Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 20 (8.5.1936)
- Date
- 1936-05-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064606-3064625--20667-3085936- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Nr. 20 — 8. Mai 1936 DIE WAHRHEIT Zum fünfzigjährigen Jubiläum der „Union" erhielt deren Präsidium aus Nah und Fern eine überaus große Anzahl sehr herzlich gehaltener Gratulationsschreiben und Depeschen. Wir veröffentlichen hier nur den warmen Brief der Ungarischen Israelitischen Landeskanzlei: An das Löbliche Präsidium der „Union österreichischer Juden", Wien, I., Schottenring 25. Sehr geehrte Herren! Im Namen der Kongreßorganisation des ungarischen Judentums entbieten wir der „Union österreichischer Juden", die ihre fünfzigjährige Gründungsfeier in diesen Tagen begeht, unseren glaubensbrüderlichen Gruß. An ihrem Jubeltage beglückwünschen wir vom Herzen die „Union" und die in ihr zusammengeschlossene Judenheit Oesterreichs, mit der uns die heiligen Bande der gemeinsamen Religion, geschichtliche Erinnerungen einer glücklichen Epoche, gemeinsame Ziele und Ideale verbinden. Treue zur angestammten Religion und zum Vaterlande, Kampf um die Verwirklichung der in der Verfassung gewährleisteten Gleichberechtigung, dies waren die Hauptzwecke der „Union", denen sie während ihres fünfzigjährigen Bestandes hingebungsvoll und erfolgreich diente. Indem wir heute in Pietät jener großen Männer gedenken, die vor einem halben Jahrhundert die repräsentative Organisation des österreichischen Judentums Ins Leben gerufen und. durch wechselvolle Jahre geleitet haben, begrüßen wir das jetzige Präsidium der „Union", das in einer für das ganze Judentum tragischen Zeit im Geiste der verdienstvollen Vorgänger unentwegt an den hohen Idealen der „Union" festhält und unbeirrt seinen Weg geht. Möge des Allmächtigen reicher Segen walten über die Arbeit der „Union", möge er unsere österreichischen Glaubensbrüder einer schöneren Zukunft entgegenführen! Empfangen Sie, sehr geehrte Herren, den Ausdruck unserer vorzüglichsten Hochachtung, womit wir zu zeichnen die Ehre haben. Budapest, am 28. April 1936. Im Namen der Landeskanzlei: Dr. B a k o n y i, Hofrat S. Stern, Generalsekretär. Präsident. Der Union^Klub arrangiert von nun ab jeden Samstag ab 8 Uhr abends und jeden Donnerstag ab 4 Uhr nachmittags ein Bridge-Cercle im Klubsaal, I., Schottenring 25. Gäste willkommen! Geburtstage. Prof. Sigmund Freud 80 Jahre* Anläßlich des 80. Geburtstages Sigmund Freuds veröffentlicht die Vereinigung jüdischer Aerzte Wiens einen Artikel aus der Feder des bekannten Wiener Psychoanalytikers und Nervenarztes Dr. Eduard Hitschmann, dem wir folgendes entnehmen. Am 6. Mai feierte Professor Sigmund Freud, dieser berühmteste jüdische Arzt der Gegenwart, seinen 80. Geburtstag. Die ehrende Aufforderung, hier Worte der Huldigung zu sprechen, bringt mich mit den Wünschen des verehrten Lehrers in Widerspruch, dem feierliche Reden und persönliche Huldigung peinlich sind. Freud will in diesen Tagen noch mehr als früher sein Werk, das sein Lebensinhalt ist, gewürdigt wissen. Freud hat eine „Selbstdarstellung" veröffentlicht, die seinen und seiner Arbeit Werdegang ausführlich schildert; was sonst seine persönliche Verhältnisse, seine Kämpfe, Enttäuschungen und Erfolge betrifft, habe die Oeffentlichkeit kein JRecht, mehr davon zu erfahren. Wer Freud ehren will, bemühe sich um das Veiständnis seiner Lehre, die in zwölf Bänden seiner „Gesammelten Schriften" enthalten ist! Es gibt