Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 19 (1.5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 19 — 1. JVlai 1936 DIE WAHRHEIT Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von inunä ausländischen Hausbesitzern Darum ist jeder Arierparagraph ein Niederschlag jenes beschränkten Primitivismus. Ein Staat darf, wenn er die Fundamente des Najurrechtes nicht verlassen will, niemals eine Ausnahmegesetzgebung zulassen, die sich nach der Abstammung orientiert. Er darf nur gegen gewisse geistige Maltungen ankämpfen und alle, die diese Haltungen an den Tag legen — mögen sie jüdischer, arischer oder mongolischer Abstammung sein, benachteiligen. Daß jede rassisch oder auch nur völkisch orientierte Gesetzgebung für Oesterreich noch unmöglicher ist als für irgend ein anderes Land, liegt auf der Hand.---- Wahrlich heute, da Rassenwahn und Blutmaterialismus ihr Haupt gegen die ganze christlichabendländische Kultur erheben, hat Oesterreich eine andere Aufgabe als einem gemäßigten Rassenantisemitismus das Wort zu reden und damit den Boden für den Nationalsozialismus vorzubereiten. Zu Oesterreichs katholischer Sendung gehört vielmehr, daß es als christlicher Staat von all den Miasmen des Blutmaterialismus in jeder Hinsicht frei bleibt und in seinein Staat nur Haltung und Bekenntnis und nicht Abstammung maßgebend sind . . . .!" Minister a. D. Dr. Paul Schiemann schreibt in einem wohl manche Widersprüche enthaltenden Artikel über „Minderheitenbewegung und Judenfrage" „. . . . Der osteuropäische Jude ist sich seiner eigenen, von der des staatsführenden Volkes verschiedenen, Nationalität durchaus bewußt..... Je weiter man von Osteuropa nach Westen kommt, um so auffallender wird die Judenfrage von der Minderheitenfrage getrennt. Die Mehrzahl der mittel- und westeuropäischen Juden gehört zum Kulturkreise des staatsführenden Volkes, hat keine eigenen Sprachansprüche, bejaht ihren Staat mit der gleichen Innigkeit wie das staatsführende Volk. Sie sieht demnach auch keinen ürund, Minderheitenrechte für sich in Anspruch zu nehmen. In einer solchen Bewußtseinslage mußte die antisemitische 'Gesetzgebung in Deutschland natürlich in besonders hohem Maße als Katastrophe empfunden werden. Minderheitenrechtlich entstand hier eine ganz neue Frage, nämlich die, ob ein Staat das Recht hat, einen Teil seiner Bürger gegen ihren Willen als Minderheit zu erklären . . . ." Der Verfasser meint: „1. Daß die Dissimilation eines restlos Assimrlierten eine erneute und gewaltsame Assimilation, also ein Unrecht darstellt. 2. Weder Abstammung noch Willenserklärung lassen einen sicheren Schluß auf die Volkszugehörigkeit zu. 3. Deshalb muß das Recht auf Dissimilation in ein Recht auf Kontrolle der wirklichen Volkszugehörigkeit abgeschwächt werden. Volkszugehörigkeit ist weder eine zoologische Tatsache, noch eine formale Registrierungsangelegenheit. Volkszugehörigkeit jst eine psychologische Tatsache, bedeutet ein Wir-Bewußtsein, das sich ausschließlich auf ein bestimmtes Volk erstreck^ .dessen Schicksal, dessen Tugenden und Fehler, dessen Geschichte als eigene empfunden werden. Eine Bestimmung der Volkszugehörigkeit ist deshalb nur individuell, niemals kollektiv vorzunehmen. Es ist ebenso unsinnig, zu sagen: Alle Menschen jüdischen Blutes stehen außerhalb der deutschen Volksgemeinschaft, wie es sinnlos ist. zu behaupten: alle deutschsprechenden Juden sind Deutsche .... Caic Pension Echsfein Semmering Besorgt Eure Bücher durch die Buchhandlung HI^MAIMINI Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Mäßige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr 10 Grosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel.R.41 -4-20 Kataloge gratis! Für Mitteleuropa ist der Zusammenhang zwischen Judenfrage und Minderheitenbewegung auf der Tagesordnung geblieben. Dabei zeigt es sich aber, wie gering sogar hier das Verständnis für Wesen und Inhalt des Minderheitenrechtsproblems ist. Auf antisemitischer Seite scheint man zu glauben, die Isiden durch Qualifizierung als nationale Minderheit aus bestimmten Positionen des wirtschaftlichen Lebens verdrängen zu können. Es kann nicht eindringlich genug vor einem derartigen Mißbrauch der Minderheitenbewegung gewarnt werden, die sich niemals als Deckmantel der Entrechtung eines Volkstums ausnutzen lassen wird. Jeder Versuch, jüdische