Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 20 (8.5.1936)
- Date
- 1936-05-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 20 — 8. Mai 1936 DIE WAHRHEIT Noch immer Unruhe in Palästina. Der Völkerbund und die Palästina-Ereignisse. Die Baseler „N a t i o n a 1 - Z e i t u n g" schreibt: In den Kreisen der Völkerbunddiplomatie beobachtet man die Vorgänge in Palästina mit wachsender Unruhe. Man denkt dabei nicht nur an die unmittelbare Zuständigkeit des Völkerbundes, dessen Organe: Mandatskommission, Rat und Versammlung mit den palästinensischen Wirren befaßt werden können. Man erörtert vielmehr auch die Bedeutung, die dem arabisch-jüdischen Konflikt im Hinblick auf die gegenwärtige gesamtpolitische Lage zukommt, wobei immer häufiger die Meinung zu hören ist, daß es sich nicht um eine lokale Bewegung handeln könne, sondern daß man es vermutlich mit einer größeren politischen Aktion zu tun hat, die in die Entwicklung gehört, die mit dem italienischen Krieg in Afrika begann und durch die Hit 1 ersehe Aktion vom 7. März fortgesetzt wurde. Unter diesem Gesichtspunkt würde es sich bei dem arabisch-jüdischen Konflikt in Wahrheit um einen arabisch-englischen Konflikt handeln, dessen Urheber vor allem der Mandats macht neue Schwierigkeiten in einer ohnehin schwierigen Lage bereiten wollen. Protest des Waad Leumi gegen die Erklärung des Kolonienministers. Am 23. April gab bekanntlich Kolonienminister J. H. Thomas im-englischen Unterhaus über die Unruhen in Palästina eine Erklärung ab, in der er ausführte, er wolle zum Ausdruck bringen, daß „die Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung ausschließlich eine Angelegenheit Sr. Majestät-Regierung sei und daß alle Machtmittel gegen denjenigen eingesetzt werden würden, der das Gesetz verletze. Die Regierung werde sich von dieser Politik nicht durch Aufruhr oder irgend welche Drohungen abbringen lassen". Im - Verlaufe der Sitzung bemerkte Kolonienminister Thomas weiterhin, er sei daran interessiert, „jedermann" in Palästina zu sagen, daß die Regierung entschlossen sei, Ordnung aufrechtzuerhalten und daß sie dies auch tun werde. Diese Erklärung des Kolonienministers, die, •wie wir letzthin meldeten, sowohl den arabischen Führern als auch Dr. Chaim Weizmann von High Commissioner abschriftlich zur Kenntnis gebracht wurde, hatte sogleich, nachdem sie bekannt wurde, erhebliches Aufsehen und Bedenken bei der jüdischen Bevölkerung Palästinas erregt. " Am Mittwoch vormittags ist nunmehr eine Delegation des Waad Leumi, des Jüdischen Nationalrates, beim Oberkommissär erschienen und überreichte ihm einen feierlichen Protest gegen die Erklärung des Kolonienministers. In der Protesterklärung wird zum Ausdruck gebracht, daß die Aeußerung des Kolonienministers geeignet sei, den falschen Eindruck zu erwecken, als sei sie auch gegen die Juden gerichtet. Die Abordnung verlangte vom High Commissioner, daß er die Protesterklärung der englischen Regierung nach London übermittle, damit unverzüglich die Erklärung des Kolonienministers entsprechend berichtigt werden könne. Verstärkte Spannung. Die letzten Nachrichten besagen, daß in einigen Bezirken des Landes die Lage wieder zunehmend gespannt sei. Offiziell wurde am 4. Mai bekanntgegeben, daß der Ausnahmezustand nunmehr auch für die Außenbezirke von Jaffa und Tel-Aviv aufgehoben worden sei. In diesen Bezirken sei die Ruhe gesichert; doch dauern — so wird weiter mitgeteilt — in anderen Teilen des Landes die Brandstiftungen fort. Am gleichen Tage, zu Beginn der dritten •Streikwoche, erließ der arabische Ausschuß zur Führung des Generalstreiks einen Aufruf zur Fortsetzung des Streiks bis zur Erreichung des Streikzieles: Einstellung der jüdischen Einwanderung und des Bodenverkaufs an Juden. Gleichzeitig i.Jt der Veröffentlichung dieses