Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 21 (15.5.1936)
- Date
- 1936-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064606-3064626--20672-3085942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 21 — 15. Mai 1936 DIE WAHRHEIT DIE W Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern der Angehörigen der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde beruht". Was macht die „Neue Welt" daraus? Sie läßt die für das Verständnis maßgebende Geschichte der Verleihung des Wahlrechtes an die Ausländer überhaupt aus und sagt: „In der Beschwerde steht mit bezug auf die Majorität der jüdischen Wählerschaft und die Majorität im Vorstand, daß ihre .Herrschaft' (wörtlich): ,. . . auf einer Zurückdrängung des Einflusses des in Oesterreich beheimateten positivreligiös und vaterländisch fühlenden Teiles der Angehörigen der Wiener Kultusgemeinde beruht." Daher wird nicht wie im Original der ganze Satz und werden insbesondere nicht die Worte „des in Oesterreich beheimatetenTeilesder Angehörigen der Israelitischen Kultusgemeinde" gesperrt, sondern nur die Worte „Zurückdrängun g", „p o s i t i v - r e- 1 i g i ö s" und „vaterländisch fühlende n", so daß die Behauptung eines von der „Neuen Welt" konstruierten Gegensatzes innerhalb der in Oesterreich beheimateten Juden im positiv-religiösen Bekenntnis und im vaterländischen Fühlen der „Union" zur Last gelegt wird. Die kleine Volte, ein bißchen corriger la fortune, eine nicht ungeschickte Verfälschung, wer wird da viel Aufhebens machen. So genau liest doch niemand; aber es soll noch besser kommen. Das nächste von der „Neuen Welt" verfälschte Zitat unserer Eingabe lautet nach Typen, Druck und Wortlaut folgendermaßen: „Die .Union österreichischer Juden' ist die Organisation aller Wiener Juden, die auf diesem positiv-religiösen und vaterländisch-österreichischen Boden stehen. Wir stehen fest auf dem Boden dieses Staates, dessen Schicksal wir seit Jahrhunderten in Leid und Freud geteilt und für den wir allezeit gerne Opfer bringen. Oesterreich ist unser Vaterland und unsere Heimat. Wir lehnen jede nationale Absonderungspolitik ab, wir wollen als österreichische Juden keine Sonderstellung im Staate, und wenden uns. insbesondere dagegen, daß die Kultusgemeinde, die zur Sorge für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Angehörigen berufen ist, zu national-politischen Zwecken mißbraucht wird". Das verfälscht das Blatt des Herrn Vizepräsidenten Oberbaurat Stricker wie folgt (Wir bitten, auf Fettdruck, Typen und Sperren zu achten): „Die .Union österreichischer Juden' ist die Organisation aller Wiener Juden, die aul diesem p ositiv-religiösen und vaterländischösterreichischen Boden stehen. Wir stehen fest aui dem Boden dieses Staates . . ." Und dann zieht „Die Neue Welt" aus den von ihr selbst vorgenommenen Fälschungen die Folgerungen. „Also: Alle Juden, die nicht der .Union' angehören und ihr folgen, sind nicht Vaterlandstreu! Man muß ihnen das Wahlrecht nehmen, weil die Subjekte ohne vaterländisches Gefühl sind." Jeder Unbefangene, sei er jüdischnational oder nicht, wird einräumen müssen, daß „Die Neue Welt", durch Fettdruck und Sperre der Worte „aller" „positiv-religiösen" „vaterländisch-österreichischen" und insbesondere auch durch Fettdruck und Sperrung des Wortes „Wir" diesem Satz aus unserer Eingabe jenen Sinn gegeben hat, den sie uns unterschieben will. Wir verweisen darauf, daß wir zufälligerweise gerade bezüglich des in .Nr. 13 unseres Organes auf Seite 3 erwähnten Herrn Karl Pollak hervorgehoben haben, daß der ebengenannte Herr zwar ein „patriotischer österreichischer Jude, jedoch nicht Mitglied der „Union" sei, schließlich darauf, daß wir ebendort (Seite 3, Spalte 1 a. E.) erklärt