht dies aus „Tag- und Jahreshefte, 1811", wo er schreibt: „Doch ich trug meinem schmerzlichen Verdrusse nicht nach, ich rettete mich vielmehr zu meinem alten Asyl und fand in Spinozas Ethik auf mehrere Wochen meine tägliche Unterhaltung", noch klarer hervor . . . Indem ich mir noch zu bemerken gestatte, daß ich genannte Stellen aus: Goethe sämtliche Werke, in 45 Bänden, herausgegeben und eingeleitet von Franz Schultz, Verlag von K. Knaur Nachf., Berlin-Leipzig, 31. Band, Seite 187 und 189, entnommen habe, erlaube ich mir zu fragen, ob es wirklich kein Mittel gibt, um eine solche empörende Verunglimpfung des größten deutschen Dichters unmöglich zu machen. Mit vorzüglicher Hochachtung WIEN it.. Praiersirone Teiepnoo B 41-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners uod andere Festlichkeiten werden in und außer Hans elegantest ausgeführt. Freud und das Judentum. Ein guter Kenner Freudschen Lebens und Freudscher Lehre charakterisiert die Beziehungen des Forschers zum Judentum im Artikel der Baseler „N a t i o n a 1 - Z e i t u n g" folgendermaßen: „Freud, der zu den größten Geistern der Kulturwelt zählt, ist dem Judentum sein Leben lang treugeblieben. Oberflächliche Gegner haben im Antisemitismus das Motiv der Stellungnahme zu mancher der herrschenden Lehren und zu gesellschaftlicher Pseudomoral sehen wollen. Jung hat dies aufgegriffen und die Freudsche Lehre als Beispiel einer semitischen Psychologie abgelehnt. Wir meinen, daß die autistisch-antisemitische Haltung der Umwelt es dem Genie leichter machte, vom Urteil herrschender Richtungen auch in der Wissenschaft unabhängig zu werden, ferner daß sie auch zu einem Forschen und Suchen nach u nbewußten Motiven anregt. Auf die Erg e b n i s s e der Forschung, auf den Inhalt seiner Lehre hat aber der Antisemitismus und seine Reaktion, das Verlangen nach dem vollen Recht für die Juden keinen Einfluß. Die Erfahrung lehrte, daß bestimmte von Freud gefundene seelische Gesetzmäßigkeiten für alle Völker und Rassen und Religionen gelten, für Europäer und Asiaten, Kultivierte und Primitive." Bernhard Shaw: Von den versprengten Stämmen Israels. Bernhard Shaw macht gegenwärtig eine Rundreise durch die USA. Interviews, besonders politischer Art, geht er gern aus dem Wege. Man hat in New York versucht, seine Stellungnahme zum Nationalsozialismus zu erfahren. Ohne Erfolg. Nur zur Rassenirage hat der Dichter sich schließlich wie folgt geäußert: „Ich bin selbst ein blonder nordischer Typ. Ich hätte infolgedessen das wohl von keiner Seite bestrittene Recht, zur Rassenfrage Stellung zu nehmen, wenn ich wollte. Ich will aber nicht. Denn das Ganze ist nur ein dummer Unfug, der nicht der Erörterung lohnt. Reine Rassen gibt es heute vielleicht noch unter den Scotsterriern, aber sonst nirgends in Europa. Von manchen deutschen Nazi-Politikern beispielsweise möchte ich sehr bezweifeln, ob sie wirklich sogenannte Arier sind. Ein sehr deutscher Typus sind manche bestimmt nicht. Ich würde mich durchaus nicht wundern, wenn künftige Untersuchungen einmal feststellen, daß ihr sehr gemischtes Blut — einmal eine kleine GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNHEHl WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE: XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Hellanstalten AbteilungentfirKoscherfleisch unter Aufsieht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Blutzufuhr vom Stamme des Königs David erfahren hat. Auch der Nationalsozialismus konnte nichts gegen die Vermutung beweisen, daß wir alle einen Bluteinschlag von den versprengten