Aufrufs wurde der Streikterror verschärft. Der „Freund" wird erkannt. Die Nazi-Presse in Deutschland und im Ausland berichtet mit Genugtuung über folgenden bezeichnenden Vorfall, der sich während der Unruhetage in Palästina ereignete: „Am Mittwoch mittag geriet der auf einer Dienstreise befindliche deutsche Generalkonsul Doehle auf der für den normalen Verkehr gesperrten Straße von Jerusalem nach Haifa in ein Feuergefecht zwischen Arabern und Polizei. Generalkonsul Doehle befand sich mit seinem Kraftwagen gemeinsam mit anderen Fahrzeugen in einem von der Polizei versehenen Geleit und mußte nach Nablus zurückkehren. Ein von ihm allein gemachter Versuch, das bedrohte Gebiet zu durchfahren, gelang. Die arabische Bevölkerung erkannte die Flagge afri Wagen des deutschen Vertreters und ließ ihn unbehindert passieren. General- Rabbiner in Ungarn { sucht für seine Tochter, di« Universitätshörerin | ist, in Österreich für die Sommermonate Unter- \ kunft bei Intelligenter Familie, deren erwach- \ sene Tochter die Sommerfrische bei seiner ■ Familie in der Nähe vom Plattensee verbrin-; gen möchte. Briefe an folgend» Adresse; i Obarrabblner Dr. L. KUN, V«sxpr*a | Herzd. fraueniieilbaüj Talzmannsdorfi (Burgenland) : i I Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäuresprudelbäder.;! Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. Zwei rituelle Re-; i staurants. — Auskünfte und Prospekte: Generalvertretung ■ Wien L, Kohlmarkt 8 Tel. U 25-104 : »Neu: Moorpackungen und Moorkompressen iaS 5 alten Apotheken erhältlich. S :............................................................ konsul Doehle erreichte daraufhin unbehelligt Haifa." Revanche: Eine Bombe aus Deutschland. Am gleichen Tage wurde, wie jetzt bekannt wird, zwischen Jaffa und Tel-Aviv eine Bombe gegen einen englischen Polizeiposten geschleudert. Die Bonibe explodierte unweit des Makkabi-Sportstadipns. Menschen wurden nicht verletzt, doch wurden einige Häuser in der Nähe beschädigt. Die Polizei prüfte die Konstruktion der Bombe und nimmt an, daß sie in Deutschland fabriziert wurde. Marianne Hainisch die Mutter des Herrn Altbundespräsidenten Michael Hainisch, die am Dienstag im hohen Alter von 97 Jahren verschieden ist, kannte in ihrer edlen Güte und aufrichtigen Nächstenliebe keinen Unterschied zwischen Mensch und Mensch. Deshalb betrauert mit allen Bürgern unseres Staates auch die österreichische Judenschaft aufs innigste das Hinscheiden dieser prächtigen Frau. Frau Bundesstaatlicher Fürsorgerat Ottilie Politzer, die den hohen Vorzug genoß, mit der Verewigten in schönem freundschaftlichem Kontakte zu stehen (Frau Hainisch wohnte z. B. der Barmizwah des Sohnes ihrer Freundin im Pazmanitentempel bei) und die von ihr zu prominenter Mitarbeit an den von der Verblichenen initiierten Werken der Menschenliebe ■ herangezogen wurde, hatte die Freundlichkeit, uns folgende Mitteilungen über die KÜB AM SEMMERING PENSION SCHWEIZER Jüdische Leitung, erstklassige Verpflegung, 4 Mahlzeiten S 5.ÖO, Juli, August S 7.— Persönlichkeit und das Werk der edlen Heimgegangenen zu machen: Bereits 1870 trat sie als Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Frau hervor. Sie forderte Bildungsmöglichkeiten für die Frau, Arbeitsgelegenheit, Zulassung zu Aemtern und bürgerlicher Beschäftigung. Mit gewohnter Gründlichkeit hat sie sich ganz besonders in den Dienst der Frauenbildung gestellt. Die Hebung des geistigen Niveaus der Frau lag ihr am Herzen. Unermüdlich war sie an der Arbeit zur Schaffung von Bildungsmöglichkeiten für die Frau, denn sie wußte, was diese Forderung nach Geistes- und Herzensbildung für die Frau bedeutete. Ueberau unterstützte sie derartige Bestrebungen, gab Anregungen verschiedenster Art und war stets in der vordersten Reihe der Frauenbildner zu finden .... Sie hat