hatten, unsere Leser würden in der anschließend veröffentlichten Eingabe vergebens eine Stelle suchen, in der „die Vaterlandstreue unserer politisch-jüdischen Gegner und der Majorität der österreichischen Judenschaft in Zweifel gezogen würde". Und diese Fälschung, die, si licet parva componere magnis, an die berüchtigte Fälschung der Emser Depesche durch Bismarck erinnert, durch die bekanntlich aus einer Chamade die Fanfare des. deutsch-französischen Krieges wurde, zui Grundlage nehmend, betreiben unsere Austrozioni- Caf€ Pension Echsfein Semmering sten ihre „Flüsterpropaganda" gegen die „Union" und die Assimilation, wobei sie mit Assimilanten alle Juden beschimpfen wollen, die nicht jüdischnational denken und fühlen. So verstanden tragen wir aber diesen als Schimpf gedachten Namen mit Stolz, denn wir bekennen uns mit ihm mit der großen Majorität unserer Glaubensgenossen zu den vorbildlichen Grundsätzen unserer heiligen Religion, die keinen Unterschied der Rasse und Nation kennt und deren alle Menschen umfassende Liebe in den Glaubenssatz ihren Ausdruck findet: „Liebe Deinen Nächsten, wie dich selbst". Eine tapfere Frau. Marianne Hainisch zum Gedächtnis. Andersen läßt seinen Helden in den Pantoffeln des Glücks sich in eine längst entschwundene Zeit versetzen und dadurch erkennen, daß man nicht immer Grund hat, die Vergangenheit zurückzuwünschen. Wer aber das Glück hatte, von Marianne Hainisch zu Besuch geladen zu werden, der tauchte in Tage unter, von denen man unbedingt sagen darf, daß sie einem besser gefallen würden als die Gegenwart. In Baden, dem Muster des Biedermeier geboren, verkörperte sie das beste Altwien. Nur kam in dieser Frau zu dem hochsinnigen Streben, das so viele Zeitgenossen ihrer Jugend beseelte, noch das, was diesen Männern zumeist fehlte, der Mut und die Kraft, es zu verwirklichen. INION f RAKEN KLIB Montag, den 18. Mai 1936, 8 Uhr abends im Klubsaal I., Schottenring 25 TRAUERFEIER _ für FRAU MARIANNE HAINISCH Gedenkreden: Stella Oppenheim, Dr. Rosa Feri Künstlerische Darbietungen: Qalimir - Quartett, Eugenie Werner (Rezitation). Kämpfe waren ihr schon in jungen Jahren beschieden. Eine Wirtschaftskrise hatte den Betrieb ihres Mannes lahm gelegt. Da war sie es, die vor allem darauf drang, daß die Angestellten nicht um ihr Brot kamen. Ihrem Hause hat sie zugunsten der bedrohten Arbeiter die schwersten Entbehrungen auferlegt. Und hatte sie, getragen von diesem starken sozialen Empfinden, das Schicksal überwunden, so wußte sie auch über den unsozialen Geist zu siegen, mit dem die leitenden Stellen sich Kegen jede Zulassung arbeitswilliger Frauen zum freien Wettbewerb sperrten. Mit jugendlichem Feuer, als ob sie den entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens noch einmal erlebte, schilderte sie, die den Hundert nicht allzu fern war, die Szene, wie sie 1870 in einer Versammlung des Frauenerwerbvereins als Rednerin auftrat. Man kannte sie dort nicht, war aber von der Kühnheit dieser jungen Frau, die die Freigabe des Studiums für Frauen, ihre Gleichstellung vor dem Gesetze und die Errichtung von Mädchen- Realgymnasien forderte, so gebannt, von ihrer überzeugenden Beweisführung und flammenden Beredsamkeit so hingerissen, daß unter diesem Eindruck Leopold K o m p e r t, als Mitglied des Vorstandes, sogleich den Antrag stellte, die Rednerin zu kooptieren. Als aber eine der Damen dagegen bemerkte, daß der Vorstand bereits vollzählig sei, erhob sich Dr. Kompert nochmals zu der IHOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Erklärung, daß er sein Mandat niederlege, um Frau Hainisch seinen Platz einzuräumen. Nun kannte man sie und lernte sie in immer weiteren Kreisen kennen. Wie weit ihr Ruf sich über den Erdball