Stämmen Israels in uns tragen. Der Antisemitismus und die ganze Rassenlehre des Nationalsozialismus sind pathologisch. Sie sind eine Verrücktheit, ein Komplex, eine schwere Hemmung, die sich verhängnisvoll für staatsmännische Leistungen erweisen muß. Ich glaube nicht, daß die Juden hetze etwas anderes bezwecken kann, als daß sie eine Entschuldigung für Rechtlosigkeit und Enteignung zu bieten vermag und daneben noch als V o r w a n d zur Unterdrückung aller geistigen Freiheit dient." „Phönix" in Palästina liquidiert. Die Palästina-Regierung ordnete die Liquidation der Palästina-Abteilung der Wiener Lebensversicherungsgesellschaft „Phoenix" an und ernannte einen Kommissar zur Durchführung der Liquidierung. Rabbiner Dr. Ä. Kaminka 70 Jahre. Samstag, dem 9. Mai, fanden sich im Zeremoniensaal des großen Leopoldstädter Tempels die Präsidien der Israelitischen Kultusgemeinde, der Israelitischen Allianz, des Maimonides-Institutes und der Bethhausvorstand ein, begrüßten den Jubilar beim Eintritt in das Gotteshaus und führten ihn auf den Ehrensitz. Als er zur Thora gerufen wurde, trug Oberkantor G. Marguli e s einen eigens verfaßten schwungvollen Mischeberach sehr eindrucksvoll vor, der Chor sang einen Psalm und Oberrabbiner Dr. T a g I i c h t hielt eine gehaltvolle, herzliche Ansprache, in der er die wissenschaftliche Bedeutung und die charitativen Leistungen des Jubilars hervorhob und die Wünsche der gesamten Gemeinde zum Ausdruck brachte. Sonntag vormittags waren der große Sitzungssaal und die anschließenden Räumlichkeiten der Israelitischen Kultusgemeinde von den Delegationen aller großen Wiener jüdischen Körperschaften überfüllt. Der Jubilar wurde bei seinem Eintritt mit lebhaftem Applaus empfangen. Staatsrat Dr. Friedmann feierte als Präsident der Isr. Kultusgemeinde die hervorragende Wirksamkeit Dr. Kaminkas, die er seit 36 Jahren als Rabbiner, Prediger und Lehrer in Wien innerhalb der jüdischen Gemeinde entfaltet, und lobte ihn als Gelehrten, der, wie selten jemand, das geistige Rüstzeug zur Hand hat, um Angriffen gegen unsere Gemeinschaft, gegen den jüdischen Glauben und die jüdische Lehre wirksam entgegenzutreten. Der Präsident der Isr. Allianz, Dr. Jakob O r nstein, entwarf in einer gediegenen Rede ein Bild von der verzweigten Tätigkeit der Isr. Allianz, seitdem Herr Dr. Kaminka als Generalsekretär im Jahre 1901 in die Leitung derselben eintrat. Anläßlich der Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien, sowie der Regelung der Emigration nach den überseeischen Ländern, der Versorgung der Pogromwaisen, ferner anläßlich der im Kriege und der Nachkriegszeit erforderlich gewordenen großzügigen Hilfsaktionen für viele Tausende Flüchtlinge und für die in der Kriegszone und den östlichen Okkupationsgebieten gelegenen jüdischen Gemeinden war er nicht nur das ausführende Organ, sondern die Seele der Hilfswerke und er organisierte dieselben teilweise zugleich im Namen der vereinigten europäischen und amerikanischen Hilfskomitees, wodurch er sich die Dankbarkeit der gesamten Judenheit in ungewöhnlichem Maße erwarb. * Der Obmann des Verwaltungskomitees des Maimonides-Instituts, Herr H. 1 n t r a t e r, brachte im Namen der Mitglieder und der zahlreichen Zuhörerschaft der Vorträge des Maimonides-Institutes dem Jubilar deren Gefühle der Dankbarkeit und Anhänglichkeit zum Ausdruck. Junger deutscher Emigrant, Absolvent der Religfonslelirer-Anstalt Würzburg, bittet um Nachhilfestunden in Volks- und Untermittelschuliächern sowie in Religion. Zuschriften unter „Hilferuf" an die Administration dieses Blattes.