einen nicht minder hartnäckigen Kampf um die Rechte der Frau geführt, nachdem sie erkannt hatte, daß alle Arbeit nutzlos, alle Erfolge fragwürdig seien, solange die Rechte der Frau durch das Gesetz geschmälert werden. Ueber ihre Anregung hat der von ihr im Jahre 1902 gegründete Bund österreichischer Frauenvereine in Form von Petitionen zu der erwarteten Reform des bürgerlichen Gesetzbuches Stellung genommen und tatsächlich wurde man in den Bestimmungen-der ersten Teilnovelle 1914 in mehrfacher Weise den Wünschen dieses Bundes gerecht. Ali das, was Frau Marianne Hainisch in der Kriegs¬ und Nachkriegszeit auf dem Gebiete der Wohlfahrt und Fürsorge geleistet hat, braucht wohl nicht erst besonders erwähnt zu werden. Es ist allgemein bekannt, daß überall, wo es galt, die Not der Menschen zu lindem, Frati Marianne Harnisch im Vordergrund stand und kraft ihrer Persönlichkeit eine große Schär bereitwilliger Helfer und Helferinnen zur Verfügung hatte. Es verdient an dieser Stelle eine ihrer jüngsten Schöpfungen erwähnt zu werden. Es ist dies die Schaffung des Muttertages, jenes Tages, der dazu bestimmt ist, jedem Kinde den einzigartigen Wert der Mutter zum Bewußtsein zu bringen. Frau Marianne Hainisch fühlte sich im höchsten Alter noch immer rüstig genug, um auf dem Gebiete der Friedensbestrebungen den „Tag des guten Willens" für Oesterreich zu veranstalten. Ein vielseitiges Leben steht vor unseren Augen, eine Fülle von Freuden, aber auch mancher Schicksalsschlag begleitete diese Frau auf ihrem Lebenspfade. Trotz alledem ist ihr Leben ein glückliches zu nennen, denn es war ein Leben der vielseitigen Arbeit und der wahren Menschenliebe. Sie hat Liebe gesät und Liebe geerntet. Der Jüdisch-Kulrurelle Elternbund, mit dessen merkwürdigen Werbemethoden wir uns schon wiederholt kritisch beschäftigen mußten, veranstaltet in diesen Tagen eine Reihe von Versammlungen in mehreren Wiener Bezirken. Ist es schon auffällig genug, daß neben Religionslehrern, deren einseitig nationale Einstellung ziemlich eindeutig feststeht, stets nur jüdischnationale Kultusvorsteher in diese Versammlungen als Referenten auftreten, so muß man um so stutziger werden, wenn man sieht, daß in einem Bezirke gar das jüdischnationale Sektionslokal als Versammlungsort gewählt wurde; in der Einladung wird es bescheiden lediglich als „Sektionslokal" bezeichnet, vermutlich nehmen die Einladenden an, daß jedermann weiß, daß eine Versammlung des „Jüdisch-Kulturellen Elternbundes" nur in einem jüdischnationalen Parteilokal stattfinden kann. Die EinJadung, die den Versammlungskalende*r der nächsten Zeit veröffentlicht, ist aber auch in anderer Hinsicht ein Kuriosum, an ihrer Spitze steht dort, wo man den Namen des die Versammlungen veranstaltenden „Jüdisch-Kulturellen Elternbundes" zu finden annimmt, die — „IsraelitischeKuItusgemeindeWie n". erst dann scheint der Verein selbst auf. Man fragt sich nach den Grund einer solchen Vorrangstellung der Kultusgemeinde, findet ihn aber «ehr bald, wenn man feststellen muß, daß die an die 80 Religionslehrer ergangenen Einladungen durch die Kultusgemeinde selbst versendet wurden, d. h. der private Jüdisch-Kulturelle Elternbund" nahm die der Kultusgemeinde durch Jahresvertrag zustehenden postalischen Vorzugsgebühren unberechtigterweise für sich in Anspruch. Gehört das auch zu den seit der Herrschaft des heuen Amtsdirektors in der Seitenstettengasse eingeführten „Sparmethoden"? Jedenfalls veranlassen all diese Erfahrungen, die man auf Grund der bloßen Lektüre der Versammlungseinladung allein machen kann, zu größter Vorsicht gegenüber den Versammlungen selbst; es würde uns nicht wundern, wenn sie von ihren jüdischnationalen Arrangeuren zu parteipolitischen : Wahlzwecken mißbraucht werden. Wir werden auf• derrfiut sein!; - -;.....'•r'- ' •' «