verbreitete, bewiesen ihre Zustimmungen aus aller Welt zu den Erfolgen, die sich nun mehr und mehr an ihren Namen knüpften. Hart freilich war der Kampf und mit verklärten Mienen schilderte sie die Triumphe, die sie in heißem und unnachgiebigem Ringen mit den Widerständen in den Ministerien., bei den Professoren, ja vielfach selbst in Frauenkreisen davontrug. Doch nichts lag ihr ferner als persönliche Eitelkeit. Mit eiüner Offenheit, die keine Rücksicht kannte, wo ihr Lebenswerk in Frage kam, kanzelte sie mündlich wie schriftlich Mitarbeiterinnen ab, die Empfmdüchkeit über die Sache stellten. Wie sie so ehrlich war, immer zu denken, was sie sagte, war sie so tapfer, stets auch zu sagen, was sie dachte. Ueber die neuesten Spielarten des Judenhasses äußerte sie in Briefen an mich Urteile von solcher Schärfe, daß es schon um ihretwillen bedenklich erschien, sie zu veröffentlichen, obwohl sie selbst aus freien Stücken dazu ermächtigte. Ihre Beziehungen zum Hause Josef Wertheimer waren mir bekannt. Deshalb lag es vor drei Jahren nahe, sie um eiln Geleitwort für die Festschrift unserer Kinderbewahranstalt zu bitten. Wir lassen es hier folgen: 90 Jahre Kinderbewahranstalt. In wenigen Tagen feiert die Israelitische Kinderbewahranstalt in der Schiffamtsgasse in Wien das neunzigste Jahr ihres Bestehens. Aus Dokumenten wird ersichtlich gemacht werden, wieviel Not die Anstalt gelindert hat, wieviel Kindern sie seelische und leibliche Hilfe, körperliches Gedeihen und Erziehung geboten hat. Man wird auch des Gründers der Wohlfahrtsstätte gedenken, aber nur wenige Wiener dürfte es geben, die mit demselben gelebt haben und von seiner Persönlichkeit erzählen können. Das will ich tun und damit das Andenken an den ausgezeichneten Mann ehren. Es war im Jahre 1870, als ich ihn und seine Frau kennen lernte, ein würdiges altes Ehepaar. Dieses war nicht nur im Wohltun hingebungsvoll, sondern auch literarisch hochgebildet und bestrebt, dem österreichischen Schrifttum Verbreitung und Geltung zu verschaffen. Josef Ritter von Wertheimer hielt in seiner Wohnung in der Bognergasse kleine Lesezirkel ab, in welchen Grillparzer, Raimund, Feuchtersieben und andere gelesen wurden. Zu diesen Leseabenden lud das Ehepaar auch mich ein. Ich veriiigte über wenig Zeit, nahm aber doch mehrmals daran teil. Um so öiter fand ich mich in der Schiffamtsgasse ein. Ich war bald mit dem Leiter des Kindergartens Direktor Fischer befreundet. War es doch dieser Kindergarten, den Josef Ritter von Wertheimer geschaffen hatte, der erste in Wien errichtete, der mich sehr interessierte. Selbstverständlich war es mir auch eine Freude, den Schöpfer dieser Wohliahrtsanstalt inmitten der frohen Kinderschar zu sehen. Josef von Wertheimer wertete seine Schöpfung hoch und sah tief befriedigt, wie die der Straße entronnenen Kinder an Leib und Seele gediehen. Gedenke ich der Zeit, da wir in der Schiffamtsgasse zusammentrafen und den Leiter der Anstalt seines Amtes walten sahen, so erfaßt mich dankbares Erinnern. In meinem wechselvollen Leben gehört diese Episode zu den lichtvollsten. .Wien, im Februar 1933. Marianne H a i n i s c h. Dieses Dokument reiht sich so vielen an, die uns zum Bewußtsein bringen, daß in Marianne Hainisch nicht nur eine führende Frau, sondern zugleich ein guter Geist Oesterreichs, ein Hort wahrer Humanität von uns gegangen ist. Ein Kind einer besseren Vergangenheit, erinnerte sie rn ihren Ansprachen am Muttertage daran, welcherart die Mütter sein müssen, die uns eine bessere Zukunft sichern sollen. Und daß für sie Menschenpflicht keine Schlagbäume kannte und deshalb voi dem Judentum nicht Halt machte, sichert ihr das Recht, auch von uns Juden dankbar betrauert zu werden. Dr. G r u n w a 1 d.