kein psychologisches Denken mehr ohne die Ideen Freuds. Sie sind zu erkennen in der ganzen geistigen Welt unserer Zeit: Worte, wie „Hemmungen, Verdrängungen, Flucht in die Krankheit", sind in die Umgangssprache eingedrungen. Trotz aller Dunkelmänner wird die Psychoanalyse fortbestehen! In eine Welt der endlosen Kriegsfolgen, der Verachtung des Geistes und Rückkehr zu Gewalt und mittelalterlichem Judenhaß reicht nun das Leben eines großen, wirkungsreichen Mannes herein. Schon als Student der Wiener Universität um 1873 traf ihn die Zumutung, daß er sich als minderwertig und nicht volks>- zugehörig fühlen sollte. Das erstere lehnte Freud mit aller Entschiedenheit ab. Er habe nie begriffen, schrieb er in seiner „Selbstdarstellung", warum er sicn seiner Abkunft oder, wie man zu sagen begann, Rasse schämen sollte. Auf die ihm verweigerte Volksgemeinschaft verzichtete er ohne viel Bedauern. Er meinte, daß sich für einen eifrigen Mitarbeiter ein Plätzchen innerhalb des Rahmens des Menschentums auch ohne solche Einreihung finden müsse. Aber eine für später wichtige Folge dieser ersten Eindrücke von der Universität war, daß er so frühzeitig mit dem Lose vertraut wurde, in der Opposition zu stehen und von der „kompakten Majorität" in Bann getan zu werden. Eine gewisse Unabhängigkeit des Urteils wurde so vorbereitet. Freud hat auch die Frage aufgeworfen, ob nicht seine eigene Persönlichkeit als Jude, der sein Judentum nie verbergen wollte, an der Antipathie der Umwelt gegen die Psychoanalyse Anteil gehabt hat. „Es ist vielleicht auch kein bloßer Zufall", sagt er, „daß der erste Vertreter der Psychoanalyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit, das Schicksal der Vereinsamung in der Opposition auf sich zu nehmen, ein Schicksal, das dem Juden vertrauter ist als einem anderen". Immerhin ist dieser seinerzeitige Student der Wiener Universität der berühmteste Gelehrte Oesterreichs auf der ganzen Welt geworden, und man -kann sich ausrechnen, wie viel unerschütterliche Ausdauer; Mut und Vertrauen zu den eigenen Befunden dazugehört hat. So ist es ein Wahn, zu glauben, die Welt könnte je vermittels Augenverschließen um die Forschungsergebnisse Freuds „herumkommen". Die Ehrungen, die Freud gefunden hat, entsprechen nicht ganz seinen Verdiensten. Doch hat ihm die Stadt Wien vor Jahren das Bürgerrecht verliehen und einen Bauplatz für ein zu errichtendes psychoanalitisches Instiut gewidmet. Die Stadt Frankfurt hat ihm den Goethe-Preis verliehen, The Royal Society of Medicine ihn zum Ehrenmitglied ernannt. Endlich die Ehrung: Mit den Werken anderer großer und freier Geister wurden auch Werke Freuds WIEN Ii.. Prafersiroße felepftM B 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen ßabbinates der Adas Jisroel (Schiff schul). Ausgezeichnete .Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carle-Speisen und Menüs von S 2.— «ufw. Hochzeiten, Diners uad andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Für Sederabende Voranmeldung erbeten! -reb Pension Biermann «ro Dad Treatsdiln-Tepllfz, Tsfhemosiowahel. Herrlichste Lage am sonnigen Kurpark, Zimmer mit fließendem Wasser. Preiswerte, streng rituelle, allerbeste Verköstigung. Vollständige Vtrpflegung einschließlich Logis, Kurtaxe, ärztliche Behandlung und Heilbäder zum Gesamtpreise von Kc. 65.