Staatsbürger nach irgend einer Richtung anders zu behandeln als die übrigen Bürger, steht in schroffem Widerspruch zu den Minderheiten- Schutzverträgen. Der Versuch, eine minderheitenfeindliche Politik dadurch zu rechtfertigen, daß man den Minderheiten besondere Charakterfehler und staatsverneinende Eigenschaften vorwirft, ist allen Volksgruppen aus der. Praxis bekannt. Selbst wenn gewisse Vorwürfe begründet sind, rechtfertigen sie nur eine rigorose allgemeine Gesetzgebung, aber keine Sondergesetze. Ob die Juden sich als nationale Minderheit deklarieren wollen oder nicht, ist ausschließlich ihre Sache. Sie werden eine Entscheidung treffen müssen." Dr. Otto Brunner sagt in einem Aufsatz: „Antisemitismus in Oesterreich": „So unangenehm die Erkenntnis auch sein mag, daß die nationalsozialistische Rassendoktrin ihren Ausgang von Oesterreich nahm, — es ist gut und notwendig, sich dieser Erkenntnis nicht in mißverstandener patriotischer Gesinnung zu verschließen. ... Am nächsten kommen wir wohl der Wahrheit, wenn wir annehmen, daß Schönerer das programmatische, Lueger das propagandistisch-taktische Vorbild Hitlers wurde und noch heute ist . . . Gegenwärtig scheint eine neue antisemitische Woge im Anrollen zu sein. Ihren "Zufluß erhält sie aus vier Quellen: aus dem Orelianismus, der eine regelrechte „antijudaistische" Metaphysik aufgebaut hat, in der die Ritualmordfabel die Bedeutung einer apriorischen Kategorie hat; aus den Kreisen der „betont völkisch Gesinnten", die teüs außerhalb, teils innerhalb gewisser offiziell tolerierter Vereinigungen und Organisationen im Sinne der „geistigen Gleichschaltung" arbeiten: aus den Reihen mancher gewiß wohlmeinender Politiker und Sozialreformer, die sjch von der Beimischung antisemitischer Elemente zur vaterländischen Programmatik des neuen Oesterreich eine gesteigerte Werbekraft bei der Jugend erwarten, und last not least — leider auch aus dem stark antisemitischen Denken einiger Männer, die in der Katholischen Aktion unseres .Vaterlandes eine ansonsten sehr lobenswerte und ersprießliche Wirksamkeit entfalten." Dr. Brunner beschäftigt sich dann in einer kritischen Auseinandersetzung mit der vielbesprochenen jüngsten Rede des Pater Bichlmair und schreibt u. a.: .....Inwieweit P. Bichlmair in seinen Darlegungen eine wissenschaftlich kaum haltbare Konfundierung der Begriffe Rasse und Nation vorgenommen hat, soll hier aus Raummangel ebensowenig untersucht werden wie die Frage, ob es theologisch zulässig ist, jeden Zusammenhang zwischen der religiösen Auserwählung des Judenvolkes und seinen besonderen nationalen Qualitäten schlankweg in Abrede zu stellen. Wogegen aber im Namen des Christentums wie der natürlichen Gerechtigkeit Verwahrung eingelegt werden muß, ist die These von den „von Haus aus vorhandenen schlimmen Erbanlagen" des Judentums und die daran logisch anschließende Gleichsetzung des jüdischen Geistes mit destruktiver Geistigkeit. Der Beweis für die Berechtigung einer solchen generellen Diskriminierung der Juden kann nicht erbracht werden. Daher handelt es sich hier einfach um eine — gelinde gesagt — lieblose Hypothese, die aufzustellen ein Ordenspriester, der noch dazu lange Zeit hindurch als Konvertitenseelsorger tätig war, sich besser hätte ersparen sollen. P. Bichlmairs Forderungen ergeben sich sinngemäß aus seinen das Judentum generell disqualifizierenden Thesen . . . ." Der Artikel untersucht die besonderen Gründe für das bedauerliche Anwachsen der antisemitischen Strömungen in Oesterreich, verweist in diesem Zusammenhang auf die ostjüdische Einwanderung sowie auf den Umstand, „daß der jüdische Nationalismus, d. h. der Zionismus in Oesterreich entstand. Theodor Herzl, ein gebürtiger Budapester, wirkte in Wien. Er fand sein Grab am Döblinger Friedhof. Natürlich bot die aui österreichischem Boden erwachsene zionistische Bewegung den antisemitischen Agitatoren das willkommene Argument: D i e (!) Juden wollen sich ja selbst nicht in die christliche Kulturwelt einfügen, sondern verlangen nach kultureller Autonomie und eigener Staatlichkeit; sie sind also wirklich eine Nation und müssen daher als solche behandelt werden." .... „Alles in allem: Eine christliche und österreichische Lösung der Judenfrage hat P. Bichlmair nicht geboten, ja nicht einmal Ansätze dazu lassen sich in seinem Vortrag finden. Viel eher könnte