Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 21 (15.5.1936)
- Date
- 1936-05-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 21 — 15. Mai 1936 DIE WAHRHEIT DIE \ [ PROF* pr* tyi&wn« J^ÄUM Mit Professor Dr. Ludwig Braun, den wir Montag, den 11. d. M. zu Grabe getragen haben, verliert die medizinische Wissenschaft einen erfolgreichen Forscher und die Wiener Judenschaft einen treuen Glaubens- und Stammesgenossen. Geboren am 12. August 1867 in Ung.-Ostra, einer der vielen mährischen Judengemeinden, die sich nicht nur durch Glaubenstreue, sondern auch durch hohes kulturelles Niveau auszeichneten, legte Ludwig Braun seine Gymnasial- und Hochschulstudien in Wien zurück, wo er im Jahre 1891 promoviert wurde. Er diente dann im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, wo er zum Assistenten "einer Abteilung für innere Medizin vorrückte. Schon in dieser Spitalszeit bildeten eiserner Fleiß, Gründlichkeit am Krankenbett und strenge Gewissnhaftigkeit seine hervorstechenden Charakterzüge. Frühzeitig wandte er neben seiner praktischen Betätigung auf dem Gesamtgebiet der inneren Medizin seine wissenschaftliche Forschungsarbeit dem Sondergebiet der Herz- und Gefäßkrankheiten zu und so konnte er sich auf Grund dieser seiner Leistungen 1900 als Privatdozent für innere Medizin habilitieren. 1910 erhielt er den Titer eines a.-o. Professors und in demselben Jahre wurde er Vorstand der II. medizinischen Abteilung am Spital der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, ah einer Anstalt, die durch Männer wie Oser und O. Zuckerkandl sich JÜDISCHES KULTURTHEATER (I. Kai 3) ARTHUR SCHNITZLER ABEND anlässlich des 74. Geburtstages des Dichters Samstag, 16. Mai 1936. 18.30 Uhr. Mitwirkend: Heinrich Schnitzler: aus z. T. unveröffentlichen Werken. Maria Gutmann, (Deutsches Volkstheater) Ludwig Roth TelefonUcke Kartenbestellungen bei der Jüdischen Knlturstelle I. Kai 3 (R 28-2-36) erbeten auch in der großen wissenschaftlichen Welt Namen und Ruhm erworben hatte. In dieser Stellung, die er bis zu seinem leidvollen Ende bekleidete, erwies sich Braun Tausenden von jüdischen Kranken nicht nur als kenntnisreicher Arzt, sondern auch als warmherziger und mitfühlender Mensch. Aber nicht erst diese seine, ich möchte sagen, offizielle Tätigkeit hat ihn mit den Angelegenheiten und Sorgen der Wiener Judenschaft in Berührung gebracht. Schon den jungen Arzt hatte das Intelresse für alle Fragen des Wiener Judentums in die Reihe jener Männer geführt, die als Bne Brith sich der Aufgabe widmen, den geistigen und sittlichen Charakter der Juden weiterzubilden, und überall dort, wo es not tut, mit werktätiger Hilfe einzugreifen. Wie hoch die Verdienste Brauns in diesem Kreis eingeschätzt wurden, beweist am deutlichsten der Umstand, daß er zum Großpräsidenten aller österreichischen Bne Brith- Vereinigungen berufen wurde. Von diesem Geist beseeJt, wurde Braun Führer auch auf anderen Gebieten sozialer und charitativer Betätigung, Führer der jüdischen Aerzteschaft, deren Belange er insbesondere in den letzten Jahren, wo die jüdischen Aerzte so hart betroffen wurden, mit aller Hingebung vertrat, Präsident des „Vereins zur unentgeltlichen Verpflegung BrusÜeüdender auf dem Lande" und schließlich im vorigen Jahr Mitglied der Jewish Agency. Alle :die freiwillig auf sich genommenen Pflichten; lagen Braun bis zum letzten Atemzug am Herzen. Darum werden alle, die ihn kannten, die mit ihm zu arbeiten und zu wirken die Freude hatten, die seine hohen ärztffichen Eigenschaften, seine tiefe Allgemeinbildung, seine Liebe zur Musik, seine stete, unermüdliche Opferwilligkeit schätzten und bewunderten, ihm ein treues und ehrendes Andenken bis weit über das Grab hinaus bewahren. Dozent Dr. I. Fische r. Wozu Weltkongreß? Bisher hat der Völkerbund, das hat man in diesen Tagen wieder erlebt, nur