— für den Tag. Nähere Auskünfte erteilt bereitwilligst Jahofe Blcrmann, irenfsmln-TeBim GROSSFLEISCHHAUEREI «EGM. KORNHEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungefifurKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen anläßlich des nationalsozialistischen Umsturzes in Berlin symbolisch verbrannt. Möge dem Meister weiter ein beschwerdefreies Alter gegönnt sein, seine ungeschmälerte Arbeitsfreude anhalten und sein Wunsch in Erfüllung, gehen, daß Menschen und Völker sich in Liebe und geistiger Freiheit finden, statt mit Haß und Krieg einander zu verfolgen. Henry Morgenthau 80 Jahre. Einer der angesehensten Juden Amerikas, der frühere Botschafter in Konstantinopel, Henry Morgenthau, vollendete am 26. April sein 80. Lebensjahr. Er genoß seine Schulbildung in New York, wohin seine Eltern 1865 aus Mannheim, wo er neun Jahre zuvor geboren war, übersiedelt waren. Er fühlte sich auch stets als Amerikaner und zeigte das in den zahlreichen öffentlichen Stellungen, die er als Freund Woodrow Wilsons einnahm, zur Genüge. Er erwarb sich als Advokat, Gründer und Präsident gewaltiger Bauunternehmungen, auch als Direktor der Underwooa- Schreibmaschinenwerke großes Ansehen, das durch seine rege Beteiligung an den Wahlen als Chairman des Demokratischen Komitees noch erheblich gesteigert wurde. 1912 nahm er an der Präsidentschaftswahl Wilsons regen Anteil und wurde 1913 von ihm mit dem Botschafterposten am Goldenen Horn betraut. In dieser Stellung bekundete er das größte Interesse an dem Schicksal seiner Glaubensgenossen in Palästina. 1916 nach Amerika zurückgekehrt, um zum zweitenmal die Wahlkampagne für Wilson durchzuführen, führte er im folgenden Jahr den Vorsitz in der amerikanischen Studienkommission zur Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina. So sehr er mit dem wirtschaftlichen Aufbauwerk im Heiligen Lande sympathisierte, so abgeneigt zeigte er sich allen rein völkischen Bestrebungen der Zionisten. Diese Einstellung trat noch deutlicher nach seiner zweiten Palästinareise vor 10 Jahren hervor. Er war auch Mitglied der Rote-Kreuz-Konferenz 1917, wurde 1919 Mitglied der amerikanischen Delegation auf der Friedenskonferenz und führte 1923 den Vorsitz in der Völkerbundkommission zur Umsiedlung der aus Kleinasien vertriebenen Griechen. Im vorigen Jahrzehnt seines Lebens zog er sich von der politischen Tätigkeit zurück und veröffentlichte mehrere Werke, in denen er sein Wirken in Konstantinopel und Athen anschaulich schildert. Er erwarb sich große Verdiensie um viele Werke der Wohltätigkeit, auch auf jüdischem Gebiet, und arbeitete eifrig an den Aufgaben des Joint Distribution Committee mit. Rabbiner Dr. A. Kaminka 70 Jahre. Es ist von mir als Laie ein Wagnis, die Persönlichkeit meines Lehrers und Meisters, dieses großen Gelehrten, beschreiben zu wollen. Dr. Kaminka ist ja so vielseitig in seiner geistigen Betätigung. Ausgestattet mit bedeutenden Kenntnissen des hebräischen und universellen Schrifttums, das er durch sein umfangreiches Wissen in den meisten Gebieten der Weltgeschichte und Weltliteratur aufgenommen hat, betätigte er sich auch ununterbrochen als Verfasser erläuternder, ujkl belehrender Schriften. Erst vor wenigen Tagen Bat er sein Drama „König Achab" in einer jüdisch-literarischen Gesellschaft vorgelesen und damit großen Beifall geerntet. Herr Dr. Kaminka hält seit mehr als 35 Jahren in Wiener wissenschaftlichen Instituten lehrreiche Vorträge, die jederzeit sehr gut besucht sjnd. Unter seinen Zuhörern befindet sich auch mancher große Kenner der Bibel, des Talmud und der vielen Kommentare. Insbesonders ist Dr. Kaminka mit den hervorragenden Werken des spanisch-jüdischen Philosophen und Schrift-