man sein Konzept eine abgeschwächte, mit christlichen Attrappen versehene Kopie dessen nennen, was heute anderswo — dort allerdings glücklicherweise nicht im Namen des Christentums — als Lösung der Judenfrage sowohl propagiert wie praktiziert wird. Seuitteton. Aus den heiligen Schriften der abessinischen Juden. Von Julian Lehmann. Die Falaschas, die augenblicklich durch den Konflikt in Abessinieii auch im Interesse jüdischer Menschen stehen, sind bekanntlich Juden, die jahrhundertelang die) Verbindung mit allen anderen Juden verloren hatten. Sie besitzen nur einen Teü unserer heiligen Bucher. und als solche betrachten ste auch eine Reihe von Sagen und sagenhaften Ueberlieferungen, die noch ihre volle Ursprünglichkeit behalten haben. Die nachfolgende Erzählung vom Tode unseres Lehrers Moses enthält manche Elemente, die auch unsere Midraschim kennen (so die Unterredung mit dem Todesengel), ist aber im aHgemeinen doch von eigenem Gepräge. Der Tod Moses Nach einem der venigen Ueberlieferungsb&cher der abessmischen Juden Moses sprach zum Ewigen: „Herr, ich beschwöre Dich bei Deinem mir kundgetanen Namen, den außer £>ir und mir niemand weiter kennt, offenbare mir meinen Todestag!" Der Ewige erwiderte ihm: „Ich habe bis jetzt' noch keinem Wesen den Todestag im voraus verkfindist, weder den Propheten; die vor Dir gelebt, noch den Engeln, die zu mär nahe sind; doch Dir will ich ihn verraten: ich werde am sechsteh Tag der Woche Deine Seele CTrückverianeen." Und Moses reinigte sich an jedem sechsten Tage der Woche, legte Totengewänder an und harrte so der Ankunft des Todesengels. Da aber Wochen und Monate verstrichen, so vergaß Moses seines Todestages. Eines Tages bestieg er den Berg Sinai, um dort den Herrn anzubeten, und da kam auch der Todesengiel in Gestalt eines Jünglings der Söhne Israels auf den Berg, stellte sich vor Mose hm und sprach: „Friede mit Dir, Mose!" Als nun Moses diese Stimme vernahm, war seine Kehle wie zugeschnürt, seine Zunge wie gelähmt, und seine Knie begannen zu wanken. Doch bald faßt© er sich wieder, verbeugte sich und sprach: „Bist Du es gewesen, der mich mit „Friede sei mit Dir!" begrüßte? Noch nie hat eine Stimme mich so erschreckt, wie die Deine." Da entgegnete ihm der Todesenge!: „Wie, Du kennst mich -nicht? So wiffl ich Dir sagen, wer ich bin: ich bin das Schicksal, das dem Manne Frau und Tochter entreißt, das Häuser verwüstet und Gräber errichtet bis zum Ende der Tage: ich bin Samiel, der Todesengel 1" „Ühid was ist der Zweck Deines Kommens?" „Ich bin gekommen, um Deine Seele zu holen und sie vor Gott zu bringen." „So beschwöre ich Dich," sprach Moses, „beim Namen Jessen, der Dich gesandt, daß Du meine Seele nicht nimmst, bevor die drei ersten Tagesstunden abgelaufen sind, damit ich vorher hoch meine Frau und Kinder aufsuchen könne." Da rief* der Ewige dem Totfesehgel zu: „Lasse von ihm und warte, bis seine Stunde kommen wird!" In Der Todesengel gehorchte und verschwand in der Sonne Schatten. Moses aber stieg vom Berg Sinai herab und gelangte zu einem Scheidepunkt, von dem aus ein Weg zu seiner Mutter und ein zweiter zu seiner Frau führte, und er überlegte, welchen er einschlagen sollte. Aber während er darüber nachdächte, vernahm er eine Stimme aus dem Himmel: „Geh zuerst zu Deiner Mutter!" Er ging darauf zu seiner Mutter, und als er sich an ihrem Zelte befand, pochte er an die Türe und sprach: „Mutter, öffne mir". Die Mutter kam und öffnete ihm. aber als sie sein verstörtes Wesen sah, erschrack sie und sprach: „Mein Sohn, was ist Dir widerfahren? Haben Deine Hirten oder sonst jemand durch einen ungebührlichen Ruf Dich geärgert?" Und Moses sprach: „Ich höre nur auf den Ruf des Herrn und fürchte niemand außer den Tod." Da sagte die Mutter: „Was! Wer Gottes Angesicht gieschäut und von Mundl zu Mund mit ihm geredet, der sollte sterben!" „Ja", versetzte Moses, „er soll und muß sterben, wie alle, die ihm vorangingen. Doch nun richte Dich auf und setze Deinen linken Fuß an meine linke Seite, erbebe Deine Hände zum Himmel und bete zu Gott, daß er die Schmerzen des Todes mir erleichtere." Sie folgte seinem Geheiß und betete, aber als er sich weipend von ihr verabschiedet und sie verlassen hatte, sah sie ihm traurig nach und sprach vor sich hin: „Wir glauben nicht ah die Dinge dieser Welt und hoffen auf die Glückseligkeit im Himmel."