Enttäuschungen gebracht und sowohl auf dem Gebiete der materiellen als auch auf dem der psychologischen Abrüstung kläglich versagt, insbesondere aber in der Frage der deutschen Juden seine vollkommene Ohnmacht bewiesen. Um so unverständlicher ist die Naivität, die sich die dem Völkerbund bisher versagte Befriedung der menschlichen Haßinstinkte von einem rein — jüdischen Weltkongreß erhofft. Die Jüdische Telegraphenagentur meldet: Die Exekutive des Comite des Delegations Juives und des Jüdischen Weltkongresses hat beschlossen, den ersten Jüdischen Weltkongreß für die Zeit vom 8. bis 14. August nach Genf einzuberufen. Mit Verlaub: Wer ist dieses Comite? Die maßgebende Londoner „Jewish Chronicl e", deren Stellungnahme wir bereits in unserer Nummer vom 17. April ausführlich wiedergaben, spricht von einer „prächtigen Fassade, hinter der nichts ist". Diese Charakterisierung muß ohne weiteres als richtig erkannt werden, wenn just die englischen Juden, die heute unter Führung von Sir Herbert Samuel die wichtigste Rolle bei der Linderung des von Hitler geschaffenen jüdischen Emigrantenelends spielen, sich gegen den Kongreß erklären — in Uebereinstimmung mit den französischen Kreisen um die Alliance Israelite, mit den a m e r i k a n i s c h e n, die den Wichtigtuer Stefan Wise als Berater ablehnen, kurz der überwiegenden Mehrheit der Juden aller Länder. Die „Stimme" klagt: „An unserer (!) Kongreßbewegung nehmen nicht teil nur die extremen Flügel der jüdischen Gesellschaft, die Extrem-Orthodoxen, die Agudah, die Assimilänten, die schon vor dem Begriff „Jüdische Nation" Angst haben, und auch die sektierenden Klassenfanatiker, die das sozialistische Ideal mit dem nationalen Ideal nicht vereinigen wollen". Durch diese Klage, die im Original durch einen das Gegenteil ergebenden Druckfehler (es heißt dort: „es nehmen teil nicht nur usw.") zu einem klassischen Beispiel einer „Fehlleistung" im psychoanalytischen Sinne geworden ist, geht klar hervor, daß es sich um einen rein jüdisch nationalen Rummel handelt. Nun, das Allheilmittel der jüdischnationalen Partei kennt man ja zur Genüge: Konzentration aller Juden in Palästina auf national-politischer Basis. Das bekommt ja die Welt zur Genüge alle Ferienheim neb fUT 3-1* JTfiftvige Schloß Ginselberg, Neustift bei Scheibbs, N.-Oest.. herrliche Lage, vorzügliche Kost, Arzt im Heim. Mäßige Preise. -£©re £?ef ninger Tel. A 48-3-89, II.. Gr. Schiffgasse 5 zwei Jahre auf den Zionistenkongressen zu hören — wozu braucht man also in der Zwischenzeit einen eigenen jüdischen Weltkongreß? Doch in dieser Beziehung brachte die in Wien bei einer- Pressekonferenz abgegebene programmatische Erklärung des prominenten Zionistenführers Dr. Nahum Gold mann eine Ueberraschung: Palästina soll den Kongreß nicht befassen, weil für diesen Zweck die Zionistenkongresse da sind. Dieser Begründung nach handelt es sich da um eine drollige bürokratische Kompetenzteilung: Die Zioniisten behandeln Palästina als ihr ureigenstes Interessengebiet, in das man den anderen zwar gestattet, Geldopfer zu investieren, aber das Dreinreden verbietet. Auf der andern Seite wollen aber die Zionistenführer auf dem Gebiete glänzen, das sie sonst als das Tätigkeitsgebiet der Assimilation verächtlich machen: In der charitativen Milderung des Judenelends und in der Apologetik. Die c h a r i t ative Initiative der Jüdisehnatiönalen soll, wie sie andeuten, darin bestehen, daß sie den jüdischen Wohltätern, die sich die Fürsorge für bedürftige Juden bisher aus ihrer eigenen echtjüdischen Mentalität heraus angelegen sein ließen, vorschreiben wollen, wieviel und wofür sie ihr Geld hergeben sollen — wahrlich eine aussichtsreiche Sache ... Herzd. Fraaenheilbadi Tatzmannsdori| (Burgenland) j Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäuresprudelbäder.: | Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. Zwei rituelle Re-j i stauiants. — Auskünfte und Prospekte: Generalvertretung! ■ Wien I., Kohlmarkt 8 Tel. U 25-104 j •Neu: Moorpackungen und Moorkompressen inE ( allen Apotheken erhältlich. \ Die jüdischnationale Apologetik hinwiederum kennt man schon. Sie besteht in der Propagierung jener jüdischen „Minderheiten-Rechte", die Hitler zur größten Begeisterung des Judenstaatsparteilers Kareski in Deutschland verwirklicht hat. Die Notwendigkeit dieser Aktionen im Rahmen eines Weltkongresses begründen die Jüdischnationalen — und nur diese werden in Genf vertreten sein — mit der antisemitischen Hochflut in Deutschland, Polen, Rumänien und anderen europäischen Staaten. Aber erleben wir nicht gerade jetzt auch in Palästina eine besondere Aktivität des Judenhasses? »Müßte daher nicht gerade dieses Land in den Vordergrund der Diskussion treten? Man begreift allerdings, daß es den Zionisten peinlich wäre, Erörterungen anzuhören, daß es in der von den Zionisten als einzige Hoffnung auf die Erlösung der Juden von allem Uebel gepriesenen „nationalen Heimstätte" fast so arg zugeht wie in den antisemitisch verseuchten Ländern der „Galuth"? Dies ist wohl der eigentliche Grund der Ausschaltung des sonst von den Zionisten überall in den Vordergrund aller jüdischen Diskussionen gestellten Themas „Palästina" .... Nun, die Zionisten können (sich ja ihre Kongreßthemen, von denen sie auch religiöse Fragen ausschließen, nach Belieben wählen. Sie brauchen eine Störung durch andersgesinnnte Kongreßteilnehmer nicht zu befürchten, sondern werden, falls sie unter solchen Umständen nicht lieber den ganzen Rummel einschlafen lassen, ganz unter sich bleiben. Denn es gibt nichts, was die nichtnationalen Juden zu einer Teilnähme an dem Kongreß verlocken könnte. Organisationen zur Abwehr jüdischer Verleumdungen gibt es in allen Ländern und diese können innerhalb ihrer Landsmannschaften und fallweise in Zusammenarbeit miteinander sicherlich ersprießlicher und in jedem notwendigen Fall zweckdienlicher wirken als von einem internationalen Forum aus, das sich mit Fragen, die innerhalb der einzelnen Länder liegen, prinzipiell nicht befassen soll und dies auch gar nicht kann. Wenn sich die Jüdisehnatiönalen wirklich zu der Erkenntnis aufschwingen, wie sehr die Zeitgeschichte die innerjüdische Geschlossenheit notwendig macht, dann brauchen sie nicht erst nach Genf zu fahren, um diese. Umkehr von ihrer bisherigen Praxis zu vollziehen, sondern können damit gleich in ihren Heimatländern beginnen. Sie brauchen dazu bloß die Mahnung der „Stimme": „Laßt euch nicht von kleinlichen Parteistreitigkeiten, von enger Vereinspolitik beherrschen!" an den provisorischen Amtsdirektor der Wiener Kultusgemeinde umzuadressieren . . . Antisemitismus unfranzösisch. „L'Univers Israelite" veröffentlicht eine Erklärung des Führers der „Croix de Feu", Oberst d e 1 a R o c q u e, die u. a. lautet: „Ich bin der Ansicht, daß eine antisemitische Welle — die manche Leute jetzt heraufbeschwören möchten — in zweifacher Beziehung verfehlt wäre. Sie wäre dem französischen Genius entgegen. Frankreich verfügt über eine traditionelle Aufnahmeflnd Absorptions-Fähigkeit. Die französische Nation assimiliert. Eine Welle des Antisemitismus entfesseln, hieße dieser. Tradition zuwiderhandeln. Es wäre widernatürlich und würde infolgedessen Frankreich gefährden. Auf der gefühlsmäßigen Ebene muß gesagt werden, daß wir im Felde waren. Wir haben die Tapferkeit unserer jüdischen Kameraden feststellen können, die für uns genau dasselbe waren wie alle anderen Kameraden. Wenn eine antisemitische Bewegung entfesselt werden würde, so wären unsere jüdischen Kameraden deren ungerechte Opfer. Es wäre brudermörderisch, und ich würde mich einer derartigen Bewegung entgegenwerfen, um ihr den Weg zu verlegen."